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Full text of "Erwin Rohde ein biographischer Versuch mit einem Bildnis und einer Auswahl von Aphorismen und Tagebuchbla̤ttern Rohdes Ergänzungsheft zu Ermiw Rohdes Kleinen Schriften"

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Erwin Rohde 

Otto Crusius, Erwin Rohde 



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tt V i> .* i 



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EKWIN KOHDE 



EIN BIOGRAPHISCHER VERSUCH 



VON" 



0. CKUSIUS 



Mit einem Bildnin and einer AuMWfthl von Aphorismen 
and Tn^ebachblÄttern Rohde'H 

KBOÄNZl'N'OSHKFT ZU KRWIK ROHDKS KLKIXKN SCHRIFTKN 




Tübingen und Leipzig 

Verla* von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 
1902. 



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PAts- 



Das Recht di>r Uebereetzung in fremde Sprüchen bthült sich die 
Verlagsbuchhandlung vor. 



Krück von H I.au|.j. jr in Tühmucii. 



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in 



V o r w o r t 



An die Aufgabe, eine Biographie Erwin Rohdes zu 
schreiben, bin ich erst im Herbst 1900, fast durch Zufall, 
herangeführt worden. Für einen Andern eintretend, entwarf 
ich einen kurzen Nekrolog für Bettelhehn's Jahrbuch, der dann 
schliesslich doch zu spät kam, um noch aufgenommen zu wer- 
den. Mit schwerem Herzen hatte ich darauf verzichtet, das 
schöne Muteria], das mir schon damals zur Verfügung stand, 
wirklich sprechen zu lassen ; das lebendige Wort musste durch 
eine oft kaum verständliche Abbreviatur ersetzt werden. Diese 
mich selbst nicht recht befriedigende Skizze sollte dann hinter 
der Vorrede der Kleinen Schriften ein Unterkommen linden. 
Inzwischen wurden mir aber die Aufzeichnungen und Briefe 
Rohde's im weitesten Umfang zugänglich. Seine Gattin (die 
das dritte und vierte Kapitel noch kurz vor ihrem Tode 
durchsehn konnte) wandte der Arbeit ihre Theilnahme zu; 
seine Freunde und Schüler verpflichteten mich durch immer 
neue Aufschlüsse aus dem Schatz ihrer (Korrespondenzen und 
Erinnerungen. Jetzt erschien mir das alte Verfahren vollends 
als ein unzulässiger Xothbehelf. An die Stelle eines litterarischen 
Nekrologs trat der Versuch, die Interessen- und Gedanken- 
welt Rohde's in ihren wesentlichen Zügen aufzunehmen, ihre 
Wurzeln bloszulcgen , ihr Weiterwachsen zu verfolgen , kurz, 
seiner geistigen G e s a m m t p e r s ö n 1 i c Ii k e i t gerecht zu wer- 



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IV 



den, wie sie sieb in den Briefen an die sehr verschieden gerich- 
teten Freunde in ihrer ganzen Vielseitigkeit abspiegelt. Bei 
einem Manne, der 'nur' Philologe ist, mag ein solches Unter- 
nehmen heut zu Tage wohl zu umständlich und feierlich er- 
scheinen. Aber je länger ich in dies verschlossne Antlitz 
schaute, desto beredter und bedeutender erschien es mir. Rohde 
als Mensch ist fast unbekannt: ich hoffe, dass Manche, die 
n eben ihm gelebt haben, jetzt noch m i t ihm leben werden. 

* * 
* 

Die beiden grössern Arbeiten Rohde's — die beschichte 
des griechischen Romans und die Psyche — gehören zu den 
nicht gerade zahlreichen philologischen Büchern, die, bei streng 
wissenschaftlicher Haltung, doch über die engen Kreise der 
Fachgenossen hinaus eine unmittelbare und tiefe Wirkung ge- 
übt haben. »Sie haben sich einen Platz in unsrer Litteratur 
erobert, etwa neben BlRCKHARDTs 'Constanthv und * Kultur 
der Renaissance'. 

Rohde ist eine jener Ausnahmepersönlichkeiten, in denen 
eine Gelehrtennatur getragen und beschwingt, wird durch ein 
kräftiges Stück Künstlerthum. Dem Werden einer solchen 
Persönlichkeit nachzugehn , hat einen eignen Reiz. Diese 
ideale Biographie, die Darstellung des inneren Lebens- 
ganges, hat Rohde in den Briefen an seine Freunde selbst ge- 
geben. Man glaubt einen dramatischen ConHict sich schürzen 
und lösen zu sehn. Die »beiden Seelen« — - die wissenschaft- 
liche und die künstlerische, die eine scharf, klar, an schlichten 
Aufgaben ihre derbe Kraft erprobend, die andre phantastisch, 
allen Reizen zugänglich, mit einem Zuge zum Dunkeln und 
Fernen — entzweien und entfremden sich in den .lünglings- 
jahren; es gibt einen Riss durch die Existenz, den Rohde halb 
Wagner, halb Faust' lange nicht verwindet. Aber Angesichts 
der ersten grössern Aufgabe linden sich die verfeindeten Ele- 
mente wieder zusammen, um hinfort in wechselvollem Neben- 
einander und Miteinander weiterzuwirken bis ans Ende. Die 
Auszüge aus Rohde's Briefen, die in die Darstellung eingelegt 



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V 



sind 1 , geben wenigstens die Immdlinien dieser inneru Biographie 
und werden unsrem Versuch etwas von dem ganz individuellen 
Keiz mittheilen, der jedes AVort erfüllte, das Kohde schrieb. 

Kohde's äusseres Leben hält sich ganz und gar zwischen 
den engen Ufern, innerhall) deren sich die Uelehrtenexistenz 
an einer kleinen deutschen Universität zu bewegen pflegt. 
Kohde hat weder als Akademiker und wissenschaftlicher 'Ar- 
beitgeber', noch als Politiker oder litterarisch-philosophischer 
Wortführer je eine Rolle gespielt und zu spielen beansprucht. 
Aber dieser schlichte Lebenslauf gewinnt doch, bei der Ener- 
gie, mit der alle menschlichen Verhältnisse aufgefasst und 
verarbeitet werden, einen besondern, man möchte fast sagen: 
heroischen Stil und Rhythmus. Vor allem sind es die Be- 
ziehungen zu Fr. Xietzschk und R. Wagner, die ihm eine ein- 
heitliche Bewegung und erhöhten Schwung verleihn und schliess- 
lich auf eine gradezu tragische Katastrophe hinaustreiben. 

Ich habe das Alles lediglich als Berichterstatter, möglichst 
mit Kohde's eignen Worten, darzustellen versucht. Aber wer 

1 Die Chiffre der Corrcspoudenten ist, meist mit dem Datum, in ecki- 
gen Klammern beigefügt: [Cr.] = an O. Cruaius. [E.] = an die Eltern, [G.] 
= an Tb. Gomperz, [M.] = an die Mutter, [N.] = an Fr. Nietzsche, |0.j 
= an Franz Overbeek. [R] = an 0. Ribheck. (Hi ] = an Const. Ritter, (Rü.j 
= an Franz Rühl, [Sellin.] = an W. Schund. [V.] = an Job. Volkelt. Brief- 
liche oder mündliche Aeusserungen Rohde's sind durch eckige Anführungs- 
/.eiehen (» — ») markirt. Wie ich den Correspondenten Rohde's für das Ver- 
trauen, mit dem sie mir manches sehr intime Schriftstück zur Verfügung 
stellten, zu danken habe, so ganz besonders Frau Geheimrath E. Ribukck 
und Frau Dr. E. Fökstkk-Niktzschk, die mir in den Nachlas» der beiden 
iiitesten Freunde Rohde's Einblick gewährten; ohne dies*« Unterstützung 
hätte ich von einigen kritischen Jahren in seinem Leben keine irgend- 
wie genügende Darstellung geben können. Ausserdem haben mich Tü- 
binger Hörer Rohde's (W. Schmu» und E. Hol/kr) sowie Heidelberger 
Freunde (in erster Linie Fm. Schöll) durch werthvolle Mitteilungen und 
Berichtigungen (bei der Correetur) zu Danke verpflichtet. Vor Allem 
aber möcht ich auch hier der Gattin Rohde's gedenken, die mir, nach- 
dem sie sich mit dem Plan und Geist des Ganzen einmal befreundet 
hatte, bis in ihre letzten Lebenstage eine treue Helferin gewesen ist. 
Willkommene Unterstützung beim Beginn der Arbeit bot mir der Nekrolog 
Schölls (s. Kl. Sehr. 1 S. XXIII) und der biographische Abriss von W. 
Schmu» (im 'Biographischen Jahrbuch f. d. kl. Alterthuiiiswissensehaft'' 
1899 S. 87 !U Wegen des beigegebenen Bildes vgl. Kl. Sehr. I S. XXIV. 
Es stallt Rolule im dreissigsten Jahr.' dar. den Verfasser des Griechischen 
Romans. 



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VI 



in den siebenter Jahren jung gewesen ist, mag Rohde' s Er- 
lebnissen oft mit ganz persönlicher Theilnahme folgen : dr te 
namttur fahnin. Und die Jugend von heute? Auch sie kommt 
auf ihre Rechnung: die Ideen und Persönlichkeiten, mit denen 
Rohde gerungen und für die er gekämpft hat, stehn lebendig 
und mächtig au der Schwelle des beginnenden Jahrhunderts. 
So wtige ich zu hotten, dass mich der Rohde, der in d i e- 
s e m Buche spricht, seine Hörer nicht nur unter den Zunft- 
genossen findet. 



Heidelberg, Weihnachten 1901. 



0. Crusius. 



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ERWIN ROHDE 

EIN BIOGRAPHISCHER VERSUCH 



Wer ist denn so begabt, dass er 
vielseitig gemessen konnte ? 

«Motto au§ Goethe in Rohile'* Tagebuch.) 



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1 



I. 

Das Vaterhaus. Die Schuljahre in Jena und Hamburg. 

(1845-1865). 

Erwin Kohde ward, als der erste Sohn seiner Eltern, 
am 9. October 1845 in Hamburg geboren. Seine ganze Jugend 
fällt also noch vor die Gründung des norddeutschen Bundes, 
in eine Zeit, wo die alte Hansestadt sich ungestört in ihre 
Sonderexistenz einspinnen konnte und wo in der Schule der 
wesentlich ästhetisch-litterarisch gerichtete Neuhumanismus un- 
angefochten das Regiment führte. 

Rohde's Vater wirkte als angesehener Arzt in einer Praxis, 
die ihm nur zu selten eine freie Stunde liess. Trotzdem muss 
er für die jungen Seelen viel bedeutet haben. In des Sohnes 
Erinnerung ist sein Bild immer, bis in die kleinsten Züge 
hinein, lebendig geblieben; noch der Fünfzigjährige gedenkt, 
wehmüthig lächelnd, charakteristischer Aeusserungen des längst 
Dahingegangenen'. Auch in den wissenschaftlichen Anfängen 
Rohde's lebt etwas vom Geiste des Vaters, wenn er sich, schon 
als Student, in die Litteratur der antiken Heilkunde vertieft 
und trotz seiner ausgesprochenen litterarisch-künstlerischen 
Neigungen zweifelt, ob er sich nicht lieber der Naturwissen- 
schaft, als der Philologie zuwenden solle 2 . Von ihm hat Rohde 
seine geistige Beweglichkeit, sein starkes Temperament, und 
wohl auch seine äussere Erscheinung, die „in jungen .Jahren 
von einer ganz seltnen Schönheit war." Kurz nach der 

1 So tratet Rohde Ribbeek einmal damit, das* sein Vater das Podagra 
für eine »gesunde Krankheit erklärt- und sieh eine rechtschaffene Ge- 
lenkgicht gewünscht habe statt der latenten Giehterei« [R. 9 XI 91]. 

1 An Nietzsche 24 XI 68; ähnlich 15 II 69. In dem Briefe spricht 
freilich der jugendliche Himinelstiinncr. der sich mit der Thatsachc. dass 
keine Wissenschaft (auch nicht die von der Natur) ohne die kleinliche 
Geschäftigkeit« der Kärrner auskommen kann, noch nicht abgefunden 
hat. Al.ier auch >päter [/. M. Rü. X s 9] tauchen solche Stimmungen 
oft genug auf. Die Abneigung gegen den philisterhaften »vom Demiurgos 

l'ru« in<. K. Knli.le. 1 



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2 



Das Vaterhaus. 



silbernen Hochzeit im Beginn von Rohde's rniversitätsjahren 
wurde er den Seinen entrissen, etwa im gleichen Alter, wie 
später der Sohn; auch Er hatte in rastloser Arbeit seine gesunde 
Kraft übernommen. Die Grossmutter Rohde's erlebte noch 
ihres Enkels ersten Erfolge; sie ist im Herbst 1872, im 82. 
Lebensjahre, »sanft eingeschlafen« [X. 27 IX 72]. 

Rohde's Mutter, ,,eine stille, blonde Frau", gehörte der 
in Holstein und Hamburg altansässigen Familie Schleiden 
an; ein Verwandter von ihr war der Physiologe M. .1. Schlei- 
den, der bis 1862 Universitätsprofessor in Jena war, sowie 
der, aus den Sehleswig-Holsteinschen Wirren bekannte, später 
als Freiconservativer im deutschen Reichstag thätige Politiker 
Rudolf Schleiden. Gegen die gemessene Art der Mutter hat 
sich der temperamentvolle Knabe zeitweilig wohl angestemmt. 
In reiferen Jahren, zumal nach dem Tode des Vaters, war 
der Gegensatz ausgeglichen und Rohde Hess sich in den Ferien 
von der >ihn viel zu sehr liehenden guten Mutter geduldig 
erziehen und saginiren« , machte sie zur Vertrauten seiner 
Freundschaften und Feindschaften (in 'den frühsten Briefen 
an Xietzsche fehlt selten ein Gruss von ihr an den Freund 
und seine Angehörigen) und dirigirte (von Italien aus) die 
»fürstlichen Einkünfte« aus seinen Erstlingsarbeiten an ihre 
Adresse. Zu ihrem praktischen Blick und Geschäftssinn 
besass er unbedingtes Vertrauen. Als schönstes Erbtheil 
von ihrer Seite galt ihm sein inniger Musiksinn, der sich .schon 
in den Kuabenjahren regte, während »die Mutter allerlei Lie- 
der sang, die ihn seitdem nie wieder losliessen.« Sie starb 
1882. siebenzig Jahr alt. 

Xach beiden Seiten sind es lebensvolle, kernige Menschen, 
von denen Rohde abstammt, mit entschiedenem Hang und 
Talent zu geistiger Bildung und Arbeit; nur wandte sich dies 

ausdrücklich dazu fabi icierten L'rphilologen , der ; «janz voll von der 
Wichtigkeit einer Conjectur, die statt xx: setzt, überzeugt ist- und -ich 
bestenfalls »am schaalen Trunk schulmeisterlicher Begeisterungsphrasen ■, 
etwa aus den akademischen Pauken von E. Curtius* inspirireu liisst 
[N.J — diese Abneigung ist bei Rohde wohl iimuer lebendig gebliehen. 
Kr hat das Handwerk in seiner Wissenschaft als Meister geübt und ge- 
schützt, aber nie überschätzt; das blosse ?vr-rdiensth».e savoir faire* könnt.- 
er nicht leiden. 



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Die Verwandten. 



Talent viel mehr nach der Seite der Naturwissenschaft« !! und 
einer (von Kohde oft gepriesenen) lebendigen "pä;:; 1 , als auf 
das Gebiet, auf dem sieh Rohde heimisch machte. 

Den gleichen Charakter trägt der Kreis der Geschwister 
und jüngern Verwandten, in dem Kohde aufwuchs und in 
dem er auch später in den Ferien sich gern bewegt hat. 
Mancherlei Beziehungen führten in's Ausland, auch über See, 
in's Hamburgische Handelsimperium. Ein jüngerer Bruder, 
mit dem Kohde als Docent wiederholt irgendwo in Süddeutsch- 
land oder Oesterreich zusammentraf, liess sich als Ingenieur 
in Ungarn nieder: er tiel, als Kohde Extraordinarius in Kiel 
war, einer Choleraepidemie zum Opfer. Die eine Schwester 
war Gattin des trefflichen, auch von Kohde hochgeschätzten 
Ingenieurs Brandt; sie lebte ineist ausserhalb Deutschlands, 
wiederholt und längere Zeit in Spanien, wo Brandt mancherlei 
industrielle und technische Unternehmungen in die Wege ge- 
leitet hat. Eine zweite Schwester war mit ihrem Gatten nach 
Mexiko übergesiedelt. AVenn Kohde von allem in übelm Sinne 
Schulmeisterlichen unberührt blieb; wenn er sich, ohne viel 
Aufhebens, auch in den modernen Sprachen und Litteraturen 
völlig heimisch zu machen wusste* und allezeit mit freiem Blick 
in sich und um sich schaute — so haben dabei dies** Eindrücke 
und Beziehungen gewiss still und nachhaltig mitgewirkt. 

Der Erziehung des Sohnes sich dauernd anzunehmen, ver- 
bot dem Vater seine aufreibende Thätigkeit. Auf Veranlas- 
sung der Mutter, die Fühlung mit den .Jenenser akademischen 
Kreisen hatte, wurde der nicht leicht zu behandelnde Knabe 

1 In «lein ersten Brief«* nach Nietzsche'* Berufung [15 II meint 
Kohde, >gute Capucitäten« würden hesser aufs Leben selbst gelenkt, 
woU'i ihnen »das eigentlich Bildende am Alterthum» nicht verloren zu 
gehen brauche. Auch später äussern sich wohl einmal ähnliche .Stim- 
mungen; der jjio; 9-sö>pT,r.x4g des modernen Gelehrten sei eben im Grunde 
doch nur ein halben Leben [vgl. z. B. Rü. ■»:-* X 8!»]. An Leuten, wie 
George Grote, hatte Kohde sein besondres Wohlgefallen. Kr war immer 
geneigt und bereit «las, was ihm fehlte, unumwunden anzuerkennen. 

- Kohde verstand nicht nur Französisch. Italiänisch und (wie jeder 
gebildete Hamburger) Kngliseh, sondern er hat sich frühzeitig auch mit 
«lein Spanischen wenigstens soweit vertraut gemacht, dass er die grossen 
Novellisten im Urtext lesen konnte; wie denn in den Briefen auch ge- 
legentlich spanische Citate auftauchen; vgl. auch die -l'svche' Il ; l'? A. 1. 

1 * 



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Das Stoy'sehe Institut, Da« Johanneuiu. 



im Sommer 1852 dem STOYschen Institut in Jena übergeben ; 
er blieb dort bis 1859, also bis zum 14. Lebensjahr. Rolide 
war nicht gerade davon überzeugt, dass diese frühe, von ihm 
schmerzlich empfundene Verbannung aus dem elterlichen Hause 
eine noth wendige und zweckmässige Massregel gewesen sei. 
Er fand sich in der Knabenherde, in die er eingestellt wurde, 
nicht leicht zurecht 1 und hatte keine sonderlich freundliche 
Erinnerung an diese sieben .Jahre, in denen er sich, mit seinem 
erregbaren , anlehnungsbedürftigen Gemüth , ganz wesentlich 
auf sich selbst zurückgewiesen sah. Seinen Mangel an An- 
passungsfähigkeit und Aufgeschlossenheit, dessen er sich klar 
bewusst war, schrieb er ganz wesentlich auf s Conto dieses 
Exils, wo er gedrillt, aber nicht erzogen sei. Die STOYsche 
Erziehungskunst ist für seine Geistesrichtung jedesfalls nicht 
bestimmend gewesen — höchstens in dem Sinne bestimmend, 
dass sie ihm (wie manche briefliche Aeusserungen zeigen) ein 
stark ausgeprägtes Misstrauen gegen alle systematische und 
privilegirte Pädagogik eingeimpft haben mag. 

Als heranwachsender Jüngling kehrte Kohde 1860 in die 
geliebte Heimath und in's Vaterhaus zurück , um auf dem 
Johanneuiu seine Vorbildung zu beenden. 

Den vollen innern Anschluss an die Seinen wiederzuge- 
winnen, gelang ihm nicht ohne weiteres: es war inzwischen 
aus ihm eine verschlossene, auf sich gestellte Persönlichkeit 
geworden. Vin so mächtiger wirkten auf ihn die Eindrücke, 
die er in der Schule empfing ; auch in seiner Erinnerung blie- 
ben sie immer frisch, wie ein Stück (»egenwart. Das war 
wirkliches geistiges Leben, an dem er theilnehmen durfte und 
mit jedem Jahr erfolgreicher theilgenommen hat. Bestimmend 
war der freit* und erwärmende (»eist eines ganz wesentlich im 
G r i e c h i s c h e n wurzelnden Humanismus. Männer, wie F. 
\V. Ullrich, auch L. Herbst, später J. ('lassen, nicht nur 
Lehrer, sondern !>chatfensfreudige Gelehrte, wussten in den 
jungen Geistern die eisten Regungen künstlerischen Emptin- 

1 Das zeigt u. A auf der Küek*eiic des ersten Briefchens von seiner 
Hand, ein Brief .i..*s Direktors Stoy. einen der wenigen Sehrifistiieke aus 
und über Kunde'.-; Jugendzeit, die nur vorgelegen lniLen. 



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Das Johanneum. F. W. Ullrich. 5 

dcns und wissenschaftlichen Interesses zu wecken und zu 
priesen; das mächtige Werk des Thukydides, der gemeinsame 
Mittelpunkt ihrer Arbeiten, galt auch im Unterricht als »letzte 
der "Weihen«. Zu der grossen Welt, die sich ihm hier auf- 
sehloss, trat der junge Feuerkopf bald in ein ganz persönliches 
Verhältnis; eine schlechte Unterrichtsstunde, etwa eine »Haue« 
Erklärung eines alten Schriftstellers, empfand er wie die Miss- 
handlung eines Freundes. Dabei ging es denn im engen Leben 
der Schule nicht ab ohne Heibungen und ConHikte. Noch als 
Fünfzigjähriger gedachte Kohde gewisser Lehrer, bei denen er 
wissenschaftliche Ehrlichkeit oder pädagogischen Takt zu ver- 
missen glaubte, mit einer Erbitterung, die vor allem beweist, 
wie viel Bedeutung er im Guten wie im Schlimmen diesen 
letzten Gynmasialjahren beimass [Cr. 10 11 95]. Aber das Gute 
überwog doch weitaus. Die ersten, in geistiger Gemeinschaft 
wurzelnden Freundschaften wurden geschlossen, Freundschaften, 
deren Rohde noch in den letzten Lebensjahren mit treuem 
Empfinden gedenkt 1 . Der Thukydidesforscher F. W. Ullrich, 
als Mensch und Gelehrter »der Beste« am Johanneum, ge- 
wann die volle Zuneigung des spröden jungen Geistes; er ist 
Kohde weit über die Schul- und Universitätszeit hinaus ein 
gern angegangener Berather und Helfer gewesen 2 . Thuky- 
dideer, wie seine Lehrer, ist Kohde freilich nicht geworden; 
dazu war er zu selbständig und individuell in seinen Neigungen. 
Aber wie gut er, schon in jüngeren Jahren, den einsamen 
Begründer aller geschichtlichen Einsicht verstand, zeigt manche 
gelegentliche Bemerkung in seinen frühsten Schriften 3 , und 
wenn er in den ersten Docentensemestern, neben ganz anders 
gearteten Studien, just Keden des Thukydides behandelte, so 

1 -Huben sie gehört, da*s ih*r gute Hithanl [H. Richakd, bekannt 
durch Arbeiten zu Lucian], der »ich als Krankenpfleger angeboten hatte, 
dabei sich den Tod geholt hat? Ich wusste lange .schon nichts mehr von 
ihm. nun hat er (wiiit ihm eigentlich gar nicht nahe lag) einen Helden- 
tod gefunden. R. i. p.« [R. 'Jti X 

1 Auch Ci. ASsEK gewann frühzeitig Interesse für Rohde ; er bot ihm 
schon für 180!) eine Lehrstelle am Johanneum an [N. 2* IV 

* Z. B die gegen Clausen gerichtete Beobachtung über die Tychc bei 
Th. 'gr. Roman' S. -J!»8 \ Später pflegte R. in Heiner Literaturgeschichte 
die Thukydidesprobleiue sehr eingehend und zweckmässig durchzuspre- 
chen. 



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(i 



Verhältnis zur Hehuath. Musikliebe. 



sieht das aus, wie eine stille Huldigung vor den Hamburger 
Tliukydideern. 

Am 31. März 1KG4 bestand Kolide die Keifeprüfung mit 
schönem Erfolg 1 , blieb aber aus freien Stücken noch ein 
.fahr in der höheren, mehr akademisch zugeschnittenen Ab- 
theilung der Anstalt. Er belegte hier in jedem »Semester ein 
Colleg über Philosophie und deutsche Geschichte (bei Kedslob 
und Aegidi) und hörte sämmtliclie Vorlesungen des alten 
Chr. Petersen, ausser Pluto de legibus, Aristophanes, Plau- 
tus eine durch das ganze Jahr weitergesponnene 'Geschichte 
der griechischen Mythologie', nach dem Zeugnis des Jjelirers 
.mit ausgezeichnetem Eifer und regem Fleiss, sowie dem besten 
Erfolg". Hier werden die tiefsten Wurzeln der 'Psyche' liegen. 
Als „Beweis seines Privattieisses" legte Kohde Catullisehe 
Studien vor; Catull, der naivste unter den römischen Poeten, 
war und blieb einer seiner besten Freunde. 

Daneben wirkte in den letzten entscheidenden Jahren auf 
seine werdende Individualität still und mächtig das reiche 
lieben der Kürgerrepublik, der anzugehören er das Glück 
hatte und deren Sonderart und Bedeutung er lebhaft empfand; 
er hat sie später, mit gerechtem Stolz, gelegentlich mit dem 
alten Kaufinannsstaat von Rhodos verglichen, dem letzten 
Träger griechischer Grösse in den Zeiten des Niedergangs. 
»Im Grunde bin ich wie jeder Hamburger« bekennt er als 
Student »ein eifriger Chauvinist für meine gute alte Vater- 
stadt. Es ist wirklich hier gar mancherlei zu lernen, und so 
ist es gar nicht allein Egoismus, wenn ich Dich dringend ein- 
lade, mich doch einmal... zu besuchen: ein wenig Vorberei- 
tung für Paris wäre auch das« [N. 2H IV OH]. Persönlich nützte 
er eifrig jede Gelegenheit aus, die »Flamme seiner stillen 
künstlerischen Neigungen' zu nähren, vor Allem seine leiden- 
schaftliche Musikliebe, die eine der sein Dasein tragenden und 
bestimmenden Mächte geworden ist. obgleich er den rechten 
Augenblick, sich die technische Herrschaft über ein Instru- 

1 Da- erste Prädikat hat er im Lateinischen, Griechischen, Deutschen, 
Englischen und in der alten lätteratiirgesehiehte: ihre Unterschrift als Exa- 
minatoren gelten L'orn. Müller. F W. Ullrich. K F. Hinriehs, G. H. Hn- 
hendey. L. Herbst, K Meyer, K. W. Fi-cher. 



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Verhältnis zur Heimath. 



7 



ment anzueignen , versäumt liatte und sieh auf eine dilettan- 
tische PHege. seines klangvollen Organs beschränken musstc 1 . 
Den eigenen 8til des niederdeutschen Volksthuins, das ihn 
umgab, lernte er, gerade nach den Erfahrungen seines »Exils«, 
frühzeitig schätzen und auffassen. Eindrücke, die er damals 
auf seinen Wanderungen in der Umgegend, nach Ottensen 
oder Wandsbeck 2 , empfing, tauchen Jahrzehnte später wieder 
auf: sie mögen der Lehen spendende Kern gewesen sein für 
seine ausgebreiteten, auf das Volksthümliche gerichteten Ar- 
beiten und Beobachtungen. 

Später zieht es ihn immer wieder zurück nicht nur zur 
Mutter und zu den Freunden, sondern in die stolze Heimath, 
an der sein Herz hängt. Bei R. Wagners Aufenthalt in 
Hamburg 1873 berichtet er Nietzsche mit sichtbarer Genug- 
tuung, dass sich seine Vaterstadt »im Ganzen sehr anständig 
benommen habe«, und vertraut auch für die Zukunft auf den 
gesunden Sinn der »guten Hamburger« [N. I 73]. »Hamburg 
hat mir viel Kummer gemacht; ich liebe es doch noch sehr» 
schreibt er zwanzig Jahr später bei der Epidemie jener furcht- 
baren Krankheit, der einst sein Bruder zum Opfer gefallen 
war [K. 1892] \ Rohde wusste wohl, dass in diesem Boden 
doch schliesslich sein Bestes wurzelte: nicht überall hätte er 
sich zu einer so aufrechten, weitblickenden, nach allen Seiten 
u n a b h ä n g i g e n Persönlichkeit anzuwachsen vermocht. 
Das sind Gaben, die gerade die alten Hansestädte ihren Söh- 
nen ins Leben — auch ins wissenschaftliche Leben — mitzu- 
geben befähigt sind. 

• S. unten S. 16». 

s Vgl. i. B. unten Cogit. Nr. 41. 

ft Heim* Angehörigen waren damals auf ein^r Herhstreixe in Spanien. 



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s 



11. 

Die Studienjahre. B01111. Leipzig. Kiel. 

(1865-1869.) 

Schon im letzten Jahr auf dem Johanneum hatte sieh 
Rohde aus freier Neigung der Alterthumswissenscbaft zuge- 
wandt; äussere Rücksichten brauchte er, in den zwar nicht 
glänzenden, aber sichern Verhältnissen, in denen er stand, 
nicht zu nehmen. Der Huf Fr. Ritschls und der Bonner 
Philologie im Bunde mit der Romantik des Rheins und des 
Südens zog den hochstrebenden, lehensdurstigen Jüngling an 
die rheinische Hochschule, wo er am 2. Mai 1865 inimatricu- 
lirt wurde. 

Im ersten — oder dritten — Semester Hess er sich für 
eine Burschenschaft gewinnen, ohne sich freilich, bei seiner 
ganz auf sich selbst gestellten Art, auf die Dauer mit ihrem 
Leben und Geist befreunden zu können. Immerhin löste sich 
in den ersten Monaten eine ganz »normale und kräftige Fueh- 
senstimmung« aus, der er auch eine flüchtige Bekanntschaft 
mit dem Bonner Carcer verdankte 1 . Seine reinsten Erinne- 
rungen knüpften sich an die Fahrten und Erlebnisse in den 
Ptingstferien, wo er Verwandte »auf «lern Hämmere bei Neu- 
wied aufsuchte und mit seinen Genossen am grossen Kölner 
Musikfest theilnahm. «Dafür war aber das Fest selbst auch 
ein Genuss, der fürs Leben nachwirken wird, ein rechtes 
y.zi t \ix e:; aet. Am ersten Tage Israel in Aegypten . . . Am 
schönsten und für mich der Gipfelpunkt des ganzen Festes 
war das Bassduett von Stockhausen und Stägemann: Der 
Herr ist der starke Held. AVenn die Beiden zum Schluss 

1 ».let/.t soll denn »las regelmässige Leben wieder angehen, aber mit 
der Kegel wirds uun einmal in Bonn nicht viel; üheiliaujtt glaube ich 
nicht, dass es eine iidelerc uml mehr zur Freiheit reizende Universität 
giebt hU unser Bonn: mag es nun an der verlookemlen Umgegend liegen 
oder an dein leichten und beweglichen Sinn de- ganzen Volke- am Rhein: 
mau kommt eben nicht zu einer regelmäßigen Alltäglichkeit« [K. o*>|. 



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Bonu. Musikfest in Köln. 



ritenuto sangen: 'All die Helden, All versanken . . so dureh- 
schauerte man ordentlich vor Wonne : das war ächte Poesie ! 
Am 2. Tage dann der letzte Theil des Schnmannschen Faust : 
ein himmelweiter Contrast von Händers genialer Ruhe, aber 
in sich eben so ergreifend wie der Goethesche Text selber: 
in dieser Ausführung verstand man erst die Tiefe der un- 
scheinbaren Worte, den ganzen Reichthum von Gefühlen im 
Marieneult. Mir machte namentlich das Solo des Doctor 
Marianus, Stockhauseu: Höchste Herrscherin der Welt, mit 
dem ganz leisen und zarten Schluss „ gnadebedürfend u einen 
tiefen Eindruck. Und dann welche Gedankentiefe in dem 
letzten Chorus mysticus „Alles Vergängliche ist nur ein Gleich- 
niss u , von dem ich jetzt wenigstens die ersten Worte mit 
ganzem Verständnis* nachempfinden und mit ganzem Glauben 
nachsprechen kann. Dann folgte Sommer und Herbst aus 
Haydn's Jahreszeiten: ein einfältiger Text, aber eine hinreis- 
sende Musik voll plastischer gesunder Kraft. Unvergleichlich 
namentlich ist der bacchantisch jubelnde Chor bei der Wein- 
lese, der den Schluss bildet. Am 3. Tage waren wir auf den 
Galerien des Domes und sahen herab auf den Wald der gothi- 
schen Bogen und darüber auf das grosse heilige Köln mit seinen 
zahllosen Thürmen und den vornehmen grauen Dächern* [E. 12 
VI 65]. Das sind die frühsten, gewiss sehr jugendlichen Aeus- 
serungen Rohde's über künstlerische Dinge. Man wird sie 
nicht ohne Theilnahme lesen; sie zeigen vor Allem, dass 
Rohde für musikalische Schöpfungen ein feines und lebhaftes 
Verständnis hatte, lange ehe er mit Fr. Nietzsche vertraut 
geworden war. 

Die Harmlosigkeit des studentischen Treibens wurde sehr 
bald getrübt durch den beklagenswerthen Streit zwischen und 
um (). Jahn und Fr. Ritschl. Rohde hatte zunächst bei 
Ritsehl 'lateinische Grammatik' belegt, kurz darauf auch bei 
Jahn 'Grundzüge der Archäologie'. Den Persönlichkeiten der 
Lehrer steht der Hörer kühl und mit einer bemerkenswerthen 
Freiheit des Urtheils gegenüber. Zu den »nachgemachten 
Biedermännern 0. Jahn und Genossen« spürte er, trotz einer 
gewissen landsmannschaftlichen Sympathie, keinen rechten Zug, 
und vollends fehlte dem hochbetagten Welcher die rechte 



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10 



Jahn und Ritschi. 



»auf das persönliche Weiterwirken unter Lebendigen gerich- 
tete Kraft 1 «. Andrerseits fühlte sich der hei aller Leiden- 
schaftlichkeitzurückhaltende und spröde Hamburger auch durch 
Hitschls impulsive Thüringer Art zunächst fast abgestossen: 
aber er wurde doch langsam innerlich erfasst und erwärmt 
»durch die Feuerkraft, die in diesem Kitsehl lebte«. Sein 
Stimmungsbericbt (in einem Brief an die Eltern) ist nicht nur 
für seine Person von Interesse. >. . . Dass in diesem einseitigen 
Vorgehen .Jahn's . . . [als er hei der Ablehnung eines Rufes 
nach Wien die Berufung Sauppes beim Ministerium durchzu- 
setzen suchte] wenn auch nicht eine Rechtsverletzung, doch 
eine Verletzung der Billigkeit und des usus liegt, der um so 
eher von einem liberalen Manne beobachtet werden musste, 
als das .Junkerministerium es liebt, eigenmächtig Professoren 
zu ernennen — das scheint mir klar, wenn auch Jahn's An- 
hänger, d. h. eigentlich meine sämmtlichen philologischen Be- 
kannten, worunter fast das ganze Seminar — es leugnen. So 
hatte Jahn den Impuls des ganzen Streites gegeben: nun aber 
haben Ritsehl und seine Anhänger in der Folge sich derartige 
Blossen gegeben, dass sie .Jahn's Schuld reichlich aufgewogen 
haben 2 . . . Die Facultät ist grösstenteils für Ritsehl: Sybel, 
Springer . . . und einige Andre stehen auf «Jahns Seite. Unter 
den Studenten sind die Philologen fast sämmtlich für Jahn, 
sogar mit bedeutender Parteiübertreibung. Mir scheint, dass 
beide Theile nicht völlig im Recht sind. .Jedenfalls ist die 
Sache ausserordentlich fatal . ., zumal ist es sicher, dass RitschTs 
Abgang für Bonn ein sehr schwerer Schlag ist : wenn auch 
ohne Zweifel seine Blütbezeit längst vorüber ist, so Unit es 
ihm doch keiner in seinen Special fächern an Kenntniss, Ge- 
nialität und klarer Lehrgabe gleich: im Seminar vollends soll 
er unübertrefflich sein. Was ich eigentlich hier noch soll, 
wenn Ritsehl fort ist, weiss ich nicht : ich denke mir, dass ich 
Ostern wohl fortgehen werde. Ins Seminar bin ich bis jetzt 

1 ■ Welcker .steckt ganz in seinen Büchern, was für seine Bücher von 
Vortheil ist, denn es steckt ein ganz seltner Mensch drin.- [K. 'J3 XII SO.]. 

* Ks folgen ein paar .Seiten mit sehr drastischen .Schildeningen, in 
denen die hei 0. Kihheck, "F. W HitsehT 11 HöT i\. dargestellten Vor- 
gänge /.. Th. in wesentlich andre Beleuchtung gerückt weiden. Vgl. da- 
gegen die Anzeige in den Kl. Sehr. 11 S. 4.VJ. 



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Übersiedlung nach Leipzig. 



11 



noch nicht gedrungen , denke aber in den nächsten Wochen 
nieine Arbeit fertig zu machen. . . Freilich, was habe ich viel 
davon, wenn Kitsehl fortgeht, ehe ich ordentliches Mitglied 
werden kann!. [E. 12 VI «5]. 

Nach diesen Aeusserungen kann es nicht überraschen, 
dass Rohde, wie W. (,'LEMM und Fr. Nietzsche, zu den Ge- 
treuen gehörte, die dem freiwillig scheidenden Meister nach 
Leipzig folgten 1 . Der Wunsch, den unhaltbar gewordenen 
Beziehungen zur Burschenschaft aus dem Wege zu gehen, mag 
ihn in seinem Entschluss bestärkt haben. 

* * 
* 

Jn Leipzig ging Rohde mit aller Wucht daran, durch 
selbständige Kleinarbeit im Seminar und vor Allem in KlTSCHl/s 
'Societät* sich der Forschungstechnik in seiner Wissenschaft 
zu versichern. Zu den Intimen in Ritschl's Hause hat er nicht 
gehört und ist Kitsehl menschlich wohl immer fremd gehlieben. 

Damals traten, auf Ritschl's Anregung, seine Schüler 
auch im studentischen Leben zu einem freien, jede ( 'omment- 
reiterei und sonstigen studentischen Zopf ablehnenden 'philo- 
logischen Vereine' zusammen: lauter Namen von gutem Klang, 
neben Kohde K. Arnold, K. Angeioiaxx, G. Kinkel (d. 
.1.), (). Kohl, E. Windisch. E. Wisser, W. H. Koscher. 
H. Komixdt und vor Allem Fr. Nietzsche 3 . Ein sicherer 
Instinkt schloss die beiden Ausnahmenienschen bald enger 
aneinander. Sie fühlten sich in der Philologenschaar , nach 
Rohde' s Ausdruck, »wie auf einem Jsolierschemel« ; nur »der 
Problematiker« H. RoMUXDT, der dann zeitweise neben Nietz- 
sche in Basel lebte, kam ihnen innerlich näher und hesass 
auch in spätem Jahren Rohde's > wahre freundschaftliche Theil- 
nahme« 3 . In der societas freilich, wie im Verein hatte nicht 
Rohde, sondern Nietzsche die Führung [W. H. Koscher]; 
noch in der Mitte der Siebenziger Jahre — zu einer Zeit, 

• S. O. Kibbeck u. 0. II S. 401'. 

* K. WeLer, Gesch. d. phil. Vereins 1 f., K. Fürst er. Fr. Nietzsche I ZY>. 
3 Aus undern Kreisen ist besonders K. Kl.Klxi'ACl. zu nennen, »«'in 

trefflicher kluger Mensch, mit dem man schon Haus halten konnte << |N. 
28 IV (i>|. 



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12 Philologischer Verein und Ritsehl's Soeietas. 

wo von einer Wirkung Nietzsche's auf breitere Massen nicht 
die Keile sein konnte — war ein Naehzittern der Bewegung, 
die von ihm ausgegangen war, in diesen Kreisen deutlich zu 
spüren. Die eminent psychagogisehe Begabung Nietzsches be- 
währte sich auch hier, in den engsten Verhältnissen. Hohde 
hielt zwar eine Reihe anziehender Vorträge (auffallender Weise 
meist über Probleme der römischen Litteratur, wie Catulls 
Todesjahr, Apulejus. Ovids Heroiden). liebte es aber im Ueb- 
rigen, sich mit seiner Persönlichkeit ., aristokratisch zurückzu- 
halten". „Nur einmal versetzte er uns in ein Gemisch von 
Schrecken und Bewunderung, als er in der Kitschl'schen Ge- 
sellschaft, wie Meister Kitsehl eine von ihm in einer schrift- 
lichen Arbeit geäusserte Behauptung zurückwies, diesen mit 
rücksichtsloser Energie, als wäre Kitsehl ein gewöhnlicher 
Student, bekämpfte" [W. H. Roscher]. Die mündliche Ueber- 
lieferung in Leipzig gab dieser Scene noch einen viel drasti- 
scheren symbolischen Abschluss. Sie ist gleich bezeichnend 
für den von aller Menschenfurcht freien Schüler, wie für den 
zu einem Waffengange unter gleichen Bedingungen stets be- 
reiten greisen Lehrer. Kohde hatte später wohl die Empfin- 
dung, bei solchen Gelegenheiten in der Form zu weit gegangen 
zu sein; er klagt, dass er gerade Kitsehl gegenüber »aus klei- 
nen Verstössen ein Capital von ansehnlichem l 'mfang ange- 
häuft zu haben« sich bewusst sei und *einc einmal verlorene 
Unbefangenheit nicht zurückzufinden vermöge« [R.]. Bei Kitsehl, 
der selbst - zumal bei den üblichen Fuchstaufen - derb ge- 
nug zuzugreifen pflegte, konnte alter von einer wirklichen 
»Verstimmung«, wie sie Rohde argwöhnte, keine Rede sein 1 . 

In der That war Fit. Krrscin. für so eigenwüchsige Geister, 
wie das Freundespaar, der rechte Leiter, während er schwächere 
Naturen wohl einmal — nicht immer zu ihrem dauernden 
Glücke -■ aus der Richtung, auf die sie ihre innerste Bc- 

1 Sympathisch ist Kohde als Persönlichkeit »lein Lehrer freili» Ii nicht 
gewesen. Vgl. den schönen Brief Ribbeck** um Kitsehl Iii V 7-'». Nr. ITH. 
b. 27'>. — Intime Hinblicke gewähren vor Allein die Briefe an Nietzsche: 
dafür. das» Kitsehl die Ki>tlingsschrift über Lueians. Lukins. nicht ohne 
Weiteres in's Rheinische Museum anfnahiu, wittert Hulule durchaus per- 
sönliche Motive. Nietzsche ist hier durchweg der Vermittler und Aus- 
gleicher. Vgl. unten .S. 29. 



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Verhältnis zu Ritschi. 



13 



gabung führte, hinausdrängen mochte. Unter dem frischen 
Eindruck der eben hinter ihm liegenden Lehrjahre gestand 
Rohde, er sei »ernsthaft überzeugt, die ganze Grundlage seiner 
philologischen Existenz Ritsehl zu verdanken« [R. 5 XII 69J. 
Doch hat er, wie manche gelegentliche Aeusserung zeigt, 
an dieser Schulung Eins vermisst : eine wirkliche Orientie- 
rung und Führung in dem Gesammtgebiet der antiken Li- 
teratur und Kultur, die er in den gar zu skizzenhaften Col- 
legien von G. Curtius (über griechische Literatur und Ency- 
klopädie der Philologie) vergebens suchte Aber für ihn. 
dem eigne Gabe und Neigung nach dieser Richtung von vorn- 
herein die rechten Wege gewiesen hatte, erwuchs daraus kein 
fühlbarer Schaden. So hat sich seine Stimmung dem alten 
Lehrer gegenüber, trotz gelegentlicher Missverständnisse f , mit 
den Jahren nur geklärt und gehoben Oeffentliches Zeugnis 
für diese Gesinnung legte er ab vor Allein in der Anzeige 
von Ribbeek's schöner Ritsehl-Biographie (Angsburger Allg. 
Zeitung, Beilage 1879, 1882, = Kl. Sehr. U S. 454 ff.). Die 
Charakteristik des »einzigen Mannes«, die er dort giebt, will 
nicht erschöpfend sein; sie ist ganz persönlich gefärbt; sie 
zeigt, was Rohde vornehmlich bei Ritsehl gesucht und als 
Wohlthat empfunden hat : *die köstliche Gabe des gesunden 
Menschenverstandes und die Freiheit von schwärmerischer 
Dunkelheit und allen Stimmungen , die ihn seinen philologi- 
schen Aufgaben hätten entziehen können«. 

1 Erst nach Rohde's Zeit hat Ritsehl in Leipzig wieder sein köst- 
liche* Kncvklopiidie-Colleg gelesen, das jedem Hörer unvergesslich sein 
wird. Im Uebrigeu sei auf Rohde's Kl. Sehr. II 8 461 hingewiesen. 

* Eine kritische Zeit für das Verhältnis zwischen Ritsehl und Rohde 
war das Jahr, wo Niet/sehe'* 'Geburt der Tragödie' erschien. Rit*chls 
Zurückhaltung enttäuschte Rohde. Vgl. unten S. Ö6 l . 

3 Vgl. unten S. Ü'J rt". »Zu ihrer Ritsehlbiographie wünsch ich Ihnen 
Glück« heisst es in einem Brief aus der Jenaer Zeit an Rihheck [S IV 7^]; 
mit einer so vollen, feurigen Natur sich intimst bekannt zu machen, 
ist sicher sehr erquickend : wie gar nicht* hatte sein, wegen seines Reich- 
thums so n a i v e s Naturell von der . . . gezierten Studiertheit solcher 
Leute, wie Lachmann. Haupt und ähnlicher Götter«. Hohde's Tübinger 
Schüler wussten davon zu erzählen, wie gern er die Gelegenheit benutzte, 
um seine L eber/.eugungen über den grossen Forscher und optimus magi- 
ster auszusprechen in Ausdrücken, so wann vmd bedingungslos bewun- 
dernd, wie in. m *ie selten aus meinem Munde hörte. 



14 



Freundschaft mit Fr. Nietzsche. 



Unter solchen Anwandlungen hatten in der That die beiden 
jugendlichen Stürmer und Dränger schweier zu leiden, als 
manche massig begabten Leute — auch Rohde, in seiner >zu 
dunklen Phantasieen nur zu geneigten Natur« [R.]. 

Rohde hatte sich ohne Säumen in selbständige faehmässige 
Arbeit geworfen, wie Ritsehl sie verlangte. Aber er verschloss 
seinen Sinn nicht gegen das bunte Leben, das ihn umgab und 
mit einer fast beängstigenden Fülle neuer Eindrücke, und 
Anschauungen auf ihn eindrang. 

Sein Genosse und Führer in diesem Wirrsal war der 
just ein .Jahr ältere Fr. Nietzsche. Für beide Männer be- 
deuten diese Leipziger Semester den Frühling des Menschen- 
lebens, wo der Samen ausgeworfen wird für alle Zukunft: 
Rohde insbesondere war sich bewusst , damals die Richtung 
empfangen zu haben, in der er »wohl bis ans Ende weiter 
rollen werde« [N. 29 VJ 70]. 

Ein Bild dieser »unvergleichlichen Tage« blickt uns wie 
aus einem fleckenlosen Spiegel aus den Briefen und Aufzeich- 
nungen des »Bruderpaares« entgegen 1 . Da führen die beiden 
Genossen zusammen »platonische Gespräche über alle Dinge, 
die einen anständigen Menschen interessiren« ; sie besuchen 
gemeinsam Theater, Motetten und Concerte; sie wandern 
nach den Seminarübungen an langen Sommerabenden selb- 
ander durclfs »gelobte Rosenthal oder zum Neuen Sehützen- 
haus, traben auf Leipziger Miethsgäulen durch die 'Linie' und 
wohnen schliesslich eine Zeit lang im gleichen Hause. «,Yiel 
gearbeitet in jenem banausischen Sinne haben wir nicht und 
trotzdem rechneten wir uns die einzelnen verlebten Tage zum 
Gewinn. Ich habe es bis jetzt nur dies einemal erlebt, dass 
eine sich bildende Freundschaft einen ethisch-philosophischen 
Hintergrund hatte. ... Es gab eine ungewöhnliche Menge von 
Dingen, über die wir nicht zusammen klangen. Sobald aber 
das Gespräch sich in die Tiefe wandt»', verstummte die Dis- 

1 Nietzsches Briefe und Aufzeichnungen si ml schon veröffentlicht 
oder gehn einer l'uhlication entgegen; ausser den Briefen lay mir von 
Rohde' s Hand ein Stoss loser Blätter vor. Corjituta lietitelt, die frühesten 
datirt aus dem September 1>o7. die letzten ans dem Aiign-t l^TS: ein 
Niederschlag des Besten, was Kohd»* damals gedacht und gefühlt hat. 
s. den Anhang. 



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Musik und Philosophie. 



15 



sonanz der Meinungen und es ertönte ein ruhiger und voller 
Einklang." [Fr. Nietzsche bei E. Förster I 243). 

In solchem Verkehr wurden (Jedanken und Anschauungen 
gewonnen, an denen beide gleichen Antheil hatten. Man niuss 
sich das gegenwärtig halten, um gewisse Uebereinstimmungen 
in den »Schritten beider, die bis in die stilistische Manier hinein- 
reichen richtig zu beurteilen. 

Unverkennbar war aber der unendlich bewegliche, schon 
damals nach allen Seiten seine Fühlfaden aussendende ältere 
der beiden Freunde in den meisten Fällen das primum mobile, 
zumal auf seinen Lieblingsgebieten, Musik und Philosophie. 

Das Leipzig der fünfziger und sechziger Jahre war — 
in ausschliesslichem- Weise als das jetzige Leipzig — - eine 
Theater- und Musikstadt ; es mag nur an die Namen Mendels- 
sohn, R. Schumann, M. Hauptmann, N. W. Gade, Franz 
von Holstein, C. Keinecke, Laube und im Gegensatz zu 
Alledem an K. W.UiXER erinnert werden. NIETZSCHE, der 
noch damals gelegentlich zweifelte, ob er nicht die Philolo- 
gie mit dem Musikerhandwerk vertauschen sollte, fühlte sich 
hier ganz in seinem Element. Er spann Beziehungen an mit 
Originalen vom Conservatorium (wie dem alten Wenzel), mit 
ausübenden Künstlern und ästhetisirenden Literaten, und warf 
sich eifrig auf die Compositum; ein liebenswürdiges Liedchen, 
im Stil etwa zwischen Schumann und Robert Franz in der 
Mitte stehend, ist in der Nietzsche-Biographie mitgetheilt. Den 
Schöpfungen Richard Wagners, die auf der Leipziger Bühne 
tüchtige Vertreter hatten, stand Nietzsche, der damaligen Durch- 
schnitts-Stimmung entsprechend, zunächst zurückhaltend, ja 
skeptisch gegenüber (E. Förster I S. bü, 250): ein völliger 
Umschwung trat erst ein, als er Wagner persönlich kennen 
lernte und sich in die Musikdramen des letzten Stils hinein- 

1 Dahin gehört z. H. das immer wieder (K. Förster II 209; Rohde 
Kl. .Sehr. II 'J7* Z. Vi) auftauchende vondescendiren' oder der massenhafte 
Gebrauch des gezierten 'als welcher', *als wo* in den Jugendschriften, 
der von Schopenhauer herstammen wird. L'eber den Missbrauch der 
Fügung in Nietzsche'* Geburt der Tragödie' bemerkte Rohde später [lü 
1 73J er brauche 'als* mit dem Relativum meistens falsch; mun könne 
es doch nur hetzen, wo es einem latein. <|iii mit dem Conjunctiv oder 
einem «puppe <pii entspreche; bei N. scheine das 'als' verkehrt: p. 8 
Zeile 7 p. l's 1 v. u. u. s. w. 



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16 



Musik und Philosophie. 



arbeitete. In dieser Luft schlug auch bei Holide seine >stille 
Liebe zur Musik« zu bellen Flammen empor. Aber mehr noch, als 
alle Concerte, Motetten und Opern, bot ihm der Verkehr mit dem 
Freunde. »Und vor Allem denke ich mit Freude zurück an die 
Abende, wenn du mir im Finstern Ciavier vorspieltest: ich fühlte 
den Abstand /.wischen einer productiven Natur und mir ohn- 
mächtig wallender Halbhexe l , aber die Seele scbloss sich doch 
auf unter den Tönen und ging einen some wbat elastischeren 
Schritt« 2 [X. 10 IX 07]. So hat Robde, im Verkehr mit Nietz- 
sche, seinen Musiksinn zu nähren und steigern gewusst, ohne 
dass er technisch und theoretisch geschult gewesen wäre. Aber 
so entschieden er sich hier dem Freunde gegenüber in einer Art 
von Scbülerverhältniss fühlte, so behauptete er dabei doch die 
volle Selbständigkeit seines durchaus naiven Empfindens. So 
scheint er sich, früher als Nietzsche, in dem beruhigenden Bewusst- 
sein »nichts davon verstehn zu wollen«, dem Zauber auch der 
Wagner'schen Jugendwerke hingegeben zu haben \ Vm so wil- 
liger machte er dann, obgleich er fern von Nietzsche in Kiel lebte, 
die entschiedene Schwenkung zum spätem Wagner mit, deren ein- 
zelne Momente wir in dem Briefwechsel verfolgen können. Diese 
künstlerischen »Träume* hielt Hobde noch in späten Jahren für 
»die besten Stunden des ganzen Lebens; ; nur sei ihm nach dem 
Erwachen die Tagesarbeit doppelt grau und kalt erschienen. 

Neben den musikalischen Allotria wurde eitrig Philosophie 
getrieben, obgleich Ritsehl diesen Bestrebungen innerlich fremd 
gegenüberstand (ganz wie A. v. (iutschmid, mit dem er, nicht 
als Mensch, wohl alter als Gelehrter, Manches gemein hatte). 
Auch hier war XlF.TZSCHE der bestimmende. Plato und die 

1 Di« Wort« sind undeutlich geschrieben, es liegt alter offenbar eine Re- 
ininiacenz an die Walpurgisnacht im Kaust vor. der Wortlaut ist also sicher. 

• In demselben Briefe erbittet sich Kolide eine Compositum des 
Freundes, für eine Barvtonst innne gesetzt: dann wolle er dies Carmen 
singen, wenn kein menschliches Ohr als seine Mutter und Schwester es 
höre, vor denen er zuweilen losschnarre.- 

a Eine chiM'akteristische Briefprohe: »Jene Hricfe aber waren rechte 
Lichtpunkte in jener trüben grauen Zeit, wie <1>t freundliche Abendstern 
nach Wagner, in drückender Dämmerung. iNB. Die elementare Kraft 
jenes Abeiidstcrnliedes wurde mir auf der Heise einmal seltsam anschau- 
lich, als ich . . . im Abenddunkel in einem engen Waidlhal allem wanderte 
und plötzlich am bleiernen Himmel jenes freundliehe hiebt aufleuchtete.!« 
IX. t XI GS]. Auch verschiedene Stellen der Oe.:ita;a geliören hierher. 



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Schiller. Kant. Schopenhauer. 



17 



Geschichte der antiken Philosophie gehört zu den ersten Ar- 
beitsgebieten, die Er und mit ihm Kohde in Leipzig durch- 
messen hat 1 . Gleichzeitig wagten sich die Freunde an die 
sublimsten modernen Denker ; bald debattierten sie über Kant 
und über SCHILLER* philosophisch-ästhetische Schriften (die auf 
R. bestimmend gewirkt haben), bald über Fechner oder Fr. A. 
Lange 2 . Der Boden war wohl vorbereitet als ein verhängnis- 
voller Zufall Nietzsche die Hauptschrift Schopenhauers in 
die Hände spielte iE. Förster 1 S. 232), die auf ihn, anders 
als andere wissenschaftliche Bücher, in ihrer den ganzen 
Menschen packenden Kraft und Fülle geradezu revoltirend 
gewirkt hat. Mit dem bedingungslosen Enthusiasmus seiner 
Jünglingsjahre gab sich Nietzsche dem „düstern Genius" ge- 
fangen und verstand es, manche seiner Genossen und bis zu 
einem gewissen Punkte auch Rohde mitzureissen s . Die frühsten 
Tagebuchblätter wie die ältesten Briefe Rohde's an Nietzsche ge- 
statten wohl, wenn sie auch um einige Jahre später geschrieben 
sind, einen Rückschluss auf jene bewegte Zeit, wo sich gewisse 
Grundlinien in Rohde's geistigem Antlitz dauernd eingegraben 
haben. Nicht nur dass die Gesammtanschauung des Buches 

1 Noch 1871 meinte Nietzsche, auf jene gemeinsamen Studien zurück- 
blickend, Kohde und er würden einmal .die bisher so Behäbige und mu- 
mienhafte Geschichte griechischer Philosophie tüchtig und innerlich er- 
wärmen und erleuchten*. 

* Im 'griechischen Roman' benutzt Rohde gern Gedanken aus Schil- 
lers Aesthetik als Ecksteine, z. B. S. 7 f. 119. 197 (-211). Vgl. auch 
'Afterphilologie' S. 11. 4*}. Anders der »verwandelte« Nietzsche Werke 
III S. *263. Kant: Cog. 36. Nietzsches Exemplar der Geschichte des Mate- 
rialismus begleitete Rohde nach Kiel [N. 4 XI 68] ; vgl. Nietzsches Ge- 
sammelte Briefe I S. 68. - Ob Rohde (und mit ihm Nietzsche) schon 
damals den .Einzigen und sein Eigenthum* (Kl. Sehr. II S. 15. Rhein. 
Mus. 1894 8. 116) kennen gelernt hat? In Mode gekommen (vor Allem 
durch zwei Poeten, J. H. Mackay und 1,. Hildecki ist das Buch ja erst 
seit etwa einem Jahrzehnt : aber in jenen Leipziger Kreisen wurde schon 
in den siebenziger Jahren lebhaft darüber verhandelt und Carl Gökino 
pflegte in seiner Geschichte des Materialismus eine eingehende Darstel- 
lung und Kritik der Stirner'schen Paradoxen zu geben. 

3 Im Juni ls68 im-ldet Nietzsche einem Freunde mit sichtbarer Ge- 
nngthuung. da.-s auch Rohde zu den .Verführten* gehöre, die in Schopen- 
hauer ihr .geistiges Centrum" gefunden hätten. (P. Deussen, Erinne- 
rungen an Fr. N. S. l ud Rohde schreibt in seinem ersten Briefe 
an Nietzsche, bei der l'ebersendung von Schopenhauers Bild, dass sie es 
diesem »genialen Manne« verdankten, wenn sie »in allen Hauptsachen 
so ausnehmend harmonisch ge>timmt waren«. 

(.'ruiiiif, K. Holule. — 



18 



Schopenhauer. 



den tiefsten Stimmungen des jungen schwerblütigen Grüblers 
verwandt waren und die breite und lebendige Kenntnis* des 
Altcrthums den Philologen anheimelte 1 : auch charakteristische 
Einzelheiten, wie die hohe Einschätzung der Kunst, vor Allem 
die Apotheose der geliebten Musik, ferner die kühnen Ver- 
suche, in die dunkelsten sonst kaum befahrenen Schächte alter 
Religion und Kultur hinunterzudringen *, schliesslich das freie 
und ehrfurchtsvolle Verhältnis Schopenhauers zum „göttlichen 
Plato" — alles dies erweckte bei Kohde einen sympathischen 
Widerhall, der Jahre lang auch aus seinen Briefen und Be- 
kenntnissen herauszuhören ist. Auch für die prinzipielle Auf- 
fassung seiner Wissenschaft ist die Bekanntschaft mit Schopen- 
hauer für Rohde in dieser Frühzeit bestimmend gewesen. Er 
fühlte sich bestärkt in seiner Abneigung gegen Politik und 
Geschichte, in seiner Vorliebe für eine philosophisch-ästhetische 
Betrachtung dieser versunkenen grossen AVeit. Erst in den- 
selben .Jahren, wo sich bei ihm (in Kiel) die Vorboten einer 
freieren und umfassenderen geschichtlichen Auffassung mel- 
den, begann er sich vom Banne der Schopenhauerschen Aes- 
tlietik zu befreien (die 'Cogitata 1 gestatten diese Wandlung zu 
verfolgen), und allmählich wurde ihm Schopenhauer' s Per- 
sönlichkeit und Philosophie ein Problem, das er in seiner 
Weise aus dem Geiste der Romantik heraus zu begreifen 
glaubte 1 . Der Schriftsteller Schopenhauer ist für Rohde immer 
ein Stück eigenen Lebens geblieben \ Rohde's Studien und 

1 In der Jugendschrift über den "Ovo; citirt K. S. 10 Anni. mit sieht 
barem Behagen eine Ansicht Schopenhauer*, obgleich er sie für ziemlich 
eonfus hielt [an N.J ; er wollte den Namen des >Alten« in seiner Schrift sehn. 

"-' Wie weit gewisse Gedanken Schopenhauers in Nietzsche':* und 
Kohde's letzten Arbeiten fortleben, werden wir unten (Kap. X) in einem 
Einzelfall zu beobachten haben. Jeder philologische Leser des Philo- 
sophen wird sich überrascht fühlen durch die Lichtblicke, mit denen 
gelegentlich dunkle Winkel des Alterthums aufgehellt werden. Die un- 
heimliche Theoklvmenoseinlage in der Odyssee (XX) hab ich erst durch 
Schopenhauers Bemerkungen über die Deuteroskopie ( Par. I -<»S) recht ver- 
stehn lernen; auch Kohde (Psyche S. 11) fasst sie in diesem Sinn auf. 

3 Dass Schopenhauer ihm verständlich geworden sei als »Philosoph 
der Romantik^, hat Kohde wiederholt, und schon sehr früh («. z. B. un- 
ten S. 'Jö] geäussert. Ich erinnere mich nicht, diese einleuchtende For- 
mel irgendwo so klar ausgesprochen gefunden zu haben. 

4 Das spürte man gelegentlich im Gespräch wie in der Correspon- 



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Philologische Plane. 



19 



Briefe aus der Kieler Zeit werden uns Veranlassung geben, 
auf diese Dinge zurückzukommen. 

Schliesslich deckten sicli auch die besonderen philo- 
logischen Pläne und Arbeiten der Freunde in viel weiterem 
Umfange, als die Andeutungen Nietzsche's (a. 0. I S. 248) 
vermuthen lassen. Schon in jener Frühzeit beschäftigten 
Nietzsche ganz wie Kohde nach dem Zeugnis seiner Co- 
(ßitata — gewisse räthselhafte (von ihm jetzt Schopenhauerisch 
umgedeuteten) Erscheinungen der antiken Religiosität, wie der 
Orgiasmus und das Bedürfnis nach Sühnung und Erlösung. 
Von seinen (^uellenuntersuchungen zu Diogenes Laertius aus- 
gehend , plante Nietzsche eine Geschichte der litterarischen 
Studien im Alterthum (E. Förster I 265), und für die Frage 
nach der Entstehung des Romans meinte er den Schlüssel in 
der Tasche zu haben. Das sind einige leitende Ideen aus 
Nietzsche's Lehrjahren und zugleich die Hauptprobleme, mit 
denen Rohde gerungen hat. Wessen man sich freilich, im 
Einzelnen, von Nietzsche zu versehen gehabt hätte, das lässt 
beispielsweise die verwegene Formel für die Entstehung des 
Romans ahnen ('Die Geburt der Tragödie' S. 75), wonach das 
Vorbild des Roman's Fiat« gegeben hat, da der Roman „als 
die unendlich gesteigerte äsopische Fabel zu bezeichnen ist, 
in der die Poesie in einer ähnlichen Rangordnung zur dia- 
lektischen Philosophie lebt, wie viele .Jahrhunderte hindurch 
dieselbe Philosophie zur Theologie*. Gewiss steckt in dem 
Erzähler, der den Protagoras, das Symposion, den Rahmen 
des Staates geschaffen hat, das Zeug zu einem Romandichter 
im höchsten Sinne' 2 . Aber jener wunderlich einseitige Satz 

denz. Wenn K. z. B. an Ribbeck schreibt [26 VII 94) »das» Sie nicht 
nach Gast ein müssen, ist ja jedenfalls ein Zeichen von Gesundheit und 
also xxXiX£*v% so schwebt ihm bei dem griechischen Citat nicht die Sep- 
tuaginta vor. sondern das berühmte Kapitel von der Verneinung des 
Willens zum Leben, das jene alttestainentliche Stelle glossirt (Welt als 
W. und V. II, IV 68 S. 710. 71»). 

• Bemerkenswerth int es immerhin in dienern Zusammenhange, daas 
der von Rohde zu tief hinabgerückte altertümlichste griechische Roman 
— der des Chariton — an eine Gruppe geschichtlicher Persönlichkeiten 
anknüpft, die in Piatons Timäus und Kvitias hineinspielt. — Uebrigens 
mag an Nietzsche's Paradoxon eine Bemerkung Schopenhauers über Wil- 
helm Meister als „intellectuellen Kotuan* mit schuld sein. Parerga V 8. 394. 

2* 



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20 



Sonstige Studien. 



Nietzsche'» würde bestenfalls auf einige Romane der fran- 
zösischen Aufklärung oder Wieland's und Klinger's passen. 
Rohde hatte allen Grund, ihn einfach zu ignoriren, als ei- 
sern Buch Uber den griechischen Roman schrieb. Von 
vornherein kam es Nietzsche, wo er über das rein Handwerks- 
mäßige hinausging, nicht darauf an, einen geschichtlichen 
Stoff oder Ergebnisse einer entsagungsreichen, auf das 'That- 
sächliche' gerichteten Forscherarbeit zur Darstellung zu bringen, 
sondern Sätze, die er angeregt von Aeltestem und Neuestem 
mehr erlebt, als gefunden hatte, mit Hilfe der 'Historie' zu 
bekräftigen und gewissermassen zu materialisiren. Trotzdem 
kann man die befruchtende und (nach einem seiner Lieblings- 
ausdrücke) agacirende Kraft seiner Paradoxen, auch auf 
diesem Gebiet, gar nicht hoch genug anschlagen. 

Nach einer andern Seite hin mag Rohde der Neurer 
und Führer gewesen sein. In Leipzig lehrte der geistvolle 
Mitbegründer der modernen Völkerkunde, Oskar Peschel. 
Wenn Rohde schon in seinem ersten Buch eine geradezu fach- 
männische Sicherheit und Findigkeit in der Ausnützung eth- 
nographischer Vergleiche und Parallelen an den Tag legt, so 
hat sich das wohl schon in den Leipziger Anfängen vorbe- 
reitet; Nietzsche hat diese Dinge grundsätzlich acceptirt, aber 
sicli im Einzelnen des Apparats zu bemächtigen, lag ihm stets 
fern, selbst als er seine, ganz in diese Richtung weisenden 
Gedanken zur Geschichte der moralischen Empfindungen zu 
fixiren suchte. 

Dass Rohde ein Hörer und Schüler von Peschel ge- 
wesen wäre, lässt sich freilich nicht nachweisen. Ausser den 
Fachcollegien bei Ritsehl und Ourtius zeigt sein Leipziger 
C'ollegienbuch nur Einträge über Geschichte der Malerei und 
Geschichte der politischen Theorien (bei v. Zahn und Roscher). 
Die kunstgeschichtlichcn Orientirungsversuche wurden sehr bald, 
vor und während der italiänischen Reise, wieder aufgenommen, 
während von tiefergehenden politischen Interessen noch Jahre 
lang wenig zu merken ist. 

So gingen die beiden hochstrebendeu .Jünglinge festen 
Schrittes ihre eigene Strasse ; man glaubt es gern, dass sie 



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Abschied von Nietzsche. Kiel. 



21 



von den Genossen .wie zwei junge Götter" angestaunt wurden 1 . 
Die letzten Tage des Sommersemesters 1867 wohnten die 
Freunde zusammen am Saum des damaligen Klein-Leipzig im 
„Italienischen Garten"; mit dem Ferienbeginn machten sie, 
um ihrem gemeinsamen Treihen eine rechtschaffene Krönung 
zu geben, eine Fahrt in den Böhmischen und Bayrischen Wald, 
von der in der Nietzsche-Biographie zu lesen ist (I S. 243, 257). 
In Eisenach schieden sie von einander im Gefühl »tiefsten 
Glückes« mit dem Versprechen nicht nur durch da« dünne 
Band der Correspondenz , sondern allem Trennenden zum 
Trotz durch ständige Fahrten und Unternehmungen a due ihre 
Gemeinsamkeit aufrecht zu halten 2 . Lange Jahre ist ihnen 
das gelungen. Wer in die Bekenntnisse und Briefe beider 
einen Blick thut, wird sich innerlich bereichert fühlen durch 
das rührende, ganz unmoderne Bild dieser hochgestimmten 
Jünglings- und Mannesfreundschaft. 

Nietzsche hatte damals seine Lehrzeit schon hinter sich ; 
er kehrte in die Heimath zurück. Rohde fühlte sich weder 
mit Kitsehl noch mit einem der Genossen durch ein wirk- 
lich persönliches Verhältnis verbunden ; so zog es ihn in die 
heimathliche Luft der nordischen Wasserkante: er siedelte, 
nach einigen stillen Wochen in Hamburg, im Herbst 1869 
nach Kiel über. 

* * 
* 

In den engen Verhältnissen der kleinen Universität tiel 
Rohde in den Schoss, wonach die Hand auszustrecken er zu 
stolz oder zu befangen gewesen war. 

1 K. Förster 1 243: doss der Typus des „ ehrsamen Philisters* da- 
mals im Seminar, und vollends in der Societat die Alleinherrschaft ge- 
habt habe [W. Sehmid S. 89], ist freilich eine unbegründete Annahme. 

s „ In erster und einziger Stellung Dr. Krwin Hönde, von bester und 
seltenster Sorte und mir in rührender Liebe treu zugethnn", so charak- 
terisirt Nietzsche 1869 einem andern Bekannten gegenüber da« Verhält- 
nis (P. Deussen, Erinnerungen an Kr. N., S. 67). Der Briefwechsel 
zwischen den beiden Freunden setzt schon mit dem 10. September 1867 
ein, wo Rohde von Hamburg aus Nietzsche ein Bild Schopenhauers schickte: 
»So hänge den Alten also auf wie ein Schiboleth der kleinen Ketzerge- 
meinde, und denke dabei auch, wie ich Dir dadurch ein Zeichen meiner 
Dankbarkeit geben wollte für die herzliche Theilnahme, die Du mir 
querköpfigem Kerl erwiesen hast«. 



22 



Kiel. P. \V. Forehhauimer. 0. Ribbeck. 



Freilicli, mit dem > Nestor« der Facultät, dem mythologischen 
»Wasserdoctor« P. W. FüRCHH AMMER, wollte sich kein Ver- 
hältnis herausbilden 1 , so sehr sich die Interessen beider stoff- 
lich deckten. Der junge Mann, der ganz und gar 'de notre 
siecle < war und sein wollte, hatte nichts gemein mit dem wie- 
dererstandenen Olaus Rudbeck. An diesem Missverhältnis hat 
Rohde schwer gelitten, zumal es sich bald auch in praktischen 
Fragen peinlich genug bemerkbar machte. 

Um so förderlicher gestalteten sich die Beziehungen zu 
0. RlBBECK. Rohde hörte bei ihm 1KG7/G8 die schönen 
Vorlesungen über die griechische Tragödie, später lateinische 
Syntax*, und nahm mehrere Semester an seinen Seminarübungen 
theil. Die Erstlingsarbeit über Pollux beantwortet eine damals 
von Rilibeck gestellte Preistrage und wurde auf seinen An- 
trag mit dem Schassischen Preise gekrönt*. Von vornherein 
fühlte sich Rohde durch seines Lehrers »Frische und künstle- 
risch-ästhetischeFeinfühligkeit« angezogen ; gemeinsame Freunde 
— der Historiker Junghans und seine Frau, Rohde's Ver- 
wandte — und fürsorgende Briefe des alten Ullrich gaben 
dem Verhältnis bald einen persönlichen Ton, so dass Rohde 
auch im Hause des Lehrers heimisch zu werden begann, in 

1 Die amüsante Vorstellung des »Peter Wilhelm al» Wasserdoctor« 
wird in einein Brief an Nietzsche als Tema con variazioni behan- 
delt. Die völlige Nichtigkeit dieser Theoreme blieb Rohde sehen als 
Studenten keinen Augenblick verschleiert, während 1864 Forchhammers 
Hellenika von sehr achtungswerther Seite als „ein geistreiches Buch" 
bezeichnet wurden. In der vor kurzem erschienenen Biographie Forch- 
hammers ist von Rohde begreiflicher Weist; keine Rede. 

* >Collegien, die man begreiflich hier in dem kleinen Nest nicht 
mit solcher Feierlichkeit schwänzen kann, als wir weiland in Leipzig« 
schreibt er an Nietzsche 29 II 68. 

s Darauf bezieht sich der humoristische Glückwunsch Niktzschk's 
bei K Förster a. a. U. 1 S. 273. Kohde antwortet 15 VIII 68: »Mit meinem 
Preisrnhm ist's nicht weit her ; in aller Welt wird eine i'reisaufgabe alle- 
mal gekrönt. In Kiel hat solch ein Ereignis nur das Angenehme, dass 
es haare 96 Rthlr. mit sich führt.« Rihijm'K. nennt die Arbeit in einem 
Zeugnis, das er Rohde ausstellte [15 X 6s], „eine schone Probe nicht 
nur der Arbeitskraft und Gewandtheit . . .. sondern auch gründlicher 
Methode und glücklichen Scharfsinns-. Dem Lehrer stellt der Schüler 
in gleichzeitigen Hriefen eine Art <iegeii/.engnis aus, das nach einigen 
skeptischen Bemerkungen über Ribbeck's Horazkritik in den Worten 
gipfelt. Ribbeck sei »auf keinen Fall jemals trivial«. 



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A. v. Giitechmid 



23 



dessen Gattin er später seine »erprobteste Freundin verehrte. 
Ribbeck rühmt in Briefen an Ullrich Rolides Arbeitskraft und 
die geistige Feinheit, die er im Gespräch an den Tag lege: 
„Rohde verspricht wirklich Bedeutendes zu leisten 4 *, schreibt er 
im Frühjahr 1868, „ seine Arbeiten haben einen leichten glück- 
lichen Wurf und er hat offenbar Erfindung* [12 IV «8]. So 
hat doch erst Ribbeck Rohde wirklich 'entdeckt'. In ihm ge- 
wann Rohde einen Ersatz für den Meister, wie für den Ge- 
nossen: einen ideenreichen, seine weitausholenden Studien mit 
offenem Sinne würdigenden Lehrer und ein gleichgestimmtes 
»wirklich treues Freundesgemüth« [N. 12 VII. 72]. Das schöne 
Verhältnis hat, durch gelegentliche Meinungsverschiedenheiten 
wohl einmal auf die Probe gestellt, aber nie gestört, fortbestan- 
den bis zu dein fast gleichzeitigen Tode der beiden TrefHichen. 

Von den übrigen Kieler Docenten ist an erster und ein- 
ziger Stelle Alfred von Gittschmiü zu nennen: »ein kleiner 
blasser Mann mit einem gewaltigen Schnauzbart, persönlich, wie 
alle Sachsen, sehr zuvorkommend, innerlich wie mir scheint 
fein organisirt . . . . ; eine ähnliche Gelehrsamkeit habe ich 
mein Lebtag nicht gesehen.« Rohde hat 1867/68 und 1868 
sämmtliche Vorlesungen und Uebungen Gutschmid's besucht 
(Griechisch-römische Geschichte seit Pyrrhus, Historiographie, 
Xenophon's Athenerstaat , historische Uebungen) ; wenn er 
sehr bald die (Quellenkritik antiker Schriftsteller mit fach- 
männischer Sicherheit angreifen und in der Analyse der chro- 
nologischen Systeme selbst als Bahnbrecher auftreten konnte, 
so erkennt man unschwer die Schule des scharfsinnigen Zer- 
gliederers der geschichtlichen Ueberlieferung, dem Rohde später 
auch als College und Freund nahegestanden hat. Diese histo- 
rischen »Allotria« bei Gutschmid waren aber auch der erste 
Schritt auf dem Wege, der Rohde später zu einer vertieften 
geschichtlichen Auffassung seiner Wissenschaft führte. In einem 
Brief an Nietzsche, wo er von der »historischen Gesellschaft 
bei Gutschmid« spricht, spöttelt er zwar, auf alte, von Nietzsche 
später formulierte Lieblingsmeinungen hindeutend: »nun bitte 
ich Einen, ich und Historie!« Aber gerade dadurch verräth 
er, dass er sich der principiellen Bedeutung dieser Wendung 
doch schon damals bewusst war. 



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24 



K. Weinhold. Arbeiten. Leetüre. 



Ausserdem hat Rohde nur hei dem (Germanisten K. AVein- 
HOLi» Vorlesungen über deutsclie Litteraturgeschiehte gehört. 
Er wollte sich die Möglichkeit des s/oXa^s-y xaXä>; erhalten. 
Nun bot ihm Kiel »kein Theater, so gut wie keine Musik« : 
unter den Philologen fand er »nicht Einen, der ihn im Gering- 
sten anzöge« 1 : damit sah er sich dann ganz, und gar auf sich 
seihst angewiesen und führte monatelang ein wahres Einsiedler- 
leben. So wurden in verhältnismässig kurzer Zeit die Quellen- 
forschungen zu Pollux abgeschlossen, unter des Freundes Theil- 
nabme, »melioriert« und in die endgiltige Form gebracht [X. 
15 VI 11 <>8] . und zugleich gewann ein alter Leipziger Ge- 
danke, die Klarlegung des Verhältnisses zwischen Lucian's 
Imkios und Apulejus, eine einleuchtende, zur Ausführung ge- 
eignete Gestalt. Danehen kündigen sich an allen Ecken und 
Enden die Ansätze und Keime zu neuen Arbeiten an; so ent- 
hält ein Brief an den Freund [20 XJJ (>8] Bemerkungen über 
den Stammbaum Homers und Hesiod's die sich erst in den 
Studien zur Chronologie der Litteraturgeschiehte (kl. Sehr. 1. 
1 ff.) recht entfaltet haben. Versagte der Keiz und die Kraft 
zu solcher Arbeit, spann sich H. ein in seine »Phantasien- und 
Gedankenträumet«, im stillen Verkehr mit seinem »Dämon« 
und mit einer aus allen Windrichtungen eitirten (Gesellschaft 
von schwarz« i n und weissen litterarischen Geistern; den besten 
Theil seiner staunenswerthen, schon in der Lucianstudie bemerk- 
baren Belesenheit hat er sich damals angeeignet. Da erscheint 
Lkopaudi, Byron, Kleist oder Ariosto neben den Veden 
und dem Pantschatantra ; neben einem zweifelhaften Pariser 
Hornau von Hans Hopfen, der ihm bei seinen Keiseplänen als 
Pariser Milieuschilderung willkommen ist [X. 28 IV 68], liegen 
die Briefe von Lenz und ein Buch, das ihn tiefer ergreift, ,Il N(J 

' »Ich war. durch nicht grade beglückende Naturanlage, immer pau- 
eorum hominmn: liier werde ich fast nullius hominis« [N. 20 II <5t*J. 
Verkehrt hat er gelegentlich mit seinem Landsmann Rl< HAltl», dessen 
er auch in den Briefen an Ribbeck wiederholt gedenkt, ausserdem mit 
dem 'Holsaten* <!. Amusksi.n, einem alten IJek. muten i »er ist ein treff- 
licher Philologe, aber, scheint mir. . . . von jener philosophiM-hen Ver- 
wunderung . . . ganz frei: ein vollständiges CompMueiit zu Roinundt.« : 
N. 11 V 6s.) 

- Die Cogitata <s. oben 8. 14') werden sichtlich reicher und reifer 
in der Kieler Einsamkeit. 



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Lessing. Romantiker. La Rochefoucauld. 25 

Stii.lings Selbstbiographie Die immer wieder aufgenommene 
Beschäftigung mit dem »geliebten« Lessixg lässt deutliche 
Spuren in der stilistischen Manier seiner Aufzeichnungen 
zurück (s. Cuff. 1. 2). Seihst wie die Zeit der Promotions- 
prüfung naht, findet er sich veranlasst, sich durch »eine Art 
litterarischer Henkersmahlzeit« zu stärken. »Einstweilen habe 
ich mich', schreibt er an den Freund, »ein wenig in die 
Romantiker vertieft ; wobei ich dann namentlich obser- 
virt habe, dass in Schopenhauer'* Lehre eine reine, von pfäff- 
ischen Quarzen gereinigte Kri stallisation der Bestrebung dieser 
seiner Jugendzeit zu erkennen ist. . . . Jch verkenne gar nicht 
alle ihre Krankhaftigkeiten, ihr nur 'passives Talent', ihre Un- 
fähigkeit, Von musikalischem verschwimmenden Reiz zur Bil- 
dung frei wandelnder (iestalten zu gelangen. Aber was mir 
sympathisch entgegenschlug, ist ihre starke Aversion vor allem 
Trivialen. . . .« Mit lebhaftem Widerwillen wird in solcher 
Stimmung der Romane Gustav Freytaus gedacht, vor allem 
der 'verlorenen Handschrift': »wohlpräparirtes Skelett eines 
Musterfrosches: der gräuliche Professor in der verlorenen Hs.« 
[X. 3 1 tfi)]. Den alten Freunden Schopenhauer und R. 
Wagner tritt, zum ersten Male in diesem Kreise, ein fran- 
zösischer Aufklärer und Skeptiker, La Rochefoucauld ent- 
gegen. Rohde ist dabei freilich päpstlicher als der Papst, und 
urtheilt über das ., unsterbliche Büchlein" viel verdrießlicher 
als sein Meister, der ihn offenbar darauf geführt hatte (Schopen- 
hauer Parerga § 127). »Er [La Rochefoucauld] kitzelt nur 
den Witz mit den tausend, stets pikant gamirten Wendungen 
der Einen Behauptung, dass der Egoismus Alles bestimme. 
Auch das Mitleid sogar: und hier fasst man den schwa- 
chen Punkt des Mannes. Wie die im jüdischen Theismus . . . 
befangene Mehrzahl kennt auch er zwischen den Individuen 
keinen andern Zusammenhang, als den die Drähte der Puppen 

1 »Im Anfang so weit Goethes Kintluss reicht von kindlicher Lieb- 
lichkeit, im Grunde furchtbar arrogant, unchristlich mal ganz entschie- 
den, weil, von äusserst egoistischem Optimismus ganz iinpragnirt«" [N. 11 
V 68]. Fr. Nietzsche zählte später (1*79) „das erste Buch von Jun>r- 
Stillin«*s LehensgeHchichte* zu den wenigen Prosaschriften, die es ver- 
dienten „wieder und wieder gelesen zu werden". (Der Wanderer 109 
= Werke III S. t>:>7.) 



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26 F. A. Lange. Methaphysik als Dichtung. R. Wagner. 



in der Hand des Alten da oben finden. . . Da ist denn frei- 
lich die Möglichkeit jeder auf die Einheit des Alls basirten 
Empfindung unerklärlich . .« [X. 24 XI 68]. Kohde ahnte 
nicht, dass dies der Rocken war, von dem dereinst gerade 
Nietzsche seine gleissenden Gedankentaden spinnen würde. — 
Tiefer war der Eindruck, den er aus einem wiederholten Stu- 
dium von Langes Geschichte des Materialismus mitnahm. 
»Ganz gewiss hat er Recht, mit Kants Entdeckung von der 
Subjectivität der Anschauungsformen so bitter Ernst zu machen, 
und wenn er Recht hat, ist es dann nicht ganz in der Ordnung, 
dass ein Jeder sich eine Weltanschauung wähle, die ihm, d. h. 
seinem ethischen Bedürfnis , als seinem eigentlichen Wesen, 
genüge? ... So ist mir auch durch die wachsende Ueber- 
zeugung von der s u b j e c t i v e n P h a n t a s t i k alle r 
S p e c u 1 at i o n die Schopenhauer sehe Lehre durchaus nicht 
im Wcrthe gesunken . . .c [X. 4 XI 68]. Leise kündigt sich 
hier doch schon die Lockerung des auf den Freunden ruhen- 
den Bannes an; der befreiende Gedanke, dass Schopenhauer' s 
Metaphysik im Grunde nur eine Dichtung sei und in dieselbe 
Sphäre gehöre, wie die »Träume der Romantik« oder Fechners, 
taucht noch wiederholt auf in diesem philologisch-philosophischen 
Briefrondo (s. Co'A 23. 25). Da fällt just in dieser kritischen 
Zeit schwer in die Wagsehaale Schopenhauers die Bekannt- 
schaft mit R. W.UiXER dem Schriftsteller : • Wahllich, schon 
der Gedanke einer, gleichsam die ganze Welt. Willen und In- 
tellekt, in reinerem Bilde darstellenden Kunst, ist eine ganz 
grossartige Coneeption, und dazu doch kein reines unerreich- 
bares Hirngespinst* [X. 3 XII 68]. So bleibt die Tönung 
des Denkens und Darstellens im Ganzen auch bei Rohde noch 
lange die alte. Aber im Einzelnen frappirt manche entschieden 
selbständige Beobachtung; zumal auf den einsamen Wande- 
rungen durch die stille Landschaft, deren Bild traulich in seine 
Bekenntnisse hineinblickt, gingen Rohde's Gedanken ihre eignen 
Wege und Hessen sich wohl auch einmal auf jene problema- 
tischen Gebiete hinüberlocken, die seinem Freunde später zur 
Heimath wurden. In einem Briefe an Nietzsche stellt R. kalt- 
blütig die Frage, worin denn eigentlich der Grund lieg*-, dass 
einen Menschen zu erschlagen eine ganz unbezweifelbare Sünde 



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Briefe an Nietzsche. Erkrankung und Kur. 27 



sei, und die ersten Blätter der Catfitatn beschäftigen sieh mit 
der peinliehen Luge eines »innerlich frei gewordenen Theo- 
logen«. Vor allem ist es der Briefwechsel mit dem Freunde, 
worin er, neben allerlei »sandigen« philologischen Debatten, 
seine kühnsten Stimmungen und Phantasien ausströmt. Da- 
bei ist er Nietzsche gegenüber von einer Hingebung und, man 
möchte fast sagen: Demuth, die gerade bei ihm befremden 
könnte. Aber er deutet es mehr als einmal an, weshalb er 
vor dem Freunde, als vor der reicheren Natur, sich beugen 
zu müssen meinte : er spürt an ihm die mächtig pulsierende 
p r o d u et i v e A d e r d e s K ü n s 1 1 e r s, die er bei seiner »philo- 
logischen Geschäftigkeit« in sich kaum noch schlagen fühlt. Und 
so munter und erfolgreich er sich in dem Element seiner Unter- 
suchungsarbeiten bewegt, so kommen doch Stunden, wo ihm 
Alles schaal erscheint und wo er ausschaut nach einer »wür- 
digen, einer wahrhaften Gestaltung fähigen Aufgabe.« 
Der erste unge formte Keim des griechischen Romans mag 
schon damals entstanden sein. 

Unterbrochen wurde dies stete stille Schäften und Grübeln 
nur durch die Ferienreisen nach Hamburg (wo freilich die Ge- 
dankenräder bald wieder ihren alten ruhelosen Gang gingen) 
und durch eine dem Genius Thorwaldsens geltende Ptingst- 
fahrt nach Kopenhagen \ Nur einmal, im Oktober und No- 
vember 18G8, musste eine Generalpause gemacht werden: Rohde 
war, wie er seinen Freunden klagt, von einem bösartigen »gast- 
risch-nervösen Fieber« ergriflen, das ihn »am Tage mit jener 
eignen fieberhaften Unruhe und in den Nächten mit totaler 
Schlaflosigkeit grausam quälte« [R. 13 X 68; N. 4 XJI t>8]. 
Man wird in dieser, wohl durch die äusserste Anspannung aller 
Kräfte heraufbeschwornen Erkrankung das Vorspiel späterer 
Leiden erblicken dürfen. Eine mehrwöchige Kur in der Heil- 
anstalt Reinbeck (im Lauenburgischen) »mitten in schönen 

' »Vorzugsweise betete ich Thorwaldsen's unvergleichlichen Genius 
an: die Empfindung von der unerreichbaren Grösse dieses Mannes ist 
mir ein wichtiger Zuwachs . . Sodann aber habe ich auch die ganze 
Art der Stadt und des Volkes recht objektiv auf mich wirken lassen« 
[N. 17 VI 68). 



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28 Reisepläne. Nietzsche'« Berufung. 

Wäldern* führte »Schlaf und Gesundheitc allmählich wieder 
zurück. Aber an Weiterarbeiten war vorläufig nicht zu denken. 
So musste denn der Studienabschluss wie die Ausführung 
eines lange stillgehegten Reiseplans aufs Frühjahr verschoben 
werden. 

Schon seit Jahresfrist nämlich hatten sich die Freunde 
an dem Gedanken erbaut und aufgerichtet, nach der Erledi- 
gung der Promotion nach Paris zu ziehn und dort eine Art 
akademischen Nachsommer, »den wahren Rosensommer unsres 
Lebens«, gemeinsam durchzukosten. »Dann soll es dort eine 
Existenz geben, die sich in eitel triumphirendem Tanzschritt 
bewegt! . . . Wir wohnen im achten Stock, geben täglich 
wegen mangelnder Subsistenzmittel einige Stunden . . . und 
iui übrigen leben wir, d. h. saugen mit allen Organen ein 
was Gutes und Wissenswerthes in den Museen, Bibliotheken 
und namentlich im Leben sich uns darbietet« J N. 28 IV 68]. 
Schliesslich wurde das Frühjahr 1809 als Reisetermin festge- 
setzt. Da erhielt Nietzsche, noch ehe er seine Promotion 
erledigt hatte, im .Januar 1869 einen Ruf an das Pädagogium 
und die Universität in Basel 1 , »ein ganz beispielloses Glück, 
mit beiden Händen festzuhalten«. So lösten sich, zu schmerz- 
licher Enttäuschung Rohdes, die so lange und liebevoll ge- 
bauten Luftschlösser der Pariser Reise »in flatternde Wolken 
auf« [N. 17 1 59]. »Ich beneide nicht Dir die Basler, aber 
Dich den Baslern : denn was mir das gemeinsame Leben mit 
Dir gewesen ist — und gewesen sein würde : das kann ich 
mehr fühlen als ausdrücken. Das Reinste und auf alle Dauer 
Erquickendste, ein Wohlgefühl, für das ich Dir zu tiefstem 
Danke verpflichtet binc [N. 15 11 «9j. 

1 Der Gedanke, Nietzsche zu berufen, ist von dein Baseler Professor 
Vist'HKK ausgegangen; als die Anfrage, ob er X. empfehlen könne, 
an Kitsch L gerichtet wurde, hätte er der Philister »ein müssen, der er 
nicht war, um seinen Correspondenten kopfscheu zu machen. Nietzsche 
wie Rohde haben den Basler Ruf stets als ein »Göttcrgesehenk« be- 
trachtet, und Lieberarbeitung im Amt war es nicht, was Nietzsche** 
Gesundheit untergraben hat. Das« solche Dinge wie die Berufung des 
.Studenten Nietzsche zum Professor oder die Ernennung des Litteraten 
Gottfried Keller zum .Stadtschreiber in ihr möglich sind, darauf kann 
die Schweiz stolz sein. 



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29 



III. 

Erstlingsschriften. Die Heise in Italien und ihr Ertrag. 

(1869. 1870.) 



Das erste ausgereifte Erträgnis der Lehrzeit war die schon 
in Leipzig entworfene, in den ersten Kieler Seinestern vollendete 
Untersuchung 'über Lucians Lukios und sein Verhältnis zu 
Lucius von Patrae und den Metamorphosen des Apulejus/ 
Ritschl hatte sie für das Rheinische Museum nicht ohne 
Weiteres angenommen, sondern mit Rücksicht auf eine gleich- 
zeitig erschienene Doctorschrift eine Revision verlangt; Rohde 
fand die Forderung unbillig, zog das Manuscript zurück und 
gab es, nachdem er durch Nietzsches Vermittlung einen 
Verleger gefunden hatte, 18G8 noch als Student in den Druck. 
Das ganze Vorgehn ist für seine stolze und tapfre, aber auch 
leidenschaftliche und leicht verletzbare Art bezeichnend 1 . 

1 Die Arbeit war für Rohde von vornherein ein wahres Schmerzens- 
kind. Er hatte sie schon Frühjahr 1868 ziemlich in'« Heine gebracht, da 
sich die 'Societätsmitglieder' mit dem Plane trugen, ihrem Lehrer eine na- 
tura Ritscheliana oder symbola Lipsiensis zu stiften. Schliesslich blieb nur 
eine tetras Lipsiensis von den 'Symbolisten' über »woraus die Welt eben 
nur schliessen würde, du** Vater Ritschis philologische Lendenkraft er- 
loschen nei« [N. 11 V 68]. So /.erschlug «ich »der ganze schöne Plan«. 
Nietzsche, auch bei diesen Dingen der Mittelpunkt des Kreide*, meldete 
die Arbeit, die er im Manuscript durchgesehen hatte, nunmehr mit 
Rohde's Zustimmung bei der Redaktion des Rheinischen Museums an. 
R sandte die Arbeit ein, in ziemlich resignirter Stimmung, »da offenbar 
noch eine Anzahl edler Zuchthengste und Schulpferde . . . vorher vor- 
geführt zu werden verlangen : vielleicht wird sich auch der neu enga- 
gierte Clown Lucian mit seinem bekannten bissigen Mops produciren* 
[X. 17 VI 68]. Er dachte sehr bescheiden von seiner Arbeit: »Ich bin, 
was selbst in solchen wenig persönlichen Dingen doch von wesent- 
lichem EinflusH ist, an 'Glückseligkeit des Herzens' um mit Lenz zu 
reden, die Zeit her recht arm gewesen: ich kam mir recht sandig vor, 



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30 



Erstlingsschrifteu. Lucian's "Ovo;. 



Eine gewisse Umständlichkeit in Nebendingen mag den 
Anfänger verrathen (bei dem man sie kaum missen möchte), 
aber sie beeinträchtigt in keiner Weise die erfreuliche Wir- 
kung der, nach XlETZtHEs Meinung 'musterhaften' kleinen 
Schrift, in der ein bis dahin nur flüchtig und unklar umredetes 
Litteraturproblem vor Allem auf eine scharfe Formel gebracht 
wird. Im Gegensatz zur herrschenden Meinung sucht R. dar- 
zutlmn, dass Lucian eine in gläubigem Ton berichtete Wunder- 
erzählung parodirt habe , und dass diese »in's Heitre und 
Spöttische gewandte Darstellung« von Apulejus zu seinem 
episodenreichen Roman ausgeweitet und schliesslich in den 
alten Sinn zurückgedeutet sei. Das wunderlich Zwiespältige 
in Ton und Haltung des berühmten lateinischen Werkes er- 
klärt sich durch diese Hypothese vorzüglich, und Rohde hat 
immer daran festgehalten (Rh. Mus. L 91 ff. Kl. Sehr. II G9), 
während gerade gegen diesen Kernpunkt später Zweifel laut 
wurden (W. Schmid, Philol. L 314). Dem Glauben an die 'Echt- 
heit', d. h. den Lucianischen Ursprung der Schrift hat Rohde später 
entsagt 1 , und darüber, dass an diesem Punkte das Gebiet des 
Problematischen beginne, war er sich schon 1868 völlig klar. 
Der beiläufig ausgesprochene Satz, die Frage nach dem Autor 
des "Ovo; lasse diejenige nach seinem Verhältnisse zu den 
Metamorphosen des Lucius gänzlich unberührt |S. 30), war 
völlig ernst gemeint; Nietzsche gegenüber betont R. das nach- 
drücklich ' 2 . So hat er von vornherein die Abstufungen der 

und so wird auch das opusculum ein wenig ledern geworden sein«. Aber 
als die Redaetion eine Umarbeitung verlangte (Kitsehl hatte vor Allem 
die Berücksichtigung einer ziemlich werthlosen später im Anhang S. 38 
abgethanen Dissertation empfohlen), verstimmte das Kohde doch ge- 
waltig; er argwöhnte persönliche« U ebelwollen und zog die »Schritt zu- 
rück. Nietzsche wusste den ihm persönlich bekannten Dr. Exgkl- 
M anx zur Annuhme zu bestimmen, der sich als ein »unbegreiflich nobler 
Verleger entpuppte. JN. 17 I Ü9]. Vgl. 1'. Deussen, Erinnerungen au 
Fr. N. S. 49. Rohde an Nietzsche II V, ä XI, 14 XI, 24 XI, 2 XII 68, 
an Ribbeck h XII 69. Kitschi, gegenüber blieb bei Kohde ein Rest von 
Verstimmung lauge zurück. 

1 Vor allem auf Ii rund einer skeptischeren Schätzung der Hand- 
schriften, deren Classiticierung er schon in einem Anhang jener Erst- 
lingsschrift gt- fördert hatte. 

1 ' . . . selbst wenn Luc. nicht der Autor wäre, könnte meine An- 
sicht richtig sein, denn Spassvögel gab's eben ausser L. noch. Aber frei- 



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yuellenuntersuchungen zu Pollux. 



31 



Wahrscheinlichkeit zutreft'end abgeschätzt. Auch eine kleine 
Schwäche in der Anlage der Arbeit, eine »verkehrte Voraus- 
nähme des eigentlichen Geheimnisses« durch einige Urtheile 
und Andeutungen, empfand er und gab er dem, die Forde- 
rungen der Schriftstellertecbnik Hitschrs vertretenden Freunde 
zu, ohne sich deswegen zu einem Umbau des Ganzen zu ver- 
stehn. Bemerkenswerth ist es, dass Rohde schon in dieser 
Erstlingsarbeit über den Horizont der klassischen Literaturen 
vielfach hinausblickt : grundsätzlich hat er seinen Standpunkt 
hier schon ebenso hoch genommen, wie im 'Roman' oder in 
dem Vortrag über die Novelle. 

Das rechte philologische Gesellenstück Rohdes sind die 
gleichfalls bei Engelmann 1869 erschienenen Quellenuntersu- 
chungen zu den theatergeschichtlichen Abschnitten eines an- 
tiken Reallexikons (de Julii Pollucis in apparatu scaenico enar- 
rando fontibus), von denen schon (oben S. 23) die Rede ge- 
wesen ist. Die Formulirung der Frage (die Rohde später 
zu eng abgegrenzt erschien) rührt von Ribbeck her; bei der 
endgiltigen Gestaltung des Schriftchens gab Nietzsc he einige 
gern benutzte Rathschläge. Für Rohde hatte die Arbeit be- 
sonders die Bedeutung, dass er sich bewusst wurde, »zu dieser 
Art von Quellenuntersuchungen Trieb und Geschick zu haben«. 
In der That haben sich die Hauptergebnisse — vor allem 
die nur angedeutete Ansicht von der centralen Stellung des 
grossen Philologen Aristophanes von Byzanz — gegenüber 
den neueren Funden im Ganzen als stichhaltig erwiesen. Was 
aber die Arbeit über das Durchschnittsmass solcher speeimina 
eruditionis entschieden hinaushebt, das ist der freie Blick, mit 
dem der kaum Vierundzwan/.igjährige auch die weiter ablie- 
genden sachlichen Fragen in's Auge fasst ; erst die Tü- 
binger Scenica haben den Bau nach dieser Seite hin ergänzend 
weitergeführt. Der Anhang über die Quellen der medicinisch- 
anthropologischen Abschnitte verräth eine nicht gewöhnliche 
Vertrautheit mit der medicinischen Litteratur; das Material 



lieh ist das ganze Verfahren bei Lucian unendlich glaublicher. Das 
sage ich aber auch gleich darauf. Bei völliger Umkalfaterung würde 
ich all dies mildern« [X. 11 V Gs.) 



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32 



Promotion. Fr. Röhl. 



war auch hier reich und solide genug, um später von anderer 
Hand (von E. Zarncke) weiter gesponnen zu werden '. 

Auf Grund dieser Arbeit wurde Kohde am 9. März 1869 
mit Auszeichnung promovirt ; gleichzeitig erwarb er nach da- 
maligem Kieler Brauche durch eine Probevorlesung ein Anrecht 
auf die venia legendi 2 . Der »eollegialeiu Art, in der ihm seine 
Lehrer entgegengetreten seien, gedenkt er dankbar in seinen 
Briefen; trotzdem fühlt er sich ihnen gegenüber bei aller 
3 Freundschaftlichkeit < des Verkehrs im Tiefsten »fern und 
fremd : Z* a t Aa uiy' eat^pixiaic 3 . Praktische Dinge konnte 
man aber auch über diese Kluft weg ganz behaglich verhan- 
deln. Die Reisedispositionen und der Operationsplan für die 
Bibliotheksarbeiten wurden nochmals mit RIMBECK durchge- 
sprochen. Auch (iUTSCHMU) (bei dem Rohde damals Fr. RüHL 
kennen lernte) gab zweckmässige Directiven ; so veranlasste 
er den jungen Entdeckungsreisenden, eine Horentinische .Tose- 
phushandschrift in sein Arbeitsprogramm aufzunehmen *. Nach- 
dem er so »acht Tage auf seine Promotion verschwendet, hatte«, 



1 Der Druck wurde 1SG9 in Italien zu Ende geführt; die Addenda 
sind datirt von Florenz 17 IX G ( J. 

J Rohde wollte sich erst gleichzeitig auch »lein Staatsexamen unter- 
ziehen, »als welchen Lindwurm der Holste meistens zugleich mit seinem 
jüngern und weniger giftigen Bruder, dem Doetorcxamen , zu erlegen 
pflegt. [N. '28 IV GS]. Kr hatte ernsthafte Zweifel, oh er Uberhaupt zum 
Akademiker berufen sei [N. "28 IV 08]. Erst auf Nietzsche'* Zureden 
wandten sich seine (jedanken allmählich mit voller Bestimmtheit zur 
Fniversitat, und nun entschloss er sich, »jene widerliche peinliche Be- 
fragung abzuwerten«. »Da ich . . . eine Schulste Ihmg höchsten* als 
•Kohlenstation' betrachtete, so wäre eine scheussljehe Halhheit herauf- 
gekommen < [N. 17 I Gl*]. — Nach dein Diplom wurde unter dem Decanat 
des Uennanistcn Th. Möbius, in . . Ervinum Rohde . . . exhihita dieser- 
tatione . . . speeimine eruditionis et ueuminis egregio examine legitimo 
praelectione publica disputatione iuaugurali magna cum laude peifune- 
tuin . . die IX. mensis Martii anni MDCCCLXIX die Doctorwürde über- 
tragen. 

* Das charakteristische Citat wird in den noch ganz Schopenhauerisch 
gestimmten Briefen und Aufzeichnungen aus diesen .lahren wiederholt 
gebraucht; es ist (mit späterer Hand > auch auf das Abgangszeugnis vom 
.lohanneum eingetragen. 

* Dieser Laurent ianus erwies sich als Archetypus der erhalt neu gric- 
einsehen Handschriften. CiuTSCHMli» entwarf 1SGS Gi) seine Vorlesungen 
Uber Josephus, vgl. Fr. Hühl zu ^utsehmid's Kleinen Schriften IV S. :;;IG. 
II 8. 85). 



V 



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Abreiße nach Italien. Verona. Florenz. Rom. 



33 



eilte der neue Doctor nach Hamburg zurück, um die letzten 
Vorbereitungen zu der lang geplanten Fahrt vorzunehmen »mit 
seltsam gemischten Empfindungen« : aus der Pariser Boheme 
an der Seite Nietzsche*.* war die normale Studienreise nach 
Italien geworden. rUnsre Pariser Träume werden mir nicht 
ersetzt, aber ich hoffe doch mannigfachen Genuss und För- 
derung. Ich habe Goetlie's Italiänische Reise wieder gelesen und 
daran gemessen, dass ich doch seit dem letzten Mal, da ich 
sie las, um Haupteslänge gewachsen bin. E* ist freilich, wie 
er von einem Herderschen Buch sagt, keine Speise, sondern 
ein köstlich Gefäss, in das ein Jeder legen mag, was er selbst 
mitbringt, l'nd nun empfand ich das Göttergleiche des Mannes 
in seiner Fähigkeit nur zu schauen, ohne Begriffsgrauheit, 
wie ein stärkendes Bad« [X. 16 III 69]. So zog Rohde. Ende 
März 1869, von Ribbeck mit Empfehlungsbriefen an italiä- 
nische Freunde versehn, nach dem Süden 1 . * 

Die erste Hauptstation war Zürich, wo er im Auftrag 
der Mutter mit seinem am Polytechnikum studirenden j ungern - 
Bruder zu verhandeln hatte. Dann ging es nach München 

— seitdem ein Lieblingsziel seiner Wünsche und Reisepläne 

— und über den Brenner nach Verona. Die alte Catull- 
stadt war es, »wo zum ersten Mal das italiänische Leben in 
seiner fröhlichen Buntheit und dies italiänische Sonnenlicht, 
das auch Trümmer und Lumpen golden verklärt, den erstaunten 
Blicken sich aufthatent. Wie so mancher Xordländer hat Rohde 
seitdem eigentlich immer ein stilles Heimweh nach dem Süden, 
eine > förmliche italiänische Xostalgie« [X. 22 III 71] mit sich 
herumgetragen. In Florenz, wo er sich mit einem alten 
Leipziger Bekannten, \V. H. Roscher, zusammenfand, machte 
er in ein paar stillen Wochen die ersten Versuche, sich der 
altitaliänischen Kunst zu nähern ; »namentlich an der jung- 
fräulichen Reinheit des Fra Angelico« hatte er seine Freude. 
Am 18. April traf er in R o m ein und fand bei W. Helhh;, 
dem ihn Ribbeck empfohlen hatte, freundliche Aufnahme. Die 
ersten Wochen vergingen, wie sie zu vergehn pflegen: >mit ange- 

1 Eine KeiMeunterstflt/.ung uns »lern Fond« einer Hamburger Stiftung, 
auf die Ui.I.KK H seinen Schützling hinwies, brachte eine willkoniiune 
Zubuße zum Viaticum. 

C r u n i u * , K. Kohdf. 3 



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34 



Rom. Neapel. Florenz. 



strengter Abarbeitung des geradezu endlosen Materials der 
Besichtigung« ; eine Erholung war eine »herrliche Reise«, 
die Rohde und Roscher unter Helbig's Führung in Etrurien 
(Corneto. Monteliascone, Viterbo) unternahmen [M. 24 V 69]. 
Dann wurde Ernst gemacht mit der » Alltagsexistenz s die aber 
bald genug noch einmal durch eine Wanderung ins Sabiner- 
gebirgc unterbrochen wurde. > Stelle dir vor, dass wir zwei Beide 
neben einander durch dies schöne Land trabten, im Gebirge 
umher streiften, des Abends, etwa in Olevano. hoch auf dem 
Berge, unter uns »las kleine graue verwitterte Städtchen und 
vor uns den weiten Kran/ zackiger Berge und die weite bunte 
Ebene, auf dem Altan des Gasthauses süssen, das Gold der 
sinkenden Sonne schlürften in friedlichen Gesprächen, oder 
in stummem Einverständnis* die Seele heimliche Weisen singen 
Hessen. Das waren so meine Wünsche, als ich kürzlich eine 
viertägige Tour durch das Sabinergebirge machte ... | N. 1 VI 69]. 
Beim Eintritt des Sommers rettete man sich, wie üblich nach 
Neapel und Sorrent: von dort wurden förderliche (in 
manchen Capiteln des 'gr. Romans' nachklingende) Ausflüge 
in die Vesuvstädte gemacht (mit den neu gewonnenen Freunden 
Dn/rilKY und Matz) und kühnere Vorstiisse bis nach Sicilien 
hinab unternommen'. Im .Juni und Juli versiegen die Briefe 
nahezu völlig. > Es ist in diesem heissen Lande der Lazza- und 
Maeearoni eine Kraft des Faulmachens, die einen förmlich lähmt. 
In Neapel nun gar war man nach übel standener Bibliotheksas- 
kese froh, endlich in ein kühles Zimmer sich retten . . . und 
'schalkhaft und bescheiden' die Augen zum üblichen Naeh- 
mittagsschlafe zudrücken zu können. Endlich hat solch eine 
schweifende Existenz . . das Eigne, das-, sie. in der Wirrnis 
. . von aussen kommender Bilder, dem Menschen keine Ruhe 
zu abgeschlossenem Nachdenken lässt : man empfindet schliess- 
lich diese Fehei-macht des immer neu sich Andrängenden fast 
wie eine l'eberwältigung der Persönlichkeit. Erst in der Er- 
innerung wird man der grossen Bereicherung inne . . [N. 29 
VIII 69]. Im September ging es zurück nach Florenz in die 
Casa Nardini 2 , zur »Sklavenarbeit« auf der Laurentiana ; doch 

1 K. Förster N.IIS 11; Briefe R. 20 IX tt'. M. 2:1 Vf. M VII. 20 VII Hit». 
* Noch in späten Jahren erzählte Rohtie gern allerlei Seluinrren von 



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Perugia. Winter in Koni. Das Concil. 35 

spannen sieh auch mancherlei neue Bekanntschaften an, z. B. 
mit Ludmilla Assing und ihrem Kreis. »Ich lebte ein wahres 
Tragelaphenleben: am Vormittag höchst mechanische Biblio- 
theksbütfelei . . . t am Nachmittag ein Bummel am Arno entlang, 
oder nach Bell» Sguardo hinauf, am Heilsten allein, in seltsame 
Phantasmen vertieft . . Nun kam das tidele Ende, ein ganz 
sybaritisehes Mahl, in (Gemeinschaft einiger, in diesem Punkt 
. . Gleichstehenden. Im Grunde war es eine thörichte Exi- 
stenz, die mich namentlich zu einer rechten Vertiefung in 
die zahlreichen Beste jener herrlichen Florentiner Kunst 
des 14. und 15. .Jahrhunderts (das IG. zieht mich nicht 
mehr an) wenig kommen Hess. Auf dem Rückwege war ich 
in P e r u g i a und Assisi kurze Zeit, aber lange genug um 
der Phantasie das lebendige Bild des örtlichen Hintergrundes 
jener mir so sympathischen Kunstübung des 15. Jahrb. ein- 
zuprägen [N. 5 XI G9], Am 23. Oktober ging Rohde mit einem 
wahren Heimathsgefühl, wieder in Rom »via della stamperia 
17 ultimo piano- vor Anker: um dann »in einem nasskalten 
italiänischen Winter eine ganz nordische Bücher- und allen- 
falls Kneipenexistenz zu führen« [R.]. Aber die grauen Mo- 
nate« wurden bewegter und reicher, als er zu hotten gewagt 
hatte. Die künstlerischen Eindrücke des Sommers bekamen 
jetzt erst rechte Triebkraft und verlangten Verbindung und 
geschichtliche Ergänzung, und auch das römische Gesellschafts- 
leben (in dem ihm wieder W. Helbiu ein willkommener Führer 
war) brachte Lockungen, von denen er sich »nichts hatte träumen 
lassen« ; seltsam stimmungsvolle Briefe an die Freunde erzählen 
von diesen Gesichten und Erlebnissen [X. 15 1170. R. 25. II 79]. 
Daneben beutete Rohde alle Möglichkeiten, zu sehn und zu be- 
obachten, wie sie die Zeit des (Joneils darbot, stärker aus, 
als die meisten deutschen Philologen 1 : vom Geist der mittel- 
alterlichen Scholastik einen lebendigen Hauch zu spüren, war 
für ihn ein Erlebnis \ In diesem zerstreuenden Treiben, 

feinem Florent iner hospes; so habe er einem Freunde gegenüber seineGenug- 
t Inning darüber geäussert, dass der signore tedeseo wiederkommen wolle mit 
dem sonderbaren Namen, dem Namen del re che a ammazzato i b.nnbini. 

1 Nach dem Urteil und den Erinnerungen Franz Kümi.s. Vgl. aueli 
NieUnehe, Briete I S. m. Kohde an die Mutter 19 XII 09. 

- Kr erzählte gern von den Disputationen in der Sapienza mit ihrem 

3* 



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36 Floren/.. Bologna. Venedig. 

kamen aber auch die besondern Pflichten und Neigungen zu 
ihrem Rechte; es wurden sehr ernsthafte geschichtliehe und 
kunstgeschichtliehe Studien betrieben, und es gab stille Stunden, 
wo sich Rohde ganz in seine alten philosophischen Grübeleien 
versenkte oder zwischen seinen vier Wänden einen scharfen 
Waftengang mit dem eben auftauchenden E. v. HARTMANS 
machte 1 . Dabei wurde dann freilich wohl einmal die Nacht 
zu Hilfe genommen, „was auffiel und was R. bald, sich der 
römischen Sitte fügend, aufgab 4 * [Fr. Rühl]. Im Uebrigen 
hielt sich Rohde möglichst die Ellenbogen frei und vermied 
es, sich der eigentlichen ragazzeria Oapitolina anzuschliessen. 
Ausser W. H. Roscher gehörte zu seinem Umgang besonders 
Fr. Matz, Franz Rühl und der später bei Mars la Tour gefal- 
lene H. Papst, auch R. Schöll und R. Förster. So sehr sich 
R. schliesslich in Italien heimisch fühlte, verzichtete er doch 
auf den von Ullrich und Ribbeck ausgebenden und von der 
Mutter gut geheissenen Plan, sich durch ein weiteres Wan- 
derjahr »zu einem philologischen Allerweltskerl, zugleich gram- 
maticus und archaeologus, auszubilden« [M. 25 I 70]: es schien 
ihm, dass er zum Archäologen doch nicht die rechte Begabung 
habe. So machte er sich im Februar 1870 auf den Rückweg, wenn 
auch in Rom die Sehnsucht nach dem alten Nest gleich auf dem 
Bahnhof miteinstieg'-. In Florenz wurde »um den römischen 
Träumereien zu entfliehen etwas forcirter Weise Carneval ge- 
feiert«, in Bologna Freundschaft geschlossen » mit einzelnen 
Bildern von Franeia und den spätem Bologuesen, die ich bisher 
sehr antipathisch fand«. Schliesslich, nach einem kurzen Inter- 
mezzo von Schnee und Regen, wundervolle Frühlingstage in 
V e n e d i g, die des Wandrers »Sonncnhungei« stillen. »Jetzt 
endlich scheint die Sonne mit einiger Ausdauer und gründ- 
lichem Ernst, und wenn man so am Nachmittage in den La- 
gunen herumgondelt, leuchtet sie Einem bis in die innersten 

tosten Mechanismus und dein typischen »»v/o uniiorcm des Opponenten. 

1 »Hast Du etwa K. v. Hartmann's „Philosophie des (/nlx-wiissten* 
gelesen? Plündert Schopenhauer, schimpft aher auf ihn : setzt dem Wil- 
len, thuend als gebare Er ihn eben, zwei blinde Augen ein, einen im- 
b e w u s s t e n Intcllect, womit, das («anze zu einer Art Maulwurf wird . . .« 
[N. 5 X 69]. Ks ist diis Vorspiel der Polemik Nietzsches in der zweiten 
•Unzeitgemüs.en (Werke l S. :560 tb). 



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Neugewonnene Freunde. 



37 



Gebeine, ohne doeh zu erhitzen . . . Man kann auch nirgends 
so mit philologischer Gründlichkeit ganze oder halbe Tage 
durchfaullenzen, wie hier in Venedig, wenn die Sonne seheint« 
[R. 11 T 70]. Zwischen den muntersten »Natur- und Kunst- 
studien * (meist in Gesellschaft des Aristophaneers v. Velsen) 
wurde auf Nietzsche'* Rath eine kleine Arbeit für Ritschl's Acta 
»aufgeputzt« und wirklich »so gut wie fertiggemacht« ; nur einige 
Citate sollten in Basel nachgeholt werden | N. 19 IV. 24 V 70]. 
Für Mailand mussten acht Tage genügen; aus seiner »unleid- 
lich heissen, dumpfigen und staubigen Stadtatmosphäre« rettete 
sich Rohde bald nach B e 1 1 a gi o, zu einer rechten Abschieds- 
feier vom 'gelobten Lande'. »Ich sitze mitten im schönen 
See von C'omo, im Gasthause Genazzini, mit stetem Blick auf 
die blühenden reichen Ufer und die ernsten Berge dahinter, 
und zu Füssen der grüne liebliche Wasserspiegel. Ich wollte 
meine Wallfahrt und meine Finanzen hätten noch nicht ein 
so ganz entschiedenes Ende erreicht, dann bliebe ich, in süssester 
Faulheit , hier noch vierzehn Tage liegen, . . ., endlos viele 
Stunden nichts thuend und gar nichts denkend : die schwerste 
und trefflichste aller Künste« [N. 24 V 70]. 

Es ist eine Italienreise, wie viele; aber man lässt seine 
Gedanken an der Seite dieses temperament- und geistvollen 
Begleiters doch mit einer Art von jugendlicher Spannung die 
vertraute Strasse ziehn 1 . Für W. H. Roscher (dem wir einige 
ergänzende Mittheilungen verdanken) ist die Gemeinschaft mit 
dem alten Genossen eine küstliche, durch keinen Missklang 
getrübte Erinnerung. Unter den wandernden Durchschnitts- 
philologen war Rohde freilich 'mehr gefürchtet, als beliebt'. 
In der That kam er sich unter ihnen vor »wie ein Fremder« 
und empfand peinlich »eine Trivialität des Tones, die Einen 
wirklich abnutzt und verrosten lässt: es ist als ob man ein 
Schwert nur brauchte zum Apfelschälen« [N. 5 XI 69]. Aber 
einige der Besten unter diesen Jüngern hat er sich damals 
doch dauernd zu Freunden gewonnen, so Franz RChl und 
vor Allem Fr. Matz, dessen vorzeitiger Tod (im Frühjahr 75) 
ihn tief ergriff und ihn recht empfinden liess, »wie viel er an 

1 Umfänglichere Mittheilungen ;vuh den italienischen Briefen Rohdes 
wird vielleicht der Briefwechsel Niktzschk's bringen. 



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Hesmli Ihm Xiet/Hche. Wagner und Ritsehl. 



diesem treusten und reinsten Herzen verlor- [H. und X. 27 II 75]. 

Ende Mai traf Bohde in Basel ein. um mit dem Freunde 
endlieli das (Jlüek der niielisten Nahe zu gemessen, wonach 
er auf seiner Hin (irnnde einsamen Fahrt« sieh so oft und 
schuierzlieli gesehnt hatte. Heide mochten dem kritischen 
Augenblick des Wiedersehens mit einer gewissen Bangigkeit 
entgegen schauen ; alier er hielt, was sie sich von ihm ver- 
sprochen hatten 1 . XlKTZsrilK scln iel) damals an einen Bekann- 
ten: ...Mein Freund Kohde liat in gliinzender Weise die Freund- 
schaflspi obe der Entfernung (ca. :\ .fahre) bestanden. Hiezu hilft 
selbst ein so zaiiberkräftiger Name, wie der Schopenhauers nicht : 
es kommt darauf an, eins oder wenigstens eininüthig zu sein. 
Ol» jeder dieselbe Formel findet, sicli auszudrücken, ist nicht 
das Wichtigste". Man darf aus diesen Worten (bei Deussen, 
Erinnerungen S. 7<>) wohl schliessen. dass sich eben über jene 
'Formel sich auszudrücken', d. Ii. über die Werthung und 
Verwerthung der Anschauungen Schopenhauers, mancherlei 
I >issniianzen ergeben hatten, die sich aber in ih n alten tiefen 
• Einklang in der < irundstiminung der Persönlichkeiten« ver- 
filmend :oit lösten. DiMi tiefsten Eindruck hinterhessen bei 
H. die Stunden, in denen er damals durch den Freund die 
Meistersinger kennen lernte i ( '>><(. (>(»). Er habe nie, so oft er 
die Meislersinger naebher auf der Bühne gesehen habe, von 
dem eigentlichen Wesen jenes wunderbaren Werkes eine so 
tiefe und, eigentlich gesagt, beglückende Emplindung bekom- 
men, wie damals diiieh Niel/sehe's Vortrag (O. 21 IV 75]. 
Ein gemeinsamer Besuch bei H. \\ \t;\i.i{ in Trihschcn warder 
krönende Abs. hluss der ganzen Heise, liohde hat von diesem 
Tage an auch dem grossen Mens« hen m ganz persönlicher 
Hingabe angehangen. 

Von Hasel -in;' es über Freibnrg (wo Hohdc BuAMItACH 
und Wll, MANNS aufsuchte) in der angesprochenen Absicht, 
das Verhältnis ,u Hilst Iii. in*s Heine /u bringen, nach Leipzig. 
»Dort feierte ich denn, bedachKim wandelnd, stille Erinne- 
rutlgsfeste überall . . . Hecht ei /•:i1i;;eii habe ich mich mit 

Freund Homundl eines Abend- im Ho<.rulhal h n Kintschv. 
wo wir, feslgeregne! bis in die Nacht, allnh i Schopeuhaucriana 
1 (i.-ii.inrivs ni einem Mi v 1 101 <!••• Mull. , n \ | ,n 



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Krtrag der Reise. It-aliänischeH Volksleben. 



39 



beredeten ... In L. habe ic h denn auch jenen grossen Haupt- 
besuch beim Altmeister in's Werk gesetzt ... Er war ausser- 
ordentlich liebenswürdig und, zum ersten Mal gegen mich, 
wirklich herzlich« | X. 29 VJ 70]. Mitte Juni, als eben die 
ersten Wölkchen des heranziehenden Kriegswetteis am Hori- 
zont emporstiegen, traf Rohde wieder in der Heimath ein. 

* * 
* 

Zieht man mit Rondos Briefen das Facit dieser Wan- 
derungen, so gewinnt man den Eindruck, dass hier vor Allein 
ein ganzer Mensch von dem Lande der Wunder« redet. 
Als den wichtigsten Zuwachs empfand Rohde selbst (nach 
einem Briefe an Ribbeck) »die Aufnahme dieses neuen fremden 
Lebens und der Bilder dieser unvergleichlichen Landschaft«. 
In der That hat er sich mit der Abenteuerlust und dem 
offnen Blick des geborenen Beobachters, der nihil hnnmui n 
sc (ilintiint }>nfiif, in diesem fremden Leben zu bewegen ver- 
standen; bald fesselte ihn ein schwermüthiges Volkslied, das 
zu ihm herüberklang, bald die markante Gebärdensprache 
eines Süditaliänors und der groteske dionysische Humor des 
C'arnevals oder eines Volkstheaters. Dabei kam es ihm sehr 
zu statten, dass er sich (nach dem Zeugniss seines Reisege- 
sellen W. H. Roscher) .mit bewundrungswürdiger Schnellig- 
keit das italiänische Idiom aneignete, bis hinein in dialektische 
Feinheiten" für die er überhaupt ein ollen es Ohr hatte (das 
können die bezeugen, die ihn in guten Stunden schwäbeln 
oder sächseln hörten). Wie ihm nichts Menschliches fernlag, 
zeigt eine Scene die Roscher berichtet: „Wir befanden uns 
auf dem sogen. Felsen des Tiberius und ein paar hübsche 
Mädchen forderten Rohde und mich auf, mit ihnen die Ta- 
rantella zu tanzen. Ich lehnte ab, aber R. tanzte mit und 
machte mit seinen scharfgeschnittenen Zügen den Eindruck 
eines geborenen heissblütigen Italiäners. Es war ein Bild zum 
malen . . Nicht unmöglich, dass dieser Tanz von Bedeutung 
für Rohde's Aulfassung des Orgiasmus geworden ist** 1 '. Nicht 

1 So verstellt !*ieh's». da*s er später in kritischer Zeit den (tedunken 
fassen konnte, irgendwo in Itiilien eine Stelle anzunehmen ; »die Sprache 
würde ich sehr bald vollkommen sprechen kimnen« (N.]. 

- Auch Kohde erwähnt die Kpisode in einem Brief an die Mutter 



■ 



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40 



Plastik. Altitaliilnische Kunst. 



sowohl bei der Aulfassung, als bei der Schilderung jener räth- 
selhaften Phaenomene des antiken Yolkseniptindens mag die 
Erinnerung an den »Tanz mit den Miinaden« am Tiberius- 
felsen und ähnliche Erlebnisse leise mitgesprochen haben. 

Je leichter Rohde sich in diesem Italien von heute zurecht- 
fand, desto peinlicher war es ihm Monate lang, dass er die 
Sprache »der lebendigen Zeugen einer grösseren Vergangen- 
heit« nicht besser verstand. »Ich emptinde es mit einer Art 
Beschämung täglich mehr, dass eigentlichen Gewinn nur ein 
Kunstverständiger aus einem italiiinischen Aufenthalt ziehen 
kann« [H.]. »Anfangs macht diese Welt ewiger Kunstwerke 
auf den Fremdling fast einen feindlichen Eindruck; aber all- 
mählich, wenn man mit den göttlichen Gestalten nähere Freund- 
schaft geschlossen hat, ist es ein erquicklicher Gedanke, so 
oft man will die Dürre der Tagesexistenz im Anschauen wenig- 
stens auf kurze Zeit unterbrechen zu können. Nur kommt 
man sich fast wie ein l nrechtthuender vor, wenn dann doch 
auch hier jene Tagesexistenz einen so breiten Kaum einnimmt« 
[X. 27 V Hl)]. So fühlt er denn sehr bald, dass er allmäh- 
lich einiges Verständnis für Plastik gewinnt; man könne selt- 
samer Weise (so meint er) das Verständnis plastischer Kunst- 
werke bei sonst nicht todtem Sinne durch viele Uebung e r- 
lernen, w T as bei der Musik nicht möglich sei. ? Wenn ich in 
dieser l'ebung es zu einem mich befriedigenden Grade bringe, 
so habe ich, für meine eigene Empfindung, einen unvergäng- 
lichen Gewinn aus Italien mitgebracht« [M.20 VIII X. 29 VIII Hl)]. 
Zur italiänischen Malerei scheint Kniide den Zugang schneller 
gefunden zu haben, als zur antiken Plastik. Wenigstens bildete 
sich ihm sehr bald ein ganz lebendiges und persönliches Ver- 
hältnis!« zu gewissen Hauptmeistern und Schulen heraus, mit 
einer ausgesprochenen Neigung zur Frührenaissance; er ge- 
winnt, wie er Ribbeck schreibt, »das beglückende Rewusst- 
sein, allmählich ein, wenn mich nicht historisches Ver- 
ständnis — womit die Sache erst fruchtbar wird — , doch 
mindestens ein ästhetisches aufdämmern zu fühlen. . .« 
Im ersten Halbjahr sind es vielfach noch die Gläser der 

16 VII 69. Ueberhmipt bringen die Faiiiilienbriefe die unbefangensten 
Beobachtungen Ober Land und Leute; einig»; Auszüge ev. im Anlwug. 



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Wendung von der ästhetischen zur geschichtlichen Auffassung. 41 

Schopenhauerscheii Aesthetik, durch die Rohde diese neue 
Welt betrachtet ; so meint er bei seinem ersten Florentiner 
Aufenthalt, den Bildern des Fra Angeüco gegenüber habe man 
»mehr noch, als sonst wohl, die Empfindung von der Richtigkeit 
und Tiefe des Schopenhauerscheii Theorems vom Schaffen des 
Genies, in der seligen Ruhe des Schauens, in jenen Momenten 
wo einmal die Hast und Unruhe des Willens schweigt« [X. 
27 V 69] Gerade diesen potenzierten Piatonismus in der 
Schopenhauerscheii Kunstlehre hat er sehr bald als anfechtbar 
erkannt. Vor Allem aber drängte sich ihm mehr und mehr 
die Ueberzeugung auf, dass »für seine Natur wenigstens der 
Weg zu einem innigen und klaren Verhältnis mit der Kunst 
nur der historisch e< sein könne« [X. 5 XI 69]. So schob 
er denn bei seinem zweiten römischen Aufenthalte alles Andre 
bei Seite, um sich mit seinen »allgemach steif werdenden 
Geistesgebeinen ganz in die Fluthen der Kunst zu stürzen«. 
Erst jetzt wird ihm, neben Andern, J. Bi:RCKHARDT ein Führer. 
»Historisch präpariert sieht man nachher tausendmal mehr, 
behält besser und zieht auch aus Geringem . . . einen Xutzen.« 
Die Wendung ist auch für Rohde als Philologen bedeutsam ; 
den Lebergang zur geschichtlichen Auffassung hat er auf 
diesem ihm fremden Gebiet früher und entschiedener vollzogen. 
Das alles trieb er mit rein dilettantischen Absichten'. Aber 
auch hier blieb, was er einmal an sich herangezogen hatte, 
sein unverlierbarer, ihn stets tungebender Besitz. Das zeigen 
seine späteren Briefe. So schreibt er Nietzsche von Kiel aus 
[11 II 71] in seine Villeggiatur nach Lugano, er erinnere sich 
vor allem, wie er in Lugano eine Andacht vor jenen köstlichen 
Fresken des Luini gefeiert habe; »namentlich eine Weibergestalt 
schwebt mir vor ... in gelbem Kleid, schlank und fein, im Gesicht 
jenes wunderbare, träumerisch verlorene Lächeln des Mundes, 
zu Boden gesenkten Blickes: jener eigentümliche lionardische 
Weibertypus; ich dachte immer: sie ist der umgebenden Dis- 
harmonie ganz entrückt, und lauscht in stiller Wonne über- 
irdischem Wohlklang, der sie umschwebt — Du siehst wie ich 

1 Kurz vorher heiast en: »Vater »Schopenhauer bleibt auch hier Huns- 
götze und Hauspostille: im (»runde freilich ein Zeichen, dass ich kein 
rechter homo pla-tieus bin.« Vgl. auch Cog. 14 ff', und M. 1 IV 70. 



42 



lhbliotheksstiulien. 



iifs Faseln komme, wenn ich von italiänischer Malknnst rede: 
aber so ins Kimmerierland verschlagen, kann ich der sonnigen 
Länder ultra i monti . . . gar nicht ohne sehnsüchtige Regung 
mich erinnern : lese ich nur ein paar italiänische Verse, so 
überfüllt < s mich wie ein übermächtiges Verlangen. . .« 

Trotz all dieser lockenden Stimmen, die drüben an sein 
empfängliches Ohr klangen, hat Kohde mit zäher Energie seine 
ltihliothcksstudien getrieben und jenen elementaren Theil des 
philologischen Handwerks beherrschen lernen, den irgendwie 
als Selbstzweck anzuerkennen ihm doch gänzlich fern lag. 

Sein Augenmerk richtete er dabei überwiegend auf die 
spätgriechische Litteratur, in der auch sein erstes Meisterwerk 
wurzelt: auf Lucian, die Paradoxographeu, die Fabelsamm- 
lungen. die antiken Aerzte, aber auch auf Scholien, Lexika 
und ähnliche Schutthaufen : hier konnte ein iindiges Auge 
noch am ersten verlorene kleine Kostbarkeiten zu entdecken 
hoffen. In den .Briefen an Kibbeck und Nietzsche berichtet 
er gelegentlich von diesen Dingen, oft mit. einer sehr begreif- 
lichen Selbstironie; so unmittelbar neben (Jedanken über die 
höchsten künstlerischen oder philosophischen Probleme gerückt 
nimmt sich dieser » Ivrimskram« ja wunderlich genug aus'. 
Auch für Fremde, vor Allem für die oben genannten Freunde 
und Lehrer, hat Kohde Handschriften identiticiert und ver- 
glichen; er war sich bewusst »ein ganz guter ( 1 ollationator 
zu sein« [X. 1 VI tW]. 

Der ( Jcsammtertrag war schliesslich reicher, als seine sehr 
skeptischen brieflichen Pomerkungen ahnen lassen. Die sichere 
Methode, das ausgebreitete, auf den verschiedensten (icbieten 
sich bewährende Wissen, womit der Kiinl'undzwanzigjiihrige 
seine Funde, z. Tb. schon in Jtalien, nicht nur lesbar, sondern 
nutzbar zu machen versteht, haben etwas gradezu Verblüffendes. 

Tin Kheinischen Museuni seines Lehrers Kitsch) führte er 
sich ein mit einem kleinen Aufsatz über 'unedirte Lucian- 

1 In einem J.trief an Hihbcck h<'i>s( es einmal: «Völlige- aneedota 
pflegen nur .solche Schätze /n sein, wie ein kür/lieh von mii gelesenem 
Kt ymologiciini, von iles.-eii Trelllichkfil folgende ergötzliche l'robt 4 einen 
Hcgritt' gelten mag: xan ( >.='.ov £:a -n y.aiCrjiivo-i; -ivs-.v tJ.%/- n. s. w. 
Oh dieser »Schatz.« nicht doch inzwischen gehoben ist V 



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Paradoxographen. Aelius Promotus. 



43 



Scholien' (XXV 1870 S. 552 = Kl. Sehr. II 355); der Titel 
ist fast irreführend, da es Kohde vor Allem darauf angesehen 
hat. mit Hilfe der von ihm entdeckten Scholien das unheim- 
liche Dunkel attischer Keligionsbräuche zu lichten 1 . Schon 
hier erkennt man die Hand, die die Psyche geschaffen hat. 

Aus einem Vaticanus wurde ein anonymes Mirabilien- 
excerpt ans Licht gezogen, das R. »eoinbinations\veise< schon 
in Venedig dem Isigonus zuschrieb: der von (). Keller und An- 
dern so getaufte jmmthuoffrufi/nis Jlohilü u . Neben allerei 
>fahellae aniles« enthält das Schriftchen »eine nicht ganz in- 
teresselose Zusammenstellung von Stücken des Xicolaus I)a- 
mascenus, Pseudosotion etc. : woraus vielleicht für die Quellen 
des Kisteren etwas folgte Die werthvollsten Notizen haben 
ethnologischen Charakter und gaben Kohde's Studien nach 
dieser Richtung einen neuen Anstoss. In einem der vorbe- 
reitenden Abschnitte des Buchs über den griechischen Roman 
und in dem Aufsatz zu Phlegon (Kl. Sehr. II. 173 mit der 
feinen Analyse der 'Rraut von Korinth 1 ) hat sich Rohde noch- 
mals mit dieser wunderlichen Litteraturgattung beschäftigt. 

Verwandten Charakters ist der gleichfalls in dieser Zeit 
entworfene Aufsatz über Aelius Promotus ( Rhein. Mus. XX VI II 
1873 S. 2()<> — Kl. Sehr. I 381). Mit entsagendem Muthe war 
Rohde als einer der ersten in unserm .Jahrhundert in den ver- 
schütteten Schacht der spätantiken medicinisehen Sammelwerke 
hinabgestiegen und hatte eiuestheils willkommene Aufschlüsse 

' In ticin Brief an Nietzsche 20 VI 70 wird der Aufsatz betitelt -über 
Thesmophorien und Halocn'; Soiör.l. hat ihn mit Rocht unter die reli- 
gionsgesehichtlichen Beitrage gerückt Ich vennutlie, das* die Fassung 
des Titels von der Redaktion herrührt. L'ehrigens schlägt Rohde die 
Bedeutung der alten Festkitte an einigen Punkten wohl zu gering an: 
die Legende ist nieist von ihr angeleitet, nicht für sie bestimmend. Von 
spittern Versuchen, die Frage zu fördern, war er wenig erbaut. So schrieb 
er in seiner /.wanglosen Weise mit Bezug auf einen Mitarbeiter des Phi- 
lologus : »Ich finde keine Veranlassung, auf das. was er in seiner . . . 
überladenen Ausführung gegen mich sagt, zu repliciren. Es bezieht sich 
zudem Alles auf Nebenpunkte, in der Hauptsache stimmt er . . . mit 
mir überein. Seine Kalktheorie ist für i h n vielleicht wichtig (da sich 
ihm der griechische t'ultus auf eine solche heilige Oekonomiethätigkeit 
reducirt), mir aber völlig egal.« |Cr. 6 VIII 91]. 

■ Acta soc. phil. Lips. I 24. 1H71. datiert aus Venedig. Mai 1870: 
näheres in den Briefen an Nietzsche 19 IV; 15 V 70. S. oben S. 87. Nach- 
träge Rohdes besonders in der praefatio zu Keller' s Rer. mit. script. min 



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44 Griechische Fabeln und Novellen. 

Uber den Volksaberglauben der Alten, anderntheils Beitrüge 
zur Litteraturgesehiehte und Doxographic der antiken Medicin 
an den Tag gelordert. In der findigen Verwerthung dieser ab- 
gelegenen, erst neuerdings energischer in Abbau genommenen 
l'eberlieferungsmassen verräth sich wohl der »Sohn des Arztes. 

Eine von Hohde im Khein. Mus. XXXI 628 (= Kl. Sehr. -II 
1931 als Anecdoton veröffentlichte griechische Novelle war frei- 
lich schon von A. Eberhard herausgegeben, in einer, weitern 
Kreisen sogut wie unbekannt gebliebenen (ielegenheitsschrift. 
Aber wissenschaftlich fruchtbar machten die künstlerisch werth- 
lose Erzählung doch erst Rohde's Erläuterungen, die dem 
scurrilen Motiv in den Litteraturen des Orients und Oecidents 
nachgeben. Neben einigen Bemerkungen in dem Schriftchen 
über Lucian's Lukios ist das Rohde's erster Beitrag zur ver- 
gleiclienden M ä r c h e n- u n d N o Vellen f o r s c h u n g. 

(ieineinsam ist «Uesen ersten Arbeiten eine entschiedene 
Richtung auf jene Masse von l eberlieferungen, die man folklore 
zu nennen pflegt. Neben H. L' sex Eli gehört Rohde zu den 
eisten zünftigen Vertretern der klassischen Philologie', die 
diese sozusagen unter der Erde liegende Fundamente der an- 
tiken Kultur mit modernen Mitteln und in lebendig theilneh- 
mendem Verständnis untersucht haben. 

* 

.lahre sind vergangen, ehe der Ertrag dieses iter Italicum 
annäbernd ausgemünzt war. Manches weniger Erhebliche, wie 
ein grosser Thcil der Excerple aus den alten Aer/.ten, Lexiko- 
graphen und ( iraininalikei n, blieb für immer im Pulte. 

So ist Rodde durcluius nicht aU ingeniunt luxurians durch 
Italien gepilgert. Er wn^te, was den reedten lielehrten, wie 
den wahrhaften Künstler, \<»u dem geishollsten Dilettanten 
unterscheidet : die sichre liehen schung der handwerksmüs- 
sigen Technik und die Rehnrrlichkeit in ihrer Ausübung. Vor 
der (Jel'ahr, über solcher Arbeit selh.i ein Handwerker, ein 
^r/aur,;- /.u werden, brauchte Er sieh nicht /.u furchten. 

1 Ahm drr v.ii Ii. T K '.lhiiMl.u (. .-in'!. il... Ii i'l «» Mi Mi i; un.l Wki.cki'R 
zu neu neu. I.II Ulli « in um! \U\\u\io.i e.'k'ilru m. Iii ;ni /.unt't. 



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IV. 



Habilitation in Kiel. Studien über Pythagoras und 
den griechischenRoraan. Die Streitschrift für Nietzsche. 

(1870-1873.) 

Schon von Italien aus hatte Rohde darum nachgesucht, 
als Privatdocent zugelassen zu werden, ehe die vorgeschriebene 
Frist (nach der Promotion) abgelaufen sei [M. 21 II 70]: mit 
Hinweis auf diesen Plan hatte er das Anerbieten, ein weiteres 
Jahr in Italien zu bleiben, ausgeschlagen. Allerlei Bedenken, 
die ihm in einsamen Stunden kamen, wogen nicht allzuschwer. 
»Das übelste ist« meint er in einem Brief an Nietzsche [X. 
24 III 70], »dass meine lateinischen Studien, die mir doch 
immer noch am paratesten liegen« — ein Zeugnis für die dis- 
eiplina Ritseheliana — »in Kiel nicht zur Verwendung kommen 
können, und meine griechischen, die mir allerdings innerlich 
lieber sind, auf Gebieten sich bewegen, die keine Vorlesungs- 
themen bieten. . . Ich habe Dich immer um die Ganzheit 
deiner Studien beneidet, wozu mir die Ruhe fehlt, während 
ich sonst . . . nicht einsehe, warum ich mein Haupt nicht so 
gut erheben soll, wie die Mehrzahl meiner theuern Fachge- 
nossen.« Die Angelegenheit wurde noch im Soinmersemester 
1870 erledigt. Doch versagen die uns vorliegenden Briefe und 
Schriftstücke in diesen Monaten vollständig. 

Rohde's Lehrthätigkeit setzt mitten im grossen Kriege 
ein. Zwar hatte er in den eisten kritischen Wochen ernst- 
lich erwogen, ob er als Freiwilliger in die Armee treten solle. 
Aber als alter Hamburger war er ohne alle militärische Aus- 
bildung geblieben ; er glaubte vorauszusehn , dass der Krieg 
entschieden sein werde, ehe er vor den Feind geschickt wer- 
den könne, und gab den Gedanken nach den .schnellen Er- 



46 



Lehrthätigkeit in Kiel. Politik und Patriotismus 



folgen unsres Heeres endgiltig auf. So zur Unthätigkeit ge- 
zwungen, suchte er sich — wie ein (grösserer, der zu seinen 
Lcbensführern gehörte „aus der Gegenwart zu retten, weil 
es unmöglich ist, in der Nähe solcher Ereigniss nur leidend 
zu leben" a . 

In seltsam zwiespältiger Stimmung »verurteilte« er sich 
dazu, als erstes Hauptcolleg (Winter 1870) eine Geschichte 
der grammatisch-philologischen Studien zu lesen, mit pädago- 
gischen Absichten, vor Allem sich selbst gegenüber; daneben gab 
er eine Erklärung von Piatos Symposion, die er, in Tübingen 
und Heidelberg, noch oft wiederholt hat : fünf Zuhörer bildeten 
»sein ganzes Contingent, bescheiden und dürftig wie die ganze 
höchst private Existenz«. War so das Hauptcolleg des ersten 
Semesters eine Art Propädeutik für den Vortragenden selbst, 
so Hng er im zweiten mit dem Anfang an: er las über Homer, 
>zu wahrer Erquickung; die Lachmannerei [wie sie Georg 
Curtius vertrat] erscheint mir täglich mehr als eine nur bei 
Schulmeistern mögliche ganz abscheuliche Barbarei. Hier ist 
gar nichts philologisch zu erreichen, nur auf ästhetischem 
Wege . . .« [X. 28 V 71J. Erst in Leipzig und Heidelberg 
kamen diese Gedanken zur Reife, während NIETZSCHE dem 
Homerproblem schon in seiner Basler Antrittsrede von ähn- 
lichem Standpunkt aus beizukominen versuchte hatte. 

Den grossen Ereignissen, die hereingebrochen waren, stand 
Kohde (wie die wenigen erhaltenen Briefe um die Wende des 
Jahres 1870 zu 71 zeigen) mit einer gewissen Beklemmung 
und Dumpfheit gegenüber: erst viel später ist er zu einem 
überzeugten Anhänger der Politik und Persönlichkeit Bis- 
marcks geworden, im ( tanzen doch wohl einer »der nationalen 
Allerweltskerle-, auf die er während der kritischen Zeit [z. B. 
X. 3 1 09 1 so schlecht zu sprechen ist. Sein patriotisches 
Empfinden war und blieb deswegen nicht minder tief und leb- 
haft. Aber vor dem Gedanken, dass nun Preussen, dass Berlin, 

1 Vor Allein mich Mit theiliuigen von Fhanz RriiL. der mit Kolide 
in Hamburg den 3. .September 1*70 feiert.-. 

- Besonders Goethe** Wilhelm Meister hatte er Jamal:* wieder ge- 
lesen. .Wer ist denn so begabt, dass t-r vielseitig gemessen könnte?* 
notierte er kurz vor dem Ausbruch des Krieges in seine t'ogitata ( Wan- 
derjuhve I 7). 



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Nietzsche und Wagner. 



47 



das »grosse Babel*, als der Sitz der siegreichen Macht, be- 
stimmend weiden könne für das geistige L e b e n, schreckte 
er zurück 1 . »Dass ich niclit früh bin in dieser dunkeln Zeit 
wirst Du Dir denken können. Blut und immer Blut, und Xoth 
und Elend täglich gehäuft, wann wird das endlich aufhören? 
Und dann nachher? . . . Audi die Aussicht in die Friedenszeit 
erscheint mir dunkel. Wenigstens unklar. Ein neues Mittel- 
alter nun gerade befürchte ich nicht . . . Aber «Jetztzeit' in 
entsetzlichster Steigerung . . ., ein völliges Abdorren aller tief- 
sten Kräfte, aller künstlerischen, schuftenden Fähig- 
keit. Wer wird noch so abgeschlossen in reinen Gebieten 
leben dürfen, wie unsre grossen Befreier, Goethe und seine 
Genossen, es vermochten .... Dass man ein stolzes Gefühl 
beim Glanz unseres Volkes empfindet, ist reiht und gut: aber 
wie man so ganz nur 'Jetztzeit 1 sein kann, um bei der Aus- 
sicht in die Zukunft nicht wenigstens zagend zu verstummen 
. . ., das verstehe ich nicht« [X. 11 XII 70]. Kohde hatte 
offenbar so eine Art second sight von einem Zeitalter der Ba- 
nausokratie, das damals noch fern genug war. 

Den in preussisehen Traditionen aufgewachsenen impulsiven 
Freund hatte es inzwischen aus seinem Schweizer Asyl mitten 
in's Unwetter hineingetrieben *. Er kehrte mit den Xachwehen 
einer schweren Krankheit behaftet im Herbst 1H70 als Inva- 
lide nach Basel zurück. Weihnachten verlebte er in Tribschen 
bei R. Wagner, im Verkehr mit dem Meister und seiner 
Gattin. »Im Reich des einzigen G e n i u s , den die Welt 
jetzt trägt« , fand Xietzsche damals für gewisse philolo- 
gische Häresien, die bei beiden Freunden gleichzeitig auf- 

1 Am schärfsten spricht «ich diese Stimmung aus in einem etwas 
später (bei Burckhardt's Berufung nach Berlin) geschriebenen Briefe N. 
•J7 IX 7i. A cimlich 14 X 7*_\ wo er. nach einer Schilderung des (in den 
Freiheitskriegen gefallenen) Alexander v. d. Marwitz (nach Yarnhagen, 
Galerie von Bildnissen II 11 ff.) die Meinung äussert, dass unsre Zeit 
gräulich hinter jener zurückgeschritten sei. 

1 Einer der Vielen, die neuerdings über Niet/.sche geschrieben ha- 
ben, findet diesen Schritt für einen Menschen, wie ihn. unbegreiflich. Als 
ob der harte, alle natürlichen Instinete niederzwingende Solipsismus des mit 
stetem Leiden ringenden Einsiedlers seine ursprüngliche Normalstimmung 
gewesen wäre. Ein Zug zum Heroischen ist gerade beim jungen X. 
unverkennbar. 



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48 



Richard Wagner. 



tauchen 1 , jenen auf unmittelbare Wirkung 'unter den Besten' 
berechneten, durch ganz persönliche Erfahrungen und Stim- 
mungen beseelten Barockstil, der das äusserst e Befremden der 
»Philologenkastet erregen sollte: er begann, im Sinne seiner 
zweiten rnzeitgemässen, Litteratur- und Musikgeschichte 'mo- 
numental' darzustellen. 

Rohde, längst ein überzeugter Wagnerverehrer, sah sich 
durch die lebensprühenden Briefe des Freundes in diese neue 
Atmosphäre wie mit magischer Gewalt hinübergetragen 2 . Auch 
die eben erscheinenden ersten Bände der Gesammelten Schriften 
des Meisters thaten ihre W irkung. Als der Ergänzer und 
Vollender des grossen Werkes unsrer Feldherrn und Staats- 
männer, als der K e t t e r der deutschen Oultur in den Ge- 
fahren, vor denen wir Rohde bangen sahen — erschien ihm 
nun der künstlerisch-philosophische Genius Richard Wagners. 
»Auch die Baireuther Pläne scheinen ja ihrer Reife nahe zu 
sein . . . Das wäre nun freilich ein seltsam erfreuliches Schau- 
spiel, wenn sich mitten in unsrer . . . Zeitwüste eine Oase fände, 
wo man sich in freiem Stolze seines Adels freute. Ach, wann 
wird denn dies deutsche Volk es neu begreifen — denn es 
hat's doch nur vergessen - dass es im eigentlichsten Sinne 
der A d e 1 der Völker zu sein bestimmt ist. So viel Treue 
und Liebe und Wärme noch in dieser Nation, aber wo ist 
jener sieh aufschwingende Zug. der zu Schillers Zeit . . . die 
Besten 'hoch über die tiefen Thüle' empor riss ! Geht nicht 
seit Jahrzehnten eine Ahnung kommender Barbarei durch so 
manche edelsten (»eisler. und wer weiss denn, ob der äussere 
Kern bei uns einem plötzlichen Losbrach viel fester wider- 
stehen würde, als bei uiisem armen Nachbarn, wo jetzt die 
entfesselte Hölle . . . alles Kille ausrottet . . . Eines hoffent- 
lich wird sich gut erproben, die Königstreue. Man rüttele 
doch um Albs au diesem letzten Ideal so vieler einfältiger 
Herzen nicht; ich glaube, dass den unseligen Franzosen eben 
das den letzten Sluss giebl, dass sie nicht Treue halten kön- 

« Vgl. /. H. K. ni» N IV 71. 

* No't /.setie HOitlte »Im» ••< 1 l'!i'" lu ll nriue .'l'i ii I^i Iiciht linkte und 
Yayu ; Knlidc dankt k ti Diu I ; er n l«mil -t« Ii im .In im d>tem luiteist >>n 
bewegten machtvollen Natur uiuuei.l Im I. \\ .i ( ;'"'» - '*m< lautendes Kr/., 
stark und innig . ■ ■• |N- ,; " 1 



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Pläne eines Zusammenlebens mit Nietzsche. 



49 



neu. Wahrlich, sie ist kein leerer Wahn, und so ist es alles 
das nicht, was man aus innerem Herzensdrang, autrichtig glau- 
bend, festhält — « [X. 28 V 71]. 

Bei Xietzsche verdichteten sich die Erlebnisse und Stirn 
mungen dieser im Bannkreis Wagncr's verlebten Monate zu 
dem phantastischen Plan, sich mit seinen Freunden, vor Allem 
mit Kohde, in einer Art von »Musenkloster« zu dauernder 
Gemeinschaft zusammen zu sehliessen : der Vorbote jenes 
noch phantastischeren Traumes von einer die Erziehung des 
neuen Geschlechtes leitenden Brüderschaft, der sich (in dem 
Bericht bei E. Förster-X. II 8. 117 ff.) liest, wie ein Stück Pia- 
ton oder Wilhelm Meister. Hohde Hess dergleichen von vorn- 
herein nur als «Wunsch« gelten; an eine Erfüllung, eine Ver- 
körperung im Leben, auch nur einen Augenblick zu glauben, 
war er schon damals zu skeptisch. »Unser Zwiespalt mit der 
'Jetztzeit' ist gewiss keine Grille . . ., sondern, wie du ganz 
richtig sagst, eine X'oth: aber es giebt wohl Xöthe, die keine 
Heilung kennen« (X. 29 XII 70). Xach der »weltfernen 
Insel < in Triebschen blickte er freilich mit stiller Sehnsucht 
hinüber; gerade damals begann er, sich in WauN'ERs Prosa- 
schriften zu vertiefen und, w ie bei Schopenhauer, im Künstler 
den Menschen zu suchen. 

Ganz anders schlug ein andrer Gedanke Xietzsches bei 
R. ein. Kurz vor seiner Reise nach dem Süden, im Februar 
1870, wies Xietzsche auf die Möglichkeit hin, den Freund, um 
dauernd mit ihm leben zu können, an seine bisherige Stelle 
als Philologen nach Ba.sel zu bringen und selbst auf das Ge- 
biet der Philosophie hinüberzulavieren. Rohde wagte kaum 
»seine Hoffnungen auf ein so unerwartetes Glück, das grösste 
das er sich wünschen könne, die Köpfe erheben zu lassen*, 
fühlte sich aber doch monatelang wie unter einem lähmenden 
Banne. »Das Geheimnis, unzufrieden zu sein besteht offen- 
bar hauptsächlich darin, dass man nie das Vorhandene als ein 
definitives betrachtet . . . Also iteruiu iterumque: schreibe mir 
alsbald, dass die Sache gescheitert ist« [X. 22 II 1 71]. Der- 
selbe Brief brachte die Xachricht von dem ZerHattern dieser 
Pläne und von Xietzselie's Erkrankung. So sehr sich Rohde 
bemüht, dem Freunde gelassenen Zuspruch und Rath aus den 

Cruiiui, K KuliUe. 4 



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50 



Wiedersehn in Leipzig. 



eignen Lebenserfahrungen zu spenden 1 : das Ende ist doch 
eine wahre Elegie um die gescheiterten Hoffnungen. »An ein 
Z u s a m menlelien dürfen wir nun zunächst nicht denken ; 
und das wäre doch mein höchster Wunsch, denn überall an- 
derswo komme ich mir seltsam fremd und gleichgültig vor. 
Lass uns wenigstens auf gelegentliche Zusammenkünfte auf 
Ferienreisen und dergleichen hotten; wir könnten z. B. das 
Rheinland als 'neutrale Zone' constituieren . . .c [X. 22 IV 
71]. In der gleichen Weise zerrann der wiederum von Nietz- 
sche angesponnene Plan, Rohde nach Zürich zu lancieren 
und dadurch 'freundnachbarliehe' Beziehungen herzustellen. 
Aber der Feuereifer, mit dem Nietzsche jeder Möglichkeit 
den Freund in seine Nähe zu ziehn, immer wieder nachjagt, 
hat etwas Ergreifendes. 

Nun sollte in ein kurzes Zusammentreffen in Leipzig Alles 
zusammengedrängt werden, was die Freunde einander sein und 
sagen konnten. Das sollen uns selige Tage werden: und ge- 
rade in dem alten, so lieh gewordenen Nest, wo jeder Fuss- 
tritt uns an jene frohen und bewegten Stunden jenes liebsten 
Lebensjahres gemahnt ! . . . Von mir ist sonst nichts zu mel- 
den, als dass ich . . . am Vorgenuss unserer Leipziger Con- 
ciliabula knuppere, viel über Land lauf, in Hecken sitze und 
griechische Scharteken lese und, in diesem tröstlich sanften 
Herbst wetter, fast etwas wie das Kribbeln eines embryonischen 
Musik-Hügels (alla Piaton) fühle . . . So blau sah ich im Nor- 
den die Schatten nie, nie das Meer so homerisch dunkel und 
veilchenfarbig. — Also ade, liebster Seelengenosse und auf 
ein freudiges . . Zusammentreffen im alten Leipzig-. Man 
glaubt in der That zu spüren , wie der liedanke an das 
Wiedersehn mit dem Freunde Rohdes Stimmung förmlich 
beschwingt 2 . Am i). Oktober traf R. mit Pauken und Trom- 

1 »Lastt einstweilen alle Musik hei. Seile; sie ist der Tod der Nerven, 
wenn sie einmal überspannt sind, wie sie ihre höchste Erfrischung in 
normalen Zuständen ist. Auch die schöne Einsamkeit . . . . ist hei Ner- 
venleiden eine Pein und wie ein Krankheitszustand; man kann, im (ie- 
genthcil, jede in gleichgültiger Gesellschaft vergessene Stunde für ein 
Heilmittel ansehen . . .* N. bat bekanntlich den Kalh des Freundes 
nicht befolgt, und wohl auch nicht befolgen können. 

3 Briefe von gleichem Charakter kurz vorher von Wyk auf Führ; 




v 




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Extraordinariat in Kid. 



51 



peten in dem alten Lyptzk ein«. Er und ein dritter Freund, 
v. Gersdorff, traten damals bei dem Buchhändler FßlTZSC ii 
als sponsores auf, um ihn zur Uebernahme von Nietzsche'» 
Erstlingswerk (der 'Geburt der Tragödie') zu bestimmen. Von 
solchen > offiziellen Schritten« abgeselm überzeugten sich die 
Genossen, dass sie noch im Vollbesitz ihres Jugendmuthes und 
Uebermuthes waren 1 . Man zog dann zusammen nach Naum- 
burg. Hier wurde am 15. Oktober 1871 die Geburt und 
■■■ Wiedergeburt des genesenen Freundes gefeiert. Da er- 
tönten dann Musik, Philologie, Philosophie im »alten Drei- 
klang' ; vor Allem blieb es Rohde unvergesslich, wie er da- 
mals seinen Freund Wagner vortragen hörte »und auf das 
allertiefste erregt, von diesen Klängen umspielt, wie in einer 
goldnen Wolke wandelte, den andern Aehäern unsichtbar.' 
Ein charakteristischer Niederschlag dieser Tage sind die (von 
E. Förster-N. II S. 61 ff. mitgetheilten und in Anhang wieder 
abgedrucktem Knittelverse auf das Ding an sich, die uns 
(neben manchem Briefe) Rohde den Humoristen kennen 
lehren. 

Inzwischen klärten sich auch die Verhältnisse in Kiel: 
auf Ribbeek's, von Gutseh mid und Nöldeke energisch unter- 
stützten Vorschlag wurde Rohde im Frühjahr 1872 zum Extra- 
ordinarius befördert, sehr gegen Wunsch und Willen seines 
»alten Freundes, Peters des Prächtigen« d. h. P. W. Forch- 
hammers, dessen dumpfen Widerstand er überall peinlich ge- 
nug empfunden hatte 2 . Man konnte bei Rohde schöne, für 
Kieler Verhältnisse geradezu glänzende Lehrerfolge nachweisen. 
In den immer weiter ausgreifenden Vorlesungen wurde bald 
der ganze Kreis der griechischen Litteratur, zunächst in Theil- 



als Rendezvousort war ursprünglich die 'neutrale Zone' bei Mannheim 
ausersehen. 

1 Das Bild bei Elisabeth Förster-N. mag durch einige Zeilen aus einem 
Briefe Rohdc's ergänzt werden. »Zunächst bin ich dir noch zu niannieh- 
fachem Danke verpflichtet, zuerst für die Ueberschickung der herrlichen 
Photographie der 3 gerechten Kamininacher : in der That das Bild dreier 
. . . Messschauspieler [K.. Nietzsche, v. Gersdorff]. . . Viel innigeren 
Dank aber sage ich dir, 1. Fr., fflr Dein schönes .Fragment im sich* 
[eine Compositum Nietzsche'*]» [N. 27 XI 71]. 

2 Zeugnisse für diese Vorgänge liegen unter den Papieren Rrnnr.CKs. 

4* 



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52 



Besuch bei K. Wagner. 



darstellungen, durchmessen ; auch ein Oolleg über Quellen der 
Literaturgeschichte findet sich, daneben wurden die bedeutend- 
sten Poeten, von Prosaikern Plato und Thukydides in Einzel- 
interpretationen behandelt. Auch bei der Leitung des Semi- 
nars, zu der er auf Ribbecks Antrag herangezogen ward, 
bewährte sich seine junge Kraft. 

Zu solchen immerhin beruhigenden äusseren Erfolgen Rohde's 
trat das bedeutsamste innere Erlebnis dieser Jahre: es spannen 
sich, eingeleitet durch den Besuch inTribschen, engere persönliche 
Beziehungen mit R. \V AGNER an. Die ersten Zuschriften und 
Zusendungen fallen in den Winter 1871; im Frühjahr 1872 
überwand Roh de seine Scheu 1 soweit, dass er, »da sein Kom- 
men in so freundlicher Weise gestattet und erwartet werde*, 
zugleich mit dem Freunde sich in Bayreuth einzustellen ver- 
sprach — »wenn ich mir auch . . . unter der musikalischen 
Gesellschaft wie der Chinese in Rom vorkommen werde«. Er 
vertraute auf »die erstaunliche Weite der ganzen Gedanken- 
welt«- bei Wagner und Wagners Gattin; darin werde für ihn 
wohl auch ein Stück Heimat sein. Zurückblickend auf die »wie 
in einer erhöhten Existenz verlebten Tage* schrieb er Ende 
Mai an den Freund: Das Gefühl habe ich allerdings von 
Bayreuth mitgenommen, dass wir dort unsere Heim a t zu- 
rückgelassen haben und diiss ich die moralische Verpflichtung 
habe, mich im Kampf um dieses höchste Gut, Dir, mit meinen 
schwächeren Kräften, als einen Waffenbruder an die Seite zu 
stellen.« Rolide hat das in den nächsten Jahren gethan, so- 
weit es ihm bei seiner Organisation möglieh war. Alles Agi- 
tatorische und Demagogische ging ihm aber wider den Strich, 
und bei dem Versuch, einen 'Mahnruf zu Gunsten der Bay- 
reuther Sache zu entwerfen, stockte ihm »-alle populäre Kraft- 
sprache« ; die Aufgabe, die Masse der Laien und Gegner >zu 



Vgl. auch K. an N. 14 VII 71. 6 V 72. 

' >Man erscheint, ausserhalb seines Bereiches herumtappend, so leicht 
wie ein zudringlicher Dilettant: eine «<cheu.sHliche Sorte« [N. 10 IV 72]. 
Vgl. auch Elisabeth Förster-N. Fr. N.. Bd. 11 8. 2or> ff. 

" Kin späterer Brief IN. 22X11 72] giebt ein intimes Bild ans diesen 
Tagen. Auch 1873 trafen sich die Freunde wieder in Bayreuth: K. För- 
ster II 8. 214. 



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Die Bayreuther Suche. Recensionen. 



53 



irgend einer Thätigkeit zu ü b e r r e den, ohne sie geradezu 
liebreich zu streicheln«, schien ihm fast unlösbar und später 
auch durch des Freundes Entwurf 1 nicht gelöst. So verfolgte 
er denn in > leidender Theilnahmec das schmerzvolle Werden 
des Werkes, an das seine besten Wünsche und Hoffnungen 
sich angeklammert hatten. 

* 

* * 

Auch die schriftstellerische Arbeit feierte in der »drang- 
vollen Zeit der ersten Docentensemester nicht ganz. 

Vor Allem wurde den italiänischen Findlingen der letzte 
Schliff und eine solide Fassung gegeben, soweit das noch nicht 
an der Fundstätte selbst geschehen war. 

Ausserdem schrieb Rohde einige Anzeigen für das litterari- 
sche Centralblatt (vgl. Kl. Sehr. I p. XVI ff.). Das Verdienst, 
Fr. Zakncke auf Rohde schon damals aufmerksam gemacht zu 
haben, kommt Nietzsche zu, der in derartigen kleinen Dien- 
sten und Aufmerksamkeiten gegen den Freund unermüdlich 
war. Rohde meinte zwar, dass er sich zu solchen kritischen 
Eiertänzen <■ wenig eigne [X. 22 III 71]; aber gleich die ersten 
Versuche (über Teuffel's Studien und Schneiders Oalliinaehea) 
vereinigen Bericht, Kritik und eigne Arbeit in jener äusserst 
gedrängten und doch anmutigen Form, die für Rohde als Re- 
censenten charakteristisch ist. Was Rohde bei einer solchen 
Gelegenheit ganz beiläufig (an den von Schöll I S. XVII 
ausgehobenen Stellen) über Hölderlin oder über Aristophanes 



> Vgl. Elisabeth Förstcr-N. II S. 219 ff. Rohde schreibt damals [22 XII 
72]: »Kürzlich hat man in Wien da* Doppelte für ein Operntheater auf- 
gebracht, in dem vermuthlich nach altem Stil fortvirtuosirt wird: . . . 
für eine wirkliche, ächte Kunstleistung, ein „Beispiel*, dergleichen die 
neuere Zeit gar kein« noch kennt, muss mit .Stöhnen, Seufzen und Mühe 
das miserable Geld zusammengekratzt werden, an dessen Ausbleiben 
vielleicht die erstaunlichste That einer totalen Kunsterneuerung scheitern 
kann! Ich habe in den Zeitungen \V[agner]s Reise nach Talenten an- 
theilvoll verfolgt und sehr über die ridieüle Onkehniene mich ergötzt, 
mit der Kölner und Bremer Zeitungen ihm das Zeugnis ausstellen, in 
persönlicher Gegenwart bei Weitem nicht so anmassend zu sein, wie in 
seinen Schriften — von denen die Esel nichts, aber nichts verstehn!« 



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54 



Die Pythagoraslegende. 



(als den Yerthcidiger des alten Hellenenthums gegen den heran- 
ziehenden Hellenismus) vortrügt, leuchtet in der That bis in 
den tiefsten Grund dieser problematischen Persönlichkeiten — 
und des Schreihers selbst. 

Von grössern Untersuchungen wurde nur eine abgeschlossen, 
in der Kohde seine bei (jlutschmid geschulte Forsehtings- 
technik auf ein ihn ganz persönlich interessierendes (»ebiet 
richtet: der Aufsatz 'über die Quellen des .lamblichus in 
seiner Biographie des Pythagoras' (Hb. Mus. XXVI. XXV11 
1871. 1872 = Kl. Sehr. II 102 ff.) 1 . Schon in der Wahl des 
Problems zeigt sich der sichre Instinkt des gebornen Forschers. 
Diesen grobnäthigen ( 'entunculus konnte man in der That mit 
einiger Zuversicht aufzutrennen und schichtweise in seine 
Bestandteile zu zerlegen versuchen. Freilich gehörte dazu 
eine sichre Hand und vor Allem ein feiner Blick für das 
Charakteristische der ausgezettelten Originale. Rohde hat 
diese entsagungsvolle, aber ertragreiche Arbeit in mustergil- 
tiger Weise erledigt; in der Hauptsache, der Analyse des 
Jamblich, wird man wenig zu bessern rinden, mag man auch 
an dem stets hypothetischen Stemma der (Quellen gelegentlich 
herumrücken '-. Aber auch in sachlicher Hinsicht hat Rohdes 
Aufsat/, ganz anders als die sterilen Quelleuuntersuchungen 
andrer Anfänger, freie Balm geschaffen: eist er hat die (irund- 
züge einer (i es c h i c b t c d e r P y t h a g o r a s 1 e g e n d e 
fest p legt und damit eine geschichtliche Erkenntnis und Wür- 
digung dieser rätselvollen Persönlichkeit angebahnt. JAKOB 
Bt UCKllAUDT in seinem anziehenden Vortrage über den alten 
Propheten geht sichtlich durchweg von Kohtle's rntersueh- 
ung« n aus'-. 

In der That war es das Interesse für die Sache, nicht 
die öde Absicht, seine kritischen Künste spielen zu lassen, 
was Kohde auf das Thema geführt hatte. »In letzter Zeit 

1 l eher de« Entstehung und das letzte Zi.-l der Sehrift gelten Briefe 
an Niet/sehe aus dem Krüh jähr 1871 werthvnlle Aufschlüsse. 

* Kinige wichtige Nachtrüge ht i Kohde seihst im (ir Horn.* J>. J.k5 '. 

s Ytfl. jetzt die 'Kultmgesohi( htc - III Sl2 rl. — Nachträglich bietet 
ein Brief Kohde'!» die Bestätigung: »Bitte um h Burekhai «Iten zu emi>feh- 
len; ich danke ihm für seinen Antheil an meinen pythagoreischen Klei- 
nigke.ten« JN. 9 I 72]. 



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4 

Studien zum griechischen Roman. 



55 



war ich vielfach mit Pythagoreischen Dingen beschäftigt; das 
Problem ist nach allen Seiten interessant .... Beiläufig: ein 
Buch über g r i e c h i s c h e M y s t i k bliebe auch nach Lobeck 
noch zu schreiben: Der Mann kennt Alles, hat den klarsten 
Verstand, aber die Liebe nicht, die jeden Gegenstand erst 
innerlich verständlich macht. Wie ich diese fatale Göttinger 
Weisheit' von der 'Heiterkeit des ächten Griechenthums* hasse. 
Dionysus hatte ganz ebenso tiefen Eintluss, als der Göttinger 
aufgeklärte Apollo . . . Zwischen Homer und Aeschylus in- 
mitten liegt eine Zeit tiefster mystischer Erregung und einer 
inneren Vertiefung, von der nur die Hache Klarheit alexan- 
drinischer Zeit gar so wenig übrig gelassen hat. Niemals haben 
ernstere Naturen dieses einzigen Volkes sich zu der Flachheit 
modern-optimistischer 'Selbstverständlichkeit' der Welt und 
der Menschengeschicke . . . herabgelassen« |N. 22 IV 71]. 

Man sieht, wie Rohde dem Verfasser der 'Geburt der 
Tragödie' auf halbem Wege entgegenkommt; auch wird deut- 
lich das Motiv angegeben, auf dem sich die glänzendsten Ab- 
schnitte der 'Psyche' aufbauen. 

Gleichzeitig rüstete Rohde sich zu seiner ersten litterarischen 
Meisterleistung. Er hielt 1871/72 Vorlesungen über einen 
Gegenstand, der wohl noch nie auf deutschen Hochschulen 
eingehend behandelt war: über die Geschichte des grie- 
chischen R o m a n s. 

Kein Zweifel, dass R. schon längst, ohne den Stoff in 
allen Einzelheiten durchgearbeitet zu haben, aus der Analyse 
der erhaltenen Liebesromane die leitenden Gedanken des Buches 
intuitiv gewonnen hatte; die scheinbar disparatesten Studien 
(über die Paradoxographen, die Fabel und Novellenlitteratur, 
die alten Rhetoren) verbinden sich hier zu einer höheren Ein- 
heit. Wirklich entwirft Rohde schon in der Recension von 
TeutTcl's 'Studien und Charakteristiken' (Centralbl. 1872, 85» 
die Umrisse seiner Darstellung. Zum Ausarbeiten fand sich 
freilich, bei den immer neuen Aufgaben die der Tag brachte, 
keine Müsse. Aber das Problem, das ihn beschäftigte, be- 
gleitete ihn überall: so wurden dessen Wurzeln bis in die 

1 Gemeint sind als .Typus: E. Curtii Outtinger Festreden«, s. 8. 2. 



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56 



Nietzsche'» 'Geburt der Tragödie'. 



letzten und feinsten Fasern verfolgt uml der Stoff — von 
einein prineipiell ausgeschlossenen Punkte abgesehn — mit 
einer geradezu erschöpfenden Vollständigkeit zusammengeschart, 
wie etwa in den Büchern Lolieek's. 

* * 
* 

Mitten hinein in dies stille, arbeits- und ertragreiche Ein- 
siedlerleben, dem die Verbindung mit Wagner und seinem 
Werk eben eine höhere Weihe zu geben schien, klang miss- 
tönend der Spott und Lärm, der sich um das erste Buch 
Xtetzschks erhob: um seine 'Geburt der Tragödie aus dem 
(ieiste der Musik' (1872). Uohde fand, nach einem wahren 
Passionsgange von einer Redaktion zur andern 1 , endlich bei 
der norddeutschen allgemeinen Zeitung die Thür offen; sein 
'bakchiseher Panegyrikus' (wie Bitsehl ihn nannte) ist in 
den Kl. Sehr. (II 340) wieder abgedruckt. Als dann die 'Zu- 
kunftsphilologie' erschien (Berlin, (icbr. Borntracger 1872), 
fuhr Kohde mit achilleiscber AVucht dazwischen in einer Ver- 
teidigungsschrift »mit dem von den Basler P'reunden einge- 
gebenen gräulichen Titel Afterphilologie« [K.J. Auch Rohde 
wandte sich darin wie Nietzsche an R. W.UJXKK als den patronus 
causac eigcntlicli aber an die Herren Philologen, um sie 
zu ersuchen, aus dem Buche zu lernen, dass sie, aufhörend 
blosse Wortklauber zu sein, sich als eine Garde der edleren 
Bildung eonstituiren mögen, als wozu sie. an den Griechen, 
allein das leitende Vorbild haben können . Man hat gemeint, 
dies Eintreten für Nietzsche habe für Rohde ein Sacntizio doli* 

1 Sowohl «las litterarische Centralblatt (Fa. Zakxckk) wie der philo- 
logische Anzeiger (K. v. Li.l tscu lehnten, bezeichnend gentig. eine Be- 
sprechung aus der Feder ihre» Miturhciter* 1 nicht den Hymnus' der N.A.Z.) 
ab [N. "JH I 7-; II 7L']. t'eberrascht winde Kohde durch dies Schick- 
sal nirht. >Mir liegt, in dieser Angelegenheit, immer das Schillersehe 
Epigramm von 'Weisheit uml Klugheit' im Sinne: in Alexandria aber 
wohnen, ausser einigen klugen Hitsehl» — die. wie der bandptiVger 
spreehen werden: .Du rasest" — zahllose Dnmtne. und ganz. Einzelne, 
die nach tiefer Weisheit dürsten. Diesen Dummen klänge die neue 
Mähr nicht anders als chinesisch!- [X. 1> I 7 - _'|. 

s Der Entschluss, der Streitschrift diese Form zu gehen, ist von 
Kohde selbst ausgegangen, wie ein Brief ;in Nietzsche |1S IV. ähnlich 
12 Vll 721 beweist. Vgl. auch N. an v. (iersdortf. ties. Briefe 1 S. m ff 



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Streitschrift für Nietzsche 1 « 'Gehurt clor Tragödie. 57 

intelletto bedeutet. Mit Fnrecht. Wie tief ergritten Rohde von 
gewissen, dem Freundespaar zum guten Teil längst gemein- 
samen Anschauungen 1 war und blieb, beweisen, eindringlicher 
noch als seine Briefe', gerade seine reifsten Arbeiten; was 
Nietzsche, aphoristisch und beengt durch Schopenhauerische 
Formeln, vortrug Uber die homerische Welt in ihrem Verhält- 
nis zu einer finstern Vorzeit, über die Bedeutung des Orgias- 
mus, Uber den Kampf und die Versöhnung des Dionysischen 
und Apollinischen — das wirkt noch in Kohde's letzten Gaben 
fühlbar nach. Lieber das Phänomen des Tragischen äussert 
R. sich brieflich einlässlicher, als in seiner Anzeige oder in 
der Streitschrift. - Vorzüglich bewegt hat mich, was Du Uber 
den in's Endlose starrenden Hintergrund des M y thus ge- 
sagt hast ; das mag es wohl sein, was diesen griechischen mythi- 
schen Poemen jenes ganz und gar . . . Unvergleichbare giebt : 
ein Bild der Welt, wo sich ein furchtbar Gewaltiges aus wei- 
tester Umfassung zu einigen kleinen Individualtiguren des Vor- 
dergrundes zusammenfasst : nur diesen Vordergrund sehen wir, 
und ahnen doch, dass hier nur Oberfläche ist . . . Das Er- 
habene, Erhebende der tragischen Wirkung liegt vielleicht in 
dem Schauspiel eines Menschen, der über die Enge des Ein- 
zelwesens heroisch hinausdrängt zu einem weiteren Wirken . . . 
Treibt ihn ein Uebermass persönlichen Grössegefühls, so wird 
er ein activer tragischer Held sein; es giebt auch Beispiele, 

1 Vgl. z. B. Cog. U f. 22 XI 70 über Sokrates und die Tragödie. 

• Bedeutsam ist vor Allem eine ganz beiläufige Aeusserung über 
einen der Vorläufer des Buches, die 'Sokratesrede' : »dax wäre ja ein An- 
satz zu einer wirklich philosophischen Vertiefung in diese wunderbaren 
Vorgänge der Geburt der geheimnisvollsten Kunst. . Kibbeck hat die 
Schrift mit vielem Interesse gelesen und lässt Dir seinen schönsten Dank 
sagen« [N. 17 VII 71]. Und mit Bezug auf die »Tragödienschrift« selbst: 
»Ribbeck lobte die .Schrift sehr: nur wünschte er Beweise, nur Kin 
Zeugnis dafür, dass denn also in der That aus dem zauberhaften 
Traum de» dionysisch verzückten Chors die fremdartigen Bilder auf der 
oxyjvt, zurückgespiegelt seien. Da liegts ja! l'ebrigens welch seltsame 
Vorstellung: als ob die schwere Kunst, des Unbewussten sich bis zur 
prosaisch-logischen Fixirung bewusst zu werden, überhaupt vor der deut- 
schen Philosophie dieses Jahrhunderts irgendwo in der Welt existirt 
hätte! . . . Nur reisst beim Darlegen . . . freilich die Kette des logischen 
Exponirens: wer nicht gleich empfindet und sieht, dem predigt man da 
vergebens« fN. 1 VI II 71]. Dasselbe Thema N. 29 I 12, vgl. auch 22 IV 
71, oben S. 47 f. 

1 



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58 



Bedeutung des Tragischen. Aufgabe der Antike. 



wo die allgewaltige Kraft in einem Individuum, fast gegen 
dessen Willen, zu mehr als individuellem Wirken sich so aus- 
dehnt, dass die enge Form zerspringt : das sind passive tra- 
gische Charaktere, wie Schillers Jungfrau. Immer liegt in 
diesem Kampf etwas Erhabnes; und schliesslich empfindet man 
eine herbe Freude, wenn der ganz Zerbrochne, der Unverein- 
bares, menschliches d. i. Individualglück, und übermenschliche 
Thaten wollte, das Individuum freudig von sich wirft [N. 
1 VIII 71] 1 . Kohde hat sich später dem Problem von an- 
derer Seite zu nähern gesucht*; aber in den Hauptpunkten 
— vor allem in der Ablehnung des philisterhaften Postulats 
der 'tragischen Schuld' und der sozusagen positiven Einschät- 
zung des Heroisch-Tragischen — kam er aufs selbe Ziel hinaus \ 
Und schliesslich und vor Allem : mit der Grundforderung, dass 
man "ler Antike mit ganzer Seele nahn^ und sie aus inner- 
stem und eigensten Empfinden begreifen, dass man sie dann 
aber auch verjüngend und belebend , in unsre Gesammtkultur 
hinüberwirken lassen müsse, war es Rohde gerade so bitterer 
Ernst, wie dem Freunde. Er glaubte damals an eine besondre, 
durchaus nicht nur 'geschichtliche' Mission der Antike, und 
hat immer daran geglaubt. Davon reden noch eindringlicher, 
als die Broschüre, die gleichzeitigen, oft nur trümmerhaft er- 
haltenen Briefe und Tagebuchblätter, mit dem schwärmerischen, 
schwerflüssigen, auch stilistisch noch nicht ganz geklärten 
Ueberschwang dieser Jahre. Ich bin nicht so naiv heisst 
es einmal sein [Nietzsches] Buch für ein symbolisches Wahr- 
heitsdocument zu halten, aber ich will es nicht verstehn, wie 
die Vertreter des Besten ... es so ganz verkennen können, 
dass in seinem Buche, in unzweifelhaft ungeheuer excentrischer 
Weise, eine jugendliche, schwärmerische ernste Seele die rich- 

1 Vgl. zu diesen noch in Sehopenhauerischem Grunde wurzelnden 
Gedanken die unten aus den Cogituta unter Nr. 7. 12 abgedruckten Stellen. 
* Vgl. unten Kap. X, auch Cog. 29. 

s Hei E. Förster, Md. II S. 08 ff. wind eine Reihe von Stimmen ver- 
zeichnet, die bei dem Erscheinen der „Geburt der Tragödie* laut wurden. 
Hinzuzufügen ist noch ein wahrhaft Stimmberechtigter, der Löser der 
Katharsis!'™ ge J. Bkunays. Dieser hat sich nach Briefen Rohde's zu den 
Hauptpunkten zustimmend geäussert, dabei freilich auch einfliessen lussen, 
dass er Alles schon lange selbst sieh so gedacht habe [X. 12 173. vgl. 
20 II 72]. Vgl. auch Kikükck an W. Dii/tiiky Hr. K»o S. 2iH f. 



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Aufgabe der Antike. Ton der Polemik. 



59 



tige Ueberzeugung ausspricht: dass eine Zeit nicht auf dem 
rechten Wege sein könne, in der, wie aus einem Sumpfe der 
allerfrivolsten Civilisationsverhältnisse eine Blüthc der feinsten 
und reichsten Wissenschaft erblüht, die zwar mit jenem Sumpfe 
gar nichts gemein, aber auf ihn auch gar keine sichtbar ver- 
edelnde Wirkung hat. Und ist es nicht ganz gewiss, dass die 
wunderliche Tendenz einer Zeit, die mit einer, Millionen wissen- 
schaftlicher Erkenntnisse nur a d d i r e n d e n Thätigkeit sich 
über die Xothwendigkeit einer alle Einzelheiten . . . ordnenden 
und beseelenden Gesammtanschauung und ethischen Gesauimt- 
emptindung hinwegsetzen zu können meint — - dass diese anti- 
philosophische, antireligiöse, unkünstlerische Wahnvorstellung 
dieser rein 'wissenschaftlichen' Zeit sich auch unsrer Wissen- 
schaft, in den jüngsten Vertretern am Meisten, entseelend und 
erkältend, bemächtigt hat? l ud wenn nun schliesslich X. eine 
Kräftigung des künstlerisch-philosophischen Sinnes . . . von den 
- was nur der gemeine Xeid verkennen kann — uneigennützig- 
sten, kraftvoll erhabenen Bestrebungen des einzigen gegen- 
wärtig lebenden weitathmigen Künstlers der deutschesten Kunst, 
der Musik, in vielleicht zu enthusiastischer Bestimmtheit er- 
hoft't : so konnte man seinen Irrthum, wenn es denn ein 
solcher ist, ehrlich widerlegen ; aber wie die Philologen, auch 
die Vielen unter ihnen, denen das . . . 'Ideale' eine ernstliche 
Herzenssorge ist, — wie auch diese, durch die Besonderheit 
seines Glaubens und seiner Darstellung . . . zur völligen Weg- 
werfung des tiefern und allgemeineren Gehaltes seines Buches 
hingerissen, ihn wie einen Aussätzigen meiden können . . ., 
das verstehe ich nicht, gegenüber der so sehr gebotenen 
Wafiengemeinsehaft der wenigen 'Edlen' gegen die andringende 
Masse ... [R. o. D. 1872] \ 

In dem Verfasser des Pamphlets hatte das Freundes- . 
paar einen solchen Wattengenossen zu tinden gehofft ; um so 
schmerzlicher war die Enttäuschung. Rohde's Grimm wurde 
nun (wie die Briefe zeigen) aufs äusserste gesteigert durch 

1 Die Antwort Ribbecks [18 XI 72] in deasen Brieten, Nr. 194 S. 302 f. 
Hingewiesen sei noch auf die Aeusserungen in den Cogitata, vor Allem Nr. 44, 
wo Rohde meint, N. biitte. um Mißverständnissen vorzubeugen, dem Ganzen 
eine poetische Form geben können: eine Vorahnung de* Zurät hustra-StUs. 



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60 



Positiver Ertrug. 



die verletzende persönliche Haltung dieser Jugendschrift 
Clinchs v. \Vilamowitz, und durch gewisse Flüchtigkeiten, 
die Kohde als bewusstc Entstellungskunst , als > Flausen und 
Finten- zu deuten geneigt war'. 

So ist in der Tliat auch die Gegenschrift Rohde's — die 
erste, in der er sich an ein weiteres Publikum wendet — auf 
einen Ton gestimmt, der von seiner, hei aller Leidenschaft- 
lichkeit vornehmen und gehaltenen Polemik andern Forschern 
gegenüber erheblich absticht. Gegen den Angreifer blieb in 
Kohde ein dauernder Groll zurück, der weder durch dessen 
späteres Schatten noch durch den EinHuss gemeinsamer Be- 
kannten (wie Fr. Matz) gedämpft werden konnte. 

Ganz ohne positiven Gewinn ist aber auch dies Inter- 
mezzo nicht geblieben. Mit wohlthuendem Enthusiasmus wer- 
den die Aufgaben einer wahren, seelenvollen Alterthums- 
kunde gezeichnet (ein schönes Schlagwort, das auch in Kohdc's 
Briefen gern gebraucht wird) und im Gegensatz zu v. Wi- 
lamowitz manche literarhistorische und ästhetische Eiuzel- 
fragen fruchtbar behandelt, wie der musikalische Vortrag der 
Elegie (weiter verfolgt im Hornau S. 139), die Geschichte des 
Dithyrambus, die lyrische Tragödie, die Parakataloge, die 
Analogie zwischen Dichtung und Traum, die Verwandtschaft 
des dichterischen Schattens mit musikalischer Stimmung 2 . 

1 '/,. \\. wenn v. Wii.amowitz 'Zukunftsphilologie' S. 30 Nietzsche 
• Iii- Kunst »deicht liehen Verschweigen* vorwirft, während Nietzsche das 
von seinem (i.'irnrr angerufene Z.-u^nis otisiirücklieh he.sprieht, vgl. 'Af- 
t< rphilologie' S. 17. 41. 

- Dir Stelle Otto Lcmvids ilir H. -irgendwo' gelesen zu haben sieh 
erinnert |S. 14) sieht jetzt in Ludwig.» Sell.»thekenntnissen um Schlus» 
drr gi-MiiiniK Itni Werke. 1'eluigens gehört Lunwio zu den Künstlern 
mit di iiiniil Hi li iin^ikalisi lieni Doppeltnlent mu h der antiken Nonn wie 
Wagner, nur «Li h h die tmisikuli»rlie Seite liei ilmi wohl von vornherein 
schwächer war und schliesslich verkümmerte, l'eher die 'Dichterträunie' 
hat Kohde, die A udent linken S. Iti ausfahrend, noeh öfter gesprochen, 
vor Allem im -Koman' S. '.»L\ (Jan/, und gar in Niet/sehe'* und Kohde's 
(iedanken stimmen ein «he Itekennt nis>e 1*. Ilivsi», '.lngendcrinncrungen' 
S. :l4»i: .Nun vollzieht sieh freilieh der l>e-le Theil aller künstlerischen 
Krlindting in einer geheimnisvollen unhewu^sten Krregung. die mit dein 
eigentliehen TranniMistaud nahe verwandt ist. . . Mehrmals aher. zumal 
im morgendliehen ItalMr.ium . ist e» nur hcgc^iet. Motive zu .•rtindeu. 
die ich dann nach dem Krwaehen fort»pnnu und sofort zu runder Ent- 
wicklung Inaeide. . .* Von antiken Poeten wäre noch Stativs zu er- 



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Aeusserungen K. Wagners. 



61 



Den freudigsten Widerhall weckte die temperamentvolle 
Streitschrift in Bayreuth. Von R. Wagner empfing Rohde 
im Oktoher 1872 ein freundliches Schreiben, voll jener er- 
habenen Xaivetät, die ihm als schönste Eigcnthümlichkeit des 
Genius eigen ist. Als ob i c h, mich zu ihm gesellend, seiner 
Sache irgend etwas zusetzen könnte! Einige Wochen später 
kam ein > liebenswürdiger Brief von Cosima Wagner; Kohde 
hat von der genialen Frau noch wiederholt Rath und Zu- 
spruch in schwieriger Lage erfahren. Beide empfanden leb- 
haft, dass hier Ein Freund für den andern ohne Zaudern seine 
Existenz einsetzte 1 , und den Freund selbst „erfüllte die wahr- 
haft aufopfernde Handlungsweise Rohdens immer und immer 
mit der innigsten Dankbarkeit" (E. Förster-X. II S. 94). 

Rohde hatte die Sachlage von vornherein schwarz genug 
angesehn, und auch die privatissime geäusserte Zustimmung 
Ritschl's und Ribbeck's konnte ihu nicht sonderlich trösten 



wähnen S»/r. I 3, 23 habentes carmina somnos (dazu Vollmer S. 268); der 
alte Improvisator mag aber vor Allem an das Versesehmieden im Traum 
gedacht haben, von dem Heyse kurz vorher launig spricht. Rohde ist 
dem Problem noch wiederholt nachgegangen, z. B. als er es in einer 
Schrift Volk Ei/r* (die Traumphantasie. 1S75, S. 176) behandelt fand. 

R. Waonkr schreibt (Bayreuth 29. Oct. 72): „Mein geehrter Freund! 
Ich finde, dass ich mit und durch Nietzsche in recht gute Gesellschaft 
gekommen bin. Das können Sie nicht wissen, was das heisst, sein langes 
Leben über in schlechter, oder wenigstens alberner Gesellschaft verbracht 
zu haben. . . Aber diese Wendung beginnt auch wirklich erst mit Nietz- 
sche: vorher schwang sich meine Sphäre nicht höher, als bis zu Pohl, 
Nohl und Porges . . . Unsere Freude Ober Ihre Schrift war gross: sie 
ist das würdige Seitenstück und Complcment der „Geburt 41 selbst. Die 
Hauptsache für uns war, aus dieser Abfertigung wieder etwas lernen zu 
können, und ausserdem den ^ganzen Mann* so recht achten und 
lieben zu lernen. Gewiss musste uns Allen so Etwas schön helfen: in 
den Zukunftsmorast der menschlichen Gattung wage ich aber keinen 
sehr herzlichen Blick mehr zu werfen. Doch können wir das immerhin 
die Sache Gottes sein lassen, wie er das Alles zu seiner Ehre einrichten 
will .. Cosima W. sagt u. A. (Strasburg 23. November 1872): ,. . . so 
kann ich sngen, dass selten mich eine Schrift so ergriffen hat und mir 
80 wohl gethan; wohl und weh, denn sie ist eine That . . ., deren weittra- 
gende Folgen Sie sicherlich vorausgesehen haben, wie ich sie förmlich 
eintreten sehe. ... So bang nun. bei dem Erkennen der äusseren Lage, 
mein Gefühl ist, so sicher, fest und über alle Noth erhaben ist es, wenn 
ich an die Kegung denke, die gegen alle äussere Rücksicht mächtige, 
die Sie bestimmt hat. und so rufe ich: Heil Ihnen, dass Sie so sind, und 
so denken, und so handeln !- 



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62 



Leben in Kiel. 



[X. 8 XII 72]. Ich habe die Abfertigung wahrhaftig nicht d'tin 
rocttrhyer unternommen, sondern ich wusste und weiss genau, dass 
der einzige Erfolg der sein wird, dass auch ich in das schwarze 
Buch eingetragen werde, wo die heillos Verrückten stehn, die 
sich von der herrlichen 'Jetztzeit* nicht aufklären lassen 
wollen . . . Ich weiss ganz gut, dass meiner 'Carriere' selbst 
ein Feind kein schlimmeres Hemmnis bereiten kann, als ich 
selbst mit dieser Parteinahme für Xictzsehe . . . Und doch 
konnte ich nicht anders: ich konnte es nicht stillschweigend 
ansehen, wie mein Freund, den ich liebe, dessen Wesen icli mit 
dem Verständnis des Herzens durch und durch verstehe, von 
seinen Fachgenossen, wie ein Verbrecher, mit scheuem Still- 
schweigen bestraft und . . mit Koth beworfen wurde. [R.] 

Die nächsten Jahre schienen Hohde Recht zu geben. Bei 
wiederholtem Personenwechsel auf der Kieler akademischen 
Bühne, bei der Fortberufung von Ribbeck und Wilmanns, 
wurde Rohde's Stellung nicht gehoben, obgleich VsiNGER und 
GüTSCHMll) (der seine Bedeutung voll erkannte) energisch für 
ihn eintraten; auch sonst erzählen seine Briete von verpassten 
Gelegenheiten und verschlossnen Aussichten '. Er empfand 
das, nicht ohne Grund, als Zurücksetzung und Verfehmung , 
und sah sich schon als pmfrssor *.ifr<tnnlhi(irhts pfrprfuHs- 
in Kiel versauern. Zudem war es ihm nicht gelungen mit 
Wilmanns, bei aller Anerkennung seiner moralischen I)e- 
licutessc und Tüchtigkeit, in ein irgend wie vertrautes Ver- 
hältnis zu kommen. Xeue Collegen lernte er genug kennen 
in dieser Durchgangsstation, wo wie in einem Stundenglas 
unten der Sand abrieselt und oben zu, und so fort ohne auf- 
zuhören. [R.J Einzelne leuchteten ihm auch schon ein, z. B. der 
1873 neu berufene SeHIHREN, ein energischer, durchaus mehr 
weltmännisch freier, als stuben- und cliipienseliger Professor 
Germanicus [R.] oder der Sanskiitforscher R. PisciLEL, der »Ge- 
nosse seiner Xachmittagsspaziergänge und Berather in Jndicis . 

1 .So sei er für Freiburg an fixt er Stelle in Aussieht genommen ge- 
wesen, aber sehon jene Anzeige in der N. A. '/.. halie ihn als tinmöglieh 
erscheinen lassen. Ks kam mir vor. als ob diese tieschiehte mir von 
dem guten, ti.xehkalten (iiitsehmid durchaus .im Auftrag* [Kitseld's] als 
avis erzählt werde. Sie zeigt jedenfalls sehr klar, wie es nun kommen 
wird [X. 14 XI 7'JJ. Vgl. auch den Antwortbrief Kibbecks [IS XI 7l>] Xr. 15*4. 



Vereinsamung. 



«3 



Am nächsten kam ihm neben NöLDEKE damals wohl F.C. Andreas, 
von dem er bei seinen Studien über den geistigen Güteraustausch 
zwischen Orient und Oecident manche Belehruni? empfangen hat. 
Aber ein Freundschaftsverhältnis, wie es seinem Herzensbe- 
dürfnis entsprach, wollte sich nicht gleich herausbilden. Es 
scheint ihm, nach seinen Briefen zu schliessen, seit RiBBECKS 
Fortgang jede Gelegenheit zu wirklich vertraulicher Aussprache 
gefehlt zu haben, zu der ihn seine wechselnden Stimmungen 
doch so sehr drängten: Hier aber fühle ich mich . . . unbe- 
schreiblich allein und öde: vollends seit auch Ribbeek fort ist, 
der doch persönlich ein Herz für mich hatte, meine ihm sehr 
wohl bekannten Meinungen mit Zartsinn und Schonung und 
nicht ganz ohne Sympathie ertrug. Ich bin ihm doch viel und 
auf immer schuldig: ein edler Mensch. [X. 27 JX 72]'. 

Doppelt trübe gestaltete sich sein liehen seit dem Spät- 
jahr 1872, wo er erst die seinem Lebensgange treu folgende 
Grossmutter, und dann einen geliebten Bruder zu betrauern 
hatte, der ganz unerwartet in wenigen Stunden an der Cholera 
gestorben war. Auch die ganze Signatur der immer schärfer 
sich ausprägenden Gründerzeit war ihm unheimlich dunkle 
Tage, an denen Alles abwärts wankt und stürzt und so gar 
nichts Hoflnunggebendes sich zeigen will». Diese Stimmungen 
linden jetzt in den Briefen an Ribbeck einen unbefangeneren 
Ausdruck, als in denen an Nietzsche; den Freund, dessen .prob- 
lematische Gesundheit ihm schon damals schwere Gedanken 
machte, sucht er sichtlich zu schonen. So lebte er, nach 
seinem eigenen Geständnis dahin, in einem Leben, das 
in einer gewissen dämmernden . . . Selbstbeschwichtigung sich 
bewegt t. Auch für seinen litterarischen Lieblingsplan wollte 
der Frühling nicht kommen. Er hatte eine Periode des 
Schreibekels, die immer auf einer schwer zu überwindenden 
Verstimmung des e i n s a m, yaktiztim ir.l ceivoti'.y Lebenden 
beruht . Einsam das Wort klingt immer wieder aus seinen 
Bekenntnissen heraus. Wie in den ersten Kieler Studenten- 
semestern, kamen damals Tage, wo R. faetiseh kein Wort 
sprach ', Wochen, wo er ganz und gar •mit seinen Gedanken, 
Wünschen und Büchern allein war. Ohne Genossen pilgerte 

Vgl. den Brief Kibbeck'« an Ritsehl 173 S. "J75 f. 



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64 Keinen. Wagnertnge in Hamburg. Wagner in Bayreuth. 



er, 'weite Welt und freies Leben' in sich zu saugen, im Herbst 
1872 durch allerlei Städte Mitteldeutschlands, 1873 durch 
Norditalien ; zumal Nürnberg, Dresden und die ihn wieder 
• völlig berauschenden Herrlichkeiten- von Florenz brachten 
Erijuickung und künstlerische Anregung. 

Aber vor Allem waren es die Hamburger Wagnertage 
im Januar 1873, die ihm neuen Schwung gaben. Eben erst 
aus den, bei der Mutter in gemeinsamer Trauer um den Bruder 
verbrachten Weihnachtsferien nach Kiel zurückgereist, eilte er 
wieder in die Heimath, um, wie er an Ribbeck schreibt, > Wag- 
ner und Frau zu begrüsseu und zwei Concerte mitzumachen. 
Es will sich schwer sagen lassen, wie mich die Berühung mit 
diesem einzigen Manne stets aufrichtet und erhebt . . . 
'Eines bringe ich stets mit: die tiefe Empfindung: was 
doch unserm Leben und Sein dieser Manu ist, für Verstand, 
Sinn, Herz und Willen ! . . Kehrt man dann zurück, so giebt 
es ein schmerzliches Ringen , bis die erregten Wellen sich 
endlich in das matte Geplätseher der gewöhnlichen Existenz 
zurückzwingen lassen wollen. War ich doch nicht so allein 

Die Osterferien brachten endlich das ersehnte Wieder- 
sehn mit dem Freunde — in Bayreuth, wie es Rohde sich im 
Stillen gewünscht hatte 1 . »Wir haben . . . acht sehr merk- 
würdige Tage in stetem Verkehr mit Wagner zugebracht . . ., 
in denen sich namentlich auch die auf ganz eigene Art liebens- 
würdige und herzliche AVeise des Mannes einprägte, die, bei 
einer immer zur freiesten Heiterkeit aufgelegten Stimmung, 
doch stets wie von einem erznen Glockenton der allertiefsten 
und lautersten Empfindung alles Ernisten und Würdigen dureh- 
klungen ist. Da mag man nun sagen, was man will: das 
innerste Wesen dieses grossen Künstlers ist das edelste und 
reinste: und wer es anders meint, der kennt ihn nicht, wie er 
denn aus äusserlichen Berührungen her, bei der eigenen Herb- 
heit, die er dann zuweilen zeigt, gewiss nur liiissverstanden 
werden kann. In Lichtenfels trennten wir uns, Nietzsche 
und ich, nicht ohne die Empfindung, wie sehr wir zusammen- 

1 .Dann würden wir vier wohl wirklich t-ine •fruchtbringende Gesell- 
schaft' ausmachen« schreibt er beim ersten Auftauchen des Planes. — 
A'gl. die Aeu.xserunjren über Wagner. Coij. 21. 



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Abschied von Nietzsche. Bildungsideal. 



65 



gehörten, nicht zu einer kurzen Berührung, von der man wenig 
im Grunde hat, sondern zu dauernder Leben sgem eins am- 
k e i t 1 : icli kann das Gef ühl nicht ausdrücken, mit dem ich 
stets den Adel seiner Xatur auf mich wirken fühle, und eine 
ganz besondere Poesie, die in seiner ganzen Atmosphäre liegt. 
Freilich muss man ihn dazu liehen, denn er hat seine für 
'Kritiker' sehr fühlbaren defauts de ses vertus [R. 29 TV 78]. 

* * 

* 

Wer Rohdes Briefe und Bekenntnisse übersieht, wird den 
Eindruck empfangen, dass die Jahre 1872 bis 1874 für ihn 
eine kritische Zeit gewesen sind. Seine geistige Gesammtper- 
sönlichkeit ist damals sozusagen ruckweise gewachsen; aus 
dem zugleich befangenen und ungestümen .Jüngling wird 
der überlegene 31 a n n , den wir im 'Roman' sprechen hören. 
Er hat das selbst gefühlt, und an dieser Empfindung sich auf- 
gerichtet. »Ich bin nicht hoffnungsvoll * heisst es in einem 
Briefe vom 27. Februar 1873, »aber nicht eigentlich verstimmt, 
bedenke vielmehr täglich in meinem Herzen, wie glücklich im 
Ganzen ein Geschick zu nennen ist, das Einem in der Jugend, 
bei gänzlicher Hoffnungslosigkeit für die Zukunft, doch für 
die Gegenwart die Möglichkeit eines stillen AVachsens in dem, 
was von ächter Bildung unsereinem assimilirbar ist, gewährt. 
Dieses Gefühl stillen und steten Wachsens ist fast das Einzige, 
was mir, in dieser Kälte des Lebens, von Glücksemptindung 
übrig bleibt . . .« 

In der That, »was von ächter Bildung ihm assimilirbar 
war , hat er damals wie mit tiefern Athemzügen in sich auf- 
genommen. Mit innerster Theilnahme vergrub er sich in die 
Brief- und Memoirenlitteratur bis herunter zu Yarnhagen und 
Rahel; es ist das Geheimnis der Persönlichkeit, dem er in 
seiner Weise nahezukommen sucht, nicht sowohl mit dein 
Secirmesser des 'müssiggehenden Psychologen', als durch ein 
sympathisches Mitempfinden und künstlerisches Schauen. »Kürz- 
lich fiel mir Varnhagens Galerie von Bildnissen aus Raheis 

1 Derselbe Gedanke beherrscht noch Jahre lang die Briefe an N . z. B. 
10 V 74. Im August 1*73 notirt Rohde auf einem Tagebuchblatt , er 
habe beim Erwachen in der Nacht »wie auf einen tiefen Meeresgrund auf 
den wahrsten Grund des Charakters seines lieben Freundes N.« gesehn. 

C r u t i Ii • , K. Koliilr. 5 



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(J6 Mciuoireulitteratur. Das Genie. Die Positivsten. 

Fmgang in die Hände: im /weiten Hände fand ich einen 
Menschen in Briefen verewigt, wie ich ihn nie im Geiste noch 
gesehn habe: Alexander v. d. Marwitz. Selten ergritf mich etwas 
so, wie diese Seele: Stets blickend in die Höh', nach allem 
Edelsten: innerlichst glühend, ohne die Stütze irgend einer 
Superstition: frei von aller Schweißerei im Geistreichsein, und 
doch Welt und Menschen und Bücher im Spiegel des vor- 
nehmsten Geistes, zur wahren Befreiung des Schauenden, wider- 
spiegelnd: seiner Vornehmheit sich bewusst f und doch von 
allem Hochmuth, als ein ächter Mensch, unsäglich fern. 
Wie ihm hier aus den Brieffragmenten «las Jünglingsideal des 
Freiheitskämpfers leibhaft entgegentritt, so gewinnt ihm auch 
Feineres und Fernstes greifbare Gestalt. Den grossen Per- 
sönlichkeiten steht er im Ganzen gegenüber wie ('ARLYLE, »die- 
ser tiefsinnige und enthusiastische Mensch«, bei dem K. nur 
bedauert, dass er gar nicht gehen, sondern nur springen könne 1 . 
Ein neues und fremdes Element in seiner Welt sind die eng- 
lischen Positivsten, wie J. STUART MlI.I. und Tylor : »die Kerls 
sind mit ihrem grässliehen Common-sense-Styl freilich oft zum 
Todtgähnen, aber sie verstehen die schwere Kunst <les logi- 
schen Darlegens, ohne Aufdringlichkeit, vortrefflich.« 2 Auch 
von ihnen hat Kohde zu lernen gewusst , wie das schon der 
* Kornau* (mehr noch die Psyche) zeigt. Aber das Verhältnis 
zu seinen alten Führern zu sprengen, hat ihre Kraft nicht 
genügt. Schillers philosophisch-ästhetische Aufsätze haben 
einige »ler lichtvollsten Abschnitte des 'Kornaus' inspirirt. und 
immer wieder hören wir in den Cogitata und in manchen 
schlichten Aufsätzen Aeusserungen Schopenhauers oder 
Wahnkiis \\» it»Mklinireii. Nur eniaueipirte sich Kohde damals, 
au> persönlichster Erfahrung, von Schop» i nhauers Aesthetik in 
einem Hauptpunkt«'. Auf seiner > Kunstreise zumal, im Herbst 
7:2, grübelte er viel über diese Dinge. Nach dem Studium 
der Dres<|em>r Galerie schreibt er: * F.s ist ein sehr 4 nach- 

1 IIh iIi.t tf.<li,".ri-it / .ihli <m. he AU-i Imit t r .In .Ii' 1 >uh mit 

dem Pn>l>lem .1. - (I.'iiir-, l,.-s. 'Ii.it! iio-n. Nr. 'J JV 'M* tV. 4'.» 

Iii »liefern Sm in|>tiil)l |{. -ie Nid h.\ in d< -.*<-]i S. mitten er 

»lie Kniet ruhiger nml Ii). I.ei»l..>.ir I ».-.In, t i.xi \ , \ im^te | N. '2 \ III 741: er 
ulmte nnlit, « l.i - ■* »Ii i l'ri'iin.l m Iii l.il.l im iln l.iuv t tiUu im wiuüe. 
Ant einem Mlutt suis .lein J.iln u..(nl .1 ..».-Ii Mill'., K~:i\s uiul L..^ik. 



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Eiuaiu ipation von .Schopenhauers ästhetischem Idealismus. (}7 

denkliches' Phänomen, dass eine Betrachtung solcher Bilder 
der Erscheinung uns solch reines, tiefes Vergnügen gewähren 
kann; das ist freilich eine Lust, und eines der sichersten 
Zeichen, dass eine so reiue Entbindung des Intellects vom 
Willen, wie Schopenhauer annimmt, eine Einbildung ist: wo- 
her sonst das bestimmte Gefühl einer reinen zwar, und un- 
vergleichlichen, aber einer Lust?« Aus derselben Zeit stammt 
die im Anhang mitgetheilte Polemik gegen die Vorstellung 
von der :5£a als höchster Aufgabe der bildenden Kunst [('wj. 39]. 
Damit ist ein todter Punkt in Schopenhauers Aesthetik, sein 
hinter der Lebenstülle der künstlerischen Wirkungen weit zu- 
rückbleibender überplatonischer Idealismus, für Kunde end- 
giltig überwunden; es ist nur eine weitere Oonsequenz, wenn 
bald darauf gegen seines Meisters Ethik ähnliche Zweifel 
laut werden 1 . Im Vehrigen blieb er aber dem ästhetischen 
Glauben seiner Wanderjahre getreu, auch den neuen Ein- 
drücken gegenüber, die er unbefangen, aber auch ohne fah- 
riges Hasten und Schwanken, in seine Emptindung aufzu- 
nehmen stets bereit war. In Nürnberg, wo er auf den Wegen 
der Meistersinger wandelte, hatte er -aufs neue das Gefühl, 
dass an reiner und ganzer Freude da weniger zu holen ist 
unter all den viereckigen Fratzen, als in einer einzigen, klei- 
nen italiänischen Kunststadt . . . Vnd doch waren die Trefflichen 
sicher auf dem richtigsten Weg zur freien Schönheit, der 
nicht durch einen verhimmelten Idealismus geht , der nichts 
darzustellen wagt, wie er es sieht, sondern irgend ein fanta- 
stisches Spectrum. So aber bleiben diese Dürer usw. stehn, 
wo die Kealisteii der alttiorentinischen oder paduanischen 
Schule standen: was hinderte aber den Fortgang? Ach, die 
verwünschte Theologie und der 30jährige Krieg!* Auch für 
sein litter arisches Vrtheil bezeichnend ist hier die Ofl'en- 
sivstellung nach zwei Fronten. Aber während er die Pseudo- 
klassik schlechtweg ablehnt, gilt ihm jene archaische Kealistik 
doch als unumgängliche Vorstufe zur »freien Schönheit«. Ge- 
wisse Kadirungen Dürer's lebten in seiner Phantasie* und 

1 Kin Blatt vom Januar \$H (Cog. öo) bezeichnet den Wendepunkt. 
- Dahin gehören vor Allem die Melancholie und der chrUt liehe Kit- 
ter. Im Briefwechsel mit Nietzsche ist davon schon in den Wander- 

5* 



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68 Ansichten Aber bildende Kunst. Religiöse Interessen. 

gelegentlich bekennt er, sich in München »an den altkölnischen 
und altrlandrischen Bildern« erholt zu haben und beschäftigt 
sich mit Sulpicc Boisseree, seinen Kunstanschauungen und 
Briefen. Verwandten (Geistes sind z. B. die 1873 niederge- 
schriebenen Bemerkungen Uber die Kunst der grossen Porträt- 
maler (freilich mit einem Schopenhauerischen 'soll') Co;/. 27, 
oder die etwas spätem Betrachtungen über die 'Nachahmung 
der Natur' in der Kunst und die kunstwidrige Betonung des 
Inhaltlichen bei Gabriel Max Vuij. 59 f. 

Den philosophisch-ästhetischen Interessen halten die reli- 
giösen (im weitesten Sinne) nahezu die Wage; Kohde näherte 
sich jenem letzten Standpunkt geistiger Befreiung, »wo die 
Religion neue Kraft und neuen Muth gewinnt' [( '<>//. 57]. Die 
räthselhaften Phänomene der religiösen Erweckung im alten 
und neuen Mysticismus , bis herunter zu den Excessen des 
Shakerthums [('»ff. 31], beschäftigten ihn wieder und wieder; 
man sieht, wie tief die Fundamente für die Darstellung der 
Ekstase und des Orgiasmus in der 'Psyche' hinabreichen. 
Auch mit theologischen Schriften, die prinzipielle Fragen zur 
Sprache brachten, suchte er sich ernsthaft auseinander zu 
setzen. Aufs tiefste ergriff ihn Lagakde mit seinem »kräf- 
tigen, ja austeren Apostelton und Ernste«; es waren jene 
theologisch-politischen Aufsätze, die (wie der Briefwechsel zeigt) 
auch bei dem Verfasser der rnzeitgemässen Betrachtungen 
einen starken Widerhall fanden (z. B. Theologie, Kirche und 
Religion, 1872/8, jetzt Deutsche Schriften S. 47 tf.). * Nament- 
lich was er [Lagarde] von einer mehr als 'historischen' Theo- 
logie, als einer Anleiterin zur Religion sagt, ist vortrefflich. 
Als Voraussetzung muss man ihm freilich immer zugeben, dass 
auf dem (j runde des trüben Schlammes 'christlicher' Tradi- 
tion eine ächte lautere, ganz eigentliche (vor Allem, nicht 
rein moralische, sondern metaphysische) Offenbarung 
ruhe: sonst hat die neue 'Theologie', in ihrer historischen 
Art, gar keinen Sinn. — Frappirt hat mich seine Meinung 
über das Johannesevangelium : . . . der gänzliche Mangel an 

jähren die Rede (wo R. eine Reproduktion für N. besorgte), wie N. denn 
den Ritter als s< hriftstellerisehes Symbol in seinein Erstlingswerk (Die 
Geburt der Trag. 20. Werke 1 sehr glücklich verwendet hat. 



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Lagarde untl Overbeck. Fr. Nietzsche'* Unzeitgemäße. 69 



Dogmen lässt es freilich sehr alt erscheinen : man sieht eigent- 
lich nichts als einen, durch seine Person ganz magisch wir- 
kenden Heilslehrer, der den Untergang des y.oauo; cjto; vor- 
aussagt, zu dem er seihst nicht als Richter, sondern als 
9ovov der an ihn Glaubenden kommt. Nichts kann übrigens 
wehinüthiger sein, als die vollständige Einsamkeit, mit dei« er, 
nach Johannes, auch unter seinen Jüngern stand« 1 [20 V 73]. 

In dieselbe Kerbe schlugen die »Streit- und Friedens- 
schritten- von Franz Overbeck, Nietzsche's Hausgenossen in 
Basel. Die * unerbittlich wahrhaftige Behandlung des Gegen- 
stands in der Broschüre 'über die Christlichkeit unsrer heuti- 
gen Theologie' machte auf Rohde einen tief bestimmenden 
Eindruck . Vor Allem fühlte er damit die allerlebhafteste 
Sympathie (wie er an Overbeck schreibt), »dass man endlich 
gerade heraus dagegen Protest erhebe, dass eine solche histo- 
rische (und ja nur (ptasihistorische) Betrachtungsweise . . . 
sich wie eine religiöse gebärde. Wo bliebe denn eigent- 
lich zuletzt . . . ein Alles nach sich bestimmendes Lebens- 
princip , wenn nicht nur unsern 'Bildungsphilistern ' erlaubt 
sein soll, alles Edelste . . in eine kühle 'objeetive' Ferne zu 
rücken (wo man dann von seiner Existenz wissen und dabei 
doch ruhig und in seinem eignen Lebensgefühl unberührt auf 
seinein Canapee sitzen bleiben kann), ■ — wenn nun auch das 
Christenthum in Denjenigen , die es ganz wegzuwerfen den 
Muth nicht haben, in eine solche Distance der 'wissenschaft- 
lichen' Betrachtung gerückt wird, ohne dass sein eigentlicher 
Lebensgehalt den von einem Theologen so entschieden als 
einen asketischen bezeichnet zu sehn, wie ich ihn aus Schopen- 
hauer kannte, mich sehr erfreut hat — auf die Gesinnung 
des Betrachtenden irgend einen Eintiuss zu gewinnen brauchte. 
'Kritik' und 'Historie' dort wie liier, und in den wichtigsten 
Dingen ein Haues Begnügen mit dem Wissen um die Meinungen 
anderer längst verstorbener Ehrenmänner, und mit einigen . . . 
'kritischen' Bestimmungen darüber: als ob man von Scheide- 

1 Vgl. Lagarde, deutsche Sehr. S. 70 ti'. Wie nahe Nietzsche und 
Kohde. auch in allgemeinsten Fragen (Zivilisation und Bildung S. 91, 
vgl. Rohde Kl. Sehr. I S. XXV f.), dem (Jtfttinger 'Propheten' stehn, mag hier 
nur kurz angedeutet weiden; in der •Nietzsche-Litteratur' pflegt man da- 
von nicht zu reden. Vgl. auch Vuij. 47. 



70 Historie um! Kritik. 

wassrr leben könnte ! . . . Hiergegen auf christlichem Gebiete 
zu protestiren , ist gewiss ebenso verdienstvoll , als auf dem 
Gebiete der sonstigen fiildungsphilisterei ... [O. 2 IX 73]. 

Völlig unverkennbar ist bei all diesen Aeusserungen die 
Gleichheit der Gedankenstiminung zwischen Hohde und Nietz- 
sche. Die k rnzeitgemiissen Hetrachtungen* hat Rohde, in 
stetein Briefwechsel mit den» Freunde, geradezu mit durchlebt 1 . 
Den tiefsten Eindruck hinterliess ihm das zweite »Stück 'vom 
Nutzen und Nachtheil der Historie für das Lehen/ Spatere 
Zeiten meint er, werden es zu bewundern haben, mit wel- 
cher entschiedenen Klarheit, mitten im Fieber, die Symptome 
einer Jv r a n k h e i t erkannt sind , die man sonst wohl gar 
für das Roth der Gesundheit hält, und die unsrer ganzen Art 
ihr wesentliches, nie dagewesenes Gepräge geben: eine all- 
mähliche F o r t s p ü 1 u n g all e r N a i v i t ä t Der ruhi- 
gere Ton der Schrift sei zu preisen ; denn man habe hier 
mehr zu beklagen, als zu verurtheilen : wir stehen alle selbst 
mitten in dem Tebel . Mit solchen Gedanken über Historie 
müsse ja eigentlich jeder rechte classische und eigentlich auch 
jeder germanische Philolog * von vornherein einverstanden sein, 
sie müssten ihm z. B. den unsinnigen Widerspruch aufdecken, 
der darin liegt, die classische Philologie zu einer 'rein histo- 
rischen' Wissenschaft im modernsten Sinne zu degradiren — 
was sie ursprünglich gar nicht war und sein wollte — . und 

1 Höh«!«' hat nicht nur die Druckbogen gelesen und corrigirt . Min- 
dern auch sonst Iiis in's Einzelnste hinunter fragend uml kritisirend 
«eine Theilnahme bekundet. Vgl. K. Förster Bd. II S. 18t*. Coff. 47 

Rohde hat • .Nietzsche'« Schrift brieflich [ - J4 III 71) sehr fein cha- 
rakterisirt und auch kritisirt. Die (ledankenführung war ihm vielfach 
zu sprunghaft : Niet/sehe überlasse es dein Leser mehr als hillig. die 
Brücken zwischen seinen (iedanken und Sätzen zu Huden, wie das mich 
Wagner fast in allen seinen Schriften (ausser im -Dirigiren' und im \Juden- 
thum' so gehe. Auel) über das eigentlich Stilistische macht er teine Be- 
merkungen, so über das von N. zu weit getriebene Durchfugiren wirk- 
licher Bildern vgl. S. 7:V. 

;| Ich erinnere mich eines Gesprächs mit Fit. Zarnckk (Anfang der 
achtziger .lahrei. in dein er die Berechtigung dieser «iedanken unum- 
wunden anerkannte; ähnlich äusserte sich einmal mein alter Lehrer R. 
Hii.okijham). - Der Frieden mit Zarnckk wurde trotz seiner ablehnenden 
Haltung gegen die -tJebnrt der Tragödie' bald wieder hergestellt. Noch 
bei seinem letzten Aufenthalt in Leipzig war Nietzsche heiZarneke: der 
Zufall hatte mich um dieselbe Zeit zu Z. geführt. 



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Jakob Burekhardt. Historische Anschauung. 



71 



doch ihr, in den Gymnasien, einen Vorzug vor andern 'reinen' 
Historien einräumen zu wollen: wie man das, mit den selt- 
samsten Redensarten und vermöge eines Ueherrestes von In- 
stinkt, doch immer noch vertheidigt 

Rohde seihst stand eben vor der Aufgabe, zu seinen phi- 
losophischen und künstlerischen Bedürfnissen die Forderungen 
rein geschichtlicher Arbeit und Betrachtung, die gerade sein 
Stoft* unumgänglich erheischte, in's rechte Verhältnis zu setzen. 
Wie A. v. Gutsehmid sein Meister gewesen war für das quel- 
lenkritische H a n <1 w e r k . wurde damals Jakoh Birckhardt 
sein Vorbild für die historische Kunst. Persönliche Be- 
ziehungen hatten sich durch Nietzsche angesponnen 1 : auf das 
Studium der kunsthistorisch-ästhetischen Werke war intensivste 
Beschäftigung mit den geschichtlichen gefolgt. Um deine 
C'ollegien bei Burekhardt 2 beneid ich Dich (heisst es auf einem 
Zettel an Nietzsche) : wenn es einen ganz specitisch historischen 
Geist giebt , so ist Er es. Es g i e b t eine Art , die Dinge 
historisch zu sehn : und damit meine ich nicht jene triviale 
Professorenart, das geheimnisvolle Thun des Weltwillens... 
mit Approbirung hoher Behörden auslegen zu wollen, als wäre 
die Menschengeschiehte ein Cursus von Sexta bis Prima. Grade 
die Kunst, keinen 'Grundgedanken' hinein zu dociren, aber, 
in Anschauungen denkend, das Wesen und Thun ver- 
gangener Zeiten so zu erkennen , wie sie damals lebten und 
sich bewegten, das ist die hohe Kunst des Historikers 3 . Und 
ein paar .Jahre später [X. :24 III 74]: Begierig bin ich, 
Burckhardts Worte [über die zweite Unzeitgemässe] näher 

1 •Schon bei ilem Aufenthalt in Basel Frühjahr IsTO war er mit dem 
geistvollen Jakob Burekhardt, zusammen in Muttens« |M. 9 VI 7G|. In 
jugendlicher Lust am Symbolischen stellte N. dann 1S71 zwischen seinen 
Bekannten durch jenen Act gemeinsamer Libution. von dem E. Förster-N. 
(II 6:1) erzählt, eine Art telepathischen Zusammenhangs her; so lässt R. 
Burekhardt grüssen als einen der 0'Jv3aiuoy'.~ovT65 und erkundigt sieh 
wiederholt in seinen Brieten (besonders seit 1872) nach seinem Krgehn, 
seinen Ansichten und Absichten |vgl. N. 27 IX 7*2. 24 III 74|. 

* Ks war die Vorlesung über das Studium der Geschichte, die in 
manchen Gedankengängen, besonders der zweiten 't'nzeitgeinüsseii\ nach- 
klingen wird. Vgl. CAKf. Nki mann, Deutsche Kundschau 1S9S. S. SS 2 f 

1 Das ist ungefähr dasselbe, was Nkimanx {Hht. Zeit sehr. XLIX 
S. 449) 'historisches Leben in bildlicher Folge' genannt und aus der 'illu- 
sionären Kraft der anschaulichen Schilderung' bei Burekhardt abgeleitet hat. 




72 



Gottfried Keller. 



kennen zu lernen 1 ; er bleibt ein unvergleichlicher Kopf, dem 
es nur an Stärke der Hoffnung und, vielleicht uiuss man leider 
so sagen, an Fähigkeit einer lebenernährenden Illusion gefehlt 
hat in jüngeren Jahren. Wie treffend hier eine Eigenthüm- 
lichkeit in Burekhardts geistiger Organisation bezeichnet ist. 
die man je nach seinem Standpunkt als Mangel oder Vorzug 
ansehn wird, können wir erst jetzt recht ermessen, seitdem 
wir seine 'griechische Kulturgeschichte' kennen gelernt haben. 

Auch für seine schriftstellerische Kunst fand Roh de 
damals — als ob alle grossen neuen Eindrücke aus der Schweiz 
kommen sollten - einen neuen Lehrmeister in GOTTFRIED 
Keller 2 . Schon 1871 tauchen Anspielungen an die 'Leute 
von Seldwyr in den Briefen auf, vor Allem an die Lieblings- 
novelle R. Wagner's 3 , die 'drei gerechten Kammacher'. AVer 
mit gleicher Empfänglichkeit den grossen italienischen Novel- 
listen, wie JEAX Faul 4 gelauscht hatte, der musste allerdings 
an diesem neuen und höhern Stil seine helle Freude haben. 
In den Osterferien 1H73 bekennt Rohde, er habe etwa acht 
Tage über dem grünen Heinrich verdämmert [R.]; kurz dar- 
auf ging er auf Kellers Spuren in Zürich und hat mit ihm 
wohl auch eine flüchtige persönliche Begegnung gehabt. Man 
meint etwas von der „confcssionellen Herbigkeit u des alten 
grünen Heinrich zu schmecken, wenn man die Aufzeichnungen 
und Briefe Rohdens aus diesen .Jahren liesst grüblerische 
Selbstbekenntnisse, durchaus unmittelbar und persönlich, aber 

1 Sie sind abgedruckt bei E. Körst er-N. If S. 142. Bei den Worten 
r \'or Allem ist mein armer Kopf* u. s. w. wird mau einen leisen An- 
klang von Ironie niebt verkennen. Wenn Burckhurdt aber als Ziel sei- 
ner bistorisehen Lehrthätigkeit bezeichnet, den Wunsch und die Ueber- 
/.eugung zu wecken, 'man könne und dürfe sieb dasjenige Vergangene, 
welches .ledern individuell zusagt, selbständig zu eigen machen, und es 
könne hierin etwas Beglückende« liegen" : so schreibt er aus derselben 
Tonart, wie seine jungen Collcgen Nietzsche und Kohde. 

'-' Krüliere Aufzeichnungen erinnern gelegentlieh an die Manier Lks- 
SlMis s. oben S. 2H. 

3 Vgl. .1. Baeelitold, <i. Keller'* Leben II S. 30S. Kin Beleg oben 8. öl«. 

4 Kohde gehört zu den Wenigen, denen es in unsern Tagen gelang, 
zu Jean Paul in ein wirkliches Verhältnis zu kommen. Den Titan schätzte 
er sehr (vgl. z. B. Coy. Nr. 4f>). aber auch Wendungen und liest alten 
aus dem Hesperus und dem Siebenkäs tauchen unwillkürlich beim Schrei- 
ben vor ihm auf. Vgl. auch unten Kap. X. 



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Ausbildung des Prosastils. 



73 



mit volleren und zugleich reineren Lauten, als früher. Auch 
in der wissenschaftlichen Prosa Rohde's stellen sich verwandte 
Züge ein. Manche Abschnitte des Buches über den Hornau 
haben eine Fülle und »Süsse des Ausdrucks, einen ruhig da- 
hinströmenden Wohllaut des Satzbaus, bei dein man sich wohl 
an das Vorbild des grossen Schweizer Stilkünstlers erinnert 
fühlen mag, dem auch Nietzsche begeistert huldigte 1 . Wie 
ernsthaft Rohde damals bemüht war, das edelste Instrument, 
die menschliche Rede wahrhaft kunstgemüss behandeln zu 
lernen, zeigen mancherlei theoretische Betrachtungen über 
Schriftstellertechnik und Stil in gleichzeitigen Aufzeichnungen: 
vor Allein mit der Wirkung und Bedeutung des bildlichen 
Ausdrucks hat er sich wiederholt beschäftigt 2 . 

1 Vgl. 'Der Wanderer' 109 = Werke III S. 257. 

• Vgl. Coij. 40. »Unsre Sprache hat sieh von der richtigen Bild- 
lichkeit, die ursprünglich in jedem Worte der Sprache liegt . . ., 
»ehr weit entfernt. Ich empfinde es oft an eigner Schreiberei, wie grau, 
abstract, bildlos unsre Sprach- und Ansdrucksweise geworden ist. Viel- 
leicht durch Schuld des Ueberwiegens der wissenschaftlichen Prosa, auch 
namentlich der Sehleiermacherei und Hegelei. So bezeichnen wir unsre 
Meinungen vielleicht wirklich eigentlicher und näher, als eine jugend- 
liche Zeit: aber es fehlt da« liebliche Mitspielen so vieler, durch bild- 
liche Wörter mit angedeuteten Vorstellungen. Diese Dürre empfindet 
man peinlich, und sucht ihr leicht aufzuhelfen durch einen absichtlich 
bildlichen Ausdruck: absichtlich nicht, weil er Einem nicht etwa ohne 
Weiteres und instinetiv sich aufdrängte, sondern weil man das Bildliche 
dabei doch immer empfindet und festhält und daher eben leicht zu weit 
ausmalt und zu lange festhält-. [N. 24 III 74]. 



74 



V. 

Das Buch über den griechischen Roman und 

Verwandtes. 

Schon in den ersten Kieler Semestern hatte Rohde die 
besten Stunden seinem 'Roman' gewidmet. Aber erst im 
Spätjahr 1873 kamen die Massen rocht in Fluss ; im Novem- 
ber konnte er Ribbeek, mit dem er unvergessliehe Herbsttage 
in Heidelberg verlobt, und der schönen Sonne genossen hatte , 
um die Annahme der Widmung bitten. Ein kaltes Rewusst- 
sein über die wirkliehe unbehagliche Lage der Dinge nährte 
ihm die dauernd gelassene Stimmung und einen leidlich ge- 
fassten, nicht ewig auf- und abschwankenden Math : bei der 
Wittwe seines unerwartet gestorbenen (Jollegen l siXoER (in 
deren Wohnung er zunächst mit der stillen Absicht gezogen 
war, ihr damit tinanziell zu helfen) fand er ein .lunggescllen- 
heim so vortrefflich, wie ein Junggeselle wohl überhaupt woh- 
nen kann . So stellte sich endlich die reehte Freude an der 
schriftstellerischen Arbeit ein. wozu er mehr als Andre ein 
ganz ungestörtes Einspinnen in Einen Yorstellungskreis nöthig 
hatte [K.]. Den mit Hibbeek lebhaft besprochenen Plan, sich 
für die nächsten Semester Urlaub geben zu lassen, um alle 
Störung' fern zu halten, mus»te er freilich aufgeben ; der eine 
philologische Lohrstuhl war eben unbesetzt und vor dem Ein- 
treffen LrBRERTs hielt es Rohde für unzweckmässig, als Lehrer 
zu streiken. Im Sominersemestcr 1.S74 tauchte er dann gänz- 
lich in die Tiefe der wunderlichsten Romanmeere hinunter 
und erfreut u sich an dem tollen Wesen drunten unter den 
Larven und sonstigen Schillerschen Klippenrischon . Nietzsche 



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Sohrit'tKtelh-rarbeit am Roman. Briefe an Nietzsche. 



75 



versuchte ihn damals an die Oberwelt emporzuführen und zu 
öffentlichen Aeusserungen über seine ganze Denkweise zu 
veranlassen. Roh de lehnte das rund ah; er müsse sich das 
versparen auf eine viel spätere Zeit: Ich bin ein sehr lang- 
sam reifendes Wesen, das seine Ringe sehr allmählich ansetzt. 
Vor der Hand fühl ich mich wirklich nicht gereift genug, um 
über Allgemeines öffentlich zu reden, sondern ich bedarf des 
Stammes eines besondern Gegenstandes, an dem ich mich auf- 
ranke [X. 17 VI 74]. So fühlte er sich später innerlich ge- 
nöthigt, sich auch von der Zusage, an den Bayreuther Blättern 
mitzuarbeiten, wieder entbinden zu lassen. In seinen Auf- 
zeichnungen freilich wie im Briefwechsel vertieft er sich — 
mitten in der Kleinarbeit an seinem Buch, als wollte er sich 
die Glieder recken — in die fernen Räthsel, die die Freunde 
beschäftigten. In einem schönen Briefe an Xietzsche [13 XTI 
74] spinnt er die Grundgedanken der dritten Unzeitgemässen 
weiter: besonders die griechische Cultur in ihrer besten Zeit 
scheine, nach Xietzsche's Forderung, als Spitze und Zweck 
die Zeugung und Emporhebung des Genius, in unbewusstem 
selbst genialem Trieb, sogar mit Härte und Grausamkeit er- 
strebt zu haben |s. ('<>ij. 76]. Mit diesem Gedanken verschlingen 
sich Betrachtungen über die Sklaverei, angeregt durch den letz- 
ten Abschnitt von Overbecks Studien zur Geschichte der alten 
Kirche, den R. fast mit demselben Gefühl wie einst die 'Kirch- 
lichkeit' gelesen zu haben bekennt. Seit der Abschaffung der 
Sklaverei sei es mit dem obersten Ziel der griechischen Oultur, 
dem 5'JvaaH-a: -j/oXx^E'.v xa/.wr, vorbei, und mit den vielen 
Härten, die dieses, in seiner Ausführung . . mannigfach ent- 
stellte Princip zur Vorbedingung hat, sind doch jedenfalls auch 
seine edelsten Früchte seitdem abgefallen, und nie wieder zu 
erzeugen . Seine (redanken glitten bei der heroischen Musik* 
Nietzsches doch wieder zurück in die gewohnten Bahnen des 
Gelehrthenthums : davon ... ist schwer wieder los zu kom- 
men; denn es liegt ein gar zu grosser Reiz in solcher beschau- 
lichen Umschau . 

In «1er That war es ein Zug, der den Historiker und 
Philologen vom Philosophen scheidet und dem Künstler näher 
rückt: der Drang zum Sc hauen des individuellsten Lebens mit 



76 



Ferienreise. Besuch in Basel. Franz Overbeck. 



den feinsten und kleinsten Zügen — der Rohde bei seiner 
Arbeit leitete und für die Sonderart seines Buches bestimmend 
war. Sein Weg führte ihn dabei vielfach auf Gebiete, von 
denen bislang kaum eine summarische Aufnahme, geschweige 
denn ein ausgeführtes Bild existirte. An solchen Abschnitten 
— besonders im zweiten Buch — fühlte er sich gedrungen, 
monatelang im Einzelnen herum zu subtilisircn* ; all diese 
vergessenen Fabulisten und Utopisten beanspruchten ihr Recht 
als lebendige Persönlichkeiten, und auch die bunten Märchen, 
die sie erzählen, lockten Rohde immer wieder, wie jener Wunder- 
vogel, von der Strasse weg in die blaue Ferne. So vertröstete 
Rohde sich auf die Ferien, wo er endlich das Ganze organi- 
siren und zu dem überreichen Inhalt (wie er mit einem An- 
flug alten Humors schreibt) den schönen Stil' finden werde 
[Ii. 25 VJI 74]. 

Seine Ferienreise führte ihn durch ein gutes Stück Deutsch- 
lands und der angrenzenden Provinzen- , zu seinen Wiener 
Verwandten nach Kalksburg in der sehr anmuthigen Wiener 
Waldgegend , zu Ribbeck in Gastein, und schliesslich ans 
Ziel seiner Sehnsucht, nach Basel: seine Arbeit, an der er 
in aller Harmlosigkeit weiterbosselte - , begleitete ihn überall, 
so dass der languor einer vollständigen Erholungsexistenz 
nicht eintreten konnte. In Basel genoss er, im Verkehr mit 
Nietzsche, Overbeck, Romuxdt, auch Burckhardt, eine 
kurze Zeit volleren Lebens nach der akademischen Oedt" ; es 
schien ihm, als ob man dort mitten im Strom der 'Jetztzeit' 
auf einer kleinen Insel lebe . Als schönsten Gewinn nahm er 
das Bcwusstsein mit, auch in Overbeck einen wirklichen Freund 
gefunden zu haben. Ich habe Eure Existenz in der Nähe 
gesehen, auch die vielfachen Verschiedenheiten in unsern Na- 
turen wohl und bestimmt empfunden, und nur um so bestimm- 
ter gefühlt, wie mächtig, bei alledem, eine gründliche Gemein- 
samkeit des Empfindens, Wollens und Wünschens uns zu jener 
Sympathie verbindet, die allein . . . eine Gruppe von Men- 
schen, mitten in der unverständlichen Andersartigkeit der 
Uebrigen, zur Freundschaft verbinden kann [X. Iii X 74]. 

Mit frischer Stimmung kehrte er nach einer herbstlich 
verschleierten, z. Th. sehr schönen Rheinfalirt in die Heimath 



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Aussichten muh Dorpat. 



77 



zurück, und noch in Hamburg ergriff ibn der C^eist . dass er 
das schwierige /weite Buch so ziemlich abrundete. In Kiel 
begann dann die Ausarbeitung des dritten Abschnitts; wäh- 
rend der Nebelmonate des beginnenden Wintersemesters fühlte 
er sich in seinen Roman eingehüllt, wie in eine goldne AVolke . 
Als .Stimmungshebel rühmt er — der wie jener Auch Einer 
Fr. Vischels durch kleine Verdi iessliehkeiten schwer verstimmt 
werden konnte — immer wieder dankbar die grosse Behag- 
lichkeit seiner neuen Wohnung, lässt aber mehr als einmal, 
durchblicken, dass ihn im Innersten ganz andre Wünsche und 
Hottnungen bewegen, deren er nur mit einem gewissen dega- 
girten Humor Herr zu werden vermag 1 . Auch bleiben, bei 
der äussersten Anspannung, gelegentliche Rückschläge nicht 
aus: er verliere das Gefühl nicht, schreibt er einmal, dass man 
mit solchen Beschäftigungen eigentlich nur dem «jualvollen 
Bewusstsein entfliehen will, dass man im wirklichen Sinne des 
Wortes gar nicht lebt. Doch bin ich zufrieden, wenn und 
solange dieses Entfliehen mir eben gelingt [R. 25 XI 74]. 

Aber mehr und mehr verschwanden auch diese letzten 
Wolken von seinem innern Horizont, zumal sich mancherlei 
Zeichen einstellten, die ihm bewiesen, dass er die Lage zu 
schwarz angesehn hatte, und dass in deutschen akademischen 
Kreisen der 'Bildungsphilister' doch nicht allmächtig war. 
Die schönen, wahrhaft weisen (nicht nur klugen ) Worte 
FRIEDRICH KlTSCHI.s-, die in der Nietzschebiographie II 6G 
zu lesen sind, thaten auch bei ihm in der Stille ihre Wirkung. 
Und er brauchte nicht einmal zu warten , bis 'das Buch' er- 
schienen sei (worauf ihn Ribbeck vertröstet), um sich zu über- 
zeugen, dass er über die Machtsphäre von Peter Wilhelm 
[Forchhannner] hinauswachse . Im Frühjahr 1875 kam eine 

1 Unter diesen Umstanden — quae cum ita sint — «ehe ich gierig 
nach der Millionenbraut aus. die mir wohlpräparirt in's Maul fliegen 
und mich unabhängig machen soll. Aber bald zeigt sich die Braut, bald 
die Million, aber nie beide zusammen. Wie selten ist es. dass die Men- 
schen finden, was ihnen doch bestimmt gewesen schien'« [R. 2f> V 74]. 
Aehnlich, nur mit noch viel derberem Humor, an Nietzsche 17 VI 74. 
Sehr charakteristisch ist der Schluss eines Briefes 13 XII 74. [der ganz 
offenbar xät' avxivpasiv aufzufassen ist. Dass das Alles nur Maske ist. 
bestätigt vor Allem ein Brief an N. 27 II 75. 

* Vgl. Roh de an Nietzsche 9 I 72, oben 8. 56'. 




78 Abschluß der Arbeit. Bayreuth. 

Anfrage von Dorpat (aus der Feder RfHbs), ob er geneigt 
sei, einem Huf dorthin zu folgen. Er sagte zu, unter bestimm- 
ten Bedingungen, wie dem sofortigen Eintritt iifs Ordinariat, 
nahm die Sache aber sehr gemütblieh und wartete mit voll- 
kommenem Gleichmuth ah , was komme. Aus Deutschland 
fort, von seinen Freunden fort in eine unerreichbare Einöde 
zu gehn schien ihm doch ein schweres Opfer, wenn er auch 
aus Kiel ohne einen Seufzer scheiden zu können- gesteht [H.]. 
Als sich die Sache schliesslich zerschlug und HöRSCHELMAXK 
berufen wurde, Hess sich Rohde das wenig anfechten; dass 
Hörschelmann es billiger thun und deshalb gewählt werden 
würde, hatte er selbst vermuthet, ohne sonderlich unglücklich 
bei dem Gedanken zu sein — die Art freilich, wie die Sache 
sich entschied, gab ihm Anlass zu einer leichten Verstimmung, 
zumal er eine zweite Chance, die sich ihm bot (Graz), darüber 
verloren hatte. Seine Arbeit ging bei diesen, nur die Ober- 
fläche berührenden Erregungen ruhig fort. Im August 1875 
konnte er das Richtfest feiern ( wenn auch im Einzelnen noch 
Manches auszubauen und zu »pölirenc war) und erleichterten 
Herzens nach Bayreuth ziehn, um dort die Proben mitzu- 
machen ; von dem gewaltigen Eindruck des Werkes (besonders 
des Siegfried) erzählen seine Briefe und Tagebuchblätter. Aber 
schon während der Arbeit an den letzten Abschnitten hatten 
seine Gedanken sich oft genug in der Wunderwelt der Nibe- 
lungen Schwung und Wärme geholt ; es klingt wie ein Dank an 
ihren Schöpfer, wenn Rohde die Betrachtungen über antikes 
und modernes Naturgefühl gegen Ende seines Buches aus- 
klingen lässt in die Worte Siegfrieds von der seligen Oede auf 
sonniger Höh' 1 . 

* 

Rohde's erstes Buch ist, wissenschaftlich und künstlerisch, 

1 Vgl. S. Ml — Siegfried Act III 8c. 1. — So feinsinnig Kohde's Betrach- 
tungen »im! und so völlig sie der Stimmung des gebildeten Griechen der 
Hellenistenzeit entsprechen mögen, scheinen sie mir doch dem ältesten 
Griechenthuni nicht ganz gerecht zu werden. Ein Volk, das die Gestalten 
des Fan und der Musen geschalten hat, empfand gewiss nicht nur den 
Schauer, sondern auch den Zauber der Bergeinsamkeit, Man suche nur 
das Proömium der Theogonie und die Fan-Legenden wirklich nachzufühlen. 



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Aufgabe und Anlage des Buche*. Geschichtliche Haltung. 79 



ein Meisterwerk in einem, auf dem Gebiet der alten Philo- 
logie so gut wie neuem Stil. So tief waren für einen litterar- 
geschichtlichen Bau die Fundamente wohl noch nie gegraben, 
so sinnvoll und zugleich übersichtlich noch nie der Grundplan 
angelegt. Man konnte Ausdrücke eines halben Bedauerns 
hören , dass Kobde solche Kunst an so geringwertige Pro- 
duete verschwendet habe, wie diese Romane nun einmal sind : 
war es nicht eine Art Ironie des Schicksals, dass der jugend- 
liche hero-worshipper sich mit einer Litteraturgattung befasste, 
in der höchstens Mittelmässigkeiten, Individuen, die nur als 
Gattungswesen Bedeutung haben , zu Worte kommen:' Auch 
Nietzsche hat so empfunden {X. 28 VIII 75] Aber sieht 
man schärfer hin, so steckt in der Art, wie die spröde Auf- 
gabe gelöst ist , der ganze Rohde, in freier Bethätigung 
seiner tiefsten Kräfte und reberzeugungen. Es ist nicht Will- 
kür, wenn Rohde sich so lange bei den 'Vorläufern' aufbält. 
In breitestem Umfang wird der Nachweis geführt, dass von 
ihnen Alles herstammt, was in jener Epigonenkunst noch lebt, 
dass hier wirklich — nach dem von Rohde adoptirten Bilde 
Karl August's — oft ein Tropfen Rosenöl genügt hat, um 
ganze Eimer von Existenzen zu begeistern . Dieser Nachweis 
ist nur möglich durch eine bis in die letzten Gründe hinab- 
leuchtende rein geschichtliche Betrachtung, bei der die Poesie 
der Alexandriner endlich einmal, ohne classicistische Brille, 
in ihrem eignen Licht angeschaut und dargestellt wird. Rohde 
ist bei der Arbeit an seinem griechischen Roman Historiker 
geworden. Die Consequenzen dieser Wandlung hat er freilich 
erst in der Stille seiner Tübinger Lehrthätigkeit ziehn können. 

Die Grundstimmuug, gewissermassen die Seele des grie- 
chischen Romans - dieser letzten und schwächsten Schöpfung 
des antiken Hellenenthums — ist eine matte, idealistisch-sen- 
timentale Erotik; wie diese, uns durchaus unmännlich und 
ungriechisch anmuthende Stimmung in der klassischen Zeit 
nur schüchtern anklingt, aber schon bei den tonangebenden 
hellenistischen Poeten zu einem wahren Triumph der Empfind- 
samkeit anschwillt und weiter in der Poesie der Römer und 

1 2uen>t auch Rujhkck. 1877 meinte er einmal, mit einem seiner 
culinarischen Bilder, die .Sauce sei eigentlich zu fein für das zühe Fleisch. 




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80 



Erotik und Utopien. Rhetorik. Chariton. 



dem Denken und Dichten spätgrieehiseher Litteraten ein viel- 
faches Echo findet 1 : das wird in dem, zahllose Einzelbeobach- 
tungen zu einem harmonischen Ganzen vereinigenden Eingangs- 
zeile so anmuthig und anschaulich dargelegt, dass der Leser 
die spröde Mosaiktechnik des Gemäldes völlig vergisst. Der 
massive Leib, worin dies zarte Seelchen einer subtilen Erotik 
zu hausen pHcgt, sind allerlei wundersame Abenteuer zu Was- 
ser und zu Lande, in denen sich das Liebespaar zu bewähren 
hat. Das giebt Kohde Anlass zu einer, an überraschenden 
Ausblicken reichen Geschichte der geographischen Phantasieen 
und Märchen, von der Odyssee bis zu den spätesten Wunder- 
schriftstellern. Schulung und Dressur erhält das sonderbare 
Zwittergeschöpf durch die Rhetorik und Sophistik. Die lebens- 
volle Schilderuug dieser Bestrebungen hat einer sachgemässen 
Würdigung nicht nur der griechischen Komane, sondern der 
spätantiken Litteratur überhaupt die Wege geebnet ; dem ge- 
niessenden Leser bietet sie ein unübertroffenes Culturbild aus 
dem wunderlichen Stillleben des alternden Griechenthums. Im 
Schlussabschnitt, der Analyse der einzelnen sophistischen Lie- 
besroniane , macht Kohde die Probe auf dies elegant gelöste 
Exempel einer aufs Typische gerichteten geschichtlichen Al- 
gebra und versucht, neben der durchaus überwiegenden con- 
ventionellen Technik der Gattung die spärlichen Züge einer 
individuellen Art und Kunst ans Licht zu stellen. Neuere 
Funde haben hier einzelne Linien verschoben. So hat uns 
ein Papyrus aus Oxyrhynchos (spätestens aus den ersten Jahr- 
zehnten des 3. Jahrhunderts n. Chr.) gelehrt, dass wir Chari- 
ton (wie schon W. S('iiMii) vermuthet hatte) viel früher anzu- 
setzen haben, als Kohde gethan hat (Fayum towns und their 
papyri by K. P. Grenfell and A. S. Hunt u. s. w., S. 75)'. Be- 



1 Ks müsstenoch einmal gründlich untersucht werden, wie weit selbst 
die galante Poesie de» germanisch-romanis« hen Mittelalter« mit jenen 
Hellenisten zusammenhängt. Kür das > heimliche Weiterwirken griechi- 
scher Komanfabulistik« ist schon von Kohde (Horn. S. 572 1, und neuer- 
dings von E. Kleba Mancherlei beigebracht worden. Auel» die höfische 
Lyrik ist nicht frei von byzantinischen, weiterhin hellenistischen Kin- 
fiüssen. vgl. die Commentationes Kibbeckianae ts. 14 tf. 

- Nahkk (Mnemosyne 1901, 8. 144) glaubt, dass die Textform des 
I'ai.vnis nicht die ursprüngliche sei. also schon eine längere Textge- 



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Geschichtlicher Hintergrund. Vergleichende Litternturgeschichte. 81 

dcutsam ist es, dass dies, von Rohde in seinem geschichtlichen 
Werthe unterschätzte Werk den entscliiedenen Versiich macht, 
hinter den schwankenden Gestalten seiner Fabel einen be- 
stimmten geschichtlichen Hintergrund festzulegen. So reicht 
es dem auch im Schema verwandten Ninos-Roman Wilcken's 
und ähnlichen Stücken die Hand und fordert dazu auf, dein 
Verhältnis des Liebesromans zum historischen Volksbuch und 
zur Geschichtschreibung weiter nachzugehn. Es gilt hier doch 
wohl noch eine führende Persönlichkeit zu entdecken, die den 
von Rohde nachgewiesenen Typus zum ersten Mal geprägt 
hat*. Rohde hätte sich diesen Aufgaben gewiss nicht ent- 
zogen, wenn er die zweite Aurlage seines Buches hätte veran- 
stalten können. Für die Revision der Personalakten des Oha- 
riton, den er ursprünglich zu einer allegorischen Figur ver- 
flüchtigt hatte, war er schon 1894 im Rheinischen Museum 
eingetreten. 

Im l'ebrigen sind gerade diese einen scheinbar sterilen 
Stoff — den Gang und Inhalt der einzelnen Erzählungen — 
behandelnden Schlussabschnitte reich an fruchtbaren Einzel- 
ergebnissen: sie fördern eine Fülle von Beiträgen zur ver- 
gleichenden Novellen- und Märchenforschung an den Tag. 
Erstaunlich ist der Umfang, in dem hier, und auch in den 
früheren Abschnitten, die orientalischen und modernen Litte- 
raturerzeugnisse herangezogen sind. Sieht man ab von ge- 
legentlichen Ansätzen bei Männern, wie Welcker oder H. 
l'sener, war Rohde unter den Zünftigen so ziemlich der erste, 
der — so fest er von der besondern Stellung des Hellenen- 
thums überzeugt war — die chinesische Mauer niederriss und 
die Antike als kostbarstes Glied, aber doch nur als ein Glied 
der W e 1 1 1 i 1 1 e r a t u r zu betrachten lehrte. So hat Rohde 
in gewissem Sinne der antiken Litteratur gegenüber jene uni- 
versalgeschichtliche Betrachtung angebahnt, die sein (von ihm 

schichte voraussetze. Darauf hin meint er bis in die Zeiten Trajans zu- 
rückgehn zu dürfen; von einem Zeitgenossen des Kaiser* habe jener von 
Rohde (Rh. Mus. XLVIII 140 = Rom.* 520) herangezogene Chariton den 
Namen Ulpius. Mehr als eine Möglichkeit ist auch Das nicht. Meinen 
Antheil an der Kntzifferung des Romant'rugnieiits hat Naber übrigens 
viel zu hoch angeschlagen. 

1 Vgl. U. WlLCKKX im Archiv f. l'apyrusforschung 1. 

fruilu«, E. Kohde. 0* 



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82 Historischer Standpunkt. Charakter der Darstellung. 



später hart befehdeter) Landsmann E. Meyer bald darauf 
auf dem Gebiet der allgemeinen Geschichte proclaniiert hat. 
Um so fester hat er seine eigentliche Aufgabe abzugränzen 
sich bemüht ; die 'fünf Vorträge', in denen später E. Schwarz 
nicht sowohl den Roman, als das Romanhafte in der alten 
Litteratur darzustellen versuchte, waren als Ganzes nicht nach 
seinem Herzen (Kl. Sehr. 11 S. 8 ff.). 

All diese, vornehmlich »in den Anmerkungen munkelnde* 
philologische Gelehrsamkeit ist aber nur Mittel zum Zweck. Der 
berufene Historiker verräth sich in der Sicherheit, mit der die 
Einzelheiten nach ihrem Werthverhältniss und ihren Zusam- 
menhängen geordnet werden; der Fcinfühligkeit, die den in- 
timsten psychologischen Vorgängen nachtastet; dem hellen 
Künstlerblick, der den geschilderten Culturrichtungen und 
Epochen das Charakteristische abzusehn weiss. Oft fühlt man 
sich leise an die Art Jakob Burckhardts erinnert, in dem 
wir einen der wissenschaftlichen Erzieher Rohdes kennen ge- 
lernt haben 1 . Die Kunst, der Selbstentäusserung dem histo- 
rischen Stoff gegenüber (deren eine starke Persönlichkeit am 
dringendsten bedarf) hat der Jüngere nach schwerem Ringen 
endlich wohl noch bewusster und consequenter zu üben ver- 
standen , als der A eitere , der doch darin sein Meister ge- 
wesen war. 

Bei dem auf den ersten Blick wenig verlockenden Stoffe 
wagte sich Rohde, in unsrer Zeit, als Leser nicht nur Fach- 
leute zu denken, sondern vor Allem unzünftige Freunde des 
Alterthums, dergleichen ja doch wohl, trotz der verheerend 
um sich fressenden 'allgemeinen Bildung' in deutschen Landen 
hin und wieder noch manche wohnen mögen- . Er durfte das, 
denn es war ihm gelungen, die spröden Elemente in eine bild- 
same Masse zusammenzuschmelzen und zu einem wahrhaften 
Kunstwerk umzuformen. Was ihn dazu befähigte, war nicht 
allein seine reiche, bewusst durchgebildete schriftstellerische 



1 Zahlreiche .Stellen wenden sich an Burckhardts Bücher über da? 
Zeitalter Oonstantins und die Kultur der Renaissance. Wenn «ich Rohde 
die »Krforscher culturliintorischer Uehiete« als Leser wünschte (in der 
Vorrede), so dachte er an Bi kokhakdt, wie die Briefe zeigen (z. B. das 
erste .Schreiben, das er von Jena aus an Nietzsche richtete). 



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Vortrag über die griechische Novelle. 83 

Begabung 1 . Nach seinen eignen Andeutungen hat dies Werk 
ihm denselben Dienst erwiesen, wie Andern ihre Dichtung. 
Nicht nur, duss es ihn in schweren Stunden hinüberrettete 
auf ein allem Tageslärm entrücktes Gebiet unpersönlichen 
Interesses 2 : Manches, was gerade in jenen Jahren sein ver- 
schwiegenes Herz bewegte, konnte er bei der Arbeit aus sich 
heraus setzen und beseelend hinüberströmen lassen in den ge- 
schichtlichen Stoff, vor allem jener Abschnitte, wo er >dic 
Eine Leidenschaft^ in ihren litterarischen Wirkungen verfolgt, 
»die auch in einer ganz zersplitterten Zeit den Einzelnen — 
in der Wirklichkeit oder selbst nur in einer jugendlichen Wal- 
lung seiner Phantasie — wenigstens einmal im grauen Nebel 
seines Lebens die sonnige Poesie eines kurzen Frühlingstages 
empfinden lässt- (S. 72). In der That, während Rohde an 
seinem Buche über den Roman schrieb, war er selbst, fast 
wider Willen, der Held eines abenteuerlichen, mit einer her- 
ben Dissonanz schliessenden Romans geworden. Es wäre nicht 
im Sinne Rohde's, wollten wir den Schleier von diesen per- 
sönlichen Erfahrungen herunterzerren. Es mag uns genügen, 
zu wissen, dass die, den geschichtlichen Text wie eine weiche, 
dunkle Melodie begleitende und belebende Stimmung aus 
ganz persönlichem Empfinden entsprungen ist. 

Ein auf den ersten Blättern angekündigter Anhang über 
die griechischen Novellen und Verwandtes wurde während des 
Druckes zurückgezogen. Rohde war zu der Einsicht gelangt, 
dass der wichtige Stoff (auf den er in Einzelbeiträgen noch 
wiederholt zurückgekommen ist) eine einlässlichere Behandlung 
erfordere. Seine Hauptergebnisse fasste er vorläufig zu einer 

» S. oben 8. 72 f.; eine Selbstkritik Kap. IX a. E., S. 139*. 

* > . . ich habe zum Gluck noch die Kraft, mich in guten Stunden 
in allgemeinerer Betrachtung aufzuschwingen; und darin liegt doch die 
einzige Panacee gegen die Kargheit des Schicksals, das den lebhaften 
Wünschen mit so ärmlicher Erfüllung entgegenkommt . . . Mein 'Roman' 
ixt in ununterbrochenem Flusse , so langsam es auch vorwärts geht bei 
einer Arbeit aus lauter Bruchstücken, an der man doch die Mühe nicht 
allzustark merken soll* [N. 23 XII 73]. Pointirter sagt er später einmal: 
>So herbe Erfahrungen wie die ineinigen treiben alle Glückshoffnung 
mehr in das Land . . der blos.se» Vorstellung hinüber. Ich glaube, 
dass nur auf diesem Wege eigentliche Dichter entstehen« (Cog. 31 I 76). 

G * 



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84 



Märchenkunde. Aufnahme des 'Romans'. 



anmuthigen Skizze zusammen : dem Vortrag, den er 1876 auf 
der Philologenversamndung in Rostock (der Heimatb seiner 
Frau) gehalten hat ; Ernst v. Leutscii, einer der Senioren der 
Versammlung, zeigte dabei durch einige recht ännlicbe Bemer- 
kungen lediglich, wie lern ihm und Seinesgleichen diese Dinge 
lagen. Noch Reinhold Köhler, einer der vortrefflichsten 
Kenner auf diesem Gebiet, steht in seinem bekannten Aufsatz 
in den „Weimarischen Beiträgen" (Weimar, 1865 S. 181 ff.) 
ganz und gar unter dem Einfluss der BKNFEYschen Ansichten 
über die Alles beherrschende Stellung Indiens. Von seiner 
engern Aufgabe abgesehn , leitet Rohde's Arbeit die seither 
schrittweis immer mehr Feld gewinnende Gegenbewegung ein ; 
an ihn und an B. ErdmannsdöRFFERs (bei Rohde zu kurz ab- 
gefertigte) geistvolle Skizze knüpften vor einem Vierteljahr- 
hundert 1 die Studien des Verfassers über die griechischen No- 
vellen und Märchen an, die ihm die Berechtigung von Rohde's 
Ansichten von Tag zu Tag bestätigten 2 . Der zweiten Auflage 
des 'Romans' ist der Vortrag, der ursprünglichen Absicht ent- 
sprechend, beigegeben worden. 

* * 
* 

Rohde hatte, im besten Sinne, Zukunftsphilologie ge- 
trieben. Sein Werk trat unter die landläutigen philologischen 
Bücher wie ein vornehmer Fremder von überlegener Welt- 
bilduug unter die betriebsamen Philister einer kleinen Stadt. 
Bezeichnend dafür ist die Stellungnahme der litterarischen 
Kritik. Fr. Zarnckes litterarisches Centralblatt brachte 
eine sympathische Besprechung aus der Feder eines Archäo- 
logen, 0. Benndorfs; ebenso die 'Allgemeine Zeitung' und 
einige andere Tagesblätter. Aber die eigentlich philologischen 

1 Just so alt sind auch die Studien des Vf. über Aesop und den 
Siebenweisenroman: was hier wegen des im Hermes XXXIV (1899) S. 222 
Geäusserten bemerkt sein möge. 

• Freilich konnte man unlängst in den Preußischen Jahrbüchern 
einen Autsat/, über Märchen- und Novellenwanderung lesen, für den die 
Arbeit Rohde's überhaupt nicht zu existieren scheint. Auch K. H. Mkver 
versichert in seiner dankenswerthen 'deutsehen Volkskunde 1 , dass min- 
destens die Hälfte der deutschen Märchen aus Indien stamme. Ob sich, 
bei der Bilanz, dieser Studien, die wir von J. Boi/rn erwarten dürfen, das 
Verhältnis so stellen wird, wage ich noch zu bezweifeln. 



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Kritiken. 



85 



und akademischen Organe in Deutschland schwiegen. Ein 
beredtes Schweigen. So imponierend das ganze Unternehmen 
auftrat: man traute ihm nicht ganz und wusste schliesslich 
auch nichts Rechtes zu sagen. O. Ribbeck , der das Buch 
geradezu mit erlebt hatte und das schöne Zusammenspiel wis- 
senschaftlicher und künstlerischer Vorzüge mit feinem Ver- 
ständnis gcnoss, ergriff wohl die Gelegenheit, in seinen Vor- 
lesungen (vor Allein in denen über Theokrit) oder im Gespräch 
auf diese 'capitata Leistung' hinzuweisen 1 : öffentlich das Wort 
zu nehmen, scheute er sich gerade als Pathe des Buches. 
Voller klang das Echo aus dem Ausland — aber doch nur 
das Echo, denn Eignes hatte auch von diesen Kritikern Nie- 
mand zu sagen 3 . Dagegen rührte ein Brief Nietzsches an 
die heikelsten ethisch-psychologischen Probleme des ersten 
Buches. Rohde beschäftigte besonders eine Bemerkung über 
die Ausgänge innigerer Erotik vom £pw; -ai5:xo* 3 . Ganz über- 
sehn schreibt er hatte auch ich diesen Zusammenhang nicht, 
aber gemeint, diese Wendung zum Emptindungsvolleren habe 
sich auf dem Gebiet der Knaben- und der Weiberliebe p a r- 
a 1 1 e 1 vollzogen , und ich könne daher die erstere (mit be- 
greiflicher Scheu) ganz liegen lassen [N. 2 VII 76]. 

1 Vgl. auch Ribbeek's Brief Nr. 152 S. 251 (Rondel Arbeit unter der 
Masse litterargesehichtlicher Schreibereien „wie ein lebendiger Mensch 
unter blutlosen .Schatten.") 

* Vgl. das Recnsionenverzeiehnis bei Schöll in der zweiten Auf- 
lage S. XI. 

3 Wie vornehm N. das Problein auffasste, zeigen manche spatere 
Aeusserungen, z. B. Aphor. 170 der 'Morgenröthe' = Werke IV S. 167. 



86 



VI. 

Berufung nach Jena. Verheirathung. 

(1876—1878.) 



Das Werk war noch nicht geheftet und versandt 1 , als sich, 
zu vollster Widerlegung jedes praktischen Pessimismus neue 
Aussichten eröffneten. Im Frühjahr 1876 nahm Rohde von 
Kiel, wo er Liebes und Leides genug erfahren hatte, ver- 
söhnten Herzens Abschied und siedelte in die zweite Hei- 
math seiner Knabenjahre über: er war als Nachfolger NlPPER- 
DKYs nach Jena berufen worden. 

Von alten Kieler Collegen traf er hier A. v. Gutschmid 
an, der lebhaft für seine Berufung eingetreten war. An ihm 
hatte Rohde, bei seinen ersten »Schritten auf dem unbekannten 
Boden, einen, freilich nicht immer vorurteilsfreien Führer; das 
Gefühl' des Fremdseins in der Jenenser Gesellschaft wurde 



1 Im Januar 1*76 war Rohde's Kieler Verleger in Zahlungsschwierig- 
k vi ten und Concur* gerat hen [R. 28 I 76]. Rohde hatte eben die schwer- 
sten seelischen Erschütterungen S. zu verwinden und sah nun, 
da der Druck nicht fortgeführt wurde, auch die Vollendung seines Wer- 
ke« in unbestimmte Ferne hinausgeschoben. Es kamen, im Beginn des 
Jahres, Wochen tiefster Verstimmung: »Sie brauchen nicht zu furchten, 
dass ich mir 'Luftschlösser baute: ich baue mir stets nur . . Spelunken 
in Dornen und Disteln, und das Schöne ist, dass die mir stets auch 
wirklich angewiesen werden. (Juesfo > qurl mondo, c qmsii * diletti, ffl'a- 
mori , rojnr . ff Ii ccenti, omie cotanto rwfioimmmo inxicme' |R. 28 I 76]. 
Aber schon im Februar gelang es Rohde, die Lösung des alten Contract es 
»mit Zähigkeit und Energie« durchzusetzen [R. 10 II 76]: die mit der 
Drucklegung betraute Firma Breitkopf' und Härtel übernahm auch den 
Verlag und führte den Druck in wenigen Monaten zu Ende. 



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Jena, 8. Lipiner. P. Ree. 



87 



so gemildert, und Rolide ging es nah, dass Gutschmid, der 
ihm docli auch wissenschaftlich -viel sein konnte , schon auf 
dem Sprunge stand, nach Tübingen überzusiedeln. Bei sei- 
nem nächsten Fachgenossen, dem alten Moriz Schmidt, 
scheint er keine sonderlich warme Aufnahme gefunden zu 
haben [R. 14 IV 76]. Dafür gewann er bald erfreuliche An- 
sprache bei dem Philosophen J. Volkelt. Auch ein junger 
Landsmann Volkelts, S. Lipixer, kam ihm damals näher; es 
war die Vertrautheit mit den Jugendschriften Nietzsche's, die 
sofort , wie das Symbol eines Geheimbundes , ein Verhältnis 
zwischen dem reifen Mann und dem Studenten herstellte 1 . Dazu 
imponirte Rohde das wuchtige Talent, das sich in Lipiner's 
Erstlingswerk, dem Entfesselten Prometheus, aussprach z , und 
nicht minder der Muth, mit dem Lipiner, ohne jede Nebenrück- 
sicht, seinen dichterischen Plänen nachging; das Künstlerthum 
galt R. stets als eine höhere Lebensform. Und wenngleich R. vom 
'Prometheus' zum 'Renatus' den jungen Poeten nicht im Aufstieg 
zu sehn meinte, so empfand er doch auch dann noch seine 
Grösse innerlich genüge [V. 1 1 79 J. 

Etwas später tauchte der intimste neue Bekannte Nietz- 
sche's, P. Ree, in Jena auf, mit der Absicht, sich dort zu 
habilitiren. Er stiess auf starken Widerstand ; auch Rohde 
war bei aller Vorurteilslosigkeit seine einseitige Virtuosität in 
einer Art ätzender moralisch-psychologischer Scheidekunst 
nicht sonderlich sympathisch 3 ; wenn er ihn sich trotzdem 
dringend hierher wünschte , so sind es wiederum die Be- 
ziehungen zu Nietzsche, die ihn in Rohde's Augen ^nobilisiren . 
Auch sonst fanden sich Leute, mit denen sich ein Wort 
reden Hess: kurz, die ersten Jenenser Semester brachten 
mehr Anregung, als Jahre in Kiel. -Die studiosi sind zwar 
recht leicht gezimmert, aber voll guten Willens ; die herrliche 

. 1 In den Briefen an Nietzsche denkt Rohde Lipiners wiederholt, /.. H. 
20 V 77, ebenno in denen an Volkelt. 

1 Rohde veranlasste N., an Lipiner zu schreiben. Vgl. auch Nietzsche"* 
Gesammelte Briefe I 8. '283. 425. Beiläufig sei erwähnt , dass auch R. 
HiLDKBBAND grosse Stücke auf jene Dichtung hielt und sich wiederholt 
in dienern Sinne äusserte. Lipiner hat hei ihm in Leipzig gehört. 
» Näheres an N. «20 V 77. 29 VI 77. Vgl. Coffit. Bayreuth 1*76. 



88 



Bayreuth 1876. Verlobung. Krankheit. 



phantastische Berggegend steht als Hintergrund hinter all 
ineinen Phantasien und Träumen. Aber bei alledem fühle 
ich . . , wie e i n s a m im Grunde unsereiner unter dieser aka- 
demischen 'Jetztzeitlichkeit' steht*. 

So eilte Rohde auch 187b' sobald er konnte, aus der 
Dunstluft der Universität heraus, nach Bayreuth, dem ein- 
zigen Ort der Welt, wo er sich und alle seine Leiden völlig 
los wurde , dem Freunde entgegen — bei dem eben die alten 
Ideale hinter den Bergen zu verschwinden begannen, und den 
ein schwerer Anfall seines Leidens schon mitten rais den Proben 
forttrieb in die vertraute Einsamkeit des Bayerischen Waldes. 
Einige aus Bayreuth, August 1876, datirten Aufzeichnungen 
lassen ahnen, was Rohde damals durch Sinn und Herz gezogen 
sein mag. Sichtlich unter dem frischen Eindruck der Bay- 
reuther Aufführungen formulirt Rohde den Aphorismus vom 
Volke, das am Kunstwerk gemessen werden müsse (Cot/. 73); 
und in scharfem Gegensatz zu Ree und La Rochefoucauld 
stellt er Betrachtungen an über die Einförmigkeit aller rein 
durch das Medium des Intellects gesehnen Bilder der Welt, 
um Dem ein ganz Schopenhauerisch klingendes Bekenntnis vom 
Prinzipat des 'Willens' entgegen zu halten. Wir wissen, dass 
Nietzsche sich in diesen Dingen ihm gegenüber bereits in einem 
latenten Gegensatz befand. Rohde hat das, wie manche Briefe 
zeigen, dunkel vorempfunden, ohne doch die Schärfe dieses 
Gegensatzes entfernt zu ermessen. 

Während der Freund auf seiner Kometenbahn sich lang- 
sam von ihm entfernte, sah Rohde ein neues milderes Gestirn 
an seinem Horizonte aufgehn. Er hatte sich verlobt mit einem 
blonden kleinen Mädchen , der eben über das Kindesalter 
hinausgewachsenen Tochter des Rechtsanwalts Framm in Ro- 
stock, die damals in der Familie eines Collegen zu Besuch 
war. Was er kurz zuvor in einer jugendlichen Wallung 
seiner Phantasie- geträumt hatte, um sich beim Erwachen nur 
zu schmerzlich enttäuscht zu sehn — das war nun doch noch 
helle, liebliche Wirklichkeit worden : die lähmende Einsamkeit 
ward, mit Nietzsche zureden, zur 'Zweisainkeit' und mit An- 
dacht genoss Rohde diese wonnevollen Tage in der zauberisch 
lockenden, wie die steingewordene Romantik schimmernden Ge- 



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Heidelberger Aussichten. Hochzeit. 



89 



gend unsres Thals [R. 19 X 76]. Zwar setzte gerade in diesen 
Monaten sein altes nervöses Leiden wieder ein. Aber er fühlte 
sich nun durch die »weiche Hand eines unbedingt liebenden 
Wesens, über alle Widerwärtigkeiten hinausgehoben, ja, hin- 
ausgehoben über sich selbst und seinen ungebärdigen Sinn . 
Tief, fast bang empfand er die Grösse der neuen sittlichen 
Aufgabe, vor die er sich gestellt sah. Er sei ja ein so unbän- 
diger Mensch' , dass er selbst von sich nichts Bestimmtes voraus- 
sagen, für sich nicht einstehn könne ; aber die Aufforderung, 
diesem Wesen, das in seiner innigen, still aufnehmenden Art 
ihm so wohl thue, wieder wohl zu thun, solle ihm allzeit als 
die ernstlichste Pflicht des noch übrigen Lebens gelten. Leider 
zwang ihn seine Unpässiichkeit, eine Reise nach Rostock, wo 
er mit seiner jungen Braut das Weihnachtsfest verleben wollte, 
aufzuschieben und aufzugeben 1 . So wurden die Ferien recht 
trist für ihn und seine arme kleine Braut in Rostock . 

Inzwischen war an ihn, ehe er sich in die Jenensia noch 
recht hineingelebt hatte, schon wieder eine vertrauliche An- 
frage herangetreten : es ist das erste Mal, dass er seinen Blick 
auf Heidelberg zu richten veranlasst wird, nicht in der alten 
Wander- und Reisestimmung, sondern mit dem Gedanken dau- 
ernd und im eigentlichsten Sinne sesshaft zu werden ; gerade 
die Erwägung, »es könne doch immerhin möglich sein, dass er 
zum Herbst nacli Heidelberg umsiedeln müsste , veranlasste 
ihn, den Termin für seine Hochzeit noch über die Osterzeit, 
die er in Rostock verlebte, hinauszurücken. Ich fühle mich 
eigentlich in Jena ganz wohl schrieb er damals an Ribbeck, 
unvergleichlich viel wohler, als in Kiel. Doch würde ich 
mit Freuden nach Heidelberg übersiedeln, wenn S i e auch dort 
bleiben. Aber ich könnte das freilich nicht ohne eine erheb- 
liche äussere Verbesserung meiner Lage. Als Einzelner war 
ich bierin ziemlich gleichmütig: wenn ich mich nun verheirathe, 
ist die Lage eine ganz andere. Jene Hauptbedingung er- 

' »Ich bin noch zu schwach zum Reisen und Festfeiern nach massi- 
ver mecklenburgischer Art, mag auch dort nicht den Störenfried machen« 
[R.] Auch in diesen Jahren spricht er von seinen Sorgen und Leiden 
in den Briefen an Niktzsche kaum mit einem Wort, wohl aber in denen 
an RimiKCK und andre Freunde. Ihn leitet jener Herzetif-takt. den wir 
schon an ihm kennen gelernt haben (>'. 



90 



Reise nach Paris. Verhältnis zu Nietzsche. 



füllte sich nicht, da Ribbeck im Frühjahr 1877 als Nach- 
folger Ritschl's nach Leipzig zog. Rohdo blieb daher völlig 
kühl , als sich die Sache zerschlagen hatte ; die grössere 
Nahe des alten Freundes in dem schönen Leipzig , dessen 
Heranwachsen zur Grossstadt er launig schildert, schien ihm 
Ersatz genug. So konnte Rohde in ungetrübter Laune seinen 
Kohl bauen* im Colleg und Seminar und Pläne für die Hoch- 
zeitreise austifteln. Im August 1877 reichte ihm seine junge 
Braut die Hand, „ein höchst liebliches Wesen, dem die edle 
Seele aus allen Zügen hervorleuchtet" (so nannte sie damals 
ein Freund nach einem Briefe Nietzscbe's) ; von seinen neuen 
Jenenser Bekannten nahm Lipiner an der Hochzeitsfeier in 
Rostock theil 1 . Es klingt wie eine leise Regung von Weh- 
muth und vielleicht von Eifersucht heraus aus den stimmungs- 
vollen Zeilen, mit denen Nietzsche „in brüderlicher Liebe fa 
diesen Schritt begrüsst (E. Förster-N. II S. 285) und sein Hoch- 
zeitsgeschenk, eine Büste R. Wagners, begleitet. Der Wagner- 
kopf wurde sofort aufgestellt und blieb Rohde stets vor Augen, 
eine fortwährende Erquiekung mit seinen in jedem Zuge festen, 
bedeutenden und stolzen Linien < : ein kleinlicher Gedanke, 
meint er, könne in solcher Gegenwart gar keine Wurzel 
schlagen. Eins denke immer, lieber Freund, dass in meinem 
zukünftigen Hause Dir Herz und Heerd allezeit zur Verfügung 
stehen, nicht wie ein Geschenk, sondern wie Dein eigner und 
rechtmässiger Besitz . [X. 20 V 77.] 

Mit seiner jungen Frau reiste Rohde auf einige Wochen 
nach Paris. Es war die Ausführung jenes alten Luft- 
schlosses , das er einst mit Nietzsche geplant hatte, und so 
mag der Freund oft als stummer geisterhafter Begleiter neben 
dm Beiden gewandelt sein, während sie, wie es in einem 
Brief an Ribbeck heisst , dies mächtige und vornehme 
Leben mit allen Poren in sich einsogen . Auch in dem 
neuen Heim, an der Seite seiner jungen Frau, umkreisten 
Rolides Gedanken still und unablässig den fernen Freund in 
seinem einsamen Leiden ; das zeigen manche Briefe aus 
diesen Tagen stillen Glückes, die er an Overbeck und andre, 

' Lipiner ist wohl tler 'Jemand', auf den .«ich Nietzsche mit den au- 
fführten Worten (K. Förster-N. II 2*5) l.e/.ieht. 



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Häusliches Leben. 



91 



Nietzsche nahstehende Menschen schrieb, um dem schweigen- 
den Dulder nicht mit dem Almosen des Mitleidens lästig 
zu fallen. Wie Nietzsche zum 9. Oktober -mitten in seinen 
Qualen daran gedacht hatte, dem Freunde ein Zeichen seiuer 
Liebe zu schicken*, so galt seinem Geburtstage die erste weh- 
müthige Feier in Rohdes Hause. Ich schreibe ihm zu diesen 
Tagen nicht, weil er ja doch meinen Brief nicht lesen dürfte : 
sagen Sie ihm wenigstens, dass, wie vieler Menschen Gedanken, 
die er sich durch seine Schriften gewonnen hat, so gewiss nicht 
zuletzt alle Gedanken meines Herzens an diesem Tage bei ihm 
sein Averden. . . Nur ein kleines Symbol des Zusammenhangs 
soll es doch sein, wenn am Mittag ich mit meiner jungen Frau 
— die ihn liebt, weil sie weiss, wie ich ihn liebe — anstossen 
werde — ach Gott auf sein Wohl ! und gewiss doch auf sein 
Wesen und seinen Werth, die nie verloren gehen noch ge- 
trübt werden können.- [O. 13 X 77.] 

Bei seiner bildsamen, unsäglich herzlichen Frau konnte er 
allzeit sicher sein, für seine Stimmungen einen reinen Wider- 
hall zu finden 1 . Nach einer idyllischen Schilderung seines 
jungen Eheglücks in einem Briefe an Ribbeek ruft er schliess- 
lich aus: es ist wahrhaftig Alles angethan, um einen Satten 
und Zufriedenen aus mir zu machen, der ich hoffentlich den- 
noch nicht werde.' In dem Sinne, den er hier im Auge 
hat, ist er's nie geworden. Sein Lebenswerk zeigt, wie glück- 
lich er gewählt hatte. Was er in den zwei Jahrzehnten 

1 >Ich fühle es selbst an meiner Person, welch ein tiefe« Glück der 
Besitz eines Menschenherzen ist, in dein aller "Widerspruch und Hader. 
Anstoss und Mißverständnis der Welt da draussen schweigt, und nur 
lauterste Liebe, ohne Markten und Bedingungen wohnt: ich habe stets 
da» Gefühl, dass es Einem nun ganz übel nicht mehr werden könnet 
[0. 5 X 77]. Derselbe Ton klingt aus den Briefen an Rfihl und Ribbeck: fühl- 
bar gedämpft wird er in denen an Nietzsche: ich glaube darin etwas wie die 
Rücksicht auf den einsamen Freund herauszuhören. So heisst es einmal 
[N. 15 II 78]: »Im Uebrigen ist der Ehestand eine nachdenkliche Sache ; 
es ist unglaublich, wie er altern liisst: denn man steht nun auf einein 
gewissen Gipfel, über den nichts mehr hinausliegt: nicht mehr wie sonst 
wartet man jeden schönen Tag auf den Boten Gottes, der Einem direct 
das Paradies in s Zimmer tragen soll ; man erwartet kaum irgend etwa* 
noch; und das hat seine grossen Vorzüge und grossen Bedenken, und 
ninss wohl, langsam und täglich wirkend, allmählich den Menschen selt- 
sam umgestalten.. 



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/ 



92 Amtstätigkeit in Jena. Arbeiten. Colleg über Khetorik. 

seiner Ehe geschaffen hat, konnte gerade Er nur leisten in 
einer völlig ausgeglichenen, gelassenen, gegen störende Reize 
nach allen Seiten geschützten Stimmung, wie sie ihm seine 
Gefährtin, als wohlthuende Ergänzung der eignen Persönlich- 
keit, auch in den letzten und schwersten Jahren, so viel an 
ihr lag, allzeit erhalten hat. 

Gleich im ersten Ehestandssemester stürzte sich Rohde 
mit rücksichtsloser Energie in die Arbeit. Die praktischen 
Anforderungen, die sein Amt an ihn stellte, waren strenger, 
als er erwartet hatte. In Kiel, neben Ribbeck, Wilmanns und 
Lübbert, hatte Rohde seiner ausgesprochenen Neigung zum 
Griechenthum auch in der akademischen Praxis folgen können ; 
Forchhammer ( Peter der Prächtige, der natürlich immer in 
grossen Staatsangelegenheiten in Berlin war ), beengte ihn 
dabei nie sonderlich. Als College von M. SCHMIDT sah er sich 
jetzt, zumal nach dem Abgange von Emil Bährens, veran- 
lasst, die seit den ersten Leipziger Semestern stark zurück- 
gedrängten römischen Studien energisch wieder aufzunehmen. Er 
las zwei umfassende Oollegien über Geschichte der römischen 
Poesie und der römischen Prosa und behandelte in Vor- 
lesungen oder Uebungen Catull, Properz, Statius. Vor Allem 
alier bot er seinen Hörern hier zum ersten Mal die Einfüh- 
rung in Geschichte und System der griechisch-römischen Rhe- 
torik. Entworfen wurde sie im Plan, wie die Briefe an Rib- 
beck (seit dem 17 I 77) zeigen, schon 1877, ausgeführt im Som- 
mer 1878. Zum Sommer mach ich es mir bequemer schreibt 
er im April 1878, indess muss ich mich doch in die antike 
Rhetorentheorie tief hineinfressen ; längst hatte ich mir das 
vorgenommen, da es für das Verständnis, nicht nur dunkle 
Empfinden antiker Form so nothwendig ist ; aber es ist ein 
trockener Bissen. Thatsächlich ist schon die Schilderung 
der griechischen Rhetorik und Sophistik im 'griechischen Ro- 
man' ein glänzend gelungener Versuch, die geschichtliche Wir- 
kung und Bedeutung dieser uns so fremdartigen geistigen 
Grossniaeht ans Licht zu stellen ; sie beschränkt sich aber im 
Wesentlichen auf eine handwerksmässig reproducirende Epi- 
gonenzeit und erörtert technische Einzelheiten, der besondern 



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Colleg über Rhetorik. literarhistorische Aufsätze. 



93 



Aufgabe entsprechend, nur mit Auswahl. In den Vorlesungen 
gab Rohde umgekehrt eine liebevoll durchgeführte Schilderung 
von den im Grunde allein schöpferischen vorchristlichen Jahr- 
hunderten, die allgemeinen geschichtlichen Verhältnisse bald 
mit wenigen Strichen andeutend, bald — zumal bei minder 
bekannten Dingen, wie dem Epheben- und Studentenwesen — 
zu lebensvollen Kulturbildern ausführend. Die systematische 
Darstellung umspannte, überall auf den geschichtlichen Teil 
zurückgreifend, das ganze grandiose Lehrgebäude, von der be- 
grifflichen Grundlegung bis zur Lehre vom Vortrag und vom Ge- 
dächtnis. Hier vor Allem bewährte sich aufs Neue Rohde's 
Fähigkeit, einen spröden Stoff zu organisiren und zu durch- 
geistigen. Die an straffe logische Zucht gewöhnten Tübinger 
Stiftler sind ihm später gern bis in die entlegensten AVinkel 
gefolgt. 

In derselben Zeit entstanden eine ganze Reihe von Einzel- 
untersuchungen; vor Allem wurden (bei einer Revision der 'grie- 
chischen Literaturgeschichte') die von wahrhaft unheimlicher 
Erudition zeugenden Studien zu den Chronologika und Bio- 
graphika bei Suidas und der Aufsatz über die Chronologie des 
Zeno (Rh. Mus. 1878 = Kl. Sehr. I 189) entworfen 1 . Andre Ar- 
beiten — z. B. Beiträge zur Geschichte der griechischen Komö- 
die — kamen über da« Stadium der Vorbereitung nicht hinaus". 

Rohde war sich selbst bewusst, dass er den Bogen wohl zu 
stark anspanne. Nach dem ersteu Weihnachtsfest in seinem 
-neuen Zustande *, berichteter Ribbeck von seinen Studien und 
Arbeiten. * Darüber wird man, fast wider Willen, gräulich ge- 
lehrt; aber was hilft's Einem? Zu rechter Andacht komme 



1 »Ich habe mittlerweile mit erstaunlichem Vergnügen (woran der 
Menech doch ein erstaunliche« Vergnügen haben kann!) die Chronologie 
des Stoikers Zeno . . . völlig «icher gefunden : 2 Rechnungen, nach Apol- 
lodor von 386—264 v. Chr., nach Apollonius von Tyrus 362—264. Es 
giebt eine noch unbenutzte Quelle für diese Dinge» [Rü. 13 VI 78]. 

3 Mit Bezug auf v. Wilamowitz (Hermes IX) formulirt er einmal 
(Rü. 2 VI 77] scharf da» Problem der megarisehen Komödie : »Sehr be- 
zeichnend ist es, wie W. darin — um ein Analogon zu Monimsen über 
die Atellane zu bekommen — die MeyopixTj x(i>u<piia ausrottet, unter Be- 
tonung meines Anschlusses an Aristoteles und Unterschlagung des eigent- 
lichen Zeugnisses desselben Arist. für die einstige Komödie in Megara 
poet. 3 p. 1448 a 31 f.« Dieselbe Tonart, wie oben S. 60. 



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94 



l'eberanspannung. Facultiltsverhandlungen. 



ich kaum je noch ; selbst auf einsamen Spaziergängen schwirrt 
Einem der fremdartige gelehrte Krimskrams im Kopfeherum; 
es ist als ob das eigene Ich ganz klein und kleinlaut würde ; 
sucht maus mal in einer guten Stunde, so sitzt es ganz ver- 
schüchtert und verfroren im tiefsten Winkel und wagt sich 
auf die freundlichsten Lockungen kaum hervor. Hoffentlich 
dauert die Nöthigung zu so toller Arbeitshetze nicht mehr sehr 
lange: aber fast fürchte ich, ist sie vorbei, so hat man sich 
an die Tretmühle so gewöhnt, dass man gar nicht herausmag . . . 
Ein Freund sagte mir einmal ganz richtig: die ewige Arbei- 
terei so eines Gelehrten werde veranlasst nur durch den hor- 
ror vacui; das ist eine vortreffliche Definition dieser eigen- 
tümlichen Art von Gehirnkrankheit 1 . — Ich bin im Üebrigen 
völlig wohl diesen Winter, und hieran mag denn meine kleine 
Frau das beste Verdienst haben, die in geräuschlos emsiger 
Liebe für mich und mein Wohlergehen sorgt: ich wünschte 
nur, ich hätte mehr Zeit, mit ihr zusammen zu sein...- 

In den Osterferien schöpfte Rohde endlich Athem und 
nahm sich die Müsse, *in die stille Lieblichkeit und ganz 
eigne 'romantische' Schönheit der hiesigen Gegend hinauszu- 
treten, die nun endlich anfängt, ein freundliches Gesicht zu 
machen . Die Ptingstferien wurden gemeinsam mit Ribbeck 
verlebt, der einen Abstecher nach Jena machte. Rohde's 
Ich machte sein Recht doch sehr energisch geltend. Den 
Gedanken z. B., der ihm damals nahe trat, seine Studien 
über antike Rhetorik zu einem Buche zusammenzufassen, wies 
er kategorisch ab; zu der Künstlerstimmung, die er an ein 
Buch wandte, konnte ihn dieser Stoff nicht erwärmen. 

Eine wohlthätige Ableitung in seinem furibunden Arbeits- 
feuer boten ihm die lange schwellenden Verhandlungen über die 
historische Professur, wobei es vor Allem den passiven Wider- 

1 Rohde wird ein Paradoxon Nietzsche'» nieinen : vgl. beispielsweise 
Zur Genealogie der Moral III 26 = Werke VII 466 f. Verwandte Stim- 
mungen vielfach in andern Briefen, besonders in Jugendbriefen an Nietz- 
sche. »Man wagt's nur nicht zu sagen, der Trieb zu dieser Alltagsarbeit 
ist eigentlich nichts als die wohlbekannte N e u g i e r d e in der zweiten 
Potenz. Dann sehnt man sich nach dem rein erquickenden Schauen, 
oberhalb unsres Tagesdunstes! Wenn nur der treue musenfreundliche 
Freund da wäre, der Einen mit hinaufnähme !« [N. 1 VIII 71]. 



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Stellung zu den Collegen. 



95 



stand — die Taktik einer gewissen zähen Schläfrigkeit — 
zweier nahe betheiligter Fachgenossen zu überwinden galt 1 . 
Diese Debatten waren für Rohde zugleich ein Mittel zur 
Scheidung der Geister. Adolf Schmidt blieb ihm trotz seiner 
gelegentlich bespöttelten -epideiktischen« Lehrthätigkeit 3 doch 
ein sympathischer Mensch und > höchst ehrenwerther Charakter, 
ein honnete homme * . (iegen den nächsten Fachgenossen, Mo- 
RIZ Schmidt, bildete sich eine chronische Verstimmung heraus, 
die durch Schmidt's diplomatische AVinkelzüge mit Rücksicht 
auf die schwebende Sache gelegentlich verschärft wurde 3 . 
Im übrigen erkannte Rohde dankbar an, dass in der Jenen- 
ser Luft -trotz einzelner Uebellaunigkeit der Alten gespannte 
Verhältnisse keinen Bestand hätten. Dauerhafte, vertrauliche 
Beziehungen wollten sich freilich in den wenigen Semestern 
auch nicht anspinnen. Noch kurz vor dem Abschiede gesteht 
Rohde, dass er das -trotz einer nach aussen kaum irgendwie 
hinausschauenden Einsiedlernatur doch schmerzlich vermisse; 
er sei -eben aller intimen Aeusserung so entwöhnt-, dass sie 
ihm kaum noch einmal überhaupt gelingen wolle*. Am uäch- 

1 »Nun war es ergötzlieh zu sehen, wie Moriz und Adolf Schmidt 
sich wie die Aale wanden : sie wollen (namentlich Moriz) überhaupt gar 
keine Wiederbesetzung; wendet man ihnen nun ein: Wenn wir jetzt 
nicht zugreifen, sondern erklaren (wie sie vorschlugen), die Sache sei 
nicht eilig, so entgingen uns die 4000 (vom Landtag bewilligten) Mark 
überhaupt, so durften sie nun nicht ofTen sagen : das wünschen wir 
ja gerade , sondern machten theils formale Schwierigkeiten , theils ver- 
warfen sie X. als ganz ungenügend. Mein Gegenargument blieb, dass 
man die Stelle besetzen müsse, die dargebotene Hand der Regierung 
nicht ausschlagen solle . . .« [R. S IV 78]. 

' »A. Sohra, liest bisweilen 'Zeitalter des Perikles', aber mehr für 
'Jedermann aus dem Volke', als in eigentlich wissenschaftlich-didakti- 
schem Sinne.« — Imponirt hat ihm freilich auch der Schriftsteller A. 
Schmidt nicht »Was sagen Sie denn zu A. Schmidts schauerlich langer 
Brühe zum Stesimbrotus? Diese asuvirTjs! Uebrigens gestehe ich, dass ich 
an Unächtheit des Stesimbroteischen Buches nie habe glauben können « 
(Rü. 27 XII 77]. 

s »Mor. Schmidt liest diesen Sommer Griechische Staatsalterthümer ; 
aber das ist nur seine alte Taktik : um die These durchzusetzen, dass er 
allein genüge, die Philologie zu vertreten, liest er allemal das, was just 
unbesetzt ist — wie , dies mögen die Unglücklichen wissen , die drauf 
hineinfallen.« 

* »Das ist kein gesunder Zustand, er ist gebraut aus Misstrauen in 
sich selbst und in die Fähigkeit auf Andre einzugehen, die um so völ- 



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9b' 



Die Schüler. Dhb Jenenser Leben. 



sten fühlte er sich noch Männern, wie B. DELBRÜCK, Br. Hll.- 
DKBHANI), E. Sieveks, auch dem Theologen LlPSlUS. Eine 
stille Sympathie, die ihn schon damals zu J. V OLK ELT zog, 
hat erst in den Tübinger Jahren (durch einen von Rohde selbst 
begonnenen Briefwechsel) zu einem wirklichen Freundschaftsver- 
hältnis geführt. Doch hatte sich Rohde selbst zu Emil BäJIRENS 
ganz leidlich zu stellen gewusst, ohne seine Schwächen zu 
verkennen; bei einer schlimmen litterarischen Fehde, die Bährens 
damals zu bestehn hatte, nahm er Freunden gegenüber ent- 
schieden die Partei des Angegriffenen. Ich fand manche gute 
Seite an ihm — heisst es bei seiner Fortberufung nach Hol- 
lami aber der Fond war pures trockenes und steifes 
Holz, ohne Saft und Geschmack. [R.] Bei seinen Hörern 
glaubte Rohde je länger je mehr einen »guten und geweckten 
Sinn« zu beobachten. Freilich seien sie wenig geneigt »harte 
Klötze zu spalten«, und von rechten Naturen sei nur eine 
einzige zu verspüren; aber damit muss man schon zufrie- 
den sein in dieser Fahrikzeit, wo Alles nach einem stampo 
'schlecht und billig' gemacht ist 1 [R.]. Beschwichtigend und 
ausgleichend wirkte überall das gelassene linde Wesen« seiner 
jungen Frau und eine an Heimathsgefühl grenzende Vorliebe 
für die sächsisch-thüringische Art, den ganzen eigentümlich 
leichten und harmlosen Ton des Lehens-, und für die wunder- 
bare Zaubernatur und stille Lieblichkeit der Gegend , mit der 
sich so manche Erinnerung seiner Knabenzeit verband 2 . Von 
Enttäuschung, von einem wirklichen Unbehagen über die Ver- 
hältnisse im Ganzen ist in diesen Jahren nicht die leiseste 
Spur zu entdecken, während jede spätere Umsiedlung mit sol- 
chen Schmerzen verbunden war. 

liger schwindet, .je weniger man sie Qht. .Sie haben mehr epanchemeut 
als ich, und Sie sollen daran festhalten!» [Kü. 13 VI 7*]. 

1 Auch aus der Ferne kam Zuzug, so der von Niktzschk empfohlene 
junge Uaumoaktnkk. »Ich halte ihn nach Kräften im rein Philologischen 
fest; er muss das Haus von unten und nicht vom Dach aus bauen — 
und es ist keine (tefahr, das* ihm der Geist und der Wille dabei ab- 
handen kommen, spater sich höher aufzuschwingen.« Vgl. Nietzache's 
(5 es. Briefe 1 S. 275 tf. 

8 K. 'J.S V 76. »Tin Jena liegt einmal ein eigner Zauberhauch fi\r 
meine Vorstellung- [0. 15 IV so). 



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Nietzsche'» 'Menschliches Allziunenschliches'. 



97 



So lebte Rohde, im Frühjahr 1878, wahrhaft halkyoni- 
sche Tage-, als Anfang Mai, dem Andenken Voltaires ge- 
weiht, Nietzsche's erstes 'moralistisches' Buch erschien, sein 
'Menschliches Allzumenschliches'. Auf Rohde wirkte das 
buchstäblich, als führe ein Blitz aus heiterm Himmel neben 
ihm nieder. Gespräche mit Ree hatten ihn wohl annehmen 
lassen, dass der Freund seine enthusiastische Art, die Welt 
zu betrachten, mit positivistischen Mitteln zügeln und ergän- 
zen werde: diese völlige Ab- und l'mkehr, diese rücksichts- 
lose Kampfstellung gegen die alten Ideale, war für ihn die 
schmerzlichste Ueberraschung : So muss es sein, wenn man 
direct aus dem Caldarium in ein eiskaltes Frigidarium gejagt 
wird. . . . Kann man denn seine Seele so ausziehen und eine 
andere dafür annehmen? Statt Xietzsche nun plötzlich Ree 
werden? Ich stehe noch immer erstaunt vor diesem Mirakel 
und kann darüber weder froh sein, noch irgend eine bestimmte 
Meinung haben: denn ich begreife es noch nicht so recht. 
[X 1<> VI 18.] Die (irundstimmung des Buches, klagt er 
am selben Tage < herbeek, sei ihm etwas durchaus Fremdes. 

Die Forderungen des alten X. waren allerdings für diese 
Welt zu hoch gespannt , nichts kam , in dieser Zeit zumal, 
ihnen entgegen, jene 'Kette', von der er im Schopenhauer 
redet, liess sich nicht herstellen, der tägliche Tag mit so ide- 
alen Forderungen nicht zusammenbringen. .Jeder von uns . . 
hat wohl an seiner eignen Person es tausendmal schmerzlich 
empfunden. Er selbst mag sich mit solchen Emptindungen 
viel aufreibender abgerungen haben : und nun, so scheint es, 
wirft er an Einem Tag alle jene Last höchster Forderungen 
einer 'erhöhten' Praxis ab , und lässt sich zurückfallen in 
jene sanfte Wellenbewegung der 'reinen' Theorie, die er bis 
dahin wie ein lockendes Teufelswerk verflucht hatte. Aber 
das Hohnlachen, das er nun für seine eignen einstigen Ideale 
hat, klingt krank und schneidend; mir wird bei seinen 
Deduktionen nicht frei und heiter zu Muthe, sondern beengt 
und schmerzvoll. Ich hoffe aber bestimmt, dass der mir wenig- 
stens geradezu unheimliche Einfluss, den Ree mit seiner Sophi- 
stik auf die im Grunde so ganz verschiedene Natur X.'s ge- 
habt hat, ein vorübergehender sein werde, und er dereinst 

(,'ruiim, K. Rolule. 7 



98 



Stellung zu Kee und dem neuen Nietzsche. 



noch sich selber wieder finden wird. — .... Sein Buch giebt, 
rein persönlich gefasst, sehr viel zu denken. Ich hoffe, auch 
Wagners werden . . . einsehen, dass man hier ein Ergebnis 
eines in N.'s Innerem notwendigen Processes vor sich hat, 
den er selbst nicht hemmen konnte, aber dessen letztes Stadium 
dieses nicht sein kann. Dazu habe ich ein viel zu sicheres 
Vertrauen in die ungemeinen Kräfte unseres Freundes, die 
ihn in der beschränkten Einseitigkeit , die vielleicht Ree's 
Natur voll entspricht, nicht verweilen lassen werden ; seine 
mannigfaltigen Regungen werden sich gegenseitig corrigiren 
und balancircn. So ist denn auch gar nicht zu läugnen, dass 
der neuste Process in dem stärkern Hervortreiben des rein 
intellectuellen Elements, bei aller Einseitigkeit mit der nun 
dieses wieder hervortritt, ein gewisses Correctiv jenes 'en- 
thusiastischen Denkens** enthält, das nicht ohne viele Bedenk- 
lichkeiten war. Der eigentliche und ächte X. wird und kann 
nicht verloren gehen [O. IG I 78]. 

In einem ausführlichen Briefe an Nietzsche, der hoffent- 
lich in der Correspondenz der Freunde vollständig abgedruckt 
wird, sucht Rohde reinen Tisch zu machen. In keinem prin- 
cipiellen Punkte fühlt er sich bekehrt. Der rein theoretische 
Beruf, wie ihn Nietzsche neuerdings als den >wünschenswer- 
thesten, letzten und obersten empfehle, bleibt ihm nach wie vor 
etwas Unvollkommenes, eine die Hälfte des Menschen brach 
liegen lassende Thätigkeit , aus der man zu höheren Stufen des 
Menschenthums binaufblicken soll< '. Alle Betrachtungen, die 
den Menschen, gleich anderen T liieren, als ein rein auf sich ange- 
wiesenes, an sich einzig nicht nur denkendes, sondern zu denken 
berufenes Wesen fassen, findet Rohde weder besonders scharf- 
sinnig, noch irgend wie überzeugend. Sind wir alle gräu- 
liche Egoisten (ich weiss, mein geliebter Freund, wie viel mehr 
ich das, bin als Du !), so soll uns doch Niemand den Stachel 
ausreissen wollen, der uns mahnt, dass wir das nicht sein 



1 Die Abschnitt«', auf die sich R. hier bezieht (N. Werke II S. 163 ff. 
170 IV.) weiden ergänzt durch die Fortsetzung des Buches, vor Allem 
durch den Aphorismus .Warum Gelehrte edler als Künstler sind" und 
durch die gegen Schiller und andre alte Ideale sieh wendenden Abschnitte 
des -Wandivrs - (Werke III 110 ff.) 



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Kgoisiuus und Altruismus*. 



99 



sollten. Es mag ja sein, dass man auch das Gute wesent- 
lich thut wegen der mit seiner Ausübung verbundenen Lust- 
emptindung : aber wenn es einem Menschen L u s t verursacht, 
in einem G'onflicte seiner egoistischen und anti-egoistischen 
Triebe die erstem aufzuopfern . so ist diese seltsame That- 
sache doch mit den Regungen seiner egoistischen Lust- 
empfiudung unmöglich auf Eine Linie zu stellen, sondern diesen 
allerdings, wie alle AVeit thut, entgegenzustellen, ihnen, dem 
Werthe nach, überzuordnen und allerdings als das Gute zu 
verehren, von dem man ja wohl nach Ree überhaupt nicht 
reden dürfte ... Dabei schätze er so innig wie möglich an 
dem Buche den edelsten Trieb des freien Menschen, zu un- 
beschränkter Wahrheit , finde auch in vielen Punkten das Ge- 
webe der religiösen und künstlerischen Illusionen ganz ein- 
leuchtend zerlöst — aber dennoch bezweifle er, ob nun diese 
Einsichten die letzten und einzig richtigen seien. Der Chemiker 
kann mir das herrlichste Bild nur als eine Mischung ganz 
genau bestimmbarer, vielleicht recht übel riechender chemischer 
Stotle darstellen, hat dann auch in seiner Weise Recht — 
aber wenn er mir damit den künstlerischen Werth und Sinn 
des aus solchen Stoffen zusammengesetzten Ganzen des Ge- 
mäldes wegdisputirt zu haben meint, so irrt er sich doch.« 
Aber er finde bei Alledem in so vielen Gedanken den alten 
»durch keine Reesche Grübelei anzufressenden Nietzsche« 
wieder, dass er ihm tausendmal in alter Liebe und Bewun- 
derung durch die Gänge solcher Betrachtungen gefolgt sei ; 
namentlich leuchte ihm ein , was von den Griechen gesagt 
werde, »wie wahre Tief blicke in das Innerste dieser seltsamen 
Menschen«. 

Auf den ersten Blick glaubte Rohde sich des Freundes 
l'mwandlung offenbar nur durch fremden Einfluss erklären 
zu können'. Aber er begann sie doch schon damals, als Gegen- 
schlag gegen die Ueberspannung des »künstlerisch-enthusia- 
stischen Denkens« , aus Nietzsche's eignem Wesen zu ver- 
stehn ; und bei diese r Auflassung ist er geblieben und hat 

1 Vgl. dagegen Elisabeth Ftfrster-N. II S. "271 tt'.; Henri Liehtenberger, 
Die Philosophie Fr. N.\s 101 uml Niet/sehe selbst. Vorrede zur Genealo- 
gie der Moral, Werke VII 291. 

7* 



100 



Versiegen der Cogitata. 



zugleich an der Hoffnung festgehalten, dass des Freundes Ent- 
wicklung > gleich der äpuovta tocoj xa! Xüpa; zu ihrer ursprüng- 
lichen Richtung zurückkehren werde.« Freilich klebte ihm 
lange ein schmerzlich bitterer Geschmack auf der Zunge. 
An Nietzsche's Person hielt er fest, ohne mit der Wimper 
zu zucken, während »die Philister rechts und links Zeter 
schrieen« 1 . Der Freund war und blieb ihm >ein in jeder Hin- 
sicht einziger Mensch«, mit dem man »die übrigen homun- 
culi« gar nicht messen dürfe [Rü. 13 VI 78]. 

* . * 

Die letzte Nummer der Cogitata knüpft, im August 1878, 
an Nietzsche's Moralistik an und sucht zugleich über sie hinaus- 
zukommen. Bei der ganzen Situation wird man hier sagen 
dürfen: post hoc, ergo propter hoc. Nietzsche's Buch war 
Schuld daran, dass Rohde die ein Jahrzehnt lang festgehal- 
tene Gewohnheit aufgab, seine Lösungsversuche ästhetisch- 
philosophischer Fragen schriftlich aufzuzeichnen. Wie erklärt 
sich das? War ihm nicht etwa doch seine alte Welt von 
dem Freunde in Trümmer zerschlagen, und fehlte ihm die 
Kraft, sich eine neue aufzubaun ? Eine solche Annahme wider- 
legen die Briefe, nicht nur die wenigen, aus denen oben Aus- 
züge mitgetheilt sind. Rohde selbst giebt uns eine bessere 
Antwort. Er meint, an eine »wahrhafte Heilung für des Freun- 
des, in diesem Buche wahrlich nicht zur Gesundheit zurück- 
gekehrten Geist« würde er glauben, wenn N. »sich nun mit an- 
haltender Arbeit den Griechen zuwenden wollte« [(_). Iii VI 78]. 
Audi er mochte, gerade diesem Buche gegenüber, doppelt 
klar emptiuden, dass die grüblerische Selbstbeobachtung, die 
ihn zeitweise »wie in einem Spiegelzimmer« leben Hess, seine 
Kraft und Persönlichkeit nicht steigerte, sondern aufzehrte. 
So brachte er die Kur in Anwendung, die zu gebrauchen den 
Freund sein fortschreitendes Leiden wie die elementare Wucht 
seines philosophischen Triebes hinderte. Er wandte sich in 
den nächsten Jahren, ausschliesslicher und intensiver als je, 
den Griechen zu. 

1 Und nicht nur die Philister: man sehe Ribbeck's Aeusserungen, 
Brief 201 S. 309. 



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101 



VII. 

Tübingen. Lehrthiitigkeit und Leben. 

(1878—1885.) 

Inzwischen war (am 8. März 1878) in Tübingen W. S. 
Teuffel gestorben, der Litterarhistoriker , dessen Studien 
Rohde schon vor Jahren als ebenbürtiger Kritiker besprochen 
hatte. Die »guten Elemente in Facultät und Senat«, voran 
L. Schwabe und A. v. Gutschmid, traten mit Entschieden- 
heit für die Berufung ßohdes ein; gerade den wesentlich li- 
terarhistorischen Tübinger Lehrauftrag war Er in der That 
auszufüllen befähigt , wie kaum ein zweiter. Die Sache zog 
sich , bei dem complicierten Geschäftsgang — aber auch in- 
folge entgegenwirkender Kräfte 1 , — einigermassen in die Länge, 
und diese Ungewissheit empfand Rohde jetzt, als > angehender 
pater familias« peinlicher, als ähnliche Situationen in Kiel 2 . 
Doch Mitte Juli war Alles im Klaren. > Nicht ohne Bedenken 
gehe ich hier fort und dort hin ; aber die äusseren Vortheile 
sind . . . ein zu wesentlicher Gesichtspunkt gewesen, als dass 
ich nicht schliesslich andere Bedenken hätte ersticken sollen«. 
[R.] In der That fühlte er seine Existenz durch viele und 
starke Wurzeln gerade mit dem alten Jena verbunden , das 
er schon in den Knabenjahren »mit der energischen Phantasie 

1 Selbst bei dieser Berufungsangelegenheit hatte Kolule noch die 
- Freundschaft« de* alten Forchhummer zu spüren. 

* »Die Schwabenstreiche machen mir nicht bange: müge nur der 
Ruf kommen, das wünsche und hotte ich unter allen Umständen. Aber 
'keine Droschke lüsst sich sehen!' Ich wiegle bereits wieder ab in mei- 
nem zu Hoffnungen und Befürchtungen gleich erregten Oemüthe: solch 
ein Auf- und Abwieglen greift mich aVier gewaltig an< [R. 13 VI 78]. 



102 Abschied von Jena. Tübinger Anfange. Antrittsrede. 

eines Kindes in allen Lichtern und Lagen gesehen« und in 
dem er sieh eben ein friedevolles Heim gegründet hatte; man em- 
pfindet es hei seinen brieflichen Aeusserungen deutlich, wie er, 
um sich innerlich loszulösen, sich seihst recht eindringlich die 
Mängel seiner damaligen Lage zu (lemüte zu führen sucht \ 
Schliesslich erleichterten ihm die alten verdriesslichen Erfah- 
rungen in der Fakultät den Abschied 9 . 

So ging Kohde trotz der praktischen Schwierigkeiten, 
die das Nahen der Eilcithyia« für die Uebersiedelung mit 
sich brachte — getrosten Mutlis den neuen Verhältnissen 
entgegen; »namentlich Schwabe wird mir ein sehr guter Col- 
lege sein, wie ich mit Bestimmtheit annehme«-. [R. und (). 10 
VII 78.] Die Antrittsrede, vor der nach dem Tübinger Her- 
kommen Facultät und Senat dem Berufenen verschlossen 
bleibt , wurde mit frischem Schwung gleich in den ersten 
Wochen entworfen. Rohde sprach (am 14. November 1878) 
über 'die Methode der Forschung in griechischer Literatur- 
geschichte' s ; beschäftigten ihn doch eben jene glänzenden Unter- 
suchungen, durch die er der literarhistorischen Kritik neue 
Ziele und Wege eröffnet hat. Aber die ersten Eindrücke in 
dieser neuen, dem Norddeutschen und Oirossstädter ganz und 
gar fremden Welt enttäuschten und entmuthigten Rohde doch 
aufs äusserst e. »Anfangs wollte es uns, und mir im besonderen, 
hier absolut nicht gefallen und ich konnte mich über den 
übereilten Entschluss, Jena zu verlassen, nur durch die weise 
Betrachtung trösten, dass, wäre ich dort geblieben, ich ohne 
Zweifel mich tausendmal nach Tübingen als einem verschmähten 
Paradies gesehnt haben würde. Allmählich aber bildet sich 
auch hier um die liebe Seele eine Art von Gallus, sie gewöhnt 
sich an die unbehaglichen Berührungen, welche die traurig un- 

1 »Jena schläft allmählich an Blut- und Geldarinuth ein . . . Diesem 
Proccss beizuwohnen, die immer steigende Misere täglich mit anzusehn, 
hat etwas Peinliches: und das war ein (Jrund mehr für mich, fortzu- 
gehn« [R. 21 VII TS]. 

- Moitiz [Schmidt] entwickelt seine alte Taktik einer gewissen zähen 
Schläfrigkeit . . . Kr kann sich dabei immer auf eine Majorität in der 
Facultät verlassen« u. ,s. w. [K.]. 

:! Ein Bericht in der 'Schwäbischen Kronik', dem Beiblatt zum 'Schw. 
Merkur'. Mancherlei einschlägige Ausführungen bringen die Briefe aus 
diesen Jahren, besonders die an Kühl. 



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Seminar und Stift. 



103 



bedeutende nahe Umgehung, die Dorfartigkeit der Stadt, die 
Wunderlichkeit vieler Verhältnisse ihr täglich anthun: und 
endlich sieht sie sehnsüchtig in die von Weitem in schönen 
Linien der Gebirge hineinwinkende Ferne und spinnt schon an 
Plänen für Sommer- und Herbstausflüge... [R. 22 VII 1878.] 

In seiner Lehrthätigkeit fühlte Rohde sich dauernd be- 
klemmt durch die Besonderheiten und Sonderbarkeiten des Tü- 
binger philologischen Seminars. »Ganz wunderbar ist die von 
Teuttel erfundene Seminareinrichtung: alle Studiosen der 
Philologie sitzen zugleich darin, in zwei Cursen: jeden Fuchs 
im ersten Semester m u s s man aufnehmen — das giebt dann 
freilich eine Art von Klcinkinderbewahranstalt — , denn jede« 
dieser 50- 60 wissenschaftlichen Babies m u s s einmal im Se- 
mester seine Künste zeigen«. Auch die Stiftseinrichtungen 
sind ihm unbequem, aber immerhin, »sie lassen zweierlei Be- 
urtbeilung zu: sie haben in der That auch einiges Gute«. Im 
Ganzen gesteht er aber doch, nachdem er die erste Verblüf- 
fung überwunden hat , dass es allenfalls auszuhalten sei. 
»Solche Einrichtungen sind nur bei der schwäbischen Art über- 
haupt erträglich : die Leute haben wirklich einen sehr 
guten F o n d , so dass alle Abgeschmacktheit sie nicht so 
gänzlich verderben kann , wie das z. B. bei den leichtsinni- 
geren Pfälzern der Fall sein möchtet. [R.] 

Bringt man von diesen Aeusserungen die burschikose 
Übertreibung des Ausdrucks, wie billig, in Abzug, so wird man 
sie als nicht ganz unberechtigt anerkennen müssen. Ein p e r- 
s ö n I i c Ii e s Verhältnis des Lehrers zum Schüler — und da- 
rin liegt die Gewähr des Erfolgs — ist bei solcher Massen- 
beteiligung an einigen akademischen Liebungsstunden noch 

1 Die Organisation des Seminars rührt von W. S. Tki ffkl her. ist 
aber ein Ausdruck bestehender Bedürfnisse und Verhältnisse, für die Er 
so wenig verantwortlich ist, wie seine Nachfolger. Dass auch er die 
Ungunst dieser Verhältnisse schmerzlich empfand, bezeugt sein Sohn in 
der Biographie (Festschr. des (tvmnusiums zu Tübingen 1H89 8. 14). Ein 
Verdienst von Teuttel ist es. dass er mit dem Zwange des Lateinsprechens 
aufräumte: seine Bemerkungen darüber i bei S. Teuttel a. O. 8. 11 f.) 
haben heute eine noch grössere Berechtigung, als vor dreissig Jahren. 
Rohde hat zeitweise wieder die lateinische Spruche gebraucht, aber „zum 
Nutzen der wissenschaftlichen Forderung diente es nicht* (W. Schmid). 



104 Arbeiten der Hörer. Constantin Ritter. 

schwerer anzubahnen, als bei überfüllten Klassen im Gymna- 
sium. "Wirklich ist es auch Rohde nie gelungen, einen grös- 
seren Procentsatz seiner Schüler zu selbständiger wissenschaft- 
licher Arbeit anzuregen. »Mit noch so emsiger Rceeption allein 
ist nichts erreicht, keine Kra ft wird damit ausgebildet, und 
darauf kommt es doch hauptsächlich an. Ich wünschte, ich 
könnte diese uralte Philologenweisheit unsem Studenten deut- 
licher und wirksamer machen, als leider möglich ist . [Ri. 
26 X 93]. Die Stiftseinrichtungen mit ihren philosophischen 
loci und Repetitionen schienen Rohde die Neigung zu pas- 
sivem encyklopädischen Wissen-, die Abneigung gegen eignes 
Zugreifen und »Hartholzbohren«, gerade bei den besten schwä- 
bischen Hörern, nur zu begünstigen. Darüber klagt er (so 
wenig das Schulemachen seine Liebhaberei war) in seinen 
Briefen nicht minder, wie über die immer wieder sich auf- 
drängende Beobachtung, dass in Tübingen studierende 'Aus- 
länder', wie P. Krumbholz oder Ernst Weber 1 nach einer 
kurzen Gastrolle« Tübingen verliessen, um irgend wo hin zu 
ziehn, wo sie ein für Preussen giltiges Examen machen konnten. 
>So geht es uns freilich allemall : kaum ist ein junger Mann 
einigermassen 'erudiert' , so geht er ab und trägt seine Früchte 
auf einen fremden Acker ; und die Eingeborenen sind zu selb- 
ständigen Studien nicht zu bewegen ; sie fangen höchstens an, 
dann aber springen sie ab« JR. 2 IV Hb]. 

Um so grösser war Rohde's Freude, wenn es ihm einmal 
gelang, den wissenschaftlichen Eros nach seinem Sinne in einer 
dieser spröden Naturen zu erwecken, wie das bei OoNSTANTlN 
RITTER der Fall war. »Ich habe sogar» ruft er [Ii. 20 VII 81] 
triumphierend aus, »was für halb unmöglich gelten musste, 
einen Schwaben, ja einen Stiftler, herangezogen, statt lauter 
Gedächtniswerk zu treiben und das mit etwas Philosophie zu 
versetzen, einmal ernstliche Untersuchungen anzustellen : ich 
will Ibnen ein Exemplar des Buches dieses meines Leibschwa- 

' Rohde empfahl beide an Kibheek [2:1 IV S-\ 2 IV K>1- Für seine 
l ntersuehung über die Kyniker und Dio Chi vsnstonios (de Dione Chrys. 
cvu. sect. Leipz. Sind. X) verdankte Weher »Grundlage und Ausführung« 
der Anleitung Kohde n (R. 11 l £S]. Aueh Webers dank<-nswerthe Bear- 
beitung der sogen. l:vXi-v^ (A-.scoi in den philol.-hi*<t. Beiträgen 
für Wuchsmuth is 3:{ 11.) ist durch eine Anregung Rohde's veranlasst. 



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Lehrerfolg. Anpassung an die Tübinger Verhältnisse. 105 



ben Ritter 'über die Quintilianischen Declainationen' zuschicken. 
Es ist eine sehr solide und gut begründete Arbeit, das Urtheil 
vernünftig und das (nach meiner Meinung unanfechtbare) Haupt- 
resultat . . . sehr beachtenswert . Diesem ersten wirklichen 
Schüler in Tübingen hat er bis ans Ende eine ganz persön- 
liche Teilnahme bewahrt; noch in Heidelberg begleitete er ihn 
berathend und mahnend auf seinem wissenschaftlichen und 
menschlichen Entwicklungsgange Schritt für Schritt 1 . 

So fühlte er doch nach wenigen Semestern mit tiefer Ge- 
nugthuung, «dass all die Mühe nicht ganz ohne Dank ver- 
schwendet sei* 2 . Mochten sich seine Hörer, überwiegend Stift- 
ler und Conviktoren, von Kohde's norddeutscher Art und Sprache 
zunächst stark befremdet fühlen : seine rücksichtslos kraftvolle 
Natur hat ihnen in demselben Masse imponiert , wie die bei 
aller Sauberkeit grosszügige Art seiner literarhistorischen Dar- 
stellungen, seine auf alle Fechterstücke verzichtende strenge Dia- 
lektik und der (freilich gerade hier langsam sich abschwächende) 
Zug zum Philosophischen ihren eignen Gewohnheiten und Lieb- 
habereien entgegenkam. So schloss Rohde mit den bestehen- 
den Einrichtungen seinen redlichen Frieden. Er hat, wie das 
im Tübinger Seminar Sitte war, mit Geduld, wenn auch nicht 
ohne Seufzen (»Ach, Sie kennen die wunderbare Einrichtung des 
schwäbischen 'Argumentle' nicht!*) sein volles Schock von Ueber- 
tragungen in die alten Sprachen durchcorrigiert und schliess- 
lich auch die nuancenreiche württembergische Zeugnisscala für 
seine Seininaristen virtuos handhaben lernen — während ihn 
freilich, woran er sich später lächelnd erinnerte, die erste Zeug- 
nisconferenz (sonst wird man dergleichen an deutschen Uni- 
versitäten kaum kennen) völlig ungerüstet fand. Von zeitrau- 
benden Nebengeschäften blieb er im Uebrigen ziemlich unbe- 
helligt ; insbesondere wurde er zu den Staatsprüfungen in Stutt- 
gart, die ein Privilegium der beiden ältern Ordinarien waren, 
nicht hinzugezogen. Der Erfolg seiner Vorlesungen litt dar- 



1 Einige Briefproben, die Rohde als Lehrer charakterisieren würden, 
im Anhang, wenn es der Kaum gestattet. 

* »Was den sog. Lehrerfolg betrifft, so geht der bisher immer cre- 
scendo; in Plato habeich 94, im Winter hatte ich gar in einem Colleg 
103 Zuhörer, was für T. sehr viel ist« [K. 'A> VII Öl J. 



106 



Fachgenossen. A. v. Gutschmid. A. Socin. 



unter nicht im mindesten, und so ruft er seinem an chroni- 
schen Examensnothen leidenden Freunde zu: »Gott sei Dank, 
dass wir die wenigstens hier nicht haben« [K. 22 X 81]. 

In der Facultät fand Rohde vor Allem wieder bei A. 
v. Gutschmid, der kurz vorher von Jena übergesiedelt war, 
Ansprache und Anhalt; in den ersten Semestern zumal ver- 
kehrte er ziemlich regelmässig mit ihm und wusste auch jetzt 
noch, oft genug in scharfer Debatte, »von ihm zu lernen«. 
Auch Eduard Sievers war ihm schon in Jena begegnet ; er 
galt ihm als »der einzige gescheidte Germanist in jüngeren 
.Jahren, den er kenne« [R.]. Durch Gutschmid gewann Rohde 
dann bald mit Aldert Socix, »einem in seinen Kreisen 
sehr wohl bewanderten Semiten« [Rü. 7 XII 78], einige Füh- 
lung. Wenigstens mit den wissenschaftlichen Nachbarn in 
Verkehr zu stehn, war Rohde bei der Breite seiner Interessen 
ein Bedürfnis. 

Im Beginn der achtziger Jahre scheint das Verhältnis zu 
Gutschmid langsam erkaltet zu sein 1 . Nach seinen brieflichen 
Aeusserungen begann Rohde bei Gutschmid ein vorurtheilsloscs 
Eingehn auf neue Methoden und Stoffe und unbefangene Kritik 
gegen die eignen Arbeiten zu vermissen ; er fand z. B. Gut- 
schmid's rein negative Polemik gegen die Assyriologie der 

' Im Sommer 18^0 sah Rohde »Gutschmid oft, die übrigen Herren 
seltner^ [R. 25 IV HO]; auch im Deeemher 1SS0 schreibt er noch ziem- 
lich im alten Ton, G. sei immer in voller Untersuchungsarheit , »aber 
wenn er fertig ist, legt er die Arbeit bei Seite zu den übrigen. Sehr 
schade.« [K. 2:1 XII fco]. Etwas schärfer klingen Aeusserungen an Kühl 
6 Y S2: »Seit Monaten treibt Gutschmid gothische Geschichte mit der 
ihm eignen Gründlichkeit und Selbständigkeit, und behauptet. Uber die 
Quellen des .lordanes sehreiben zu wollen. Ks wird aber wohl Alles im 
Pulte bleiben. [R. hat Recht behalten]. . . Er ist in oft halbrichtigen, 
oft ganz falschen Vorstellungen . . . wie festgefroren; gar nicht im Stande, 
umzulernen, und nur darum so positiv in seinen Behauptungen, weil er 
Alles nur von Einer Seite sehen kann. . . Er gehört mit seinem unver- 
gleichlichen Wissen an eine Akademie; nnsrer Universität wünschte 
ich mir einen Historiker freieren und grosseren Zuges«. Einige Jahre 
später nahm R. den Kntschlus* Gutsehmids. einen Huf abzulehnen und 
in Tübingen zu bleiben, sehr kühl auf [K. 0 VII S4]. Am ausführlichsten 
und offensten logt Rohde sein Verhältnis zu Flach und Gutschmid dar 
in einem Briefe an Kühl, den spätem Herausgeber von Gutschmid's 'Klei- 
nen Schriften' [12 A ll tfö]. 




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Fachgenossen. Flach. A. v. Gutschmid. 



107 



Grösse des Problems nicht gewachsen \ und hatte den Glaul)en 
an manche viel gepriesenen Ergehnisse Gutsehmid's (wie die 
über die makedonische Anagraphe oder Timagenes als Quelle 
des Trogus) völlig verloren 2 . Auch hei der Erörterung poli- 
tischer und litterarisch - philosophischer Fragen platzten die 
Geister hart aufeinander 3 . »Man hat« klagt Rohde 1882 »ausser- 
halb engster Gelehrsamkeitsinteressen . . . nichts von ihm ; er 
hat keine Theilnahme an Allem, was das Leben erträglich 
macht, keine Spontaneität der Empfindung . . , keinen Blick 
für die Tiefe und Schönheit der Welt«. Trotzdem zogen sich 
die beiden ausgezeichneten Forscher immer wieder gegenseitig 
an, bis ein drittes Element störend dazwischen trat. 

Als nächsten Fachgenossen hatte Rohde Hans Flach 
angetroffen, den geräuschvollen Verfasser des platten Buches 
über die griechische Lyrik 4 . Flach glaubte sich in seiner 'C'ar- 
riere' als rniversitätslehrer unbillig zurückgedrängt; er besass 
aber Berechnung und Selbstbeherrschung genug, um den Versuch 
zu machen, sich mit der ihm eignen »Adhärenz-, an den über- 
legenen neuen Collegen anzusehlicssen. Bekanntlich hat sich 
A. v. Gutschmid, der oft an unrechter Stelle vertraute und 
misstraute, von diesem akademischen enfant terrible bis zum 

1 Mit hellerem Blick schien ihm »der treffliche Kl». Mkykh», gegen den 
Gutschmid und Socin keine allzufreundliche Stellung einnahmen, solchen 
Probienjen gegenüber zu treten: muh gegen Hühl äusserte R. gelegent- 
lich [12 VII Sö| seine Sympathie für diesen »soliden Arbeiter-, Ks spricht 
ein gutes Stück persönlicher Gereiztheit mit, wenn Hohde später eine 
ganz andre Tonart anschlägt; freilich begann er schon bei Meyer s Auf- 
satz über Lykurg >misstrauisch '<u werden«. 

* An dem Aufsatz über die macedonische Anagraphe (jetzt in 
grössenn Zusammenhange in A. v. Gutsehmid's kleinen Schriften IV 
S. 32 ff.) hatte Hohde zu grosse »Willkürliehkeit« auszusetzen; das Er- 
gebnis hielt er für unbrauchbar. Auch die Ausführungen über Timage- 
nes als Quelle des Trogus schienen ihm »eine blosse Seifenblase« [Hü. 
12 VII Söj. Demgegenüber ist es sehr bemerkenswert!), das» Hohde lit- 
terarische Polemik nach Kräften vermieden hat; doch zielen manche 
seiner chronologischen Untersuchungen über die Köpfe der unmittelbaren 
Gegner weg auch auf den Tübinger Kollegen, s. unten S. 129 1 . Ueber den 
Versuch Wachsmcths, die Timngenes-Hypothese zu stützen (Rh. Mus. 
XL VI 465), hat sich H, nicht ausgesprochen. 

s Vgl. unten S. 121 \ 

4 Es ist bedauerlich genug, dass einer der neusten Propheten im Stil 
des Rembrandtdeutschcn seine Inspirationen Über die Griechen zum guten 
Theil aus diesem Machwerk bezogen hat und Flach neben Hohde rangirt. 



108 



Fachgenossen. Fluch. A. v. (Jutsehmid. 



letzten Moment ausnutzen und missbrauchen lassen. Rohde, 
ein bessrer Menschenkenner, wusste Flach von vornherein in 
angemessner Entfernung zu halten Flach's persönliche und 
wissenschaftliche Hohlheit enthüllte sich bald genug in seinem 
opus magnum (1882—1884), wie in seiner >gaminhaften« Pub- 
lieisten- und Pamphietistenthätigkeit. Rohde hielt mit seinem 
Urthcil nicht zurück ; als er in dem Jahre , wo der zweite Band 
der 'Geschichte der Lyrik' erschien , in einem akademischen 
Verein über die griechischen Lyriker sprach, hat er für Flach 
keine Propaganda gemacht 2 . Flach rächte sich an dem 'neuen 
Aristarch' in einem seiner künstlerisch puerilen, längst einer 
verdienten Vergessenheit anheimgefallenen Schlüssel-Romane 
mit billigen, neben das Ziel treffenden Bosheiten und bewarf 
die Genossenschaft, in die er sich freiwillig hineingestellt hatte, 
aus dem Versteck der Anonymität mit den niedrigsten Ver- 
leumdungen. Rohde hatte dafür, so weit seine Person und 
der Angreifer in's Spiel kam, nur ein Achselzucken 3 . Aber 

1 Schon 1880 schrieb fr : >Hier steht sonst Alles auf dem alten Fleck. 
Leider auch Flacius, dem ich lieher einen andern Fleck wünschte. Kin 
höchst fatales Element des ganzen hiesigen Lehens und Studiums: selbst 
die .Studiosen erkennen seine volle Nichtigkeit« [K.] 

* In Tübingen gab es kluge Leute , die Rohde persönliche Motive 
unterschoben; er selbst hätte (so hiess es 1886) eine (Geschichte der 
Lyrik zu schreiben beabsichtigt. Wenn er"« doch gethan hatte! Ihm 
hätte das Flach'sche Much (über das ich auf das Centnilblatt 1884. SO, 
lOliti verweise) wahrhaftig nicht im Lichte gestanden. Aber gerade von 
einem solchen Plane ist in seinen Briefen und Aufzeichnungen nie die Rede. 

;1 Einige bezeichnende Äusserungen über diese ärgerlichen Dinge 
mögen unter den Strich gesetzt werden. Der Mensch [Fluch] hatte 
db'se Racheschrift gar nicht etwa als letzten Trumpf vor seinem Ab- 
gang ausspielen wollen, sondern meinte, noch Wochen lang... die Autor- 
schaft leugnen und ganz gemüthlich hier bleiben zu können. Es bedurfte 
der positiven Androhung, dass man ihn sonst absetzen werde, um ihn 
endlich zu bewegen, seine Entlassung zu fordern. Da er das gar nicht 
erwartet hatte, gerb'th er nun in einen elenden Zustand gänzlicher Zer- 
knicktheit, versuchte Alles zurückzunehmen, und schied als der offen- 
barte Schw , als der er längst Kennern der Zoologie verdächtig 

war.« [R. '1 IV 85.] Mit besondenn Bezug auf Flach's Ruch über 'die 
akademische Carriere*: Das Niederträchtige ist aber dies: dass diese 
Klendigkeifen die academische Carriere ausmachen sollen (haben denn 
Sie, (»der ich. oder tiutschmid, oder Wilamowitz oder wer sonst, je sich 
zu irgend einer der da gemalten (Gemeinheiten hergegeben?), und 
vor Allem, dass Fl. selbst, zum Ekel aller Welt, eben diese sänimtlichen 
feigen Kriechereien hier ausgeübt hat... freilich ohne Erfolg.« |Rii. 12YIIS*»]. 



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Entfremdung mit A. v. Gutschmid. Die übrigen Collegen. 109 

schmerzlich war es ihm, dass Gutschmid den Verkehr mit 
Flach eigensinnig festhielt , ihm durch die milden Gahen von 
seiner Hand eine wissenschaftliche Scheinexistenz ermöglichte 1 
und sich damit schliesslich seihst -zu jedem anständigen Menschen 
in Opposition stellte . Die letzten Briefe aus Tühingen zeigen, 
dass die Entfremdung zwischen Rohde und Gutschmid über 
diesen und ähnlichen (auch politischen) Meinungs- und Ge- 
sinnungsverschiedenheiten 2 unheilbar geworden war. An Gut- 
schmid's bona fides hat Rohde nie gezweifelt; rückblickend 
schrieb er nach seinem plötzlichen Tode: «Er war doch ein 
nobler Mensch, ohne Falsch, wenn auch ohne selbständiges 
Urtheil in nichtgelehrten Sachen und daher Einblasungen . . . 
sehr zugänglich . [R. 15 III 87.] 

Abgesehn von den eben , vielleicht mit unerwünschter 
Breite, vorgeführten Intermezzi, durch die sich Rohde's leicht 
erregbarer Sinn zeitweise recht beschwert fühlte, gestalteten 
sich die collegialen Verhältnisse, nicht nur zu den Fachgenosscn, 
-durchaus nach Wunsch, gut und harmlos [R. 25 IV 80]. Ge- 
rade die Schwaben in der Facultät waren doch ganze Men- 
schen«, die Rohde gelten lassen musste: so der Senior RUDOLF 
v. Roth, der Bahnbrecher des Sanskritstudiums, mit dessen 
religionsgcschichtlichen Arbeiten er sich zu befassen hatte; der 
vielseitige Stiftsästhetiker K. Koestlin, im Verkehr ein welt- 
fremdes Original 3 ; ferner der kurz vor Rohde nach Tübingen 

1 Dass Ludwich . . seinen (Flach's) Hcsychius schätzt, ist ganz ver- 
ständlich: der int eben eine Arbeit von Gutschmid. G. hat, in einer 
mir unverständlichen Art von Gutmüthigkeit , nicht nur dem Fl. alle 
Historikerglossen durehrecensirt .... sondern er hat ihm das ganze 
Opus durchcorrigirt, in zwei-, ja dreifacher Correctur. Ich habe solcher 
Bogen viele gesehen; da war überall Flachs Unsinn ausgestrichen, Ver- 
nünftigeres hingesetzt. G.'s eigne Bemerkungen zugefügt etc. . . Und 
wie oft hat mir G. geklagt, der Fl. verstehe dann seine Bemerkungen 
gar nicht oder — miss*. [Ks kommt ja in der That vor, dass Flach's 
Text zu Gutschmid's Apparat nicht passt, vgl z. B. p. ">7, 2.) »Kurz 
mit unerhörter Zähigkeit hat G. das ganze Buch vollständig umgearbeitet ! 
Von Rechts wegen müsste bei jeder Notiz gesetzt sein A. v.G.« [Rü. 6 V i<*2]. 
So sind ja auch in der Geschichte der Lyrik das werthvollste die chro- 
nologischen Ansätze Gutschmid's. 

1 Vgl. unten 121'. 

3 Man bemerke, wie schonend Rohde (Kl. Sehr. I '203 ) gegen seinen 
>verehrtt*n Collegcn Karl Köstlin« polemisiert, dessen rührende Harm- 
losigkeit allerdings jeden Unmut h von vornherein entwaffnete. 



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110 



Briefwechsel. 



zurückberufene Philosoph E. Pfleiderer, ein alter Bckanuter 
aus Kiel, und vor Allem Christoph Sigwart, mit dessen 
Familie sich engere, alle Wechselfalle überdauernde Beziehungen 
anspannen 1 . Eine persönliche Freundschaft, wie die mit Rib- 
beck und dem Baseler Kreise, verband Rohde aber mit keinem 
seiuer Tübinger Amtsgenossen. Rohde hat das schmerzlich 
genug empfunden, ohne dass er jemand einen Vorwurf daraus 
gemacht hätte. Er war sich bewusst, dass er selbst zu > schnei- 
dend und hart im Verkehr geworden sei, als dass man ihm 
recht nahe kommen möchte. Ich fühle es tief und oft : durch 
diese Art habe ich mich um den eigentlichen Reiz des Lebens 
gebracht. Es wäre freilich vieles anders, wenn irgend ein 
Mensch in der Nähe wäre , der es mit mir w a g e n wollte 
und mir ein wenig Feuer von seinem Feuer mittheilte« | N. 
8 IV 81]. Einen solchen Menschen hat er in diesen Jahren 
zu gewinnen nicht das Glück gehabt. Um so eifriger pflegte 
er den Briefwechsel mit den auswärtigen Freunden, vor Allem 
mit Rimbeck und Hühl, denen er sich am ungezwungensten 
giebt, als Gelehrter wie als Mensch, vielfach mit ganz köst- 
lichem Humor. Nicht ganz so zahlreich, aber mehr in die 
Tiefe gewandt, sind die Briefe an Overbeck; die gemeinsame 
Theilnahine um den erkrankten und 1879 aus dem Amte geschie- 
denen Freund klingt wie ein cantus tirmus durch alle andern 
Stimmen ernst hindurch. Und in der scarsezza d'uomini« der 
ersten Tübinger Jahre hat Rohde auch mit Johannes Volkelt 2 , 

1 Siowakts gedenkt er wiederholt iti seineu Briefen und wünschte 
in kritischer Zeit lebhaft, >dass Sigwart nicht so thöricht sein möge, 
die« Philosopheneldorado gegen die unbekannten Zustände in Berlin 
aufzugeben- [It. 23 XI 1881 . Vgl. auch S. 153. 

'-' Einige für den Schreiber bezeichnende Aeussernngen des ersten 
Briefes [V. 1 I 79] mögen hier Platz Huden : »Ich wünsche aber recht 
ernstlieh, von Ihnen einmal zu hören: Sie dürfen aus meiner wunderlich 
zurückhaltenden und in Mitteilungen kargen Art im persönlichen Um- 
gange nicht auf die Gesinnungen schliefen , die ich im Innern für Sie 
hege. Niemand kann über seinen Schatten springen, und mir hängt ein 
ganz absonderlicher Schatten an, ein eigentümliches Gemisch von Men- 
schenscheu und Misstrauen in mir selbst, das mich stets mit der Furcht 
lähmt, zudringlich zu werden, und sieh endlich mit einem fatalen Hang, 
nur in der Phantasie zu leben, so eng verbündet hat, dass ich nun zwar 
die umgebende Menschheit in der Phantasie sehr deutlich und mit vielem 
Autheil a Ulfa ss e, oft aber nach Aussen auch nur eiiu-n Finger zu rühren 



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Verhältnis zu Nietzsche. 



111 



mit dem er schon in Jena gern verkehrt hatte, eine Oorrespon- 
denz begonnen, aus der ein dauerndes Freundschaftsverhält- 
nis erwachsen ist. Rohde fand -bei noch so grosser Verschie- 
denheit von Art und Anlage immer mehr gleiche Humore und 
Lebensstimmungen- auf beiden Seiten ; zumal über litterarische 
und philosophisch-ästhetische Fragen hat er viel mit Volkelt 
verhandelt. 

Diesen Correspondenzen gegenüber treten die Briefe an 
Nietzsche jetzt an Zahl zurück. Rohde selbst zauderte oft 
lange, ehe er auf Zusendungen und Zuschriften antwortete ; 
gerade für den schwer leidenden und doch »dem atmosphäri- 
schen Dunstkreis, in dem wir alle umherwanken mehr und 
mehr entrückten Freund meinte er »eine innerlich ruhig ge- 
hobene Stunde abwarten zu müssen, »wie sie den Professor 
legens nicht häutig besuchen wollen«. Aber trotzdem war, 
auch in Tübingen, kein Genosse seinem Geiste und Herzen 
näher. Auf Umwegen, bei gemeinsamen Freunden (besonders 
bei Overbeck), sucht er immer wieder Nachrichten über sein 
Ergehn zu gewinnen und ist so auch »in dunkeln , brief losen 
Monaten« neben ihm wie ein ungesehener Begleiter. »Sagen 
Sie ihm«, schreibt er bei solcher Gelegenheit, *dass unter allen 
Wandlungeu seines Schicksals und seiner Gesinnungen ich 
ganz gewiss ihm die treueste Freundschaft bewahrt habe und 
stets unwandelbar bewahren werde«. Das schwere Martvrium, 
das Nietzsche zwang, seine Baseler Professur niederzulegen, 
war für ihn eine Aufforderung mehr , »in Theilnahme und 
Liebe nicht zu ermatten*. Als Nietzsche, mit einem geistigen 
Heroismus sondergleichen in dieser 'sonnenärmstcn Zeit seines 
Lebens' Bücher, wie die 'Vermischten Meinungen und Sprüche' 
und 'Der Wanderer und sein Schatten' sich abtrotzte, fand 
Rohde (gegen Weihnachten 1879) die rechten , zu Herzen 
gellenden Worte 1 . „Deine alte Liebe, neu besiegelt" — ant- 
wortet Nietzsche (Biogr. II S. 336) — „das war das köstlichste 

mich gehemmt fühle. Ein absurder Zustand! durch den man mitten 
unter Menschen wie in eine mitwandelnde Mönchszelle eingekapselt und 
isoliert herumgeht und auch an Menschen, denen man sich enger an- 
schließen möchte, nicht näher herankommt. . .< 

1 Der Brief [N. 22 XII 79] wird voruu^ichtlich an andrer Stelle 
veröffentlicht werden. Vorläufig a. K. Förster- N . II 3^0. 



112 



Dogmen bei Nietzsche. 



Geschenk vom Abend der Bescherung. Selten ist niir's so 
gut gegangen: gewöhnlich war das persönliche Schlussergebnis 
eines Buches für mich, dass ein Freund mich gekränkt verliess u . 

In der That hatte Rohde den Choc, den er von der eisten 
Sentenzensammlung Nietzsche'« empfangen hatte, inzwischen 
ü))erwunden. Er gewann bald den Eindruck, dass Nietzsche 
»auf seiner Kreisbahn aus den Gegenden, wo nur einzelne rcapa- 
coca wohnen mögen, sich in diesem 'Nachtrag' 1 wieder be- 
währten und weniger übertrieben heissen oder kalten Gegenden 
nähert. Das Reethum 2 ist weniger dogmatisch geworden, und 
das ist ein Glück: denn bei solchem Festhalten an dogma- 
tisch genommenen Paradoxen gewinnt man freilich die Mög- 
lichkeit, durch einfaches Durclitiguriren dieser Paradoxen . . 
auf alle möglichen Verhältnisse . . eine Reihe geistreich aus- 
sehender Sentenzen (die im Grund immer wesentlich dasselbe 
sagen) zu schmieden. Aber man verbaut sich doch dadurch 
selbst jede freie Aussicht in die Dinge und das Menschen- 
leben : ich kann nicht rinden, dass dabei der 'freie Geist' be- 
sonders viel gewinnt. . . . Will man einmal ein 'freier Geist' 
sein . . ., so soll mau denn auch keinerlei Dogmenzwang dul- 
den : und Nietzsche hat, so scheint*, den kalten Föhn des 
Reeismus, nach dem heissen des Wagnerthums, schon zum 
grossen Theil überwunden. Wie stark sein Kopf gleichwohl 
zum Dogmeninachen neigt, habe ich recht an dem EinHuss 
des Nachsommers ;i auf ihn gesehen. Das Buch . . . hat mich 
und meine Frau sehr interessiert. Das beste Zeichen: man 
denkt mit Behagen und einem Gefühl von wohlthucnder Heim- 
lichkeit und vornehmer Stille an das Buch, noch lange nach 
der Lektüre, zurück ; der Nachgeschmack ist das beste Kri- 
terium eines Buches. Aber nun macht N. diese Art sofort 

1 Dilinit sind gemeint die "vermischten Meinungen und Sprüche' und 
'der Wanderer und sein Schatten', im ersten Druck als 'Anhang' zum 
'Menschlichen Allzuinenschlichcn' veröffentlicht, und später (Werke Band 
III) ah zweiter Band dieses Buches bezeichnet. 

1 Vgl. oben S. 97 ff. Kohde hat in diesen Jahren — im Gegensatz 
zu andern Freunden — Kee einen bestimmenden EinHuss auf Nietz- 
sche zugeschrieben; vgl. alter S. 99. 

:l Adalbert Stifter's 'Nachsommer', der in den Fünfer-Kanon (Goethe. 
Lichtenberg. .Inug-Stilling [oben S. 'j:>], Stifter. G. Keller) der deutsehen 
Prosa bei N. ('Der Wanderer* 109 = Werke III S 2'u) aufgenommen ist. 



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tioethe. Der Wanderer und sein Schatten. 



113 



zur einzigen , die noch gelten soll ; aus dem Einen gelunge- 
nen Wurf wird sofort eine Regel Im Speciellen 

bezweifle ich sehr, dass diese Art von Roman in vielen 
Exemplaren existieren k ö n n e : wir wollen dankbar sein, 
dass nur Ein solcher Ausruhepunkt in der Hitze des Lebens 
und der Leidenschaft gegeben ist, aber nicht tausend Aus- 
ruhepunkte . . . fordern. Ich betrachte aber diesen Fall für 
Nietzsche als typisch : immer soll man sich gleich zu Gunsten 
einer einzigen Art des Wissens, der Betrachtung des Lebens, 
an all e m denkbaren Anderen den Appetit verderben. Wo 
soll dann noch 'Freiheit' des Geistes sein! Ich kenne nur 
Einen 'Freien' im Geiste, unter den ganz Grossen: das ist 
Goethe, und der ist gewiss doch nur darum so frei, weil 
er A 1 1 e s an seiner Stelle gelten lassen konnte, 
und nicht weil er sich die Freiheit genommen hätte (wie Nietzsche's 
angeblicher freier Geist, Voltaire, und dessen Gleichen) die 
Eine Hälfte des Menschenwesens zu Gunsten der andern Hälfte 
einfach als Unsinn wegzuwerfen ! — In welchem Sinne ich 
das alles sage, werden Sie gewiss verstehen, sicher nicht um 
X. zu tadeln, dass er sich so aufrichtig seiner Meinung ent- 
äussert« [O. 31 V 82]. 

Von den beiden neuen Sentenzensammlungen ergriff Rohde 
am tiefsten 'der Wanderer und sein Schatten'. Die einrahmen- 
den Gespräche und manche nahezu lyrisch stilisierten Abschnitte 
wirkten wie persönliche Gegenwart 1 ; bei jedem Wort fast glaubte 
Rohde zu fühlen, »wie es einer völligen Vcrzweifelung an per- 
sönlichem Behagen und Glück abgerungen ist, ängstlich schnell, 
ehe es Nacht wird, und mit der Sonne auch alle Schatten 
verschwindenc. Er empfand es klar, dass diese Schriften für 
Nietzsche etwas ganz andres bedeuteten, als eine wissenschaft- 
liche Untersuchung für einen Gelehrten; dass in ihnen das 
auf sich selbst zurückgewiesene leidenschaftliche Innenleben des 

1 Man denke z. B. an No. 8 (Werke III 195): in andrer Lebensstim- 
mung wird oder kann man all die von Nietzsche so truhselig gedeuteten 
Einzelheiten als Symbole des Gegentheils auffassen. Beiläufig: Auch für 
Nietzsche den .Schrittsteller ist es bedeutsam, dass er (wie Rousseau) aus- 
ühender und produetiver Musiker war. Seihst der Aphorismus Nh'tzsches 
ist 'aus dem (Jeiste der Musik' gehören, wenigstens jene besondre Art, 
die man als lyrischen Aphorismus bezeichnen könnte. 

Crm in», K. lloh.lv. 8 



X14 Aeusserungen über Nietzache. 

Einsiedlers einen Ausweg und eine Betätigung suchte: dass, 
wer diese Schriften anrührte, seiner Persönlichkeit zu nahe trat. 
Von nun an sah sich Rohde — der sich sonst auch brieflich 
iui Ausdruck gern gehen Hess — jedes an Nietzsche gerichtete 
Wort daraufhin an, ob es dem Freund nicht wehe thun könne; er 
gewöhnte sich, con sordini zu schreiben. Mit Genugthuung 
empfand er aber, wie diese Schriften in ihrem überquellenden 
Reichthum Manches brachten, was er sich, wie in alten Zeiten, 
ganz persönlich anzueignen vermochte. Und so wenig er zum 
Propagandamachen geneigt war, so suchte er doch die Auf- 
merksamkeit von Freunden, wie Ribbeck, Rühl oder Volkelt 1 
auf Xietzsche's Schriftstellelei zu lenken. 

»Der Arme« schreibt er an Rubi »leidet fürchterlich an 
seinen fast völlig blinden Augen und an Kopfschmerzen : von 
Störung seiner Vernunft ist nicht die entfernteste Spur. Lesen 
Sie nur — nicht um das zu constatiren, sondern um über- 
haupt eines der merkwürdigsten und lesenswertesten Bücher 
zu lesen sein neuestes Buch: „Der Wanderer und sein 

Schatten 1 * Sie werden darin reden hören einen 

Menschen, der . . . die Welt nur noch mit den Augen seines 
Geistes sehen kann, aber an Tiefe, Feinheit, Klarheit und 
B e s o n n e n h e i t (soweit seine stets stark einseitige Weise 
das zulasse) immer nur noch gewonnen hat seit seinen 
.lugendschriften. Seinen Freunden muss das Buch trotzdem 
einen tief schmerzlichen Eindruck machen (w a s haben wir 
Alles zusammen durchlebt!): aber es würde mir höchst werth- 
voll sein, wenn ich einmal erführe, welchen Eindruck eigent- 
lich solch ein Buch auf einen ganz Fremden, aber zu ver- 
ständnisvoller Aufnahme . . . befähigten und unbefangen be- 
reiten Mann macht. Auf jeden Fall : sein Verstand ist nicht 
nur reicher, sondern auch fester, als der von tausend kriti- 
schen Holzköpfenc [Rü. 25 IV 80]. »So viel Muth und Klar- 
heit und Feinheit* — hatte er kurz vorher an Nietzsche ge- 
schrieben — »und ein so hoher Adel des Sinnes, dass er es 
wagen kann, allein artig thuenden Geberdenwesen zu entsagen; 
ein so freier und reiner Blick in die Welt — aber aus einer 

1 „Ks war in Klosters 18^4, wo mich K. mit warmen Worten zum Lesen 
öVs Zarathustra, den er mit .sieh führte, bewog* (Volkelt). Vgl. unten S. 125. 




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Aeusserungeu über Nietzsche. 



115 



solchen Ferne von allem irdisch Derben und Trivialen ; wie 
mit geschlossenen Augen siehst Du die ganze Fülle der Welt 
und das menschliche Treiben, richtig aufgefasst, aber ohne 
selbst von ihm umgetrieben . . zu werden ; und das thut dem 
Leser wehe, wenn er Dich lieb hat und aus jedem Worte seinen 
Freund reden hört . . . Aber in Wahrheit wollen wir uns mit- 
einander freuen, dass Deine Schattengespräche Dich so hoch 
und fern von allem Persönlichen forttragen : so lange Du Deine 
Gedanken concipirst und ausbildest, muss dich ja die Befrie- 
digung, so etwas zu finden und zu können, ganz ausfüllen . . .< 
Das waren Worte, die dem > Tausendkünstler der Selbst- 
überwindungs der täppisch zudringlichem Mitleid gegenüber 
immer empfindlicher wurde, wahrhaft tröstlich in die Ohren 
klangen. So trat Rohde immer wieder den an seine Thür 
pochenden litterarischen Gaben Xietzsche's mit offenem Sinn 
und innerlichster Theilnahme entgegen. Aber es wählte oft 
lange, bis er den rechten Augenblick fand, um »diesen so weit 
getrennten und so ganz auf das Spiel mit seinen einsamsten 
Gedanken eingeschränkten Freund etwas zu sagen, das bis zu 
ihm dringen könne« ; er habe selbst bei solchen Gelegenheiten 
immer das Gefühl, nicht fertig und in einem unbehaglichen Flusse 
zu sein, so stark, dass es ihm fast körperlich unmöglich werde, 
dem Andern, der sich »mit seinem eignen, so viel energischeren 
Werdeprocess abquäle* etwas Vernünftiges zu antworten. Ein 
Brief »in dumpfer Stunde geschrieben *, gab Nietzsche 1883, bei 
dem Erscheinen der 'fröhlichen Wissenschaft 1 , den ersten Anlass 
zu einer Verstimmung, während es Rohde kaum fassen kann, 
dass er ?in bester Meinung seine Schmerzen vermehrt habe« 

1 >Ich wünschte ihm Glück zu wirklicher Durchdringung mit seinen 
neuen Anschauungen, die früher oft etwas nur Gewolltes gehabt haben, 
nun aber wirklich seine Natur geworden zu sein scheinen; das Per- 
sönliche seines Buches erfreute mich, besonders der Hauch neugewon- 
nener Gesundheit und eine Art Heiterkeit darin» [O. 1 I 83 j. Nietzsche 
scheint in jenen Aeusserungen etwas wie Mißachtung gefunden zu haben, 
wahrend Rohde sich bewu^st war, dass er »seinem hohen Flug mit Be- 
wunderung und mit allervollständigstein Verständnis nachblicke, auf 
mich, nicht auf ihn zürnend, wenn meine ganze Anlage und dazu die 
. . vom eignen Selbst abziehende Art unserer Amtsarbeit es mir unmög- 
lich machten, ihm zu folgen, oder gar ihm nachzuthun « Wie hoch g<-- 
spannt Niet/.sche's Stimmung schon damals war, zeigen die Briete (an 
v. Gersdortf S. 240, M. Baumgartner 8. '294). 

8* 



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H6 Also sprach Zarathustra. 

Nietzsche empfand es in ruhigen Stunden selbst, wie schwer 
es dem Freund sein nmsste, bei seinen Wandlungen ihm wie 
in alten Zeiten zur Seite zu bleiben. Er wisse bestimmt, schreibt 
er einmal, dass das Bild, das seine Bücher jetzt von ihm gäben, 
nicht das Bild sei was Rohde von ihm im Herzen trage. Er 
habe wirklich (wie Rohde gemeint hatte) eine 'zweite Natur' 1 ; 
.,aber u — so fügt er beschwichtigend hinzu — „nicht um die 
erste zu vernichten, sondern um sie zu ertragen. An meiner 
'ersten Natur' wäre ich längst zu Grunde gegangen 4 *. 

Als Nietzsche dies Bekenntnis schrieb, reiften eben die 
ersten Theile des 'Zarathustra' heran. Rohde glaubte in ihnen 
die »beiden Naturen t des Freundes sich versöhnen und seine 
Bahn zu ihrer ursprünglichen Richtung zurückkehren zu sehn. 
Aus der Proteusgestalt des persischen Weisen blickten ihn 
oft genug die trauten Züge des jungen Nietzsche an; und 
im Stillen hielt er damals für das wiederkehrende Roth der 
Gesundheit, was Andern später als Vorzeichen der Erkrankung 
erschien. > Nietzsche'* Buch habe ich grüsstentheils mit wahrer 
Bewunderung gelesen. Ich tinde auch die F o r m nicht nur 
geschickt und geistreich gehandhabt . . , sondern überhaupt 
sehr angebracht: so kann er doch seine Gedanken und Wal- 
lungen noch aus sich heraussetzen, sie nehmen mehr den 
Charakter eines Kunst w e r k s an , den Ausdruck einer 
Stimmung, die man nicht eigentlich und nothwendig hat, son- 
dern nur durch Vermittlung der Phantasie annimmt, wie eben 
der I) i c h t e r die Stimmung und Art seiner Charaktere als 
d e r e n Stimmung, nicht als seine — wiewohl von seinem 
eignen Herzblut darin ist. Und das betrachte ich für ihn als 
ein Glück, als einen Fortschritt. Denn ich habe längst das 
Gefühl, als oh N. wesentlich litte . . an einer Fülle von Poe- 
sie, die nicht in eigentliche Dichtung sich niederschlagen 
will und ihm nun im Innern Fieber und Xoth macht.« [0. 
9 XU 83]. A cimlich, nur eingehender und wärmer äusserte 



1 Der Aufdruck ist hier sichtlich in einem andern J?inne genommen, 
als beispielsweise in dem Aphorismus der «MorpenriMhe* No. 455 (= Werke 
IV- S. entsprechend den Aeusserungen Rohde's über die sich ab- 

lösenden (und im 'Zarathustra" sich versöhnenden) Gegensätze in Nietz- 
fche's Wesen und 8chrift>tellerei. 



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Zarathustra als Dichtung. 



117 



sich Rohde gegen Nietzsche selbst. Erst so, indem der Freund 
sich, wie Plato, als Verkündiger seiner Meinungen ein Ideal- 
wesen schaffe, setze er diese Meinungen recht aus sich selbst 
heraus und stehe gewissennassen über sich selbst. Was so 
in die Gestalt eines lehrhaften Gedichtes eingekleidet sei, 
geniesse nun auch die Privilegien eines Gedichtes; der Freund 
sei der verstandesmässigen Begründung seiner Intuitionen über- 
hoben und könne auch seine Sprache die vollsten Klänge an- 
schlagen lassen; darin sei die 4 Vorrede', aber auch mancher 
spätere Abschnitt unübertrefflich [X. 22 XII 83], 

Rohde hatte immer den Künstler und Dichter in Nietzsche 
gesehn : schon vor Jahren hatte er die Meinung ausgesprochen, 
dass für sein Denken und Empfinden, für all seine innere 
Philosophie und Musik eine poetische Einkleidung die einzig 
angemessene sei; nur so könne sich sein ganzes Wesen, 
ohne willkürliche Theilung und einseitige Uebertrcibung, har- 
monisch aussprechen. So meinte er jetzt, dass Nietzsche mit 
der neueren Form — die ja vieler Variationen und Metamor- 
phosen fähig sei — seine eigentliche Form zu finden begonnen 
habe. Er glaubte an ein Erstarken der künstlerischen 
Kräfte des Freundes Wirklich hat Nietzsche in den näch- 
sten Jahren vielfach zur dichterischen, auch zur gebundenen 
Rede, gegriffen - und die Zarathustra- (und Dionysos-)Maske 
noch in seinen letzten Niederschriften benutzt. 

Mochte Rohde Form und Stimmung des seltsamen Buches 
noch so hoch schätzen : manche Winkel dieser Gedankenwelt 
blieben ihm fremd und unheimlich mit dem Spuk ihrer > nicht 
aus dem Leben genommenen sondern wie aus weltfremden Ein- 
öden mitgebrachten gespensterhaft-abstracten Vorstellungen. 
Dahin gehört besonders der Abschnitt vom 'bleichen Ver- 
brecher' [N. 22 XII 8.3J. Auch bei den Betrachtungen über 
'Kind und Ehe' machte er, bei aller Zustimmung zu den Grund- 

1 Vgl. S. 59*. Nietzsche selbst schrieb 1884: „Uebrigena bin ich 
Dichter bis zu jeder Grenze dieses Begriffs geblieben, ob ich mich schon 
tüchtig mit dem Gegentheil aller Dichterei tyrannisiert habe.* 

» Vgl. Werke, Bd. VIII S. 337 ff., Nachbericht S. V f. Sehr merk- 
würdig ist es, wie fieh für Nietzsche die kühnsten metaphysischen Spe- 
culationen in die musikalische .Stimmung des Mitternachtsliedes umsetzen, 
Werke VI 332. 



118 



Betleuken und Vorbehalt«. Keime der Entfremdung. 



gedankcn, doch auch seinen, für ihn als Menschen charakteri- 
stischen Vorbehalt. Weber sich selbst hinaus bauen', gewiss 
(1 as will mau als Vater: raxpc; c i ys. ho/.aov ajuivor/ soll es 
von dem Sohne heissen, und wahrhaft schämt man sich erst, 
wenn man sich als bestelltes Vorbild eines eignen Kindes 
denken soll. Aber doch — das ist nicht der springende 
Punct in dem Ei der Kinderliebe und -Sehnsucht. Man 
fühlt es erst, wenn man selbst darin steht : was man eigent- 
lich will und wünscht und ersehnt und sich aufbauen möchte, 
das ist eine ganz bedingungslose, grundlose und unaustilgbare 
Liebe zu einem menschlichen Wesen, und die giebt es nur 
und allein im Verhältnis zu dem eigenen Kinde. Alles übrige 
folgt nur daraus.« 

Man sieht in solchen Fällen, wie die eigenste Lebenser- 
fahrung Rohde von den einsamen Hahnen des Freundes ab- 
drängt; es deuten sich doch schon Gegensätze an, die sich 
bei den nächsten ethisch-psychologischen Schriften Nietzsche's 
mit erhöhter Schärfe fühlbar machen sollten 1 . Nietzsche hatte 
davon schon 1884 eine sichre Witterung s . 

Noch ein andres ( Jebiet gab es, wo sich damals die Wege 
der Freunde zu trennen begannen : das Verhältnis zuR. AVAOXER 
und zu Wagner's Schöpfungen. Auch Rohde hat es beim Parsifal 
soweit dies Werk andre, als rein künstlerische Zwecke zu 
verfolgen scliien, nicht über sich gewonnen, dem Meister Ge- 
folgschaft zu leisten '; er war nie in dem Sinne Wagnerianer, 

' Sieht man, bei diesem Meinungsaustausch, genauer hin, so hat sieh 
«Ii.- Situation merkwürdig verkehrt: Kohde ist, aus persönlichstem Em- 
pfinden heraus, mehr Individualist. nls Nietzsche, ja Individualist im 
Gegensatz zu Nietzsche : »Was wäre Kimm an und für sieh daran ge- 
legen, 'über sich hinaus zu hauen', wenn es nicht eben in diesem Men- 
schenkinder wäre, wo man »las hole seiner Wünsche und Gedanken Ge- 
stalt gewinnen seilen mochte, weil e r es ist, nicht ah-traet um der Welt 
und der Menschen willen. « Derselbe Gegensatz wiederholt sich (wie wir 
unten sehn werden) in den eng verwandten Hypothesen der Freunde 
über den rnsterblichkeitsglanben. 

- Dieser Stimmung giebt N. einen ergreifenden Au-dnu k in einem 
Briefe, den K. Förstcr-N. vor Liehtenberger's -Philosophie Fr. Nietzsches' 
S. Llll hat abdrucken lassen Kohde'* schönet Brief sa-„'t ihm schliess- 
lich doch: „Freund Nietzsche, du bi-t nun ganz allein." 

3 Nach den Mitt bedungen W. Schund'* a. O. S. Ol. dessen Darstel- 
lung im Fein igen durch die hier und später verwert beten Selh.t/eugn»*se 
Kohde \ ergänzt wird. 

-i 



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Verhältnis zu K. Wagner. Gesellschaftliches Leben in Tübingen. ]1<) 

dass er sich in seinen persönlichen Ueberzeugungen hätte binden 
lassen. Aber es blieb für ihn (Ins erbebendste Ereignis seines 
Lebens, dass er einem Genius, wie Wagner, sieb persönlich 
hatte nähern dürfen : er kannte keine tiefern künstlerischen 
Eindrücke, als die waren, die er von den Festspielen mitnahm. 
Nietzsche, der auch auf diesem Gebiet eine scharfe Schwen- 
kung bis zum Frontwechsel vollzogen hatte, hielt mit seinen 
ketzerischen Meinungen nicht hinter dem Berge; schon in den 
•Vermischten Meinungen und Sprüchen' geht er zu offenem 
Angritt* vor 1 . Kohde, als reiner Dilettant in musikalischen 
Dingen, glaubte sich nicht berechtigt, dem Freunde (wie an- 
dern 'Anti- Wagnerianern ) auch nur mit brietliehen Einwänden 
entgegenzutreten. Aber er hielt fest, was er hatte : Nietzsche 
und Wagner blieben ihm *die beiden geliebtesten Menschen 

So schweiften Kohde's beste Stimmungen und (iedanken 
auch in diesen Jahren immer wieder hinaus über die traulich- 
enge Welt, in die er hineingestellt war. Aber er begann doch, 
die Schlichtheit und Gesundheit des schwäbischen Lebensstils 
als Wohlthat zu empfinden — im Gegensatz zu Leuten, wie 
Hans Flach, die das Niveau ihrer Tübinger Existenz mit dem 
Massstab eines Küchenchefs abschätzten :i . Von der harmlos- 
angeregten Geselligkeit, die man gerade auf der weltfernen 
> Universitätsinsel c zu pflege» doppelte» Anlass hatte und hat, 
zog er sich keineswegs zurück. In der 'Dienstagsgesellschaft' — 
einer Vereinigung von Dozenten und andern akademisch gebilde- 
ten Männern hielt er die üblichen Vorträg»' (den ersten schon 
im Herbst 1879) *, und gelegentlich liess er sich sogar bereit 

1 Eine Art Urkundensammlung giebt Nietzsche selbst 'N. contra 
Wagner' Werke VIII S. 1*5 f. •- Vgl. Kibheck, Br. 19ö S. :u»3. 

3 »Ich vermisse nur die Tübinger Einfachheit« meint er in einem 
spätem Brief [30 I s~|. Und mit Bezug auf Flach's Cult Urbilder aus 
Württemberg schreibt er schon 18S4: »Was Sie aus der Krkf. Ztg. über 

Flacii unfläthiges Schriftclieu entnommen haben können larf Ihnen 

doch von hiesigen Zuständen nicht allzu schwarze Vorstellungen ein- 
flössen. Anders ist ungefähr Alles hier, als in andern Cantöuli . . .. 
aber es lässt sieh doch sehr in utramque jnirtem Über hiesige Zustände 
•dischkurire": das l ebelste von Allem ist einzig Flacius hhnsrlf. den 
doch endlich der Allerkenner irgendwo anders in seinem Weinberge 
verwenden möge« |Kii. 7 V >4|. 

* Er hat gesprochen : ;im November 1 V T^ : übt-r Universitäten im 



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120 Wanderungen. Erstarkung des politisehen Sinnes. 



finden, bei den Dilettantenaufführungen der 'Sonntagsgesell- 
schaft' mitzuwirken : so bat der stattliche brünette Mann in 
einem lebenden Bilde einmal den Wallenstein gestellt. Den 
Hauptvorzug von Tübingen erblickte er freilich darin, »das* 
man draussen so schnell zu ganz herrlichen Dingen gelangen 
kann«. Der leidenschaftliche Naturfreund liess die stolzen 
Linien der schwäbischen Alb nicht umsonst herüberwinken : 
auch die bescheidne nähere Umgebung des Städtchens , in 
die doch eben jener -unvergleichliche Hintergrund«, sich man- 
nichfach verschränkend, überall hineinblickt, lernte er in ihrer 
Eigenart schätzen, zumal ihn auf seinen einsamen Gängeu bald 
sein Erstgebornes begleiten konnte, das er einmal, vom Regen 
überrascht, »wie der Rottenburger Christophorus« nach Hause 
trug. Auch sonst fesselte den scharfen und im tiefsten Grunde 
vorurteilslosen Beobachter die geschlossne Eigenart des Landes 
und der Leute; und die .sonderbaren Schwaben' (oder »Schwa- 
ben , wie R. beharrlich schreibt), die eben doch den Math 
hatten, sich selbst durchzusetzen, gewannen seiner gerade 
hierin gleichgestimmten Natur Zuneigung und Achtung ab. 

Erst in dieser neuen Cingchung ist in Rohde, der mit 
seiner ganzen Persönlichkeit noch in einer rein ästhetischen 
Bildung wurzelt, der politische Sinn recht erwacht : das 
uns vorliegende Material ist reich genug, um diesen Schluss 
zu gestatten, mag er auch zur Hälfte ein Schluss ex silentio 
sein. Am Ende der siebenziger .Jahre schwankten seine Stim- 
mungen und Meinungen noch erheblich ; das Reich mit seinem 
»schwarz- weissen Pharisäeithum« und der »Bismarcksehen Bru- 
talität» will ihm oft, wie in alten Zeiten, gründlich unsym- 
pathisch scheinen 1 . Freilich er war sich bewusst, »Gefühls- 
politiker* zu sein; es fehle ihm, schreibt er einmal, die pro- 
fessionelle Kenntnis der Vorbedingungen aller Politik, und 
so werde er mit seiner Sympathie bald da-, bald dorthin 

alten Griechenland : am 21. Februar 1882: ül>er einige Vorstellungen der 
alten Hellenen in Betreu" der Fortdauer de* Menschen nach dem Tode: 
am 25. Nov. lSSl: üi>er die griechischen Lyriker (mit besondrer Berück- 
sichtigung PindarV); in demselben Jahre war Flach".« Geschichte der grie- 
chischen Lyrik beendet, in der Pindar — bei Seite gelassen ist. 

1 Zumal >ilie.s Volk . . seine dummstolze Art. die Dinge der Welt 
zu betrachten, gar ins Alterthum binül-erführt |Kü. 7 XII 78]. 



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Politische Sympathien. 



121 



getrieben. Erst seine Lehrjahre im Sehwabenlande schafften 
darin Wandel : er fühlte sich wie in einem voller strömen- 
den Fahrwasser, von dem er nun seine Empfindung dauernd 
tragen Hess — er wurde, wie er es kurz und gut formuliert, zu 
seiner eignen Verwundrung »ganz Bismarckisch « [Rü. V 82] 
Auf der einen Seite lernte er, indem er unter den deutschen 
Landsleuten Jahre lang »als Fremder zu wandeln« meinte, 
die Notwendigkeit und Bedeutung des Reichsgedankens recht 
persönlich empfinden ; auf der andern Seite rückten ihm hier 
— in der Enge einer kleinen Stadt und eines kleinen, aber 
abgeschlossen und die schärfsten Gegensätze beherbergenden 
Staates die treibenden und kämpfenden Richtungen viel 
näher auf den Leib, als in Hamburg oder Leipzig oder Jena. 
»Hier schleppt sich im Febrigeu Alles in den alten Geleisen 
weiter; eine Zeitlang machte sich die Politik so breit, dass 
auch mich, sonst ziemlich unpolitisches Wesen, ein förmliches 
politisches Fieber (aber ein stilles!) ergriff 2 und mich in 
einer wahren Angst um die Schicksale des Vaterlands . . . 
Tags und Nachts «juälte. Hier unten, mitten zwischen Je- 
suiten und Demokraten, fühlt man freilich doppelt, wie 
wichtig und zugleich wie zerbrechlich die Einheit, Kraft und 
Lebendigkeit des Reiches ist. Nun wendet sich ja — einst- 
weilen ! — Alles zum leidlichen, und so hab ich für jetzt mein 
politisch-patriotisches Flügelross an die Krippe gebunden 
[R. 2IV85J. Diese Erfahrungen haben für ihn bleibenderen 
Werth gehabt, als die lässigen, halbironischen Worte ahnen 
lassen, in die er hier (und sonst) seine Bekenntnisse ausklingen 
lässt. Sie sind die letzte und bedeutsamste Ergänzung seiner 
menschlichen und wissenschaftlichen Persönlichkeit, welche mit 
dem Nahen der vierziger Jahre, ganz nach der Norm der 

1 Dem »geistigen Berlinert huni* war und Miel» er freilich stets alt- 
geneigt [V. 10 X 84]. 

s Ganz ist ill war dies »Fieber« doch nicht; Freunde erzählten von 
sehr lebhaften Debatten mit A. v. Gl tschmid und Andern. Gutschmid 
wurde in derselben Zeit, in unentwegtem Festhalten im den einmal ge- 
wonnenen l'eberzeugungeii, im Gegensatz zu Rohde, immer mehr nach 
Links gedrangt. Ich erinnere mich eine« Gespräch« mit ihm aus der 
Zeit vor den Septcnnatswahlen, nicht lange vor seinem Tode, worin er 
sich in der schärfsten Tonart über das Ziel wie über die politischen 
Mittel der Regierung und der nationalen Parteien aussprach. 



122 



Politik. Rechts- uml Staatsentwicklung. 



Alten, ihre Akme erreicht, um sich bis zum letzten Tage dar- 
auf zu behaupten. Und da Rohde nur trieb und pflegte, 
was in seinem eignen Leben Wurzel hatte, sind sie auch der 
Arbeit des Gelehrten unmittelbar zu Gute gekommen. In 
Jena wies er den Gedanken an die Uebernahme einer Lehr- 
stelle, wo er über das antike Staatswesen und Verwandtes zu lesen 
gehabt hätte, weit von sich; in Heidelberg griff er nach der 
gleichen Aufgabe mit beiden Händen. Einige Abschnitte seines 
letzten Werkes lassen es ahnen, wie geistvoll er Fragen auch 
der alten Rechts- und Staatsentwicklung zu behandeln ver- 
stand. Freilich, das technisch Politische konnte ihn dauernd 
nicht erwärmen, insbesondre ging ihm die persönliche Bethei- 
ligung an der Wahlagitation und Parteipropaganda wider die 
Natur. Aber ohne viel Aufhebens davon zu machen, nährte 
er in sich hinfort ein unveränderlich starkes patriotisches 
Gefühl« — auch hierin immer mehr in einen Gegensatz ge- 
drängt zu jenem einsamen Manne, der seinein Herzen immer 
noch am allernächsten stand. 

* * 
* 

So hat Rohde in dem schlichten Hause an der Wilhelms- 
strasse in Tübingen zwischen dem Abhang des Oesterbergs 
und den hohen grünen Wipfeln des botanischen Gartens, an 
der Seite seiner anmuthigen Frau und unter den lieblich heran- 
wachsenden Kindern, wohl die gesundesten und glücklichsten 
..Jahre seines Lebens verlebt, l>is in den Beginn des Seh waben- 
alt ers hinein; nur in der Uel>erspannung der ersten Semester 
werden die alten Klagen laut über die fatale Schlaflosigkeit 
und Nervosität«. Besonders liebenswürdig offenbart sich in 
den Briefen aus dieser Zeit der edle und weiche, wahrhaft 
humane Kern seiner nach aussen so verselilossiien und raulien 
Persönlichkeit. Immer wieder zieht es den Sohn zur Mutter, 
die in der Nähe der Schwestern in Hamburg geblieben war; 
am Kleinsten tlieilnehmeiid begleitet er auch aus der Ferne ihr 
gesegnetes Leben bis zu seinem jähen Schluss '. Mit der lnnig- 

1 Der alte Hallier ir-t. ja nun ;unh trestorhen. . . Kür meine Mutter 
i-t da* wieder ein Verlust; ihrer Jugeudgennssen werden immer weniger 
und sind schon sehr wenige« [H. S II lfS'Jj. '.Meine iilte Mutter, die 



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Das Familienleben. 



128 



keit und dem Humor eines echten Kinderfreundes berichtet 
er von den Ereignissen in seiner Kfimilie 1 und entwirft zu- 
mal Ribbeck und Overbeck, die Pathen seines Söhnchens 
waren, ergötzliche Porträts von den kleinen Menschenkindern, 
durch deren Antlitz nun »die menschliche Seele durchzuscheinen 
beginne«. Den Frieden dieser jungen Seelen hütete er eifer- 
süchtig, und pädagogische Missgrilfe, wie er sie schon im Ele- 
mentarunterricht zu beobachten meinte, konnten ihn schwer 
verstimmen 3 . Nie fehlt in seinen Briefen ein liebevolles 

noch um 6. Mai ihren 70. Geburtstag besonders heiter urul hoffnungsvoll 
im Kreise der Ihrigen . . . gefeiert hatte, ist am 9. Mai [ 1 882] ganz 
plötzlich gestorben. Sie war um Weihnachten sterbenskrank gewesen, 
hatte «ich dann aber, bei ihrem kräftigen Körper, wunderbar erholt : sie 
schrieb mir noch am 8. Mai ganz zuversichtlich von unserm Wiedersehn 
im Herbst, von d<*n Kindern u. s. w. Den Brief fand ich, ein wehmüthi- 
ges Denkzeichen von der Grenze zweier Daseinsfonnen, als ich von der 
schleunigst unternommenen Fahrt zu ihrem Begräbnis zurückkam , vor. 
Nun ist mir Hamburg im Wesentlichen verwaist, die Vergangenheit wie 
abgeschnitten und vorbei ... [K. 1 VIII S'-\ ähnlich O.]. 

1 Vgl. V. und R. 22 XII 1878. Man kann es schon in Tübingen 
aushalten, wenn man sich auf seine Klause und auf seine kleine Familie 
beschränkt. . . Meinem Töchterchen geht es zum Glück bisher völlig 
erwünscht; sie kann freilich noch nichts, als kriechen und krähen (und 
eben kriecht und kräht sie in meiner Stube herum), aber sie ist kreuz- 
fidel und gesund« J2 XII 1879], »Mein kleines Mädchen wächst voll <Je- 
«undheit heran und voll jener, aus sich selbst sich erzeugenden, von 
aussen fast nichts bedürfenden Fröhlichkeit, die mir so ganz fehlt. Ich 
denke und sage tausendmal: Gott schütze sie! Denn Gesundheit und 
Lebenslust sind wahrhaftig so hohe und zarte Gaben, dass man für ihre 
Krhaltung sich irgend eine übermenschliche schützende Macht erfinden 
möchte, um sie dieser anzubefehlen!.. (N. 8 IV 81. ähnlich R. 'JO VII ISS 1 ]. 
»Uns geht es ganz correct, namentlich auch dem sogenannten „Brüderle 
FianzKrwinOttoRohde*, wie ihn seine Schwester in voller Titulatur ä.-vi'jz-.i 
zu nennen pflegt* (R. 8 II 18Sl»]. . üu siehst ich bin ein rechter Fa- 
milienpapa geworden. In der That. meine Kinder sind mein und meiner 
kleinen Frau alleiniges Glück auf der Welt, und ich weiss kein höheres« 
[N. 22 XII &*>]. »Was wollte man eigentlich noch gross auf dieser Welt-, 
wenn nicht die Kinder da wären, ihre Gegenwart und ihre Zukunft!" 
[RQ. VII 85]. 

2 »Mein kleines Töchting geht ... in ihre erste Schule..., wo sie 
etwas nähen, sonst aber nur *n bäten' singen und psalmodiren und den 
lieben Heiland aus den crudesten Phantasieen der alten Juden intim ken- 
nen lernt. Heute brachte sie die schöne Geschichte nach Hause, wie 
auf eine Stadt, weil 'ein Böser' darin wohnte, der liebe Heiland von 
oben lauter Feuer schmiss, ein 'Lieber' aber mit seiner Familie von den 
lieben Engeln hinausgeführt wurde, worauf aber eine Frau, die sieh um- 
guckte, vom lieben Heiland zur 'Salz-eule' verwandelt wurde. Morgen 



124 



Das Familienleben. 



Wort über seine Frau, die dem fünfzehn Jahr altern Manne 
in den ersten Jahren der Ehe noch fast wie ein Kind erschien 
Sich selbst that er oft nicht genug in diesem von ihm so tief 
•und rein aufgefassten Verhältnis. Auf einem Tagebuchblatt 
schreibt er, die Mädchen möchten wohl meinen, es werde ihnen 
in der Ehe ergehn , wie im süssen Märchen : die Princess 
nehme einen Drachen oder Raren zum Mann, doch der werfe 
die unmenschliche Vermumniung ab und werde ein schöner 
Prinz ; aber leider behalte i h r Bär sein Fell an und bleibe 
ein Bär. Die 'Gesellschaft' sah in Kohde dann wohl auch 
nichts andres 2 ; seine Frau kannte ihn besser, mit dem »Ver- 
ständnis des Herzens . 

Unterbrochen wurde das Tübinger Stilllebeu nur durch 
die Ferienreisen, die Kohde über nie in die Weite über das 
Meer geführt haben, aueli in Jahren wo er körperlich völlig 
rüstig war: der feinste Kenner des Griechenthums hat Grie- 
chenland nie gesehn. 

Sobald die letzten Sitzungen und ( Konferenzen überstanden 
waren, suchte er vertraute Ausspruche mit gleichgestimmten 
Freunden und Verwandten. So fuhr er immer wieder süd- 
wärts nach Basel, wo er sieh auch nach der Erkrankung 
Xietzsche's bei den neugewonnenen Freunden OVERBECK und 
Volkelt wie zu Haus fühlte. Oder er eilte nordwärts nach 
Wiesbaden, Leipzig, Jena, Rostock, Hamburg, zumal so lange 
die Mutter lebte. »Wir waren doch mal wieder unter liebe- 
vollen Menschen, die aufrichtig Antheil an uns nehmen: item, 
wir waren zu Hause, und das bin ich hier nur, solange ich 

t-oll «bis fortgesetzt worden nun kämen j;i eigentlich Lotb's Töchter 
und ihre semitischen ( ialanterien ! |H . 1'» X W|. Aehnliche AeusHerungon 
über alttcstamcutlicho Üinu'i- im l'nterricht auch sonst , wohl nicht zu- 
fällig an La (Jauuk (Deutsche Schriften S. *J;I7) erinnernd. Vor Allem 
klaut»« R. über das Zuviel an Memorierstott, zumal an religiösem, in der 
wliwiihisehen .lugcndbildung « - mit Recht, wie die ha hl einsetzenden 
Reformversueh»' auf diesem (lebiet gezeigt haben. 

1 Ich werde allmählich ganz zum Hausvater und Philister: d. ii. 
denn doch mit Ma>>en: denn meine kleine Frau, mit ihrer zärtlichen 
reinen Seele, erhält mich immer in einem höher hinauf gelegenen (Jebiet 
der Li.be und rtelirbtln-it [N. '>> XII 7*]. 

- tiaiu wie einst in Leipzig und Kiel, v tri . Ribbeck an Ritschl Br. 
17:'. [lö V 7;»| S _>76. 



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Ferienreisen. München. 



125 



eben im engsten Kreis meiner Lieben bleibt» [K. 21 X 82]. 
Hatte er seinem Familien- und (jeselligkeitssinn Genüge 
gethan, ging er »wie ihn der Dämon führte« seine eignen 
einsamen Wege. Bald vergrub er sieh irgendwo im West- 
harz, »der es an eigentlichem Waldwesen dem östlichen 
weit zuvor thut«, oder im Schwarzwald (»bei unbeschreiblich 
schönem Wetter, und so war es denn eine wahre Herrlich- 
keit« [K. 24 IV 82 1); bald legte er sich am nordischen Strande 
vor Anker, in Reinbeck, Wvk oder Warnemünde ( »um etwas 
allein zu sein, Meerluft zu gemessen und wenige Bücher, auch 
ein neues von Nietzsche, zu lesen« [R. 15 IX 83]). Oder er 
fuhr ohne Plan und Ziel in die Schweiz und ins Tirol, und 
unternahm dann wohl auch einmal Wanderungen mit irgend- 
welchen Reisebekanntschaften, deren Porträt er brieflich, in 
gutem oder grimmigem Humor, mit ein paar Strichen fest- 
hält 1 . Vor Allem aber benutzte er diese einsamen Fahrten, 
»um sich aus dem Tiefstand Tübingischen C'ulturlehens wieder 
etwas heraufzusehrauben.« So hielt er sich 1881 in Berlin 
auf, vor Allem »der Pergamenischen Sculpturen wegen, die 
Einem wirklich einen ganz neuen Ausblick eröffnen« [R. 15 
X 81]. Im Frühjahr 1883 improvisirte er eine Fahrt nach 
Paris, um »Museen und Theater zu besuchen und sich so 
in ein vollständig fremdes Kunstmedium zu versetzen»; auch 
Städten, wie Cassel und Karlsruhe, widmete er in den 
achtziger Jahren einige Tage und brachte vom Besuch der 
Gallerien dauernde Eindrücke mit heim 2 . Wiederholt machte 
er sich in München sesshaft, der einzigen Universitätsstadt, 
wo er »gern gewesen und geblieben wäre* [R. 15 X 83]. Die 
ganze künstlerische Atmosphäre, in der er sich dort bewegen 
konnte, that ihm wohl, und mit wahrer Dankbarkeit gedachte 
er der Münchener Abende, wo er »den Zauber des Tristan* 



1 So schildert er Ribbeck uls «einen Reisegesellen in Tirol »einen 
alten Aiherrjcses aus Löbuu in Sachsen« ; einmal erkannte er in einem 
riolchen Anonymus später einen Kollegen. 

* RCHI.. "der mit Rohde die (iallerie in Karlsruhe besuchte, fiel die 
Schnelligkeit des Sehens und Auffassen« bei R. auf. „Kr war... längst 
mit dem ganzen Bilde fertig und keineswegs oberflächlich, wenn ich noch 
gar nicht alle* Detail gesehen hatte.* 



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12t> 



Ferienreisen. Bayreuth. Italien. 



am tiefsten empfunden habe 1 . Wie er sich hier willig in den 
Bannkreis Wagner' s ziehen Hess, so pilgerte er, wenn die Zeit 
gekommen war »nach Pflicht, Neigung und auch ein wenig 
nach Beruf« getreulich nach B a y r e u t h ; er hat mehr als 
einmal »alle drei Serien der Auflührungen mitgemacht* und 
die Gelegenheit zu dieser künstlerischen xafrapoi; ohne zwin- 
genden Grund nie Vorübergehn lassen, so sehr ihm »der Um- 
trieb und die nächtliche Unruhe in dem überfüllten Neste 
wider der .Strich ging 2 . Mit stets gleicher Spannung und 
Freude rüstete er sich alle paar Jahre zur Fahrt über die 
Alpen, da ihm ja in Tübingen Italien vor der Thüre lag.« 
In den Herbstferien 1879 streifte er in N o r d i t a 1 i e n bis 
Florenz, um freilich »wegen allzutoller Hitze im schnellsten 
Eilzug bis Rostock hinaufzusausen* |R. 2 XU 79]; als blei- 
benden Eindruck nahm er die (wohl von Manchen getheilte) 
Empfindung mit, dass gerade diese kleinen Orte — Vicenza 
Padua Ferrara Mantua Parma an intimem Reiz ihres Glei- 
chen nicht haben [R. 5 IX 81]. Noch ergiebiger war eine 
dreiwöchige Frühjahrsfahrt 1884. »Ich habe nie eine so ganz 
geglückte Reise gemacht, wie diesmal; das ganze plagcnvolle 
Semester steht mir schon die Erinnerung an die wundervollen 
Tage wie ein tröstlicher Hintergrund da, auf den sich immer 
meine Blicke zurückwenden. So fortgesetzt in herrlichem 
Frühlingswetter, ohne Hitze, Staub und italiänisches Unge- 
ziefer durch diese lebendigen Reste eines kräftigeren und geist- 
reicheren Aevum zu schlendern, in mühelosem Aufnehmen des 
Schönen und Anmuthigen — das wären meine Inseln der 
Seligen, wie ich sie mir wünschte. Das ist also ein grosser 
Vorzug unsres Nestes, dass man gleich da drüben ist.« [R, 
4 VII 84]. Wenn er von solchen Reisen stets »eine leise 
fortbohrende Sehnsucht nach jenen Zuständen einer hellen 
und stillsten yaXir,v7, der Seele« zurückbringt und sich jen- 

1 Zuerst 1875. - Gewiss giebt es in der Welt keine andre Musik von 
solcher Notwendigkeit; meine Seele fang unmittelbar mit in diesem 
tönenden Meeresrausehen der stürmenden Empfindung. Da ist Nichts 
von küiistlbh-knnstleriselier Willkür. . .<■■ Der Tristan blieb sein Lieb- 
ling, neben den Meistersingern. 

* Auf die Grenze, wo er »nicht mehr mitthun konnte«, haben wir 
oben 8. 118 hingewiesen. 



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Ferienreisen. Belgien. 



127 



seits der Berge, gleich manchem Nordländer »wie in der Hei- 
math' fühlt, so weiss der Hanseat von der Wasserkante doch 
auch den charakteristischen Reiz alter nordischer und flandri- 
scher Städte voll zu empfinden. >Ich bin also in den Ferien 
wirklich in Holland und Belgien gewesen, hei unvergleichlich 
schönem Wetter . . . ; so das» ich eine rechte Sonimererinnc- 
rung an die seltsamen Städte und das merkwürdige Land fest- 
halte. Dieser ganze Winkel lohnt sehr eine Reise, man ge- 
winnt wirklich ein ganz neues Bild vergangner und gegen- 
wärtiger Zustände — nur freilich nicht gerade in Brüssel und 
den andern modernen Städten Belgiens. Ich habe auch ein 
wenig auf Bibliotheken — in Leyden und Brüssel — mich 
uingesehn ; namentlich in Brüssel mag noch mancherlei zu 
holen sein ; der gedruckte Katalog verbirgt mehr, als dass er 
andeutete, was Alles daliegt. Ich habe dort u. A. eine bessere 
Hs. der Philosophien des Apulejus gefunden, als alle bisher 
benutzten sind» [R. 23 XII 81] Einmal besuchte Rohde in 
diesen Jahren auch wieder eine Philologenversammlung; er 
entschloss sich nach einer Italienfahrt 1879 »einem an Bü- 
cheler gegebenen Versprechen gemäss sich in Trier dem Pu- 
blicum zu produciren« [R. 2 XII 79]. Er hat damals, nach 
einer (später erweiterten) summarischen Skizze den Vortrag 
über Leucipp und Demokrit gehalten. So kam bei diesen 
> Kulturreisen« doch gelegentlich auch das Handwerk zu seinem 
Rechte. Im Ganzen aber ging er solchen Dingen eher aus 
dem Wege, als dass er sie suchte; er wollte »seine Alltags- 
existenz vergessen' in freiem Gemessen und Aufnehmen des 
Besten, was er kannte : einer stillen, grossen Natur und einer 
Kunst, wie er sie, seinem Bedürfnis am angemessensten, in 
der Welt der Renaissance und Antike und, nach wie vor, in 
Bayreuth zu linden glaubte. 

' Die Erinnerung war freilich >seheussliches Wetter, viel Gedränge 
und wenig sympathische Menschen [Ra. 25 IV 80]. 



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128 



VIII. 

Der wissenschaftliche Ertrag der Tübinger Jahre. 

In der idyllischen Ruhe des »Universitätsdorfes«, wo es 
ohne Arbeit »gar nicht auszuhalten war«-, gewann Robde eine 
Herrschaft über den litterarischen Stoff, die mit der breitesten, 
auch die Winkel und (i renzgebiete umspannenden Ausdehnung 
eine ans Mikroskopische grenzende Feinheit verband. »Es 
ist mir selbst unheimlich, wie gelehrt ich werde« äusserte er 
auf eine Bemerkung Ribbeck's über eine seiner literarhisto- 
rischen Arbeiten — 'gelehrt' mit Anführungszeichen gesprochen. 
Aber auch neue Ergebnisse und Anschauungen wuchsen ihm 
in fast bedrängender Fülle zu, so dass er ihrer kaum Herr 
zu werden vermochte. .Jahr um Jahr klagt er, dass ihm sein 
Colleg alle Müsse und Stimmung verschlinge, und spielt mit 
dem Gedanken an einen längern Urlaub, ohne damit, bei 
seinem schlichten PHiehtbewusstsein, je Ernst zu machen. »Seit- 
dem sind denn die Amtspflichten auch wieder in hinreichen- 
der Menge hereingebrochen, sodass ich kaum zu irgend etwas 
ausserdem Zeit habe. Und habe doch so viele Pläne! Und 
darunter sehr lockende , aber die ohne zusammenhängende 
Arbeit nicht zu bewältigen sind. Höchstens langt es zu ein- 
zelnem Stückwerk. [R. 23 XII 1880] \ 

1 Ebenso kurz, vorher an Hühl 'J5 IV SO: Ich für meine Person 
wüsste gleich zwei bis drei grosse und schöne Felder, die ich bearbeiten 
möchte : aber die Zeit ! und namentlich die Content ration der Gedanken. . . 
Das Anerbieten des Herrn Simion . . . hab ich mit Dank ablehnen müs- 
sen : eine Geschichte der griechischen Prosa ist . . . über- 
haupt gar nicht ?.u schreiben möglieh, solange es keine Geschichte der 
griechischen Sprache giebt. . . HoH'entlieh lässt er sich nicht mit einem 
der neusten Windmacher ein, die freilich Alles können.« Noch viel 
weniger schien es ihm möglich, eine Geschichte der griechischen L i t- 
teratur zu schreiben (wozu ihn der Buchhändler W. Hkrtz veranlassen 
wollte). 



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Litterarische Stadien im Alterthum. Chronologie Homers. 129 



Von solchem 'Stückwerk' hat er in Tübingen soviel zu- 
stande gebracht, dass ein aufmerksames Auge wohl die Grund- 
züge eines Gesammtplanes errathen mag — eines Planes, den 
er schliesslich auch seiner Corrcspondenz mit Ribbeck und 
Nietzsche anvertraut hat. 

Zunächst wurde bei den Vorarbeiten für die litterarge- 
schichtlicheu Collegien jenes Gebiet wieder durchforscht, das 
auch Nietzsche sich einst als Provinz erkoren hatte : die G e- 
schichte der 1 i 1 1 e r a r i s c h e n Studien im Alter- 
thum. Von den zahlreichen hierhergehörigen Arbeiten Rohde's 
sind es besonders zwei, die durch eine Fülle wichtiger Einzel- 
ergebnisse wie durch Originalität und Sicherheit der Methode 
eine Epoche in der litterargeschichtlichen Forschung bezeichnen 
— in wörtlichem Sinne, da man in dieser Richtung noch nicht 
viel weiter gekommen ist. Die eine — schon in Jena durch- 
geführt, aber in Tübingen nachgeprüft und ergänzt — be- 
handelt ein scheinbar winziges Thema, die Bedeutung des 
Terminus yeyove (bei Suidas) und seiner lateinischen Corre- 
late; durch ausgedehnte chronologische Untersuchungen wird 
die herrschende falsche Ansicht endgiltig beseitigt und eine 
ganze Reihe verschobener litterargeschichtlicher Daten ein- 
leuchtend zurecht gerückt (Rhein. Mus. 33, 1878, 161 ; 34, 620 
= Kl. Sehr. IS. 114 ff.). Die Polemik wendet sich unmittel- 
bar meist an A. Sciiöxe, weiterhin aber oux ovou-a-rn an den 
Collegen A. v. Gutschmid, der trotz aller Einwände Lucian's 
Makrobioi fortgesetzt auf Apollodor zurückführte, und nament- 
lich auch an Schöne's verkehrten Aufstellungen über das Leben 
der Sappho hartnäckig festhielt'. 

Nicht weiter, aber tiefer holen aus die verwandten 'Stu- 
dien zur Chronologie der griechischen Litteraturgeschichte' 
(Rhein. Mus. 36, 1881, 380 ff. = Kl. Sehr. 1): ȟber die ho- 
merische Chronologie nach der Vorstellung der Alten — 
nicht der mir ganz gleichgültigen Neueren, nach der Art der 
Sengebusch, Kirchhoff etc.« [R. 23 XI 1 1880]. Diese Neueren 

1 Rohde an Rühl. Vgl. A. v. Gutschmid. Kl. Sehr. IV S. 203 fl". Rtihl 
bemerkt zu den Kl. Schi*. IV S. 20b, dass Gutsehmid sich durch Rohde's 
Ausführungen bekehren lies* ; G."s Hörer bezeugen dasselbe. Briefe. 
Rohdes an Röhl geben, z. Th. im Gegensatz zu Vermuthungen Rühl », 
lehrreiche Beobachtungen über die Suidas-^iot., s. d. Anh. 

Cruiiut, E. Hohde. 9 



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130 Homer. Spätgriechische Litteratur. 

werden freilich gründlich ad absurdum geführt K Denn wäh- 
rend Sengebusch und seine Anhänger die verschiedenen an- 
tiken Ansätze über die Zeit und Heimath Homer's benutzt 
hatten, um ihren Phantasien über Gang und Entwicklung der 
angeblichen epischen Volkspoesie einen scheinbaren Halt in 
der Ueberlieferung zu geben, zeigte Rohde mit nie versagendem 
Scharfsinn in den meisten Fällen ganz evident, wie spät und 
mit wie billigen Mitteln diese vermeintlich uralte Ueberliefe- 
rung zusammengeklittert sei. Dabei ist ihm diese Ueberliefe- 
rung selbst wieder ein merkwürdiges Stück alter Dichtung 
und Historie. Er hat sie schichtweise in langen Jahren (schon 
1868 beschäftigten ihn diese Probleme) abgetragen und aufge- 
nommen (s. oben S. 24. 46). Zu der hastig zugreifenden Art 
älterer Kritiker verhält sich sein Verfahren etwa, wie eine 
unter Dörnfeld'» Leitung durchgeführte methodische Aufdek- 
kung versunkener Städtereste zu den ersten dilettantischen 
Ausgrabungen des schätzesuehenden Schliemann. 

Diese und verwandte Arbeiten erledigen wichtige V o r- 
fragen der antiken Literaturgeschichte. Bald aber freute 
sich K. »die chronologische Plempe endgültig einstecken und 
sieh erfreulicheren Aufgaben zuwenden zu können < [R. 23 XII 
1880]. Vor allem schickte er sich an, für sein Hauptcolleg 
die zweite Hälfte der griechischen Litteratur neu zu gestalten ; 
»ich hatte früher die ganze Literaturgeschichte in Einem 
fünfstündigen Colleg abgemacht, wobei die nachclassische Zeit 
freilich ziemlich zu kurz kam. Die Arbeit ist gross, aber 
auch der Gewinn für eigne Orientirung und Ganzwerdung 
in litteris« [R. Sommer 1882]. Aus dieser erneuten Vertie- 
fung in die spätere griechische Litteratur ist eine stattliche 
Reihe von ergebnisreichen Einzeluntersuchungen erwachsen, 
die, meist im Anschluss oder Gegensatz zu neueren Veröffent- 
lichungen entstanden, in Recensionen niedergelegt wurden. 
Die bedeutendste dieser Arbeiten ist wohl die Besprechung 
von Bergk's 'Fünf Abhandlungen' in den Göttingischen gel. 
Anzeigen 1884 (1 S. 9 11". - Kl. Sehr. I ;.KH>|, in der R., ohne 

1 fiesen KlRCtlHorr* Arbeiten zu Horner und Tierodot spricht sich 
Kohde meinen Briefen wiederholt u. B. Hü. 2'> VI S6) mit grosser Schürte 
aus. .Seine Einwunde und Urt heile vorzulegen wird nicht mehr nöthig sein. 



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Rhetorik. Quintilian. Attische Komödie. 



131 



den »recht wunderlichen alten Herrn« zu unterschätzen, aber 
auch ohne sich »der jetzt üblich gewordenen Adoration an- 
zusehliessen«, kühl und scharf vor Allem die vonBergk regel- 
mässig verwirrte ataa:; des Streitfalls klar gelegt und die Lö- 
sung so ziemlich auf allen Punkten (auch in der verwickelten 
Hoinonymenfrage der Philostrati) ein gutes Stück vorwärtsge- 
bracht hat. Mit einer polemischen Studie über die Herkunft 
und den Charakter der sogenannten jüngern Sophistik, gegen 
G. Kaibel gerichtet (Rh. Mus. 41, 188G, 171 ff. = Kl. Sehr. II 
S. 75 ff.), nahm Rohde von diesem Gebiete Abschied. Denn immer 
stärker zog es ihn zu den grossen Alten, vor Allem zu Homer, 
Pindar, den Tragikern. Zugleich wurden, gleichfalls im Zu- 
sammenhang mit den Vorlesungen, die Probleme der Rhetorik 
und Metrik erneut mit reichem Gewinn durchgearbeitet. Ans 
Licht getreten ist von diesen Studien wenig. Aber Ritters 
Untersuchungen über die Quintilianischen Declamationen (auf 
die sich der oben S. 104 citirte Brief bezieht) sind auf Anre- 
gung und unter Aufsicht Rohde\s geführt, und ein an Hür- 
schelmann gerichteter Brief über ZlELlNSKls 'Gliederung der 
Komödie' — eine wahre epistula critica — beweist (mehr noch 
als gelegentliche kleine Bemerkungen zur Metrik), dass Rohde 
auch die formelle Seite der antiken Poesie scharf und fein 
und ohne die Brille irgend eines Vorurteils zu beobachten 
verstand. Einwände erhob Rohde vor Allem gegen gewisse 
geschichtliche Voraussetzungen Zielinski's 1 und gegen seine 
geistreichen Versuche, auf sehr problematische chorische und 
seenische Fragen eine bestimmte und gar zu weit ins Einzelne 
gehende Antwort zu geben *. Hier griffen Studien ein, die 

' Vgl. Gött. Gel. Anz. 1M0S. 131 f.. wo ich ähnliche Bedenken aus- 
gesprochen habe. Das Votum Rohde'« hat die ersten, von andrer Seite 
gefährdeten Schritte Zielinski's auf seiner Laufbahn als russischer Uni- 
versitätslehrer gesichert und gefördert. 

* Im Anhange sollen, wenn es der Raum gestattet, einige Auszüge 
aus dem Briefe mitgetheilt werden. Zielinskis Buch ist von der deut- 
schen Fachkritik und auch von den deutschen Fachgenossen bei seinem 
Erscheinen nicht nach Gebühr gewürdigt worden. Wie gegen Hörschel- 
mann, äusserte sich Rohde auch andern Freunden gegenüber. »Ich habe 
Zielinski sehr empfohlen: das Buch lässt ja in der That einen geistreichen 
Kopf und die Art eines unzweifelhaft zum Academicns bestimmten Men- 
schen erkennen- [R. Jl XI K«]. — In den Briefen an Ribbeck ist wieder- 

9* 



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132 



Scenica. Platonische Studien. 



Robde bei der Behandlung des Pollux begonnen und bei Ge- 
legenheit seiner Vorlesungen über Bübnenalterthümer weiter 
geführt hat.* Als sichtbarer Ertrag liegen vor Allem seine 
schönen Scenica vor uns, Rhein. Mus. XXXVII i 1883 (= Kl. 
Sehr. II 381) : ein Muster für die Behandlung eines spröden, 
wortkargen Zeugnisinaterials. 

Aus diesen, die verschiedensten Gebjete streifenden Arbei- 
ten, löst sich eine Gruppe als die bedeutsamste los: die Beiträge 
zur Geschichte der antiken Philo so p hie und Religion. 

Mochten sie in ihren ersten Anfängen auf Anregungen 
der Studentenzeit zurückgehn, so sind sie doch erst in der 
solchen Studien besonders günstigen Luft der schwäbischen 
Hochschule voll herangereift. Seine Ansicht über die plato- 
nische Philosophie und Schriftstellerei hat Roh de, der ein 
stark besuchtes Colleg über Plato regelmässig zu lesen pHegte, 
in ihren Grundzügen hier festgelegt 1 . Die erste und einschnei- 
denste schriftstellerische Leistung ist die Untersuchung über 
die Abfassungszeit des Theätet in den Jahrbüchern für Philologie 
1881 (S. 321 = Kl. Sehr. I S. 250 ff.). Robde hat seinen An- 
satz in einer ganzen Reihe von polemischen Darlegungen, zu- 
holt auch von metrischen Ein/.elproblemen die Rede. »Das Neueste aus 
der Metrik! ich muss Ihnen doch ein kostbares Spjiaiv» , das ich eben 
gemacht habe, brühwurm mittheilen. Ein Herr Gleditsch hat heraus- 
bekommen, dass derSaturnier ein quantitätsloser Vers vom trochäischem 
Rhythmus ist mit je 4 Hebungen in jeder Hälfte. Also so muss man 
numni'hr lesen: däbunt mälum Metelli J Naeviö poetae, zu singen nach 
der Melodie: 'Alle Vögel sind schon da. Alle Vögel, alle', oder auch, je 
nach dem t^o;, 'Hairisch Hier und Leberwurst'« '[R 22 VIII 85]. Und 
später, nach einem Hinweis Ribbeck's auf andre 'philologische Unver- 
ständlichkeiten' : »Ich linde dieses däbunt mälum Metelli doch noch 
naiver als den Kellersehen Rülps-Rhythmus: däbunt mälum Metelli ; nicht 
einmal der Wortaceent wirkt ja nun mehr recht, es ist das einfache 
finstre Mittelalter ! So wie die Studenten, nach bekannter Melodie singen: 
Integer vitae etc.« [2G X Hö]. 

1 Im Sommer l^Sl schreibt er an Ribbeck: »Denken Sie, dass ich 
mir vorgesetzt und durch die Einleitung zu meinem Colleg über Plaito's 
Symposion mich selbst gezwungen hatte, den ganzen Plato in Einem 
Strich nicht nur durchzulesen , sondern die einzelnen Dialoge zu excer- 
piren und ganz eigentlich ins Haus zu schlachten. Jet/t bin ich damit 
durch und habe mir einen ungeheuren Klotz in der Literaturgeschichte 
aus dem Wege geräumt, auch viel dabei gelernt: aber welche Arbeit! 
Selbst die Ptingstferien sind dabei vollständig im Plato ersoffen ; ich habe 
keinen Schritt aus Tübingen hinausthun können.' 



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Platonische Studien. Leucipp und Demokrit. 



133 



erst mit ruhiger Eindringlichkeit gegen den Tübinger Collegen 
Köstlin, dann gegen E. Zeller mit wachsender Gereiztheit 
zu verteidigen über sich gewonnen. Zu einem solchen Klein- 
krieg condescendirte er (wie er zu sagen pflegte) nur in Aus- 
nahmefällen. In der That handelt es sich hier nicht um ein 
mehr oder weniger wichtiges Einzeldatum, sondern um die 
prinzipielle Frage, ob für die geschichtliche Betrachtung und 
Darstellung der Schriftstellerei Plato's ein in der Hauptsache 
doch a priori construirtes Bild von der Entwicklung der 
(von vornherein wunderbar consequent und systematisch con- 
eipirten) platonischen Philosophie, oder vielmehr äussere In- 
dicien massgebend sein sollen. Rohde hat das Prinzipielle 
am schärfsten später im Philologus 1892 (S. 482 f! = Kl. Sehr. I 
300 ff.) formulirt. Wie sein College E. Pflciderer, schätzte 
er die anregende Kraft der just erschienenen Untersuchungen 
Krohns und hat sich im Anschluss daran seine Ansicht über 
die Entstehung und (Komposition des platonischen Staats ge- 
bildet ; angedeutet wird sie zuerst in der Anzeige von Birt's 
'Buchwesen' in den Gott. gel. Anz. 1882, (S. 2555 Anm. = 
Kl. Sehr. II 441, A. 2). Die verwandte Aufgabe bei Plato's 
Gesetzen hat er gestreift in seiner Besprechung der Bergk- 
schen 'Fünf Abhandlungen'; er tritt hier dafür ein, die ein- 
leuchtenden Hypothesen von Ivo Bruns durch ein willkom- 
menes Amendement zu ergänzen, das aus Bergk's Aufsatz 
erst herausgeschält werden muss 1 . In all diesen Fällen suchte 
er dem individuellen Werdegange Plato's mit allen Seiten- 
sprüngen und Inconsequenzen auf die Fährte zu kommen \ 

Als Episode dieser platonischen Studien kann die 1884 
geschriebene Untersuchung der sophistischen 'Dialexeis' gelten. 
R. führt darin die überscharfen Bestimmungen Bergk's auf 
ein gesundes Mass zurück und sucht das ganz isolierte, und 
deshalb wenig beachtete interessante Schriftchen litterarge- 
schichtlich zu tixiren und vor Allem inhaltlich zu würdigen. 

In dem Vortrag über L e u c i p p u n d Demokrit 
(Verb, der Trierer Piniol.- Versammlung = Kl. Sehr. I 205 ff.) 

1 Eingehender betagt *ich mit ihr die von R. geforderte Diss. H. Krieg's. 
* Gegen die abweichende Aufladung Constantix Kittkkb hat er 
später brieflich seine Ansieht sehr energisch aufrecht erhalten. S. Anh. 



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134 Leucipp. Mysterien. Religionsgeschichte. 



verweist Rohde auf Grund einer Aeusserung Epikurs den bei 
Aristoteles und seinen Nachfolgern als Lehrer Deinokrits ver- 
zeichneten Leukippos in das Reich der litterarischen Schatten. 
Damit führt er uns wiederum auf weitreichende principielle 
Fragen, leider ohne eine völlig durchschlagende Lösung zu 
bieten. Aber die von Rohde voll gewürdigten Einwände von 
H. Diels geben uns doch noch nicht die Empfindung, auf 
festem Hoden zu stehn. Die letzte Schrift über das Aporem 
— Dyrofps Demokritstudien — schlägt sich allerdings mit 
vieler Zuversicht auf die Seite des Gegners und sucht dessen 
Beweisführung durch allgemeinere Erwägungen zu ergänzen. 
Rohde würde aber vermuthlich auch jetzt noch seine princi- 
piellen Vorbehalte raachen; die Autorität der litterarischen 
Data des Aristoteles, denen gegenüber er sich schon in einer 
Jünglingsschrift keineswegs gebunden fühlte \ müsste noch ein- 
mal in grösserem Zusammenhang vorurteilsfrei geprüft werden. 

Schon in den Zeiten der Leipziger Societas hatte sich 
Rohde mit H e r a k 1 i t eingehend beschäftigt, wenn er seinen 
*ewig problematischen* Lehren auch kühler gegenüberstehn 
mochte, als Nietzsche 2 . In Tübingen wurde vor Allem das Ver- 
hältnis der heraklitischen Gedankenwelt zur Religion unter- 
sucht, wobei sich Rohde zu PHeiderer im Gegensatz sah. Ueber die 
eleusinischen Mysterien hat Rohde seine radicalen Ansichten 
schon 1880 in einem Museumsvortrag entwickelt, und seine zwei 
Jahre später der Dienstagsgesellschaft dargebotenen Betrach- 
tungen 'über einige Vorstellungen der Hellenen inbetreff der 
Fortdauer des Menschen nach dem Tode' spinnen unverkennbar 
den Faden der 'Psyche' an. Auch seine Schüler wies er 
gelegentlich auf Probleme aus der alten Religionsgeschichte ; 
so hat er durch eine Preisaufgabe Untersuchungen über die 
hermetischen Schriften angeregt, die freilich (wie manche brave 
Tübinger Arbeit) nicht veröffentlicht sind 3 . Druckfertig machte 
R. von derartigen Untersuchungen nur Weniges, vor Allem den 

1 Vgl. auch Kl. Sehr. I 252. 

' Vgl. die Anxcig»! des Schu*ter'schen Heraklit im Centralblatt 1873 
= Kl. Sehr. I 194. Psyche IP S. IM. 

a Der Preisträger war H. Mkltzkr. In Rohdc's Handexemplaren fand 
sich 'Werthvolles, aber schwer Verwerthbares zum Herme?; Trismegistos' : 
Fr. Scholl, zu den Kl. Sehr. I S. XXII I. 



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Jamblieh. Griechische Kulturgeschichte. 



135 



feinen Aufsatz Uber die verschollene Legende von den 'sar- 
dinischen Heroen' (im Khein. Mus. 1880 S. 157 = Kl. Sehr. II 
S. 197 ff.), »ein wirklich interessantes Thema«, an dem er seine 
helle Freude hatte [R. 2 XII 1879]. In diesem Zusammen- 
hange gewannen auch die alten Studien zu Jamblichos und 
der Pythagoraslegende neuen Reiz. Rohde plante >auf Grund 
seiner Collationen« eine zusammenfassende kritische und ana- 
lysirende Ausgabe der Pythagorasbücher [Rü. 7 XII 78], gab 
aber den Plan auf, als er hörte, dass Xauck mit ähnlichen 
Absichten umgehe. »Nauck, so erfuhr ich im letzten Momente, 
arbeite auch an einer Ausgabe; er hat mir dann gemein- 
same Herausgabe angetragen : aber nun ist mir die Sache 
verleidet; ich wiisste auch nicht, wie man so etwas 'gemein- 
sam' machen könnte, mag andrerseits nicht mit Nauck Wett- 
laufen — und scheere mich überhaupt den Teufel um den . . . 
Jamblich, der mich schon zu viel Zeit gekostet hat. Wenn 
ich einmal Müsse finde, hab ich Besseres zu thun< [R. 2 XII 
1879] K 

Das Bessere, was ihm im Sinne lag, war ein im Stillen lange 
gehegter Plan, der all das Stückwerk seiner Arbeiten und 
Interessen zu einem runden künstlerischen Ganzen zu- 
sammenordnen sollte: wie der junge Nietzsche von einem um- 
fassenden 'Griechenbuche' träumte, so trug sich Rohde in 
Tübingen sehr ernsthaft mit dem Gedanken, eine griechi- 
sche Kulturgeschichte zu schreiben. Er empfand 
immer tiefer, dass auch für d a s Gebiet, von dem er ausge- 
gangen und auf dem er am meisten zu Haus war, für die alte 
Litteratur, nicht die ästhetische Werthung, sondern die (jene 
freilich keineswegs abschliessende, sondern erst tiefer begrün- 
dende) geschichtliche Betrachtung die rechte Fackelträgerin sei, * 

1 Seine Vorarbeiten überliess Rohtie dem Concurrenten. Vgl. Nnuck 
Iainblichi de vita Pythayurae Uber, Petrop. 1884 p. XXVII: ER V IN US 
ROHDE cum de meo consilio audisset non solum ab edendo Jamblichi Ubro 
abstilit, sed etiam utendum aestate a. 1880 concessit mihi editionis Dido- 
tianae exetnphtm, in cuius wartjinibm et coniecturas quasdam et discrepati' 
tiam codicis Florentini a se collati ad$cri]>$erat. In der Quellenanalyse 
schloss sich Nauck (im <iegen«atz zu Zeller) ganz und gar an Rohde an, 
vgl. p. L1II 8<j. LXX1. Noch während der Correctur des Buchen steuerte 
Rohde Nauck manche hübsche Kleinigkeit bei, vgl. p. LX1II sqq. 

1 Das ist sie im tirunde auch für die Alten gewe*»-n, d. h. für da» 



136 Ersatz der ästhetischen Autfassung durch die historische. 



und dass diese geschichtliehe Betrachtung von dem Isoliren der 
litterarischen und künstlerischen Probleme weg-, und auf eine 
universelle Behandlung der Gesainmtkultur hindrängt. 
Sehr bezeichnend heisst es in einem Briefe au Ribbeck [15 
X 82] : »Ich lebe an mir selbst, und eben gerade an meinen 
Collegien, die allmähliche Umarbeitung der ästhetischen und 
absoluten Schätzung des Alterthums in die historische und 
relative durch, die ja den Gang unsrer Disciplin, freilich schon 
lange ehe ich überhaupt anting, bezeichnet hat : ich bereue es 
kaum, persönlich mit der altmodischen ästhetischen Schätzung 
angefangen zu haben, aber nun muss ich stückweise die alte 
Haut mehr und mehr ablegen; das macht Arbeit und Mühe 
Das Bekenntnis ist bedeutsam. Es wird von der andern 
Seite ergänzt durch die Cogitata und durch die Streitschriften 
und Briefe, die Rohde bei Gelegenheit des Nietzsche'schen 
Erstlingsbuches schrieb. Schon bald darauf bei der Arbeit 
an der Geschichte des Romans, ist eine Wendung eingetreten 
(oben S. 79 ff.). Man hätte nun meinen können, dass jene 
philosophische Richtung und Stimmung, die für Rohdens 

antike Publikum und die antike Philologie (andre Kreist- dachten anders! 
Man braucht sich nur die hellenistischen Cauones — etwa den der Red- 
ner oder der Tragiker — unzusehn, um sich zu überzeugen . dass die 
Alten nicht mit der starren Nonn einer absoluten Aesthetik. sondern 
echt geschichtlich mit gleitender Scala gemessen und danach ihre Aus- 
wahl getroffen haben. Am wenigsten Berücksichtigung ündet (und ver- 
dient) der Künstler der keinen I5:o; yxpxY.-.r^ besitzt (Dioms.de Diu.): 
man sieht in der Selbstdarstellung der P e r s ö n 1 i c h k e i t die Haupt- 
aufgabe der Kunst und hat seine Freude an starken und eigenwüchsigen 
Menschen. Diesem sehr gesunden Prinzip verdanken wir es, dass wir 
mit dem dünnen erhaltenen Material doch die geschichtliehe Entwicklung 
der meisten Litteraturgattungen nach beiden Seiten ziemlich weit ver- 
folgen können. Nach beiden Seiten: denn allerdings giebt es, bei den 
auserwählten Völkern, mittlere Phasen höchster (ösundheit und Schön- 
heit — jene Zeiten -glatten Meers und halkyonischer Selbstgenügsamkeit-, 
von denen Nietzsche sprach — , denen gegenüber innerhalb der geschicht- 
lichen Betrachtung eine absolute ästhetische Schätzung zu ihrem Rechte 
kommt. Aber diese künstlerische Schönheit ist eine Hhmnelsgabe, wie 
die Schönheit der Jagend : man mag sich an ihr erbauen und erfrischen, 
aber man glaube nicht, dass man sie sich, wenn man unter andern Wachs- 
thunisbedingungen lebt, durch die Schminke irgend eines Classizismu* 
aneignen könne. Die -ehr früh durchbrechende Richtung aufs Indivi- 
duelle ptl>-L't man lci der Abschätzung der Antike zu gering anzu- 
schlagen, mich bei Rohde kommt sie gelegentlich zu kurz. 



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Zurücktreten der philosophischen Interessen. 



137 



Urtbeil einst den Ausschlag gab, in dem schwäbischen »Phi- 
losopheneldorado« neue Kraft gewonnen hätte. Aber das 
gerade Gegentheil ist der Fall. Durch die Empfindung, dass » die 
ganze Luft von Schulphilosophemen wie geschwängert ist in 
diesem wunderlich scholastischen Lande* 1 , fühlt sich Rohde 
eher auf die andre Seite hinüber gedrängt. Seine Neigung 
zu ästhetischem und philosophischem Räsonnement erkaltet 
mehr und mehr. Von der Lehre und der eigentlichen Schul- 
sprache Schopenhauers spürt man kaum noch einen Nach- 
klang, auch nicht in den Briefen ; mit sichtbarer Abkehr von 
dem alten Meister schreibt er Volkelt [o. D. 83] »Ihre An- 
trittsrede habe ich gelesen, und mit Vergnügen den guten 
Muth und die heitre Ruhe wahrgenommen, womit Sie durch 
das Thor der Speculation nicht nelfa eitta dolente, sondern in 
ein hoffnungsreiches Arbeitsland hineintreten«. Wohl scheint 
ihm der befreundete Philosoph »glücklicher daran, als unser 
Einer, der mit lauter Stücken hantieren muss ; aber ich be- 
käme doch Angst, wenn ich zwischen allen den unstäten, sich 
neben- und übereinander drängenden Eisschollen der Systeme 
mein eignes Schiffchen lenken sollte« [V. 29 VI 80]. Auch 
in seinem Freund Fr. Nietzsche hätte er, wie wir uns oben 
<S. 117) überzeugten, lieber den Künstler siegen sehn, als den 
Philosophen. Und wie ihm Oonstantin Ritter die Absicht ver- 
räth, sich ganz der Philosophie zuzuwenden, meint er skeptisch 
genug: »Ich fürchte immer, dass die cp.Xooocp'a minus in sinn 
haltet nn<u>i fronte proin itt if : schon mancher hat es so erfahren« 
[Ri. 7 I 84]. Dieser Stimmungswechsel hinderte Rohde freilich 
keineswegs, den Fortschritt der philosophischen Arbeit nicht nur 
mit dem Auge des Historikers beobachtend zu verfolgen. Er 
hat damals Bücher Skjwarts und VoLKELTs (wie dessen Dar- 
stellung der Erkenntnistheorie Kaufs) »mit grossem Anthcil« 
gelesen und ist den neuen Richtungen auf dem Gebiet der 
Psychologie ein gutes Stück Weges selbst nachgegangen 2 . Aber 

' Vgl. auch clii' Aeussernngen an Riuiikck, oben S. 104. 

- WüXDTs wird in den Brufen wiederholt mit Sympathie gedacht, 
im Gegensatz zur »Stil'tsorthodoxie* ; auch verwandte französische Ar- 
beiten las Rohde, dem die Recue [ihHosophique nicht umsonst regelmässig 
zuging. Spuren dieser Studien besonders im ZAveiten T h eil der Psyche. 
So blieb Rohde doch auch hierin dauernd im Gegensatz, zu A. v. Gl'T- 



- 



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138 



Plan einer griechischen Kulturgeschichte. 



seine individuelle Neigung und Kraft begann sich doch immer 
ausschliesslicher einer allseitigen geschichtlichen Be- 
trachtung des Alterthums, vor allem des Griechenthums, zu- 
zuwenden. Erst jetzt gewann er engere Fühlung mit der mo- 
numentalen und epigraphischen Forschung ; Staat und Recht 
der Alten treten, mit dem letzten Ausreifen seiner Persön- 
lichkeit, in sein inneres Blickfeld 1 ; die Werke der beiden 
Bahnbrecher auf diesen Gebieten, Böckhs und Otfried Mül- 
lers, wurden systematisch durchgearbeitet -. 

Das Alles kam zunächst seinen Vorlesungen zu gute, in 
die er damals manche kulturhistorische Exeurse (z. B. über 
das Ephebenwesen und die Collegia iuvenum, über die hel- 
lenistischen Grossstädte u. Ae.) eingeschoben zu haben scheint. 
Aber als eigentliches Ziel schwebte ihm Jahre lang bei seinen 
Sammlungen und Entwürfen wirklich jene grosse Aufgabe vor 
Augen. Ribbeck ist wohl der Einzige, mit dein Rohde — 
im Sommer 1882 — die Sache mündlich besprochen hat ; ausser- 
dem hat er sich, schon 1881, brieflich mit Nietzsche ver- 
ständigt. Anzufangen beabsichtigte er bei »der schwierigsten 
Partie, der Kultur des Hellenismus« ; gerade das sei eine Auf- 
gabe, meinte er, »in die man ungefähr Alles hineinlegen könnte, 
was man sagen könnte und möchte« [N. 8 IV 81]. Ein lo- 
ckendes Anerbieten, das ihm 1883 Cotta machen Hess, lehnte 
er, eben mit Rücksicht auf seine innere Verpflichtung kurzer 
Hand ab. Er schreibt bei der Gelegenheit an Ribbeck [15 
X 83] : > Wollte ich für irgend eine beliebige späte Zukunft 
zusagen , so würde m i r das Gespenst einer solchen wider- 
willig übernommenen Verpflichtung Tag und Nacht um die 
Schläfen flattern . . . Ich bitte Sie übrigens dringendst, von 
meinem thatsächlich 'vorhabenden' Plane einer h e 1 1 e n i- 

sch.mid, der «eine Philosophieblindheit wie einen besondern Vorzug zur 
^eluiu trug. 

1 »Das ist doch einmal ein Fund, ein wirkliches Stück alten Lebens, 
das Keeht von Uortyn* [Kü. 12 VII *.}.] 

• Das kann man gelegentlich noch jetzt feststellen, wenn man (wie 
einst der Verf.) die Tübinger Universitätsbibliothek benutzt. Zahlreiche 
Nachtrage dieser Art in seinen Handexemplaren werden aus dieser Zeit 
stammen. Bezeichnend ist es, dass Ü. Mti.i.KR in der ersten Auflage 
des Romans äusserst selten herangezogen ist. Wüix'KER sehr häutig (vgl. 
z. B. die Zusätze zu S. 62" in der 2. Auflage u. Ae.). 



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Anfänge der 'Psyche'. 



sehen Kulturgeschichte Niemandem ein Sterbens- 
wort zu sagen: mir ist es, als ob durch solches Vorauswissen 
der lieben Nachbarn meine Kraft gehindert, das zu erwar- 
tende Kind wie beschrieen wäre, so dass es nun nicht mehr 
wachsen könntet \ Dass Burckhardt gerade damals an ver- 
wandten Aufgaben arbeitete, muss Rohde gewusst haben ; aber 
er wusste auch, dass Burckhardt nicht eine Kulturgeschichte 
in seinem Sinn schreiben würde, sondern etwas wie Essays 
über den Geist des Alterthums 2 , die den Philologen 'aga- 
ciren' würden, ohne ihm doch eigentlich ins Gehege zu kommen. 
Aber unter der Hand hörte er durch Ribbeck einen andern 
Namen, der ihn eher stutzig machen konnte. Im Frühjahr 
1885 schreibt er dein Freunde: »Nunmehr denke ich mich in 
eine ausbündige Arbeitsfuria hineinzusteigern und so den Rest 
der Ferien vernünftig zu benutzen. Es geht mir wunderlich : 
seit ich Ihnen von meinem culturhistorischen Plan gesprochen 
habe und Sie alsbald mir einen unerwünschten Concurrenten 
nannten 3 , ist mir die Lust zur Vorbereitung und Disponierung 
dieser Arbeit wie abgestorben. Wozu sich plagen, wo Einem 
täglich ein Anderer zuvorkommen kann ? Einstweilen will ich mich 
. . . auf die Ausarbeitung einiger abgerundeten kleineren 
Themen werfon, an der ich auch versuchen kann, wie weit 
mir die F o r m , nach meinen eignen jetzigen Ansprüchen *, 

1 Zahlreiche Briefe Robde's bestätigen es, dass er 1883 »eine Aufgabe 
fest in's Auge gefasst hatte. >Ich habe mir nun definitiv ein sehr wei- 
te« und würdiges Ziel vorgesetzt, auf das ich freilich nur im Schnecken- 
sthritt und Schlangenbiegungeu lostreiben kann« [0. 9 XII 83, ähnlich 
V. 10 X 84]. 

* Wenn dem nach Burkhardt's Tode .ans Licht getretenen, auf alle 
Fälle interessanten Werke doch wenigstens ein bezeichnenderer Titel 
gegeben wäre ! Burkhardt hätte es gewiss nicht 'Kulturgeschichte' ge- 
nannt — denn gerade die geschieht liehen Längsschnitte kommen zu kurz 
gegenüber der Schilderung des (wirklich oder vermeintlich) Zuständrichen. 

3 dieser Coneurrent sollte »in seiner Parallelarbeit bereits weit fort- 
geschritten sein- [Rü. 12 VII 85]. 

4 Rohde nahm in jener Zeit die Darstellung seiner ältern Arbeiten, 
besonders des Romans, unter die Loupe; manches genügte ihm nicht 
mehr, insbesondre meinte er (einer Bemerkung Nietzsches [23 V 76] 
entsprechend), dass er mit Adjectiven hätte sparsamer sein können. »Aber 
mir scheint , dass ich gegen Ende des Ganzen besser schreiben gelernt, 
habe. Wollen sehen, was mir seitdem zugewachsen ist an Schreibekunst« 
[V. o. D. 84/5]. 



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140 



Anfange der 'Psyche*. 



gelingen will. Und damit will ich eben in diesen Ferien beginnen. 
Also schliessen Sie mich und mein Vorhaben in Ihr tägliches 
Gebet ein!« [R. 2 IV 85]. Den Titel nennt Rohde, um sich das 
Kind nicht wieder 'beschreien' zu lassen, auch Ribbeck noch 
nicht. Aber der humoristisch-feierliche Ton in dem er spricht, 
lässt uns annehmen, dass das »kleinere Thema« ihm doch recht 
bedeutsam erschienen sein muss. Es war der, einige Jahre 
vorher in einem Vortrag behandelte 'Seelenkult und 
Unsterblichkeit s glaube der Griechen 1 . Die 
Psyche ist coneipirt nach und unter den Vorarbeiten zu einer 
allgemeinen Kulturgeschichte. Das erklärt am besten die Eigen- 
art des Buches, in dem mit dem Begriff Religionsges ch i chte 
auf dem Gebiet der Antike zum ersten Mal wirklich Ernst 
gemacht wird. 



1 In der Tübinger Dienstagsgeselltschaft hatte Rohde am 21. Februar 
1882 ȟber einige Vorstellungen der alten Hellenen in Betreff der Fort- 
dauer des Menschen nach dem Tod*« gesprochen. Uebrigens »rumi- 
iiirte« R. noch lange an den alten Themen weiter und fand gerade des- 
halb nicht die reehte Stimmung für die neue engere Aufgabe. ...Ich 
verstehe nur zu gut, wie es (freilich in ganz anderm Maass) Flaubert 
und Carlyle beim Ansetzen zur Ausführung einer Arbeit lähmen und 
quälen konnte? [0. 6 IV 85]. 



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141 



IX. 

Abschied von Tftbingeii. Leipzig. Homerstudien. 

Je länger Rohde in der stillen Neckarstadt lebte und 
lehrte, desto tiefer empfand er die Tüchtigkeit und Gesundheit 
der Umgebung, in die er hineingestellt war. Auch das Verhältnis 
zur Hörerschaft wurde enger und herzlicher; er sah gern seine 
Studenten bei zwangloser Geselligkeit in seinem Hause und 
versammelte in den achtziger Jahren „sogar eine Anzahl junger 
Philologen an regelmässigen Abenden zur Lektüre klassischer 
Schriften (z. B. zepi bei sich" Dazu gehörten der 

früh verstorbene A. Walz, ferner E. Mayser, der Verfasser 
der Grammatik der griechischen Papyri, und vor Allem W. 
Schmid, der später mit dem Lehramte Kohde's in Tübingen 
betraut wurde. Ihm gegenüber ward der Lehrer bald zum 
theilnehmenden und nicht nur bei wissenschaftlichen Fragen 
berathenden Freunde ; die Verbindung philologischer und mu- 
sikalischer Interessen Hösste Rohde auch bei ihm eine ganz 
persönliche Sympathie ein 2 . 

1 W. Schmid a. 0. S. 109. S. auch den Anh. zu S. 105. 

1 In diesem Sinne hat er siel» über seinen alten Schüler gegen Freunde, 
wie Ribbeck und Rühl geäussert. Sehr charakteristisch heilst es in einem 
Briete an Schmid [15 X 93J : »Neulich las ich Ihr Lob als Begleiter zu 
den Liedern des Hugo Wolf in der Zeitung (da ich, wohl bis an mein 
seliges Knde, das Abonnement der Tübinger Kronich hinter mir herum- 
schleppe). Und Sie Glttcksmenhch, der so etwas k a n n, Sie wollen sich 
über irgend etwa* beschweren? Aber Sie thun das auch wohl gar nicht 
mehr, als zur innern Motion nöthig ist. Daas ich nichts eigentlich kann, 
ist immer ein wesentlicher Grund meiner Selbst geringschüt/.ung (auf der 
zuletzt alles NichtgliWksgefühl beruht) gewesen; Sie sind ja darin viel 
besser daran. * Man sieht , wie hoch Rohde jedes Stück Künstlerthum 
eingeschätzt hat. — So hat er in seinen Schülern stets vor Allem die 
Menschen gesucht und gepflegt; iu dem Absorbiren der jugendlichen Per- 



142 Ruf nach Leipzig. 

In dieser Lage fiel Rohde, als ihm 1882 eine Professur 
in Prag angeboten wurde, nach kurzem Schwanken die Ent- 
scheidung nicht schwer 1 . Aber wie Jahr um Jahr verstrich 
und die Kinder heranwuchsen, wurden doch wieder andere 
Stimmen in ihm laut. Das Verschwäbeln der Äeltesten will 
ihm nicht gefallen ; der Elementarunterricht und die sonstigen 
»Bildungsanstalten« sind nicht nach seinem Herzen. Auch 
sich selbst wünscht er in ein grösseres und freieres Leben. 
Sehnsüchtig blickt er bei Gelegenheit nach München 2 . »Also 
Bursian's Nachfolger bei Cotta zu werden, habe ich gar keine 
Lust ; sein Nachfolger in M ü n c h e n — der wäre ich wer 
weiss wie gerne ! München ist fast die einzige Universitätsstadt, 
in der ich wirklich gern wäre und bliebe. Aber ... an mich 
wird schwerlich irgend Jemand denken, ich kenne keine Seele!« 
[R. 15 X 82]. 

Da entschloss sich die Leipziger Facultät nach dem Tode 
von Georg Curtius (der zwar Mitdirector des philologischen 
Seminars gewesen war, aber als Lehrer und Gelehrter doch 
ausschliesslich der Sprachwissenschaft gedient hatte), einen aus- 
gesprochenen Philologen und Litterarhistoriker zu berufen. 
Die Wahl fiel auf Ron DE. Bei der ersten vertraulichen Mit- 
theilung war Rohde Feuer und Flamme s . Vor seinen Augen 
mochte das alte Leipzig der siebenziger .Fahre stelin, mit seinen 
nach Hunderten zählenden Philologenschaaren, seinem behag- 

sönliehkeit durch die 'Wissenschaft' sah er eine Urfahr. *Iin U eitrigen 
gedenken ISio alle drei Ihrer Jugend, die nur einmal blüht, nicht nur 
in ihrer Kraft und Frische, sondern auch in ihrem Leichtmuth und sogar 
in ihrer Schwennuth (wen'* so trifft), denn auch die enthält da noch ein 
Element der Lebenswiirze , [Sehni. o. 1). SO]. 

1 >Ich habe wirklich eine Zeitlang ernstlieh an Prag gedacht, aber 
schliesslich mich doch gerne halten la-sen, eben darum auch, weil mir 
das Bleiben so leicht wurde, den angebotenen Fackelzug und Commers 
der Studenten abgelehnt« [R. 1 VIII S-'). 

»Ks wiire zu niederträchtig, wenn ich hier .... zuletzt mit dem 
Beethovensehen Trauermarsch und allem Brimborium einer akademischen 
*Lcieh' (deren Herrlichkeit Kinem gleich in dem ersten Schriftstück, das 
man beim Einzug bekommt, ausführlichst bekannt gemacht wird) — unter 
meinem Fenster vorbei . . . geschafft werden sollte- [R.]. Im Uebrigen 
vgl. oben S. 1J3 f. Seine Vorliebe für iMünchen hat er auch in Heidel- 
berg nicht verleugnet i Schill). 

* Genau, wie die Briefe an Ribbeck, klingen die an andre Freunde, 
z. B. an Riihl 12 VII 




Verhandlungen. 



143 



liehen, die Vorzüge der Grossstadt und Kleinstadt verbinden- 
dem Zuschnitt und einem Theater- und Musiklehen, dessen 
in den Tühinger Brieten oft dankbar gedacht wird 1 . Dazu 
die Aussicht, mit alten Freunden, wie Ribbeck, zusammen- 
zuleben, und auch Nietzsche, der sich damals nach Naum- 
burg und Leipzig gewandt hatte *, wieder naher zu rücken — 
man begreift, dass Rohde -der Entscheidung mit Ungeduld 
entgegensah, zumal durch Indiscretionen von anderer Seite 
die Angelegenheit vorzeitig an die grosse Glocke gekommen 
war 3 . Bei den Unterhandlungen ging er dann aber sehr 
gründlich zu Werk und fand in seinem Freunde und dessen 
seit alter Zeit ihm innig vertrauter Gattin unermüdliche Helfer 
und Berather 4 . Das Ministerium kam Rohde's Wünschen in 
jedem Sinne entgegen ; die Ernennung zum Mitglied der Prü- 
fungscommission (auf die er im Gegensatz zu früheren Stim- 
mungen jetzt doch Gewicht legte) war von vornherein in Aus- 
sicht genommen. So war das Geschäftliche wirklich »in vier- 
zehn Tagen« abgewickelt. Aber Manches und Bedeutsames, 
wie die Abgrenzung der eignen Provinz gegenüber den Fach- 

1 »Das» ich kommen würde und mit tausend Freuden, das können 
Sie für verbrieft annehmen! Norddeutsehland, just Sachsen, endlieh 
einmal wieder eine wissenschaftliche Stellung — wie sollte mich das 
Alles nicht gewaltsam ziehn. Und dazu dann Ihre Freundschaft, die 
mir einen Anhalt geben würde, wie ich ihn mir selbst zu schaffen so 
schlecht verstehe und doch so sehr entbehre. Dass wir nebeneinander 
recht wohl bestehn können, meine ich auch. Litteraturgesehichte würde 
ich allerdings ungern fahren lassen. . . Mit den Autoren stimmt es ja. 
und Homer würde ich sogar mit besonderm Vergnügen wieder lesen (wie 
schon einmal in Kiel): hier habe ich ihn nur nicht gehabt, weil Herzog 
darauf Ansprüche macht. Sonst könnt ich mir noch mancherlei kleinere 
Sachen zulegen . . . /. B. griechische R e 1 i g i o n s g e s c h i c h t e : über 
dieses Thema habe ich vielerlei vorbereitet. 

1 Nietzsche freut sich ebenso des Gedankens, „dass dies Jahr uns 
zusammenbringen muss- [23 II s(>]; auch er fand in Leipzig nicht, was 
er sich versprochen hatte. 

3 -Nichts ist mir fataler, als nun das Gerede, ehe die Geschichte zu 
Ende ist. Denn noch kann ja aus Allen» — Nichts werden und ich sitze 
dann wieder "in *n Pisspott', wie der Fischer im Märchen, zum Gaudium 
aller Neider. Aber hoffen darf ich nun noch, und will es- [R. 21 XI *">]. 

4 »Geht die Verhandlung nun einen günstigen Gang, so soll es an 
mir nicht liegen, dass nicht in 14 Tagen spätestens Alles in Ordnung 
und ich Lipsiensis designatus bin. Alle Hagel! scheene wär'sch! Al-o 
-perianio!' [R 27 XI 8"»]. 



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144 



Reise nach Leipzig. 



collegen. blieb unklar und sollte in mündlicher Verhandlung 
nachtraglich ins Gleiche gebracht werden. Ganz geheuer war es 
Kohde dabei nicht zu Muthe ; der nach der Entscheidung ge- 
schriebene erste Brief klingt gedämpft genug [R. 13 XII 85] : 
Also fertig wäre es nun, lieber Freund, ich komme zu Ostern 
und dann möge nur das Geschick Alles günstig gestalten. 
Dass ich jetzt noch, nach vollbrachtem Entschluss, eine ge- 
wisse Bänglichkeit vor der Zukunft spüre, auch nun erst recht 
merke, wie ich doch mit tieferen Wurzeln, als ich dachte, mit 
dem Boden dieses Dorfidylls verwachsen bin, werden Sie be- 
greifen. Ich habe eigentlich sehr günstige Zeiten hier gehabt, 
viel Anhänglichkeiten bei den Studenten, Gunst und Freund- 
lichkeit heim Ministerium [Gessler] ; Vieles, was mir dieses 
halbe Landleben lieb machte und gerade mein e m Naturell 
entsprach, werde ich nirgend wiedertinden. Aber icli hoffe, 
dass diese leise Wehmuth bei dem Abscheiden aus diesem 
Stillleben auch sanft verwehen wird : bis ans Lebensende wäre 
mir diese Existenz doch nur dann befriedigend gewesen — 
dann allerdings völlig! — . wenn ich hier daheim wäre; aber 
heimisch wird eben ein 'Fremder' nie und niemals unter diesem 
seltsamen Volk. Nun also ayad^ Tu/jg in den breiteren Strom 
hinein! Es wäre eine Art Feigheit gewesen, wenn ich nicht 
schliesslich mich doch für Leipzig entschieden hätte*. 

Kurz vor Weihnachten fuhr Kohde auf ein paar Tage 
nach Leipzig. Eine Wohnung wurde bald gefunden, bequem 
und wenigstens nach einer Seite frei gelegen, aber mitten im 
Buchhändlerviertel. Feher die Arbeitsteilung kam man noch 
nicht ins Keine. > Meine Rückreise ist ohne Fährlichkeit ver- 
laufen, das Fest glücklich gefeiert ; ich fang«? wieder an zu ar- 
beiten, vielleicht für längere Zeit zum letzten Mal recht für 
mich und nicht für Colleg und Gott weiss was für Dinge 
sonst. Die freie und reine Luft unsres Dorfes, das heute 
im hellsten Frosttagsglanze strahlt (wie man ihn in Leipzig 
nicht einmal im Traum zu sehn bekommt) athme ich ordent- 
lich mit Andacht und Wehmuth ein; überhaupt wird nur oft 
fast bange, wenn ich an Leipzig denke: wer weiss wie mir's 
da glückt? Bisher war mir ein akademischer stnujijk f»r life 
erspart, da hier gar nicht «e-sfruf/ ; /rlt wird, sondern jeder ge- 



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Abschiedskommers. Rohde's Ansprache. 



145 



mächlich seine Heerde weidet und seine Schalmei oder seinen 
Dudelsack bläst« [R. 28 XII 85]. 

Tübingen, vor Allem seine Hörerschaft, that »nur zu 
viel«, um ihm den Abschied schwer zu machen. Bei einem 
Konmicrs, den die Stiftsverbindungen und andre Körperschaften 
am 20. Februar veranstalteten, „loderte die Liebe und Ver- 
ehrung für ihn mächtig empor* 1 . Rohde dankte in einer freien 
Ansprache, von der wenigstens die Umrisse festgehalten wurden. 
>Eine wirkliche Werthschätzung der antiken Cultur« — führte 
er etwa aus — »ist die Grundlage der philologischen Studien, wie 
wir sie betreiben. Damit braucht durchaus nicht eine Unterschät- 
zung der Kultur unsrer Zeit verbunden zu sein. Beide Welten 
ergänzen sich. Die moderne Kultur ist mehr auf Abwehr 
alles Schädlichen, Störenden, alles Ungemachs gerichtet in 
ihrer Erfindsamkeit. Die antike — d. h. die griechische — 
Kultur in ihrer Blüthezeit war positiver und productiver: 
ihre Hervorbringungen dienen nicht der Abwehr des Stören- 
den, überhaupt nicht sowohl dem Nutzen, als der freien Hin- 
stellung des S c h ö neu in der Kunst; sie bieten eine p o- 
s i t i v e Bereicherung menschlichen Geistesbesitzes, und zwar 
für alle Zeiten. Aber auch dem Alterthum kam eine 
Zeit, wo der völlig gereifte Geist sich an den ererbten Vor- 
stellungen auf sittlichem Gebiet, an dem, die Welterschei- 
nungen nur eindringlicher wiederholenden, nicht erklärenden 
Bilderreichthum der (plastischen und poetischen) Kunst nicht 
mehr genügen liess, sondern seinen Lebenshalt suchte in der 
eigentlichen Erkenntnis der Dinge, in der Wissenschaft. 
Und da sind es abermals die Griechen , welche die Ur- 
väter aller Geistes- und Naturwissenschaften wurden. Nur 
ist dabei, im Gegensatz zur Entwicklung der Kunst, ein 
eigentümlicher Mangel nicht zu verkennen: bei vielen genialen 
Anfängen oft keine rechte Fortsetzung der Arbeit; nach schwer 



1 Bericht in der schwäbischen Chronik v. 24. Februar 1886, s. W. 
Schinid 8. 100. I0ö. «Sonnabend war grosser Absehiedscommers für mich, 
in dem die Anhänglichkeit und Dankbarkeit der hiesigen Studenten, auf 
deren besondre Art ich doch *o wenig eingehn konnte, einen wahrhaft 
rührenden Ausdruck fand. Noch bin ich ganz von Weihrauch umstän- 
kert, aber es war doch auch viel ächte Stimmung dabei« [K. 23 H 86]. 
CruHitm, K. Kohdv 10 



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14G 



Ansprache. Antike und moderne Kultur. 



errungenen grossen Einsichten später keine rechte Wirkung, 
keine radicalc Ausrottung älterer Verkehrtheit und Unwissen- 
heit : kurz, keine gesicherte Continuität und Stufen- 
folge der Forschung, kein rechtes Durchdringen des Lehens 
mit der Wissenschaft. Dies liegt in tausend Beispielen am 
Tage, auf den Gebieten der Naturbeschreibung, Geographie, 
Astronomie, auch der Ypau.|iaT , .XT|. Und der Grund dieses 
Mangels?« — hier wendet sich Rohde der besondern Situation 
zu — *Es fehlt an einer Einrichtung gleich den Univer- 
sitäten unsrer deutschen Art 1 . Man hatte Akademien 
(in Alexandria u. s. w.) , aber ohne obligate Lehrer der 
Wissenschaft: man hatte in den Philosophenvereinen in Athen 
auch eine gewisse Stätigkeit der Ueberlieferung fler Wis- 
senschaft, aber nur in engem Kreise und bald ohne frische 
Weiterbildung der Lehre, ohne rastlos neue Forschung. Eine 
organische V e r b i n d u n g v o n F o r s c h u n g u n d 
Ii ehre, wie sie unsre Universität bietet, fehlt. Daher ver- 
mag die Forschung nicht, durch die Lehre immer neuer Ge- 
nerationen von .Jünglingen, ins Leben hinauszudringen, ver- 
mag die Wissenschaft nicht befruchtend in die Praxis hinüber- 
zuwirken. Dazu kommt noch ein eigcnthümlieher Trieb des 
griechischen Geistes : das Einzelne, in seiner Besonderheit 
gerade Lebendige, umzubilden und abzurunden zu überin- 
dividuellen Typen, d. h. zu Idealgestalten: einmal gefunden, 

' Es könnte scheinen, als ob Rohde hier seiner Aufgabe als Fest- 
redner Concessionen machte. Aber ähnliehe Betrachtungen über die Be- 
rechtigung und Bedeutung der Universität i aher auch über ihre mögliche 
Entbehrlichkeit und Ersetzbarkeit bei einer wirklichen Volkskultur) finden 
sieh (leider in ganz skizzenhafter, vielfach kaum verständlicher Form) 
schon auf einem .leneiiser Zettel aus den siel.enziger .lahn n. und 1879 
hielt Rohde einen Vortrag »über Universitäten im alten Griechenland«. 
Rohde ist damals in seinen einsamen Gedanken nicht minder kühne Wege 
gegangen, wie Nietzsche in den Vorträgen über die Zukunft unserer Bil- 
dungsanstalten. Wenn Rohde den hohen Werth einer Verbindung 
der Forschung mit der Lehre so nachdrücklich betont, bekämpft er ent- 
gegengesetzte Anschauungen, deren Wirkung er gerade in der Tübinger 
Miftsluft zu verspüren meinte und die kurz vorher (!>.** 1) von Lagamdk 
in einem Kohde gewiss bekannten Aufsätze der Deutschen Schriften (.S. 

tl.. vgl. oben S. f»s) geradezu auf die m harte Formel: "entweder 
Uehre, oder Forschung* gebracht waren. Lagarde's Reformplan für den 
rniversitätsunterricht sieht aus wie eine vrbe>-eite Stiftsordnung. 



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Ansprache. Forschung und Lehre. 



147 



blieben solche Typen beharrlich, geringer Entwicklung fähig. 
Dieser Trieb wirkt sichtbar in griechischer Kunst und Poesie, 
und erzeugt dort den hohen Idealismus, den festen, individuelle 
Schrullen fernhaltenden Stil. Aber der gleiche Trieb nach 
Absehliessung und Abrundung rief in der Wissenschaft viel 
zu früh eine Systematik hervor, die aller lerneren Ent- 
wicklung hemmend in den Weg trat : so in den philosophi- 
schen Secten, so auch in den ärztlichen, naturwissenschaft- 
lichen, grammatischen Schulen. Ganz anders die m o d e r n e 
Wissenschaft ! Sie strebt unaufhörlich nach immer ferneren 
Zielen : jedes Systematisiren gilt ihr nur als etwas provisori- 
sches, vorläufiges ; sie kennt keine Ruhe und Selbstzufrieden- 
heit im endgilt igen Abschluss. Und dieses niemals müde 
Weiterforschen übt denn auf den Universitäten auch seinen 
heilsamen Eintiuss auf die Lehre, die sich mit und durch 
die Forschung selbst ewig erneuert, verjüngt und frisch erhält, 
und so auch dem Leben stets frische Bewegung zuführt. Dies 
ist der Geist unsrer d e u t s c h e n Hochschulen und ihr sitt- 
licher Kern zugleich; hier erfüllt sich das Wort: 'wer immer 
strebend sich bemüht, den können wir erlösen' — nicht zwar 
vom Philisterium, wohl aber vom Philisterthum. Kein De- 
kret von oben hat diesen Geist den deutschen Universitäten 
gegeben : sie selbst haben ihn aus sich erzeugt, und Niemand 
wird ihn ihnen rauben können. * Rohde schioss dann mit dem 
Ausdruck des Wunsches , dass in diesem Geiste auch die 
Württembergische Hochschule »hlühn und gedeihn und immer 
noch schöner sich entwickeln möge« *. 

Es ist so ziemlich die einzige P r o g r a m m rede, die 
Rohde in seinem Leben gehalten hat ; es bedurfte einer wirk- 
lich gehobenen Stimmung, um solche Gedanken, die sich in 
seinen Vorlesungen kaum einmal von fern zeigten, ans Licht 
empor zu locken. Er muss doch die Empfindung gehabt haben, 
dass er im Kreise seiner schwäbischen Hörer, wie unter guten 



1 Nach «lfm angeführten Bericht und einer von Rohde nachträglich 
aus dem Gedächtnis hingeworfenen Skizze, die er Constantin Ritter auf 
dessen Wunsch zur Verfügung stellte; zur Deutung und Ergänzung tragen 
auch die ^S. Ho 1 ! erwähnten Aufzeichnungen über UiriversitiUswcsen Ei- 
niges bei. 

10* 



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148 



Abschied. Uebersiedelung. 



Freunden, seinen tiefsten Ueberzeugungen Ausdruck geben 
durfte, ohne die Gefahr, missverstanden zu werden. In dem 
scharfen Betonen des Weiter forschens, der selbständigen 
Arbeit, formulirt er, wie in einem wissenschaftlichen Te- 
stament, nochmals eine Forderung, die er gerade in dieser 
Umgebung nicht so hatte durchsetzen können, wie er gewünscht 
hätte. Darüber hinaus zeigte er auch hier, wie man die, gegen 
alle Historie und Kritik standhaltende Ueberzeugung von der 
besondern Stellung der Antike mit einem offnen Sinn für die 
Eigenart unsrer Zeit verbinden kann. 

* * 
* 

Nach diesen Höhepunkten gab es, gerade in den letzten 
Wochen, doch mancherlei Verdriessliehkciten. Zumal ver- 
stimmten Kohde Quertreibereien bei den Vorverhandlungen 
wegen seines Nachfolgers, denen er als Berather beiwohnte; 
auch auf den s neuen Cultusminister« ist er wenig gut zu spre- 
chen. Dazu trug er schwer an der Würde und Bürde des 
Dekanats und hatte nun noch »von tausend kleinlichen Ge- 
schäften die Neige zu leeren«. So war es ihm eine Erlösung, 
als »der halbe Zustand« endlich vorbei war. Mit den besten 
Hoffnungen, aber doch mit einem leisen Misstrauen, das durch 
alle sanguinischen Selbstbeschwiehtigungen hindurchklingt, trat 
er in den neuen Lebenskreis, in dem er »seine Laufbahn zu 
beschliessen* gedachte. 

Die ersten Monate brachten eine volle Ernüchterung. 
Zwar, unter den ihm nahe tretenden Collegen gab es Manche, 
von deren Umgang er sich Gewinn und Genuss versprach. 
Er rühmt Fr. Zarncke's »Lebendigkeit und Frische« 1 ; mit 
A. Springer, seinem Nachbar, der damals schon ganz ans 
Haus gefesselt war, schienen sich wirklich persönliche Bezie- 
hungen anzuspinnen. Aber »der Lärm, Russ- und Braun- 
kohlendunst«, in den er sich versetzt sali, reizte seine an die 

* Im gleichen Sinne hat sich Kohde bei Zunicke'« vorzeitigem Tode 
ausgesprochen. »Dass Zunicke todt ist, ist wahrhaft schade! Kr war... 
eine für Leipzig unentbehrliche Person, mit seiner Lebhaftigkeit und 
gänzlich Leipzigei isch gewordenen Lebcnsstinnuung (Hü. 8 XI 91J. 



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Enttäuschung. 



14H 



Ruhe und Höhenluft des schwäbischen Städtchens gewohnten 
Nerven. Die Zahl der Hörer blieb weit hinter seinen Er- 
wartungen zurück; sie nahm gerade damals in Leipzig ver- 
hältnismässig noch viel rapider ab, als in Tübingen, wo Stift 
und Convikt einen festen Stamm hergeben. Auch durch die 
Leistungen und den ganzen -Stil des Durchschnittsstudenten, 
den er im Hörsaal oder bei seinen l'ebungen vor sich sah, 
fühlte er sich enttäuscht; viel ausgeprägter, als bei dem welt- 
fremdesten Stiftler, glaubte er hier (was ihm »alle Stimmung 
verdarb«) die Incarnation der Philisterhaftigkeit zu linden. 
So wollte sich zwischen ihm und dem Auditorium kein rechtes 
Verhältnis bilden und man erzählt sich, dass er, bei gelegent- 
lichen Aeusserungen seiner Davidsbündlerstimmung, auf offne 
Opposition gestossen sei. Aber das Alles hätte sich verwin- 
den und ausgleichen lassen. Schlimmer war es, dass Rohde 
seiner ganzen Art und Richtung nach nicht geeignet war, 
den altem Fachgenossen, gewissermassen als dritte, beglei- 
tende und gebundene Stimme, sich anzuschmiegen. Curtius 
hatte auf philologische Stoffe im engern Sinne fast ganz ver- 
zichtet ; die Collegen waren beati possidentes der anziehend- 
sten und lohnendsten Gebiete, und Rohde blieb zunächst, 
ausser dem von Curtius übernommenen Homer, nur >das von 
allen Seiten angenagte Gebiet der griechischen Literaturge- 
schichte«. Ein derartiges -Dasein als Lückenbüsser* zu führen, 
lag nicht in seinem Plan. Immer wieder wurde mit dem Freunde 
verhandelt, mündlich und schriftlich : für diesen Cirkel wollte 
sich die Quadratur nicht tirnlen lassen. So sah sich Rohde 
doch in jenen akademischen stnuffffc nf Ufr hineingetrieben, der 
ihm so zuwider war. Die Bilanz, die er in dieser Stimmung 
zieht, ergiebt einen völligen Rankerott ». 

1 'Ich sehe in «'ine wahre Wüste von Trostlosigkeit hinein, wenn ich 
an mein zukünftigen Vegetiien in dieser Stadt . . . denke, aber was hilft 
es! Die Studenten mögen ja brav sein: im Colleg sehn sie mir so ent- 
setzlich philiströs entgegen, das» ich . . . am liebsten ganz schwiege. 
Gerade wo ich wirklich ( Jutes und Originelle« sage, gafft mich das Volk 
am blödesten an... Kür Ihre guten Worte danke ich von Herzen; wenn 
es noch irgend eine erträgliche Vorstellung für meine Leipziger Existenz 
in mir giel»t — so ist, es diese, dass wir Beide una nicht dauernd iniss- 
verstehn können. Möchten wir denn zusammen noch manche freundliche 
Stunde haben!- [K. 4 VI SßJ. 




150 



Ruf nach Heidelberg. Wiedersehn mit Nietzsche. 



In dieser Missstimmung kam ihm wie eine Erlösung der 
Gedanke, nach dem Süden zurüekzugehn , zwar nicht nach 
>N T eckartübingen* (was er am liebsten gethan hätte) \ aber doch 
nach der andern Hochschule am Neckar, nach Heidelberg. Man 
wünschte dort umgehend eine vorgängige Annahme oder Ab- 
lehnung < [R. 4 VI 86], während Rohde nun, bei aller Geneigt- 
heit, «ein Zelt wieder abzubrechen, doch die Gefahr einer 
erneuten Uebereilung zu fürchten begann. Ribbec k, der durch 
diese neue Wendung der Dinge aufs peinlichste überrascht 
war, that inzwischen, amtlich und persönlich, was sich irgend 
thun Hess*. Aber Rohde ging seinen eignen Weg; er zog A. 
Springer ins Vertrauen und suchte auch bei seinem damals 
in Leipzig weilenden Jugendgenossen guten Rath. Es war das 
letzte Mal, dass er mit Nietzsche von Angesicht zu Angesicht 
verkehrt hat. Nietzsche rieth ihm, zu gehn : auch ihm brachte 
der Aufenthalt in Leipzig (selbst das Wiedersehn mit dem 
Freunde) eine bittre Enttäuschung. Rohde fand Nietzsche zu- 
nächst > weit weniger gespannt und überspannt in seiner Stim- 
mung, als früher- [O. 27 VI 86]. Aber etwas Trennendes stand 
zwischen ihnen; »eine unbeschreibliche Atmosphäre der Fremd- 
heit, etwas mir damals völlig Unheimliches, umgab ihn. Es 
war etwas in ihm, was ich sonst nicht kannte, und vieles nicht 
mehr was sonst ihn auszeichnete. Als käme er aus einem 
Lande, wo sonst Niemand wohnt . . .< Aehnlich hat Nietz- 
sche empfunden, der sich schwer genug in diese Welt prak- 



1 Kr hat darf in /ahlreichen Briefen aib dieser Zeit offen ausgesprochen, 
s. z. B. unten S. 154'. 

- Die sachlichen Bedenken schienen Ribbeck immer wieder nieht 
schwer genug, und er vennuthete entgegenwirkende äussere Einflüsse. 
Der letzte Brief Rohde's in dieser Angelegenheit mag im Auszug auch 
hier als Schlusswort eingerückt werden. »Ich will Sie doch über den 
'auswärtigen' Kinfluss beruhigen, der mich zu meinem Kntschluss mit be- 
wogen haben soll. Was man Ihnen darüber gesagt und gar geschrie- 
ben haben mag. ist mir unerfindlich: wenn man nicht etwa gedacht hat 
an — Nietzsche, der mir. wie ich Ihnen erzählt habe, allerdings 
zugeredet hat, aber — da seine < tesichtsnunkte ganz andre als meine 
waren -, nichts /.n dem endgiltigen Kntschluss beigetragen. . . Dass 
meine Briefe vom Herbst v. .1. andre Stimmung zeigen, als ich jetzt habe, 
Leipzig gegenüber, glaube ich gern. Man fühlt aiub-rs. so lange man 
in einer Illusion befangen ist, und wenn man sie als solche erkannt hat . 





Annahme des Rufes. 



151 



tischer Rücksichten und Bedenken hineingefunden haben mag. 
AVenn die beiden Freunde sich damals noch nicht bewusst 
wurden, dass nun wirklich ^eine Kluft zwischen ihnen be- 
festigt war , so trug die Schuld daran die Thatsache, dass 
das Gespräch sich im Gegensatz zu alten Zeiten überhaupt 
nicht in die Tiefe wenden wollte. Schon der quälende Druck 
seiner engen und unklaren Verhältnisse < und der Sorge um 
die nächste Zukunft Hess bei Rohde keine freie Stimmung auf- 
kommen. 

Endlich, nach heftigem Hin- und Herschwanken < , griff 
Rohde zu. Ich gehe- — schreibt er an Ribbeck — » schon 
zum Winter . . . Ich vertraue darauf, dass die Zeit nicht 
mehr fern ist, wo Sie mir zugeben, dass ich kaum anders 
wählen konnte, dass eine befriedigende Thätigkeit mir hier 
nicht erreichbar war und dass ich ohne eine solche hier 
nicht existiren konnte . . . Leicht ist mir, weiss Gott, der 
Entschluss nicht geworden , am meisten , wenn ich an Sie 
und ihre Frau dachte; nun ist er gefasst und thut mir nur 
noch in Gedanken an Sie beide selber wehe. Lassen Sie mich 
an der Hoffnung festhalten, dass diese Angelegenheit . . . 
keine dauernde Verstimmung zwischen uns bringen werde; ich 
hoffe immer Eines in Leipzig doch zurückzulassen , woran 
ich in Heidelberg oft mit Wehmuth zurück denken werde: 
Ihrer Beider freundschaftliche Gesinnung < [R. 8G] 

Rohde hatte später wohl gelegentlich noch Anwandlungen 
eines Zweifels, ob er Recht gethan habe, auf jenen weitem 
Wirkungskreis zu verzichten, zumal auch V olkelt bald in 
Leipzig heimisch wurde a . Aber der Entschluss war sein 
Segen. Seine schwer gefährdete Lebenskraft hätte sich in 
Leipzig noch schneller verzehrt, und Stimmung und Müsse zu 
einer Arbeit aus dem Vollen, wie sie ihm sein neuer Wohn- 
sitz bald darbot, hätte er dort nicht so leicht gefunden. Immer- 

' Das schien ihm damals das Ein/ige, was er zu bedauern habe, 
»dass wir Ribbeck und Waehsniuth verlieren* [0. 27 VI 86]. 

2 In Heidelberger Briefen meint er, A. Sl'BlXOKR »keinen Dank schul- 
dig« zu sein dafür, dass er vtm ihm in den Entschluss nach Heidelberg 
zu gehn, hineingetrieben sei , oder er nennt es eine Thorheit, »dass er 
sich hierher verheuert- habe, statt in dem »alten guten Leipzig bessere 
Tage abzuwarten [V. MO XII 94 u. ö.] 



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152 



Arbeiten. Homercolleg. 



hin raffte er sich in diesem schweren Sommer soweit auf, 
dass er den Vorlesungen Uber Homer (die früher nur der 
Eingang zur Literaturgeschichte gewesen waren) eine völlig 
neue, in die Einzelanalyse ganz anders eingreifende Fas- 
sung gab ; seine in der Stille fortwachsenden religionsgeschicht- 
lichen Untersuchungen forderten die Arbeit und wurden durch 
sie gefördert. Nicht wenig Gutes und Originelles niuss 
er zuerst in seinem Leipziger Hörsaal ausgesprochen haben, 
wo sich gelegentlich unter dem Studentenvolk das aristokra- 
tische Denkerantlitz Nietzsches zeigte. Manche Abschnitte 
aus dem ersten Theil der Psyche und der sie ergänzenden 
Aufsatze sind damals im Keim entstanden. Zu der Art, wie sein 
Vorgänger Curtius die Homerischen Fragen behandelt hatte, 
stand Rohde in scharfem Widerspruch, in der Methode, wie 
in den Ergebnissen; auf welcher Seite der Fortschritt und 
die Wahrheit zu finden sei, darüber herrscht heute kaum ein 
Zweifel mehr. 

Veröffentlicht wurde in dem Leipziger Semester Nichts. 
Denn der streitbare Aufsatz über die asianische Rhetorik und 
die zweite Sophistik (Rhein. Mus. 1886 = Kl. Sehr. II 75) ist 
noch in Tübingen geschrieben und corrigiert. 



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153 



X. 

Heidelberg. Die Vollendung der Psyche. 

(1886-1893). 

Sobald die Vorlesungen geschlossen waren, Höh Rohde 

aus dem Dunstkreis Leipzig», um sich den Nachgeschmack 

seiner letzten Erfahrungen mit reineren neuen Eindrücken von 

der Zunge zu spülen. Wieder war es Ba y reuth, wo er 

fand, was er suchte 1 . Im September kehrte er in bester Laune 

nach Leipzig zurück ; seine Briefe erzählen von den -wirklich 

lieblichen Wochen , die er damals in grossem Leichtsinne 

mit seiner Frau und einer jungen Tübinger Freundin von ihr 

verlebt habe. Die Glanzpunkte waren gemeinsame Fahrten 

nach Dresden und nach Weimar, wo ihm vor Allem das neu 

erschlossene Goethe-Haus »lieb und aufklärend« war und seine 

Gedanken nur noch enger an den rnvergleichlichen kettete *. 

Auch in Heidelberg »schenkte der Dämon noch eine Anzahl 

schöner Herbsttage zu allerlei Wanderungen 3 . >So war der 

Einstand, wie man in Württemberg sagt, ein fröhlicher und boni 

ominis, hoffe ich. Will man sich ganz ruhig und gelassen 

von dem Strom treiben lassen, so ist, scheint es, Heidelberg 

der beste Ort : nur trifft man sich eben docli immer wieder 

auf wechselnden Meinungen : bald scheint es Einem so gut 

1 'Ich sehwebe hier noch in einer halben Existenz herum, das Se- 
mester ist au», meine Familie verreist, ieh selbst gehe morgen auch fort, 
zunächst nach Bayreuth. . . Der schnelle Wechsel greift natürlich an. 
Möbel und Geinüth ; vielleicht wäre es besser gewesen, es hätte sich nicht 
solch ein Ausweg aus allerlei . . . Bedenklichkeiten dargeboten, und ich 
wäre gezwungen gewesen, hier auszuhalten. Nun aber wird auch 
der neuerwiihlte Zustand seine bedeutenden Vorzüge haben« [Sihm. 4 
VIII 861. 

9 Rohde ist in diesen Jahre!» Mitglied «Ich Goethevereins geworden. 
Die Tübinger Freundin war eine Tochter Chr. Sigwurt's. später Gattin 
des Botanikers G. Klebs. 

3 0. 20 XII 86. 



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154 



Collegiale Verhältnisse Erkrankung 1*87. 



und recht . . ., andre Male denkt man doch, dass . . eine här- 
tere Arbeit eigentlich dem Menschen und Mann geziemtet 
[O. 20 XII 86]. 

In einem Regen- und Schlammwinter, ( wo Heidelberg 
aussieht, wie wenn eine Dame mit Seidenschuhen im Schnee 
herumpatschte«), kamen zwar wieder rebellische Stimmungen, 
aber er hatte doch die Empfindung, »dass sich das Alles bald 
in's Gleiche und Gleichmüthige gesetzt haben werde« 1 . Die 
Hauptsache war, dass er in den nächsten Collegen »charmante 
Leute« fand; dazu erwies sich »der ganze Ton als frei und 
harmlos« ; nur die Tübinger Einfachheit im Lebenszuschnitt 
vermisse er. Die einst von Ribbeck mitbegründete philologi- 
sche Gesellschaft »wurde neu errichtet, mit acht Mitgliedern 
[darunter vor Allem Schöll und Zangemeister], und mau 
vertrug sich darin sehr gut- J . Als Höhepunkt blieb den Theil- 
nehmern der Sommer 1887 in Erinnerung, wo Rohde die Füh- 
rung hatte. Er sprach über seinen alten Liebling Pindar 3 ; 
einmal, an einem Damenabend um Weihnachten, hielt er einen 
anmuthigen Vortrag über die Daphnesage. 

Dieser willkommenen neuen Beziehungen wurde Rohde 
freilich nicht recht froh. Noch Ostern 1887 hatte er mit 
stillem Behagen bei den Baseler Freunden zugebracht 4 . Aber 
in den Sommermonaten setzte sein Leiden mit erhöhter Wucht 

1 Vgl. Rü. 18 XI 86. 0. 20 XII 86. R. 15 III 87. .Andern gelingt 
offenbar leichter, was mir fiberall sehr sauer wird und langsam gelingt, 
mich einzugewöhnen, d. h. zuletzt doch immer, mich im erforderlichen 
Umfang zu resigniren ; in Neckartubingen war ich endlich soweit ge- 
kommen — da muss ich Thor aufbrechen und Alles aufgeben! — Ich 
hotte aber, t'ör mich und nieine Frau und Kinder, stark auf das Früh- 
jahr und damit auf das eigentliche Heidelberg. Noch ist hier tiefer 
Winter, es schneit und schneit ununterbrochen, nicht der geringste Knos- 
penansatz zeigt sich, und so will auch unser (Kärtchen, dem sich das 
Haus nach der Rückseite hin anlehnt, noch nichts bedeuten« [R. 15 III 87], 

- >Sehiit/.enswcrth ist namentlich Zangenieisters unermüdliche Nai- 
vetitt und Unternehmungslust [R. 15 III 87]. 

:l Im (iegen<iitz zu seinen beiden Lehrern Ribbeck und Ritsehl (s. 
Ribbeck, Brief 178 8. 275) hat Rohde seit seinen Studentenjahren sich 
/.u »dem reichen Dichterh. rzeu< des spröden Aristokraten hingezogen 
gefühlt. Einen Niederschlag seiner Heidelberger Studien bietet die Psyche 
II 209-222. 

* Ich habe die angenehmste Erinnerung an ihr gelindes Leben in 
einer der anmuthigsteii Ecken von Bast i |0. 2 VII *7|. 



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Conflict mit Nietzsche. 



155 



ein 1 und quälte ihn so, dass ihn »seihst kurzes Sitzen und 
Schreiben stark angriff'«. Doch blieb er seiner Kräfte Herr 
genug, uui den Amtspflichten und in der Hauptsache auch 
den gesellschaftlichen Anforderungen nachzukommen. Wenige 
mögen geahnt haben, wie schwer er schon damals an seinem 
Leiden zu tragen hatte. 

In diese trüben Monate fällt nun eine briefliche Ausein- 
andersetzung mit dem Jugendfreunde, die zu einer endgiltigen 
Entfremdung führte*. Der Anlass ist geringfügig genug: in 
der Hauptsache eine scharfe AeusserungRohde's über H. Taine, 
deren Wortlaut nicht mehr festzustellen ist, da Rohde den 
betreffenden Brief später vernichtet hat 3 . Aber man kann sich 
wohl denken, wie Kohde seine Abneigung gegen Taine, in der 
erregbaren und vielfach verdüsterten Stimmung jener Tage, 

1 »Ohne ZweifVl habe ich diesen Zustand 'nervöser Dyspepsie', wie 
die Aer/.te ihn nichtssagend henennen. den tiefen Aufregungen den letzten 
Sommers und den Erschütterungen zu verdanken, die meine ganze Em- 
ptindungswelt bei der gewaltsamen Umsiedlung erlitt. ... Was mir am 
unangenehmsten bei diesen (Quälereien war, war dieses, dass ich an einer 
gehörigen Forderung einer grösseren Arbeit, die ich endlich abstossen 
möchte [die 'Psyche'], verhindert war; solches Hinauszerren macht die 
ödeste Stimmung« [K. 2 VIII 87]. 

'• Die Aktenstücke in dieser Sache sind, so weit sie erhalten sind, 
vollständig vorgelegt von Frau K. Fohstkh- Nietzsche in der 'Deutschen 
Revue' August 1901 'Friedrich N. und Hippolyte Taine*. Ihre Darstellung 
mag überhaupt zur Ergänzung und Controlle der hier gegebenen dienen; 
sie wird im Folgenden wiederholt wörtlich citirt. 

3 "Wer Kohde's Cogitaia und Briefe kennt , den wird es nicht über- 
raschen, dass ihm Taine (so viele Züge er als Kulturhistoriker mit dem 
auch in der philosophie de Vart dankbar benutzten Jakob Burckhardt ge- 
mein hat) als Philosoph und Aesthetiker unsympathisch gewesen ist. In 
der philosophie de Vart mag ihm die kühle Verständigkeit, jener schon 
in Jugendaufzeichnungen heftig angegriffne ^Intellektualismus«, anstössig 
gewesen sein, der die Tiefe der Probleme ermessen zu haben meint, wenn 
sein Senkblei zu Finde ist. Ebenso durchweg die Tendenz, die grossen 
Menschen »zu construiren« . als Product von Hasse und Milieu auszu- 
rechnen, und das von Kohde immer so hoch geschätzte lneß'abile der 
Persönlichkeit dabei möglichst gering anzuschlagen. Worauf sich der 
Ausdruck »inhaltlos«, den Kohde gebraucht haben muss, bezog, bleibt 
unklar; vermuthlich auf gewisse geschichtlich-philosophische Construe- 
tionen. die ihm durch den daneben herlaufenden Kultus der petits faits 
wohl gelegentlich mehr maskirt. als begründet erschienen; geradein «lern 
den Freunden am besten bekannten Buche, der philosophie de l'art, giebt 
es solche Abschnitte. In seinem zweiten Brief muss Kohde übrigens sein 
l rtheil einigcrmnsseu limitirt und zugleich begründet haben. 



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156 



Streit über Taine. Formelle Versöhnung. 



auf eine paradoxe, mit Bewusstsein übertriebene Formel 
brachte, die nur cum grano salis verstanden einige Berechti- 
gung hatte: er war gewohnt, dass seine Freunde dies Köm- 
chen Salz besassen und opferten ». Freilich, Nietzsche gegen- 
über hatte er seit einem Jahrzehnt in einem ganz andern Stil 
geschrieben und gesprochen. So nahm ihn Nietzsche beim 
AVort und ertheilte ihm eine Lection, wie einem Schulbuben, 
in Ausdrücken von wahrhaft massiver Deutlichkeit : wenn die 
Beleidigung, mit der Nietzsche schliesst, auch nur hypothetisch 
ausgesprochen und im nächsten Satz zurückgenommen wird 
-- dass sie Rohde traf, wie ein Peitschenhieb, lässt sich be- 
greifen 2 . Rohde gewann es über sich, unmittelbar nach dem 
Eintieften der Antwort „sich über den Ton seines Briefes zu 
entschuldigen u ; es lebte kein zweiter Mensch, dem gegenüber 
er sich zu einem solchen Schritt entschlossen hätte. Nun lenkte 
auch Nietzsche ein, in einem herzlichen Briefe, der vor Allem 
zeigt, dass seine Verstimmung keineswegs durch eine theore- 
tische Meinungsverschiedenheit hervorgerufen war (als Denker 
war Taine damals auch ihm schon wiede'r fern genug gerückt), 
sondern dass sie tiefer wurzelte in einer ganz persönlichen 
Empfindung. AVeil Taine auf Zusendungen Nietzsche'* ver- 
bindlich geantwortet, weil er ihm ^ein herzhaftes und theilneh- 
mendes Wort über seine Schriften gesagt hatte 44 , fühlte sich 
ihm Nietzsche innerlichst verpflichtet und empfand das harte 
AVort Rohde's wie die Kränkung eines Freundes. Hinter 
diesem Persönlichen versteckt sich dann freilich noch ein Aller- 
persönlichstes: der Vorwurf nämlich, dass Rohde ein solches 



1 Ich könnte, uns brieflichen und mündliehen Aeusserungen Rohde's, 
eine stattliche Sammlung von epigrammatischen Urtheilen zusammenstellen, 
die zweifellos Caricaturen sind. aber, indem sie übertreiben, doch zugleich 
das Charakteristische der Persönlichkeiten herausholen; sie treten dann 
oft zu andern Urtheilen in einen scheinbaren Gegensatz, treffen aber bei 
längerem Hinsehn doch schliesslich mit ihnen zusammen. Im Verkehr 
musste man liohdc's Worte gelegentlich in der Art der alten Komödie 
interpretiren. während man bei seinen Schriften nur ganz ausnahmsweise 
in diese Lage kommt. 

2 Nietzsche schreibt: .Aber ich glaub.», wenn ich nur diese eine 
Aeusserung von Dir wü*>te. ich würde Dich auf Grund des damit ausge- 
drückten Mangels an Instinkt und Takt verachten, (ilücklicherweise bist 
Du mir anderweitig ein b e w i e s e n e r Mensch." 



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Innere Entfremdung. 



157 



-,theilnehmendes und herzhaftes Wort 4 * damals nicht gefunden 
hatte *. Und wirklich mag sich Rohde (was Nietzsche in- 
stinktiv gefühlt haben wird) mit jenem Angriff auf Taine zu- 
gleich indirekt gegen die starke und vielleicht einseitige Werth- 
schätzung der Franzosen überhaupt gewandt haben, wie sie in 
Nietzsche' s letzten Schriften bemerkbar ist. 

Im November 1887 übersandte Nietzsche dem Freunde 
dann seine letzte, frisch von der Presse kommende Schrift, 'Zur 
Genealogie der Moral', begleitet von einem Briefe, der in 
seltsamer Weise versöhnliche Worte mit den alten Klagen 
und Anklagen vereinigt 2 . „Ein kühler, förmlicher Dank 
Rohdes auf einer Karte 4 * blieb die einzige Antwort. 

Man würde fehlgehn, wenn man daraus auf einen Mangel 
an Verständnis und Theilnahme bei Rohde schlicssen wollte; 
im Gegentheil, er hatte gerade von diesem Buch und von 
seinem Vorgänger einen tiefen, aber bei aller Zustimmung im 
Einzelnen, einen im Ganzen »nicht sympathischen« Eindruck. 
Es ist gewiss begreiflich, dass er nach jenen letzten Briefen 
von solcher Gesinnung den Freund kein Abbild sehn liess 3 . 

Das Buch hat manche charakteristischen Züge, die„Rohde's 
species" durchaus verwandt waren. Zwar spannen die beiden 
letzten Schriften das Thema des 'Menschlichen, Allzunienseh- 

1 Nietzsche schreibt : .Magst du, wenn es Dir gefallt, von mir selber 
naeh Herzenslust uiul Gewohnheit Unsinn reden: du« liegt in der natura 
rerum, ich habe mich nie darüber beklagt, noch es je anders erwartet. . .* 
Wer das Verhältnis und den Briefwechsel der Freunde überblickt, wird 
heute sagen müssen, dass diese Worte von einer krankhaften Ueberreizung 
dictirt sind. Kohde lag damals eine solche Voraussetzung noch völlig fem. 

" ,Es scheint mir. dass ich noch etwas von diesem Frühjahr her bei 
Dir gut zu machen habe? . . . Nein, lass Dich nicht zu leicht von mir 
entfremden! In meinem Alter und in meiner Vereinsamung verliere ich 
wenigstens die paar Menschen nicht gern mehr, zu denen ich einmal 
Vertrauen gehabt habe. Dein N.* Dann in einer Nachschrift: „Leber 
Mr. Taine bitte ich dich zur Besinnung zu kommen. Solche grobe .Sachen, 
wie du über ihn sagst und denkst, agaciren mich. Dergleichen vergebe 
ich dem Prinzen Napoleon; nicht meinem Freunde Rohde. Wer diese 
Art von strengen ... Geistern missversteht..., von dem glaube ich nicht 
leicht, dass er etwas von meiner eignen Aufgabe versteht* usw. 

3 Beiläufig: auch in den Briefen Jakob Burckhardt's (*. B. in dem 
bei E. Förster- N. II S. mitgetheilteu) macht sich eine grosse Zurück- 
haltung gegenüber den prinzipiellen Fragen geltend, die N. anrührte. 
Das ganze Verhältnis bedarf noch der Aufklärung. 



lös 



Nietzsche'» Genealogie der Moral. 



Hellen' weiter. Aber Nietzsche war (was Rohde nicht ver- 
kannte) Uber Ree und die Engländer entschieden hinausge- 
wachsen. Seine besten wissenschaftlichen Kräfte — sein psy- 
chologischer Tief blick und sein philologisch geschultes Wit- 
teningsvermögen in geschichtlichen Dingen — sind in den 
grundlegenden Untersuchungen ungehemmt an der Arbeit; 
seine alten Fachstudien — vor Allem die zu Theognis und 
Homer — tragen in diesem neuen Klima reiche Frucht 1 ; 
durchweg wird ein rationalistisch construirendes Zurecht- 
schieben der Probleme überwunden und ersetzt durch eine 
(im Ergebnis wohl einmal anfechtbare, aber principiell berech- 
tigte) geschichtliche Betrachtung. Das Alles hat Rohde, der 
damals selbst verwandte Wege ging, einleuchten müssen und ein- 
geleuchtet. »Nach der letzten Schrift« — schreibt er später — 
v kommt einem, bei wiederholter Lektüre, das Frühere (auch 
noch 'Wanderer und Schatten') blass und kraftlos vor . Auch 
in seiner Gesamtanlage schien Rohde »gerade das letzte Buch 
Nietzsche's das beste, am besten geordnet, logisch straffer ge- 
baut, als seine früheren«* [O. 11 I 89]. Trotzdem fühlte sich 
Rohde wiederum durch die \V e r t h u n g der ethischen Phä- 
nomene, durch die S t i in m u n g, die aus dem ganzen zu 
sprechen schien, befremdet, ja abgestossen. Er glaubte, durch 
Nietzsche »den Werth unsrer in natürlicher Entwicklung ent- 
standenen moralischen Gefühle in Frage gestellt, das Mora- 
lische zu Schein und Wahn herabgedrückt« zu sehn: und 

1 Dahin gehört vor Allem jene Entdeckung der 'Herren- und Sklaven- 
iiioral', die (wie so viele «Jedankenprägungcn Nietzsche's) dem Schicksal, 
geflügeltes Wort (also missverstanden) zu werden, nicht entgangen ist. 
'Zur Geneal.' *> = Werke VII S. 30M heisst es: „Im Worte xaxöp, wie in 
isiXiZ (der Plebejer im Gegensatz zum ixyaö-ö;). ist die Feigheit unter- 
strichen: dies triebt vielleicht einen Wink, iu welcher Richtung man die 
etymologische Herkunft des mehrfach deutbaren «Y a ^C zu suchen hat.* 
Ohne von diesem Wink zu wissen, hat mein Freund Johaxxks Bauxack 
äyx9-d£ mit poYjö-ö;, ponj&öos zusammengestellt und mit ä.-(M O-oo; (dem 
Elativ fehlt naturgemiiss der Coinparativi gedeutet; ^ctjv dyaSVif ist der 
.hurtig auf den Kampfruf herbeieilende*, der , hurtijre Kämpfer* (Studien 
II 'Jt>(i). Diese neue Stütze ersetzt die von M. Miikai. i.YIeni. de la hoc. ling. 
IX Vu) niedergerissenen. 

• Aehnlieh äusserte sich Kohde mündlich im Gespräch mit Scholl 
und Ktwo Fisch kh. Deutliche Nachwirkuni; in der 'Psyche' wie in der 
Ke< toratsrede über die Religion der Griechen, s. S. iÖOf. 197. 



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Wagner- Liszt gegen Nietzsche. 



159 



dagegen wehrte er sieh innerlich mit der ganzen Leidenschaft- 
lichkeit seines Temperamentes. Auch aus zahlreichen Aeusse- 
rungen über concreto Verhältnisse und Persönlichkeiten, wie 
sie auf beiden Seiten vorliegen, fühlt man eine gewisse Fremd- 
heit, ja Gegensätzlichkeit heraus. Vor Allem war es Nietz- 
sche'» Verhalten gegen Wagner, das Rohde »quälte und peinigte«. 
Ebenso lief der französisch gestimmte, nahezu deutsch feind- 
liche Kosmopolitismus des 'Prinzen Vogelfrei', sein ätzender 
Spott über die 1 Vaterländerei', jenem schlichten patriotischen 
Gefühl zuwider, das sich Kohde in allem Wechsel der Mei- 
nungen und Stimmungen stets unverändert erhalten hat 1 . 

Das bedeutsamste Selbstbekenntnis ist ein Brief aus der 
Zeit der Heidelberger Anfänge, in dem Rohde Wagxer-Liszt 
und den spätem Nietzsche wie zwei streitende Parteien mit 
einander confrontirt. -Neulich habe ich Wagner's und Liszt's 
Briefwechsel gelesen . . . und bin selten ... so im Innern er- 
griffen worden. Mir wenigstens vergeht allemal, wenn ich 
solche unmittelbarste Lebensäusserungen Wagner's, dieses voll- 
blütigen und lebenskräftigen Mensehen (den nur allzuheftiger 
Lebensdrang, und nicht Blutarmuth, zuweilen lebenssatt und 
trübe machte) lese — mir vergeht die Lust (vielmehr sie kommt 
gar nicht auf), über ihn zu Gericht zu sitzen ; ich lasse mich 
froh und begeistert (warum soll man das Wort und den Be- 
griff verpönen ?) tragen in dem starken und voll bewegten 
Element. Merkwürdig ist dabei der unvermuthet tiefe Gegen- 
satz zwischen Wagner und Liszt, der überall hervorbricht ; 
ein Gegensatz des Gesammttemperaments und darum nicht zu 
vermitteln, l'm so erstaunlicher die, nicht aus einem momen- 
tanen elan geborene, sondern durch lange Jahre und viele 
Irrungen auf beiden Seiten unermüdet anhaltende grossherzige 
Hülfsbereitschaft und die förmliche Opferung Liszt's für Wag- 
ner's Interessen. Liszt war offenbar stets der Meinung. 
Wagner denke gering von seinen musikalischen Leistungen 
(als Componist natürlich, nicht als Vortragender) ; dass ihn 

1 J. Volkki.t bestätigt mir aus persönlicher Erinnerung, dass ein 
Hauptgrund, der Rohde damals von N. trennte, dessen Stellung zu Deutsch- 
land gewesen sei. — Rohde seihst bezeichnet später alstirund der Ent- 
fremdung von N. kurz und treffen d *mannichfaehe Missveiständnisse und 
die Unfähigkeit, seinen letzten Evolutionen zu folgen . s. unten S. 1C9'. 



1 (>() 



Liszt gegen Nietzsche. 



dieser Verdacht nicht einen Augenblick an der unbeding- 
testen Hingabe an Wagner's Sache und Person irre macht 
— das finde ich bewundernswürdiger als irgend etwas. Und 
ich finde an dem Anblick solcher Grösse des Herzens und 
solcher reinsten Güte der Gesinnung tausendmal mehr Ver- 
gnügen, als an all dem Gerede von Stärke und Heiterkeit 
und Gewissenlosigkeit genialer Raubthiere . . ., womit Nietzsche 
in seiner neuesten Leistung uns abermals bewirthet« [V. 
28 XII 87]. Man sieht, für Rohde stehn sich Liszt und 
Nietzsche als die Träger zweier entgegengesetzter Mora- 
len kämpfend gegenüber; aber sein Herz ist nicht mehr auf 
der Seite des Jugendfreundes. .,Dies Buch'', schrieb damals 
Nietzsche, „mein Prüfstein für das, was zu mir gehört, hat 
das Glück, nur den höchstgesinnten und strengsten Geistern 
zugänglich zu sein: dem Reste fehlen die Ohren dafür." Rohde 
gehörte zu dem Reste. 

Hier ist nichts zu verhüllen und nichts zu entschuldigen. 
Es war keine doctrinäre Meinungsverschiedenheit über einen 
Philosophen oder ein philosopisches Problem, was die beiden 
Freunde trennte. Darüber wären sie schnell hinweggeschritten. 
Ganz allmählich waren sie sich fremd geworden in ihrer Lebens- 
stimmung, in den aus der eigensten Erfahrung herauswach- 
senden letzten Ueberzeugungen und Hoffnungen. Sie rufen 
sich, wie zwei einsame Wandrer, immer wieder einen Signal- 
ruf zu, und merken, dass ihre Wege sie doch weiter und weiter 
auseinander führen. Schliesslich verstehn sie sich nicht mehr. 

Es ist jene 'Tragödie der Freundschaft', von der Nietzsche 
seiner Schwester in jungen Jahren gesprochen hat, als ob er 
den Ausgang seines Verhältnisses zu Rohde voraussehe Die 
Katastrophe war thatsächlich schon eingetreten, ehe die ver- 
hängnisvollen Briefe gewechselt wurden. 

Aber ein tiefes Gefühl rein menschlicher Anhänglichkeit 
und Treue blieb in Rohde allzeit lebendig", wie es bei Nietzsche 

1 Vgl. den schönen Bericht bei K. Förster-Nietzsche Bd. II S. 242. 

- Rohde's Gattin, die den Aufsatz der Frau Förstcr-N. noch gelesen 
hat. bezeugte das in ihrem letzten, an mich gerichteten Schreiben mit 
grosser Wärme; Rohde selbst verräth es in zahlreichen Briefstellen aus 
den nächsten Jahren. Er sprach von dem Freunde und seinem Leiden 
„nicht häutig, aber nie ohne den Ausdruck tiefer Ergriffenheit* (Schöll). 



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Staatsalterthümer. Oberschulrath. 



161 



versöhnlich und rührend noch in die beginnende Umnachtung 
hineinleuchtete. 

* * 

Diesen innern Kampf hat Rohde durchgefochten, ohne 
sich mit irgend einem Menschen wirklich auszusprechen ; nur 
indirekt verrathen es manche briefliche Aeusserungen , wie 
schwer er unter der Trübung seines Verhältnisses zu dem 
Jugendfreunde damals litt 1 . Er empfand es nun doppelt als 
Gewinn, dass er wenigstens jenem akademischen stmyf/lr of 
Ufr entronnen war.« Aufathmend freute er sich des unein- 
geschränkten Spielraums in seiner Lehrthätigkeit ; denn er und 
Fr. Schöll ergänzten sich aufs schönste. Rohde verzichtete 
nur auf die Vorlesungen über römische Literaturgeschichte 
(die ihn im Grunde doch von seinen eignen Zielen wegführten) ; 
in den, für die Religionsgeschichte unentbehrlichen griechi- 
schen S t a a t s a 1 1 e r t h ü m e r n fand er einen vollen Er- 
satz, und mehr als das : die Anregung, mit Fragen und Stoffen, 
die ihn erst im reifern Mannesalter recht ergritten hatten, 
sich einlässlich zu beschäftigen. 

Dazu kamen die neuen Aufgaben, die er im badischen 
Obers c h u 1 r a t h und als ständiges Mitglied der Prüfungs- 
commission zu übernehmen veranlasst war. Er hiess sie will- 
kommen, weil sie ihn endlich einmal in die Praxis hinein- 
führten«, freute sich auch mancher neu sich anspinnenden 
persönlichen Verhältnisse ; vor Allem bekennt er , dass ihm 
G. Wexdt sehr eingeleuchtet habe und seine ganze Thä- 
tigkeit und Art für diese Badensehe Gymnasialroutine [R. 
15 III 87] Bei dem ersten Examen in Karlsruhe war 
der Eindruck doch ganz leidlich ; Rohde war eben, nach 
den Erfahrungen seiner badischen Candidaten, der 'ideale Exa- 
minator', der ohne an irgend einem Thema zu kleben auf die 

1 Jon. Voi.kklt (bei einem Besuch in Heidelberg 1888) gehört zu 
den Wenigen, denen gegenüber er aus seiner Zurückhaltung heraustrat. 
Auch F. Schöll erinnert sieh charakteristischer Aeusserungen. 

" Aehnlich an Overbeck. >Ein Theil meiner Pflichten liegt in Karls- 
ruhe. . . Ks wird mich intere* siren. die dortigen Leute (von denen Wachs- 
muth mit einer Art Begeisterung sprach) kennen zu lernen: die Anfor- 
derung, durch Examina und Inspectionsreisen dem (ivinnasialwesen näher 
zu treten, so neu sie mir ist, ist mir eigentlich erwünscht« [0. *2<J XU 86]. 

11 



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162 



Seminar. Arbeiten der Schüler. 



Art und die Studien eines .Jeden einging und ihm Gelegen- 
heit gab, zu zeigen, was er wusste und konnte. 

Im Seminar freilich seinen >ein weniger guter Jahrgang 
zu wachsen.- -Gar kein Talent« khagt Rohde; »in Württem- 
berg fehlte es daran nie, nur an der Absicht, das Talent in 
Zucht zu nehmen« [2 VIII 87]. 

Wie streng es Rohtie mit all diesen Pflichten hielt, zeigen 
seine Briefe und Berichte. Wer mit der Absicht kam, des Lehrers 
Hilfe für eine ernsthafte Arbeit in Anspruch zu nehmen, für 
den hatte Rohde auch in diesen schweren .Jahren stets Zeit 
und guten Rath. So entstand damals auf seine Anregung 
manche brauchbare Erstlingsschrift, darunter die (in Kiel ab- 
geschlossene, von Rohde ursprünglich auf ein ferner liegendes 
Ziel dirigirte) Untersuchung des Holsteiners Cornelius HöLK 
de synibolis Pythagoreis 1 und das feine Büchlein 'Griechische 
Märchen von dankbaren Thieren und Verwandtes' , dessen 
Verfasser, A. MARX, Rohde von Tübingen nach Heidelberg 
gefolgt war. 

Was Rohde >von Heidelberger Flusse vorgeredet worden 
war bestätigte sich in den ersten Semestern durchaus nicht, 
und an zusammenhängende Arbeit war wenig zu denken«, 
zumal bei der Zurückhaltung, die ihm sein Leiden auferlegte. 

So gelang es Rohde nicht, das ungethümliche Opus«, 
über das er gern in geheimnisvollen Andeutungen sich ergeht, 
»recht in Bewegung zu bringen. Zwar wurde weiter ge- 
sammelt und heruniexperimentirt, aber eine organische Glie- 
derung des Ganzen wollte sich nicht herausbilden bei dieser 
Satansniaterie, in der der causale Zusammenhang und logische 
Fortschritt von Capitel zu Oapitel eigentlich ein wesentlich 

1 AI* ich in den Neunziger Jahren einen Hörer über die symbola 
Pythagorica arbeiten lassen wollte, setzte mich Rohde von Hölk's Ab- 
sichten in Kenntnis. Ich konnte nur einen Tlieil der Arbeit Uber- 
wachen«, a brieb er später, >kann daher das Ganze auch nur sehr theil- 
weise billigen; der Vf. hat meistens seinen Eifer auf Erörterung der 
Quellenfrage verwandt, die ich ihm riet h, «ran/, kurz zu erledigen .. ., die 
Sachen, nämlich den Sinn und Ursprung der einzelnen aüußoXa, lässt er 
fast völlig unberührt, eine wirkliche kritische Sichtung und Darlegung 
der verschiedenen Schichten der s'jußoAx fehlt auch — kurz, ea giebt noch 
genug zu thun. Immerhin ist das Thema nun •angeschnitten' und wohl 
kaum noch zu einer völligen Neubearbeitung geeignet« [Cr. 10 II 95]. 



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Genesung. Reise in Oberitalien. 



163 



tictiver und beliebiger ist [R. 15 III 87] Ebensowenig fand 
Rohde Stimmung und Kraft, einige schon skizzirten Einzel- 
untersuchungen auszuführen ; nur ein paar Nachschösslinge 
älterer Arbeiten traten ans Licht. Aber diese »Massigkeit 
in jedem Sinne lohnte sich auch. Im Spätherbst 1887 konnte 
er mit bestem Erfolg »eine Erholungsreise nach Oberitalien, 
dem unerschöpflichen« unternehmen [O. 22 II, Rü. 30 VI 88], 
und in Briefen, die er um die Jahreswende schrieb, meldet 
er, dass er den bösen Feind, sein Magenleiden, bezwungen 
zu haben und nun wieder resolut aus dem Vollen zu leben 
hoffe*. Nun erst meinte er die schöne Welt, die ihn umgab, 
mit den eignen Augen zu sehn. Der Zauber der in Leipzig 
so schmerzlich vermissten süddeutschen Natur ; das Neckar- 
thal, dies Bild von unvergleichlicher Anmuthe, das ihm wie 
eine Steigerung seiner Tübinger Eindrücke erschien ; eine 
Wohnung, an einen Bergeshang gelehnt, »in fast ländlicher 
Umgebung ; dazu die greifbare Nähe des Schwarzwaldes 
und der Schweiz und *so Manches was ein ermüdetes Herz 
erquicken kann — das Alles wirkte zusammen um die letzten 
Regungen von Missgefühl zu verscheuchen. Auch seinen Tü- 
binger Freunden gestand er damals, dass er mit seinem Schick- 
sal wohl zufrieden sein könne. 

Mit dem heimlichen Wohlgefühl des (lenesenden , der 
zugleich noch ein Anrecht hat, sich zu schonen, kamen im 
Sommer 1888 lang vennisste Stimmungen geistigen Behagens 
und Geniessens und brachten die innere Stille und Wärme, 
wie sie Rohde für seine Schriftstellerarbeit nöthig hatte. Als 
neu eingefangener Goethevereinler* trieb er. wie in alten 
Zeiten, allerlei litterarische Allotria. Besonders an den »aller- 
liebsten Briefen der Frau Aja« (die damals erschienen) hatte 

1 »So wird mir eigentlich meine Arbeit nun zu einem steten Vor- 
wurf und zu einem Hemmnis im frohen Ergreifen des Moments, da sie 
mich immer an das mahnt, was ich eigentlich thun sollte. Hoffentlich 
ist das Alles nur der Zustund des Kreissenden ...» [V. 18 XII 87]. 

* Kr sei »einem Magcnschtnerz lediglich mit strengster Diät zn Leibe 
gegangen. »Ich habe doch wenigstens erlebt, dass auch Er nicht unsterb- 
lich ist (wiewohl leider zur Auferstehung nach dem Tode geneigt) und 
hin darum weniger verzweifelt wie im .Sommer* [O. 22 II 88. ahnlich 
R. 18 I 88]. 

11* 



164 



Literarisch-ästhetische Studien, (jril)parzer. 



er seine Freude: die unverwüstliche Frische und Gesundheit, 
die sie ausströmen, that ihm »förmlich physisch wohl« 1 . Alte 
liieblingsideen — über Jean Paul, die Romantiker, das Wesen 
des Tragischen — wurden wieder lebendig uud bereiteten die 
Stimmung vor, aus der seine letzte Schrift (über die Günde- 
rode) erwachsen ist. Ihr Bucht* — schrieb er damals an Vol- 
kelt — hab ich zu lesen angefangen und hoffe noch viel Be- 
lehrung und Anregung daraus zu gewinnen. Vor Allem soll 
es mich auch antreiben, GRILLPARZER selbst mir genauer be- 
kannt zu machen. Ich habe eigentlich von seinen Tragödien 
nur Ahnfrau, Sappho und des Meeres und der Liebe Wellen 
gelesen. Und dabei, muss ich gestehn, ist mir nicht wohl ge- 
worden. Die Personen nicht des Stückes, sondern die Person 
des Autors, wie sie doch auch im Drama immer durch die 
seiner Seele entstiegenen und aus ihr sich ablösenden Ge- 
stalten hindurch — dunstet, sozusagen, ist mir unangenehm 
gewesen; etwas Dumpfes und Mattes und Schläfriges geradezu 
wehte mich an und machte mir diese Atmosphäre unerquick- 
lich. So giebt es Musiker, ( Komponisten : was sie ausführen, 
ist oft schön und zart und sinnreich, aber der Grund, auf 
dein alle diese Ausführungen stehen, die Seele des Künstlers, 
bleibt Einem unsympathisch. Aber ich bin vielleicht nicht 
an Grillparzcr's glücklichste Stellen gerathen und will jeden- 
falls ihn nunmehr genauer kennen lernen. Es giebt auf der 
Welt so wenige Autoren und Bücher, die Einem wirklichen 
Zuwachs bringen, dass man ein Thor wäre, von diesen wenigen 
sich eines entgehn zu lassen . . . Jüngst habe ich wieder 
Jean Paul viel gelesen, und mit Erstaunen fast — allem 
herkömmlichen Gerede zuwider — bestätigt und sogar ver- 
tieft gefunden, was ich als ganz junger Mensch an ihm liebte 
und schätzte ; es ist gar nicht wahr, dass er einer reiferen 
und skeptischeren Erfahrung, einem erfahrenen Kunstver- 
ständnis nicht Stich hielte; man durchschaut damit wohl seine 
Kunstmittel (und Kunststücke stellenweis) deutlicher, aber die 
Wirkung des Kunstwerkes wird dadurch eher noch vertieft; 

1 In den Briefen taudien jetzt wiederholt Kedensarten der Frau Aja 
auf [z B. V. 'S, XII S7). 

2 'Cirillparzer als Dichter des Traschen', 



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Jean Paul. Das Tragische. Bayreuth. 



die tieferen Farben, der vollere Inhalt, den man aus gesam- 
melter Kunde des Lebens und des eignen Innern hinzubringt 
zu den Umrissen und Phantasiebildern der Dichtung, heben 
diese nicht auf, lassen sie nicht blass und leer erscheinen — 
umgekehrt! Und das ist die Probe auf Aechtheit der Ge- 
nialität des Dichters. Ich weiss wenige Bücher, die mich 
dauernder festhalten und so lange in mir nachtönen, wie die 
Flegeljahre; aber auch die weniger sicher entworfenen, selbst die 
unsichtbare Loge, ziehen mich magisch in ihre Welt, eine ganz 
eigne Welt des Lehens und Empfindens, und auch die Ueber- 
gefühligkeit stört mich wenig, sie läuft nur wirkungslos ab . . . 
Sie reden auch, wie meist geschieht, . . . von tragischer 'Schuld'. 
Das stört mich aber, wo ich es finde ; es beruht doch eigent- 
lich auf der Annahme, dass der Held der Tragödie, der, und 
weil er untergeht, im l" n r e c h t sei, die Mächte, die ihn zum 
Fall bringen, im Recht. Aber das trifft gar nicht zu auf die 
wirklichen Tragödien. Freilich, welche soll man so nennen? 
Ich habe wohl einmal daran gedacht, dass man die Entstehung 
des Tragischen in der Dichtung historisch ergründen 
sollte, also aus den Ursprüngen der griechischen Tragödie. 
Nicht mit Absicht und Kewusstsein natürlich, sondern, wie es 
scheint, einfach aus einem ConHikt der moderneren tieferen 
Weltanschauung und Sittlichkeit der Poeten mit den nicht 
danach angelegten alterthümlichen Stötten, die sie aus den 
Sagen einer ganz anders denkenden Vorzeit übernahmen (in 
aller Arglosigkeit), ist das 'Tragische* in die dramatisch be- 
handelte Mythe gekommen, z. B. in der Oedipussage, Orestes- 
sage etc. Genauer betrachtet müsste diese Entwicklungsgeschichte 
der Tragödie, ohne alle theoretische Vorfestsetzungen, das 
Wesen des Tragischen deutlich erkennen lassen« [V. 30 VII 88]. 

In dieser beschaulichen Stimmung versuchte Rohde in den 
Sommermonaten 1888 den Eingang seines Werkes schrift- 
stellerisch zu gestalten, kam aber über »den zweiten von ca. 
10 Abschnitten« (es sind 15 geworden) nicht hinaus; an der 
»Insel der Seligen« legte er sich vor Anker (Psyche 2 S. 104 f.). 
Die Briefe erzählen dann von der Absicht nach Bayreuth 
zu pilgern ; später zog er auf einige Wochen nach Engelberg, 
und die Freunde, die mit ihm zusammenhausten (J. VüLKELT 



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16G 



Engelberg. Politische Interessen. 



and H. VöCHTIXG') rühmen seine Mittheilsamkeit und prächtige 
Laune. In den Brieten klingt oft ein ganz jugendlicher, man 
möchte sagen studentischer Ton an Er fand wieder An- 
lass, aus seiner stillen Welt geistig hinauszutreten, und nahm 
auch an den politischen Ereignissen, die dem Tode des alten 
Kaisers folgten, den lebhaftesten Antheil, aus jener festen, 
bismarckisch-conservativen Gesinnung heraus, die wir als die 
Frucht seiner Tübinger Lehrjahre kennen gelernt haben *. 
Von seiner Schriftstellern spricht er nun in den Briefen mit 
tiefer Befriedigung; »Ich wollte Ihnen Zeit und Müsse zu 
solcher grossen Arbeit wünschen, es ist doch eigentlich das 
Beste an unsrer Art von Existenz: kleinere Arbeiten zer- 
splittern und kitzeln Einen nur, statt ernstlich wohlzuthun- 
[Rü. 30 VI 88]. 

Rohde hatte jetzt einen redlichen Frieden mit den neuen 
Verhältnissen geschlossen. Ein greifbarer Ausdruck dafür ist 
es, dass er (1888) den Plan fasste, dem Beispiel seiner Näch- 
sten zu folgen und * Grundbesitzer zu werden. »Nun steht 
mir nächstens ein Umzug und seine Freuden bevor. Ich habe 

1 So schrieb er z. B. damals an Ribbeck. er nieine sein Magenleiden 
losgeworden zu sein, »weniger durch das Verdienst verschiedener Gewäs- 
Rer, als einfach durch den 'Zahn der Zeit', der ja 'in alle Wunden seinen 
Balsam träufelt'«. Das ist jener harmlose, an den berühmten Sohn Ber- 
naus erinnernde Unsinn, an dem auch A. v. Gl.TSCHMin immer seine kind- 
liehe Freude hatte — vielleicht eine Tübinger Keminiseenz. 

1 Er äussert z. B. in sehr scharfen Ausdrücken die Meinung, die 
Kaiserin Friedrich mit ihrem Anhang von englischen und deutschen In- 

triguanten ivon Herrn von S an, durch Herrn Eugen Richter 

herunter zu dem Charlatan Mackenzie) würde, um uns Bismarck zu stür- 
zen, sich den 'Freisinnigen' verschrieben haben. >d. h. den Jesuiten, deren 
Knechte jene sind, um nur irgend etwas zu sein; und dann wäre im Na- 
men der 'Freiheit' Deutschland zersprengt und seinen Feinden wehrlos 
überliefert worden«. Er glaube nicht, dass Kaiser Friedrich bei allem 
guten Willen mehr als ein zweiter Fr. W. IV. geworden wäre. »Ein 
zweites Olmütz. das wäre vielleicht der Kitrag seiner 'freisinnigen' Poli- 
tik gewesen. Aber Sie werden verniuthlich alle diese Dinge umgekehrt 
beurtheilen. Ich bin nicht einmal Dilettant der Politik, sondern Odient; 
aber in solchen Zeiten rückt einem das Teufelszeugs zu dicht auf die 
patriotische Empfindung. Es mag übrigens gut ^ein, dass andre ge- 
rade entgegengesetzt einpHndeu. sonst wäre allerdings die Gefahr eines 
Versumpfens des guten deutschen Fhilisteriums in englischer Selbstgefäl- 
ligkeit vorhanden; nun, dav<»r bewahrt uns in ,|e»- That der Freisinn!«-. 
[Kil. 3«) VI Ss]. 



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Ankauf* in Neuenheim. Nietzsche'« Erkrankung 1889. 



167 



mir ein kleines, aber behagliches Haus, inmitten eines ganz 
netten Gartens gekauft, in Neuenheim, in einer noch nicht 
durch Prahlerei und Ungemüthlichkeit entstellten Gegend. 
Dort hoffe ich ... ein gottgefälliges Leben zu führen, im An- 
blick der Berge und in einer bemerkenswerth reinen Luft. . . . 
Wenn wir erst drüben sind und wenn dann lauter wenn's, 
die sich doch erfüllen werden — das dicke Buch endgültig 
abgeschlossen ist, so sehe ich nicht ein, was mich hindern 
könnte, mich in die axapa^'a eines alten Weisen einzuspinnen 
. . . Meine Gesundheit ist — praefiseini ! — viel besser, als 
die vorigen »Semester, namentlich ist mein Magen ganz wohl 
geordnet. Solitum sihi pudorem ühjhjsuU. sagt ja wohl Trimal- 
chio . . . Auch für die Kinder wird der Garten und die 
Luft drüben herrlich sein; nur der lange Schulweg und die 
Brücke, auf der es oft stark weht ! Im Grunde mach ich nur 
— auch für die Kinder — aus dem Winde nichts; und dabei 
ist der Gang über die Brücke, mit dem Blicke den Fluss 
hinauf und stets wechselndem Licht und Duft, ein Stück Poesie 
auf dem Wege zur Stadt und Universität, auf das ich mich 
noch extra freue [K. 13 III 89]. 

Freilich, ehe es so weit kam, hatte Rohde noch die tiefste 
seelische Erschütterung zu verwinden, die ihn, vom letzten 
Jahre abgesehn, in Heidelberg betroffen hat. 

Am 7. .lanuar 1889 erhielt Rohde von Turin aus, auf 
einem losen Blatt, »mit vollkommener sicherer Hand von Nietzsche 
geschrieben, eine kurze Anrede, unterzeichnet Dionysos«. Auch 
er gehörte zu jenem Zuge grüssender Gestalten, der im Däm- 
merlicht der nahenden Umnachtung am Geiste des Einsamen 
vorüberschwebte Der Zettel machte Rohde Angst; doch 
suchte er sich zu überreden, dass ein Scherz des Schreibers 
dahinter stecken könne. Nach wenigen Tagen war er eines 
Andern belehrt. 

Rohde bekennt in den Briefen aus jener Zeit 2 , dass ihn 

' Von Brandes u. A. sind solche Zettel, die N. offenbar im ersten 
Moment der Verwirrung geschrieben hat, bereits veröffentlicht. 

- Z. ß. Kü. 15 I b9; 0. '24 I «9. Hoffentlich ist es mir im folgenden 
gelungen, da* intime Briefmaterial , das mir vorlag, zu einer zugleich 



168 



Nietzsche'« Erkrankung 1889. 



die Katastrophe völlig überrascht habe ; er habe dergleichen 
nach seinen jüngsten Eindrücken nicht für möglich gehalten 
und sei nun durch die »grässliehe Thatsache« ganz zerstört 1 . 
> Gerade Nietzsche's letzte Aeusserungen [gemeint ist vor 
Allem das Buch 'zur Genealogie der Moral' | geben am aller- 
wenigsten die Vorstellung, dass dieser starke Verstand plötz- 
lich zerbrechen könne ; die Ueberspannung nach irgend einer 
8eite war man ja fast gewohnt an ihm. Wenn er etwa un- 
klarer geworden wäre in seinem Denken und Darstellen, wie 
z. B. Hölderlin so deutlich in seinen letzten Producten: aber 
im Gegentheil, seine letzte Schrift am besten geordnet, logisch 
strafler gebaut als seine früheren . Rückblickend meinte er 
dann freilich Spuren einer Erkrankung zwar nicht des Denkens 
wohl aber des Empfindens in den letzten Briefen und Schriften 
Nietzsche's wahrzunehmen; auch den fremden, agitatorischen 
Ton, der schliesslich gegen die bekämpften Richtungen und 
Personen, vor Allem gegen R. Wagner, angeschlagen wurde, 
rechnete er dahin 3 . Er empfand es nur um so mehr als einen 



lebendigen und diskreten Darstellung zusammenzuarbeiten. Wie da« 
oben S. 83. 86' berührte Erlebnis für manche Wunderlichkeit des jungen 
Rohde dit* Erklärung ist, so zittert diese Erschütterung in seinen letzten 
Lebensjahren fühlbar noeh lange weiter. 

1 Rü. 15 I 89: »Eine fürchterliche Nachricht, die Sie doch wohl bald 
erreichen würde, steckt mir in allen Gliedern und macht mich elend und 
krank. Mein Jugendfreund Nietzsche, mit dem ich freilich seit etwa einem 
Jahre ausser Verkehr gekommen war (in Folge inannichfacher Missver- 
ständnisse und meiner Unfähigkeit, seinen letzten Evolutionen zu folgen, 
an dem aber ein gutes Stück meiner besten Erinnerungen hing) — ist 
dem Irrenhaus in Basel übergeben worden . . .« 

■ »Es ist Alles lucid bis ans Ende; aber das führt ja zur reinen 
KannibaleniuoraU äusserte er sich 18S9 gegen W. Schinid (a. O. S. 92). 
Auch Heidelberger Freunden gegenüber hat er stets lebhaft bestritten, 
dass in den letzten Schriften Nietzsche s irgend eine Spur von Trübung 
de* Verstandes zu linden sei. 

Ä >Seiu Verhalten zu Wagner in den letzten Zeiten . . . zeigte, dass 
wirklich längst etwas krank war in ihm ; denn sicher wäre ihm in die- 
sem Falle diese Art des Kampfes unmöglich gewesen, nach seiner gan- 
zen Natur. Ach. der alte Nietzsche, wie ich ihn kannte auf der Uni- 
versität und noeh Jahre nachher!« [1\ I s9]. Vgl. auch 0. 11 1. Rü. 151. 
V. 13 III >9. Eben wegen ihres agitatorischen Tones wünschte Rohde 
damals Schriften, wie den Fall Wagner, die (Jötzendämmerung und den 
Antichrist, zurückgezogen oder zurückgehalten zu sehn. Man lese nur 
den Sehluss der |{ectorat«rede oder die stimmungsvollen Worte am Aus- 



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Wiederaufnahm«; der Arbeit. Beruhrungen mit Nietzsche. 169 



nagenden Vorwurf, dass er das nicht herausgefühlt, sondern 
den Freund »mit dem Masse und nach den Ansprüchen völ- 
liger Normalität gemessen habe. Er hätte sich, meinte er. 
durch jene »wunderlichen Aeusserungen-< nicht von Beweisen 
rein menschlicher Sympathie abschrecken lassen dürfen, zu 
denen ihn sein Her/ stets auftbrderte; schien doch selbst durch 
die wirren Worte des letzten Blattes die alte Zuneigung des 
Freundes hindurchzuklingen l . Auf mich dringt soviel ein 
an Gefühlen und Gedanken voll Wehmuth und Stimmungen 
aller Art — dass ich mich nur verhüllen kann und nichts 
mehr sagen- [Rü. 15 I 89] 2 . 

So fühlte sich Hohde auf Wochen hinaus »wie gebannt und 
gelähmt* ; immer wieder glitt seine Stimmung zurück in das 
Gefühl einer »Trauer ohne Trost und Hoffnung«. Die Ar- 
beit des Tages bot ihm kein Gegenmittel ; fern von der Strasse, 
die seine Worte zogen, gingen die innersten Gedanken ihren 
eignen Weg. 

Schliesslich waren es die ernsten, seiner eignen Stimmung 
verwandten Probleme der 'Psyche', an denen er sich auf- 
richtete und. wie in den .lünglingsjahren, hinüberführen liess 
auf ein »stilles Gebiet unpersönlicher Interessen«: das Früh- 
jahr 1889 ist der Zeitpunkt, wo die eigentliche Schriftsteller- 
arbeit an seinem Buch voll wieder einsetzt 3 . Damals sind 
vor Allem jene Darlegungen über Blutrache und Mordsühne, 
über religiöse Heiligung und Mysterienwesen geschrieben, die 
auf einen weiten t inkreis von ethischen und rechtlichen An- 
schauungen ihr intensives Licht werfen. Im Einzelnen be- 
rührt sich hier Bohde nirgends mit den Arbeiten des Freundes. 
Aber wer sich an Nietzsche' s Ausführungen über Begriffe wie 

gang der Psyche, um sich zu überzeugen, wie fern ihm jede derartige 
Polemik lag. 

1 N. erhob ihn darin, nach eintun unklaren Hinweis auf die letzte 
Debatte, schliesslich »unter die (Jötlcr«. 

* Noch im März schreibt er: Zuletzt ergritt' mich das l'nglück imune« 
Freundes N. so stark, dass ich mich fminlich krank fühlte [Ii. 1 :.? III K>. 
Hü. i»H X s<K 

» Kohde schrieb damals trübe genug an Kibberk: Muth und l VUr- 
muth, wie sie eigentlic h alle sonst zwecklose Arbeit begleiten und ver- 
ursachen sollen, haben wenig dabei mitgewirkt: ich fürchte, man wird 
das dein foetns anmerken.* 



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170 



Ueberßiedlung nach Neuenheiin. Bayreuth. 



Schuld, Vergeltung, Heiligkeit erinnert, der wird doch den 
Eindruck gewinnen , dass sie nicht ohne Einfluss auf die 
Forraulirung und Behandlung verwandter Probleme in der 
'Psyche' gewesen sind. Es gab doch auch jetzt noch Gebiete, 
wo die alte * Waftengemeinschaft« fortbestand. 

* * 
* 

In der Stille seines Neuenheimer »Gartenhauses«, in das 
er inzwischen übergesiedelt war, spann sich Rohde für den Rest 
des Jahres völlig ein in strenge Schriftstellerarbeit 1 . Auch 
die Ferien wurden geopfert, ohne dass er sich durch die ver- 
lockenden Reisepläne Ribbeck's sonderlich beunruhigt fühlte; 
zu einer griechischen Reise, meinte er resignirt, werde er so 
leicht nicht mehr kommen. Nur von einer kurzen Fahrt über 
W ii rzburg nach B a y reuth, unmittelbar nach Schluss 
des Semesters, erzählen die Briefe 2 ; gerade in diesem .Jahre 
zog es Rohde an die erinnerungsreichc Stätte, wo er sich un- 
gestört dem Kultus seiner Jugendideale hingeben konnte. 
Sonst meinte er nichts besseres thun zu können, als »einfach 
hier im Lande und auf dem Lande sitzen zu bleiben«, im 
stillen Behagen am eignen Besitz und am wachsenden Ge- 
lingen der Arbeit; gegen Ende des Jahres hatte er wirklich 
den ersten Theil des Buches abgestossen :5 . »Der Frühling 
und Sommer«, schreibt er um Weihnachten, »hat uns, in dem 
neuen, frei und freundlich gelegenen Haus mit einem ganz 
netten Garten viel angenehme Tage gebracht ; wir . . . sehen 

1 * Während Sie — 'AS-^vag c$k tux&v tSitiv, wie der Dichter Koi^Xj; 
sagt — in aller Welt herumgezogen sind, mit dem getreuen (nicht •armen') 
Konrad (der übrigen» als Inschriftcnumstürzer recht seltsame Wege geht). 
Hoffentlich haben Sie üenuss und für viele Vorgänge antiken Lebens die 
rechten Hintergrundsbilder für sieh gewonnen . . . Ich entbehre das 
immer noch, werde auch so leicht nicht dazu kommen .. .« [K. 27 XII 89], 
Ko'.yX-j; i*t Rohde"* Heidelberger Vorgänger Köchly, dessen (.irabschrift 
citirt wird; das Folgende geht auf den zu früh gestorbenen K.VUL (nicht 
Konrad) BuitKscil und seinen übereilten Aufsatz im Rhein. Mus. XLIV 
(18*9) S. 489. 

• *Ieh war im August, auf dem Wege nach Bayreuth, in Würzburg, 
und habe mich aufs Neue in die unmuthige üppige Stadt, den sanften 
Strom und den friedlichen Rlick vom 'Kuppele' verliebt. Aber Sie waren 
veneist ... [V. 20 XII 89]. 

J Die 'erste Hälfte' des Werkes wurde noch vor Weihnachten versandt. 



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Veröffentlichung iler er» ton Hälfte Ende 1889. 



171 



bei jedem Blick rundum die Anmuth und den Segen dieses 
schonen Landes. Dem Verkehr ist freilich diese ländliche 
Abgeschiedenheit nicht günstig — so lauge wenigstens die 
Heidelberger ihre alte Vorstellung, dass Neuenheim dicht am 
Ende der Welt liege, nicht aufgeben. Den beabsichtigten An- 
schlags von Neuenheim an Heidelberg hat neulich der Gemeinde- 
rath in seiner Bauernthorheit zu nichte gemacht. Wir bleiben 
ein selbständiger Staat, regiert von einigen Schustern und Kohl- 
bauern ; wir Andere haben nicht einmal Wahlrecht, sondern 
nur das Recht unbegrenzter Liturgieen für diesen Bauern- 
staat* [R. 27 XII 89]. Es ist eine echte Weihnaehtsstim- 
mung, die aus solchen Briefen — selbst aus ihren humoristi- 
schen kleinen Derbheiten — herausleuchtet. Von seinen Pflichten 
als Hausbesitzer und Metöke spricht Rohde noch öfters mit 
possirlieher Feierlichkeit — wie er denn die »Bauern-Polis<, 
in die er sich nun fester eingegliedert sah, mit offnen Augen 
zu beobachten verstand. 

* 

Rohde war in einem frischen Anlauf mit seiner Arbeit 
bis zu der Stelle vorgedrungen, wo ihm die Sphinx des Or- 
giasmus entgegen trat. Um für wiederholte Prüfung dieser 
heikelsten Fragen Zeit zu gewinnen, entschloss er sich, die 
erste Hälfte des Buches allein zu veröffentlichen und das Ar- 
beitstempo zeitweise zu massigen. 

So konnten die Ferien endlich wieder zu einem längern 
Ausspannen benutzt werden. Im März 1890 ging es über 
Basel nach Oberitalien und Rom; »bei dem meist strahlend 
schönen Frühlingswetter habe ich eine Anzahl anmuthiger 
Eindrücke theils erneuert, th»ils ganz neu gewonnen « [ü. 
10 IV 90]. Es ist der letzte gründlichere und in freier Stim- 
mung genossene Aufenthalt in dem geliebten Süden. Der 
Herbst galt der deutschen Wald- und Städteromantik; im 
Spessart, in Würzburg und in Rothenburg an der Tauber 
wurden >Septembertage von zaubrischer Schönheit« verlebt 
und die Arbeit im Stillen weitergestaltet, pront /ihtnt quitlqtw. 
Ein Aufenthalt in Berlin, der sich daran anschloss, liess keine 



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172 Ferienreisen. Leetüre. Ribbeck's Römische Dichtung. 



freundliche Erinnerung zurück — in dieser Welt fühlte er 
sich fremd [R. O. 27 X 90]. 

Mit ruhigerem Behagen, als die Jahre vorher, Hess Rohde 
inzwischen neue litterarische Erscheinungen auf sich wirken, 
vor allein »Manches, was von Westen zu uns herüberkam« ; 
gerade die Anfangskapitel des zweiten Bands tragen Spuren 
solcher, über die unmittelbare Aufgabe hinausschweifenden 
Lektüre. Auch die damals erscheinenden Schlussbände von 
Ribbecks 'Geschichte der römischen Dichtung' trafen bei 
Rohde empfänglichere Stimmung, als ihr Vorgänger. In einer 
Zeit, die Virgil, wie Cicero, geradezu wegwerfend behandelt 
und zu der kaiserlichen Litteratur kaum noch ein inneres Ver- 
hältnis hat, bewundert Rohde mit dem Freunde in Virgils 
Schöpfungen >die heitre Majestät dieses zu seiner Reife und 
Sättigung gelangten Römerthums« 1 und rindet auch die spätere 
römische Poesie »nicht nur als Nachklang griechischer Künste 
bedeutsam. Man hat bei solchen Aeusserungen Rohde's, die 
für die Elasticität und Weite seines ästhetischen Empfindens 
bezeichnend sind, gelegentlich den Eindruck, als ob er mit 
einer wahren Lust gegen den Strom schwimme. Er konnte 

1 »Die kaiserliche Litteratur ist »loch erst die eigentlich beachtens- 
werthe. Wenn .schon eine ganz künstliche Litteratur sein «oll, so auch 
eine völlig reife und freie Kunst . . . Ich habe Vieles aus dieser Dar- 
stellung oder (wie Sie es sehr geschickt eingerichtet haben) Selbstvor- 
stelluug des goldenen Zeitalters mit wahrem Vergnügen gelesen; die 
Palme gebe ich Ihrer Behandlung des Virgil, in der die "heitre Majestät' 
dieses zu seiner Reife und Sättigung und noch nicht Uebersättigung ge- 
langten Romerthums ausgezeichnet klar und anmuthend hervortritt* [R. 
'27 XII Sil]. Ott'en bar hat R. von Virgil doch eine andre Vorstellung 
gehabt, als seine neusten Kritiker. Kin paar Jahr später heisst es: »Gar 
nichts von Kranksein und Krankheitsgefühl merkt man ja an Ihrem drit- 
ten Rande . . . Endlich einmal eine wirkliche Darstellung jener doch 
vielfach feinen und nicht nur als Nachklang griechischer Kunst interes- 
santen Reihe von Poeten und bewegter Poesie. Sie müssen fast das Ge- 
fühl des Entdeckers auf jungfräulichem Boden gehallt Italien: denn was 
war wohl von dem wirkliehen Wesen dieser ganzen Cultur- und Kunst- 
ecke bisher gesagt worden, was wirklich deren Kern und Sinn berührt 
hätte ! Statins behandeln Sie mir aber doch zu gut, und Peisins zu schlecht : 
ich halte für die Reinheit und die ächte, tiefinnerliche (lehobcnheit des 
Mannes wie der ganzen römisch-kaiserlichen Stoikersippe (s ( > fatal mir, 
mit wenigen Ausnahmen, die griechischen Stoiker sindi immer Sympathie 
gehabt. Nur freilich in Verse mus-te man d.is nicht bringen wollen* 
(K. 2o X 92J. 



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Rückgang der humanistischen Studien. 



173 



es sieh erlauben 'unzeitgemäss' zu sein, denn vom modernen 
Wesen und Unwesen — innerhalb und ausserhalb der Phi- 
lologie — kannte Er genug *. Und so vorurteilsfrei und frisch 
er immer wieder allem Neuen gegenübertrat : die ganze Stim- 
mung dieses Jahrzehnts, zumal seit der Entlassung Bismarek's, 
die Proletarisirung der Bildung und des Staates, die dro- 
hende »schwarze Gefahr« und vor Allem die hereinbrechende 
»Banausokratie« auf allen Gebieten, lastete schwer auf ihm. 
Von der Arbeit des Philologen dachte Ii. bescheiden genug: 
seine Ueberzeugungcn von der erzieherischen Kraft der Antike 
und des Ideals, das Goethe vertrat, waren die alten geblieben. In 
diesem Sinne galt ihm der äussere Rückgang der humanisti- 
schen Studien als ein drohendes Zeichen 9 ; gegen das Eindrin- 
gen unangemessen vorgebildeter Elemente in die Universität 
hat er sich immer — besonders als Dekan 18J)2 — nachdrück- 
lich gewehrt. Es kamen trübe Stunden, wo ihm solche Sorgen 
die Freude an seinem Beruf, ja «das rechte Lebensgefühl • zu 
beeinträchtigen drohten 3 . Dabei waren ihm im höchsten Grade 

1 In diesem Zusammenhange sei an die ebenso unzeitgemässen Aeus- 
serungen Nietzsches über Horaz' Oden erinnert: »Bis heute habe ich an 
keinem Dichter dasselbe artistische Entzücken gehübt, das mir von An- 
fang an eine Horazische Ode gab' (Werke VIII 167). Rohde hat in Tü- 
bingen Horaz' Oden wiederholt und mit Vorliebe behandelt. 

>Aber so geht es überall in dieser jämmerlich plebejischen Welt, 
zu der uns ein feindliches Schicksal aufgespart hat. Das Alterthum wird 
nächstens nichts mehr gelten, und wir alle sind ja im Grunde schon 
zum alten Eisen geworfen, sollen es nicht erst werden. Was sollen wir 
auch in dieser Gesellschaft, in der eine Bande von seichten Schwätzern, 
wie diese Socialdemokraten, in aller Gemüthlichkeit einen Welt/.ustand 
vorbereiten können, für den der Fabrikarbeiter das Idealmass abgiebt! 
In Wahrheit ist ja der 'freisinnige' Philister von dem Standpunkt des 
Fabrikarbeiters . . . nicht mehr als einen kleineu Schritt entfernt; es 
wird ihm ganz wohl sein in dem Idealstaat der Bestialität. Man sollte 
uns pensioniren und resolut die Humaniora abschatten« [Kü. 20 VIII 91]. 
In der Behandlung, wie sie unter dem neuen Kurs in Preussen den Uni- 
versitäten gegenüber beliebt ward, erkannte Kohde denselben Geist ; seine 
brieflichen Aeusserungen (besonders an Kihbeck und Kühl) erinnern oft 
selbst im Ausdruck an die bittern Worte, die vor kurzem der Senior der 
Strassburger philosophischen Faeultüt, Ad. Michaelis, gesprochen hat. 

3 »Ich vollends komme mir vor. wie ein misslungener Patriarch, der 
am besten thäte, seine Schafe und sonstige Habe nun nächstens zu zählen 
und dann da« Zeitliche zu segnen . . . Ich besinne mich nicht gern 
darauf, aber plötzlich überfällt's Einen, dass man. nun wo man alt wird, 
eigentlich immer überflüssiger wird, retro crescit tantquam coda tituli, wo 



174 Pädagogischer Drill. Akademischer Nachwuchs. 



unbequem die damals auch in Heidelberg lebhaft betriebenen 
Versuche, den humanistischen Studien durch Hervorkehren 
eines praktisch-pädagogischen Drills an der Universität aufzu- 
helfen. Gerade darin manifestire sich der Geist, den es zu 
bekämpfen gelte : das Ergebnis könne leicht darauf hinaus- 
laufen, dass »die rniversitätsstudien auf den Standpunkt eines 
schlechten Schullehrerseminars herabgedrückt werden * 

Dem gegenüber erfreute ihn denn doch die litterarische 
Geschäftigkeit eines »hundert Gelenke regenden« akademischen 
Nachwuchses, so sehr dieser bei ihm von vornherein im Ver- 
dacht des »speculirenden Streberthums« stand; die äussere 
Lage unsrer Studien war wenigstens nicht danach angethan, 
ganz Unberufne durch Gold und Ehren anzulocken 2 . Vor 
allem aber tröstete sich Rohde der unerschöptiiehen Fülle von 
künstlerischen und litterarischen Schätzen, die gerade damals 
wie durch Schicksalsfügung zu Tage traten 3 ; war es doch, 

normaler Weise man sich ausdehnen sollte, wie jener Baum im Evan- 
gelio. Es fVhlt das rechte Lehensgefühl; man ist. wie ein Invalide auf 
einem ahgetakelten Schiffsrumpf im Hafen, wenn die andern Kerls doch 
wissen, wozu sie ihre Knochen wagen . . .« (Schm. 15 X 93). 

1 Rohde hat sieh üher diese Fragen, die für ihn als Universitäts- 
lehrer wie als Mitglied des Oberschulrath* gleich bedeutsam waren, 
wiederholt sehr lebhaft ausgesprochen (zuletzt und am klarsten gegen 
Rühl '21 XI 98) ; von der allgemeinen Einführung »pädagogischer Zwangs- 
anstalten« an der Universität erwartete er die ungünstigste Wirkung. Wir 
brauchen auf Einzelheiten um so weniger einzugehn, als jene Gefahr 
auch für Baden wohl endgilt ig beseitigt ist, nicht zum wenigsten durch 
das Vorgehn der akademisch gebildeten Lehrerschaft und ihre von echt 
wissenschaftlichem Geiste erfüllten Vorschläge zur Studien- und Prü- 
fungsordnung. 

* Am sympathischsten war Rohde neben seinem Tübinger Schüler W. 
Schmu» ( ». . ein Sehwabe guter Art. «innreich und tief« [Rü. 20 I 94]) ein auf 
verwandten Gebieten arbeitender jüngerer Gelehrter, AmjkECHT DlKTK- 
Bicn, der einmal »ein würdiger l'oncurrent-- Sehmid gegenüber genannt und 
gelegentlich (Kl. Sehr. II S. 229' i als Kenner religionsgeschichtlicher Dinge 
neben Tu. Gomtkkz gestellt wird. Auch F. ÜCMMLE« interessierte ihn, »ein 
jedenfalls gescheidter und namentlich (wie selten ist das unter unsern 
Strebern neuster Ordnung!') ein wirklich gebildeter Mann, von vielen In- 
teressen und ausgebildetem Geist und :-?inn« [Rü 29 VII 92). Im Ein- 
zelnen vennisste er freilich bei Pcmmi.kh eine »handfeste Begründung« 
seiner Behauptungen und fand vielfach ganz in der Luft stehende Hy- 
pothesengebäude. manchmal nicht uninteressant, aber durchaus auf Will- 
kiireinfällen beruhend« [Rü. 26 I 91]. 

3 Bei der IVditeia des Aristoteles sah er freilich, soweit es sich 



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Neue Funde. Theilnahme für Nietzsche. 



175 



als ob diese alten und doch so jungen Meister, gleich den 
Heroen der griechischen Legende, aus ihren Gräbern auf- 
stünden, um abermals die Entscheidungsschlacht schlagen zu 
helfen. So blieb, unter allem Auf und Nieder seiner Aeusse- 
rungen, Rohde's Grundstimmung doch ungetrübt und uner- 
schüttert : des/ mint istn, tum prnunt 1 . Nur meinte er schon 
damals, dass er die Fluthwclle, die unsre verfahrene Bildung 
wieder rlott mache, nicht mein* erleben werde s . 

* * 
* 

Wer die Briefe Rohde's aus dem Beginn der neunziger 
Jahre durchblättert, begegnet Zügen, die an die ungestümen 
Klagen und Forderungen des Kieler Dozenten erinnern \ In 
der That: in dieser Kampfstimmung hat sich Kohde mit ge- 
steigerter Innigkeit zu seinen Jugendidealen zurückgewandt. 
Und mit diesen idealen war unlöslich verbunden die Gestalt 
des Freundes, der ihnen den schärfsten Ausdruck gegeben 
hatte. >Auf der Fahrt nach Berlin fuhr ich auch an Naum- 
burg vorbei, das mit seinen Thürinen und Landhäusern wie 
eine alte, unvergessliehe Jugenderinnerung herüberwinkte. Das 
ist nun drei und zwanzig Jahre her: welch herrlicher Mensch 
und wie eine neue Offenbarung menschlichen Wesens war da- 
mals der arme Nietzsche!« [O. 27 X 00]. 

Der Ton, der hier angeschlagen wird, klingt uns nun 

um «lie litterarische und wissenschaftliche Technik des Verfasser» han- 
delte, »zu Lobpsalmen keinen Anlast, ohne da«« er sie deshalb dem Ari- 
stoteles hätte absprechen mögen [Rü. 20 VIII 91]. Dagegen schätzte er 
die Kunst des Herondas. als typisches Erzeugnis antiker Realistik, 
sehr günstig ein und freute sich bei der Leetüre manches kleinen Fundes. 
Einiges derart ist damals, durch briefliche Mittheilung, meinen Herondas- 
arbeiten zu gute gekommen. Ueber den Athenerstaat sollen, wenn es 
der Raum gestattet, einige Briefauszüge im Anhang reden. 

1 Aus dieser Stimmung heraus i.-t der schön«- Schluss der Psyche 
geschrieben (II 2 S. 404V 

* Im Beginn der neunziger Jahre mehren sich die Zeichen, aus denen 
hervorgeht, dass Rohde seinen frühen Tod geahnt hat. 

3 Eine sehr charakteristische Aeusserung oben S. 173*; selbst in den 
Ausdrücken erinnert Manches darin an Stellen aus den Cogitata oder 
aus dem S. 59 citirten .Jugendbriefe. »Ach, 1. Fr., es gab bessere Zeiten! 
Wahrhaftig, die innere Welt war unendlich reicher vor 70 und SO Jahren ; 
[Schm. '26 X 90], ganz wie in dem Briete 14X72. oben S. 47'. Vgl. auch 
die Auszüge aus der 'Afterphilologie'. Kl. Sehr. 1 S. XXV f. 



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176 



Nietzsche-Litterntur. (i. Brandes. 



immer voller aus den Briefen Rohde's entgegen. Gerade da- 
mals begannen Niet/sehe's Schriften in weitern Kreisen zu 
wirken, gleich lebhaft bewundert wie bekämpft. Kohde sprach 
nicht leicht von diesen Dingen, bei denen er sich ganz per- 
sönlich betheiligt fühlte. Aber wenn er bei den üblichen An- 
griffen auf den Schriftsteller Nietzsche den Menschen respekt- 
los behandelt oder muckerisch verdächtigt sah, konnte sein 
Zorn, wie in jungen .Jahren, mächtig auflodern 1 . Mit stiller 
Genugthuung beobachtete er, dass Nietzsche, zumal in Künstler- 
kreisen, posthume Triumphe feierte. Armer Freund! Nichts 
schlägt mehr an sein Ohr; ich darf gar nicht nach dieser 
Richtung die Gedanken lenken ; es ist eine zu schmerzliche 
Vorstellung [O. 8 XJ 91]. 

Was Rohde von der Nietzsehe-Litteratur* kennen lernte, 
forderte freilich meist seine lebhafte Opposition heraus, ob es 
nun aus dem feindlichen Lager kam, oder aus dem der Pros- 
elyten. Das Meiste machte auf ihn den Eindruck, als ob 
es »von grünen Jungen aufgeführt werde«, die ihm freilich 
immer noch viel erfreulicher schienen, als -die nicht einmal 
grünen Universitätspedanten. »Schändlich fand er die Auf- 
sätze in der Deutschen Rundschau (1892), in denen »ein Berner 
Professor* den Freund etwa als anemptindenden Dilettanten 
zu rubriciereu und philosophisch als 'Neocyniker abzuthun 
suchte — das ist wirklich, wie N. selbst irgendwo sagt, 
als ob ein kalter, plumper Frosch in irgend einen warmen 
Winkel hineinhüpft . Aber auch bei anders gestimmten Ar- 
beiten, z. B. bei den Essays von G. Brandes *, machte er 
seine Vorbehalte. »Ich habe schon Besseres, besser und 
weniger süffisant Geschriebenes von Brandes gelesen. Selt- 
sam ist es, dass er als Personalnotizen z. Th. Sachen bringt, 
die an Nietzsche's kranke Einbildungen unmittelbar vor dem 
Ausbruch des l'ebels erinnern . . . Immerhin : Nietzsche ist 
hier einmal einem Nichtpedanten in die Hände gefallen, der 
doch einen Zugang zu seinen Gedankenwegen hat, freilich 

1 „Wiederholt äusserte R. damals, wie X. geradezu reinigend auf 
«-♦■ine Umgebung gewirkt habe, wie um ihn nicht* Niedriges habe mit- 
kommen können"' (.Schöll). 

1 Rundschau 18U0. später in der Sammlung -Menschen und Werke'. 



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Lou Andreas-Salome. Zarathustra IV. 



177 



Alles nur als literarisches Experiment, nieht als etwas inner- 
lich N oth wendiges anfasst und behandelte [O. 10 IV 90]. Besser 
und tiefer empfunden schien ihm eine Artikelreihe von Lou 
Andreas-Salome 1 . Hier war » etwas ganz Andres als bei dem 
koketten Herrn Brandes« [(). 13 III 91]; es wurde doch wenig- 
stens der Versuch gemacht, die verschiedenen Phasen in der 
Schriftstellerei Nietzsche's als das Ergebnis seiner menschlichen 
Entwicklung zu begreifen 2 . Manche Einzelheit mochte Kohde 
an seine eignen Deutungsversuche jenes »Mirakels« erinnern 3 . 

Von den Schriften des Freundes hat er in diesen Jahren, 
nach dem Zeugnis der Briefe, besonders den 'Wanderer', und den 
'Zarathustra* zur Hand gehabt, ferner die 'Genealogie der Moral', 
in der er, nicht nur in formeller Hinsicht, den Höhepunkt von 
Nietzsche's psychologisch-moralistischer Schriftstellerei erkann- 
te*. Am nächsten ging ihm aber der letzte (vierte) Theil des Za- 
rathustra; er hat ihn erst 1892 ganz zufällig «, kennen gelernt 5 . 

Ein wunderliches, aber ergreifendes Buch, an dem ich überall 
den tiefsten, eignen Klang einer zum Abgrund hinabschreitenden 
grossen Seele höre. Wie X. sich so in seine Traumwelt förmlich 
familiär einlebt — ich kann das Alles nur mit wehnmthsvoller Er- 
schütterung lesen. Diese Erfahrung, den tiefsten und 
reichsten ( I e i s t , der Einem begegnet ist, im Wahnsinn 
und in die Unzugänglichkeit seiner Wahnwelt verschwunden zu 

1 In der Vossischen Zeitung, Sonntagsbeilage 1891. No. 2. 3. 4. Die 
Verfasserin war die Gattin eines alten Freundes von Kohde, a. S. 63. 

1 Ueber das Buch (Fr. N. in seinen Werken, von Lou Andreas-Sa- 
lome, Wien, Carl Konegen 1894) hat sich Rohde nicht geäussert. Man 
wird alxT bezweifeln dürfen, dass die Einschätzung Ree'« bei Lou A.-S. 
die seine war. Als einen Nietzsche ebenbürtigen ({eist hat er Ree kaum 
angesehn, vgl. oben 8. 98 f. Entschieden protestiren mu«ü man dagegen, 
wie in dem Buch (8. 189 f.) der methodische Gegensatz verschleiert wird, 
in den Niet/sehe (der doch immer Historiker und Philologe war) zu Ree 
gedrängt wurde (s. oben S. l-*»7 f.). Die Formel, mit der Frau Andreas das 
Nietzsche-Problem zu lösen sucht, ist hier doch gar zu schematisch an- 
gewandt (s. bes. 8. 196 f.). Und im Widerspruch zu ihren Aeusserungen 
(8. 193) wird man behaupten dürfen, dass N. „in der vorhergehenden 
Periode 4 keineswegs mit grösserer „philologischer Genauigkeit" Inter- 
pret irt hat, als in der Entstehungszeit der 'Genealogie'. 8. oben 8. 158. 

' Vgl. oben 8. 97 f. 

* Vgl. oben 8. lf»8. Erwähnt wird auch die 'Götzendänimerung', 
deren agitatorischer Stil Kohde aber abstiess. 

i Nietzsche hatte Rohde diesen Theil nicht mehr geschickt. 

Crmhi«, K. Köln!.-. 12 



17S 



Aufnahme des ersten Theil* der Psyche. 



wissen — das klingt immer wieder auf in Einein mit einem 
unbeschreiblich traurig machenden Todtengloekenklang. Kr 
soll ja ganz aufgegeben sein, auch von den Seinen. [O. 17 V 92]. 



So wanderten Rohde's Gedanken, während er den zweiten 
Theil seines Werkes gestaltete, oft genug hinüber zu dem 
'Abhandengekommenen' in Naumburg. Es ist von Bedeutung, 
das fest zu stellen, um eine später aufzuwerfende Frage mit 
voller Schärfe formuliren zu können. 

Die schon veröffentlichten Abschnitte über den Seelen- 
und Heroenkult übten inzwischen eine mächtige, über die 
Kreise der Zunft weit hinausreiehende Wirkung 1 . Rohde 
hatte für seine 'Psyche' etwa das Schicksal des 'Romans' er- 
wartet-; er war damals, bei der l'ngunst der Zeiten und dem 
steten Schwanken seiner Gesundheit, »auf einem starken De- 
pressionspunkt des Daseins angekommen«. Der sichtbare und 

1 Von oben herunter über einige Haupt- und Nebenpunkte dieser 
Abschnitt»' uh/.uurtln'ilen lud siel» vor Allem ein Mann erlaubt, dessen 
ganze mythologische und reügionsgeschiehtliehe Arbeit hier freilich (wie 
hcIiou früher von H. 1). Müller u. A.) gründlich ad absurdum geführt war: 
Max Müi.I.KR in den 'Beitragen zu einer wissenschaftlichen Mythologie' 
(b s 9!S). Auch an seinem frischen Grabe mus* man sagen, dass er die 
Abfertigung verdient hat. die ihm vor kurzem von YV. Stkkitiikkg (Indo- 
gerru. Anzeiger 1900 8. 07 ttVi zutheil geworden ist. In der That , der 
„annmssende Ton. in dem M. Müller von K. zu sprechen beliebt, steht 
ihm übel an einem Manne gegenüber, dessen unvergleichliche Psyche 
zum Verständnis der griechischen Religion mehr beigetragen hat, als 
alle . . . Ktymologieen Mülleis* (Streitberg a. O. S. 71). - Werthvolle 
Nachträge bieten vor Allein die förderlichen Bemerkungen WoLFGAXO 
H Kl. liIOs. ('Zu den homerischen Bestattungsgel.räuchen', Sitzungsber. d. 
k. bayi.T. Akad. l'.lOo , Hoch scheinen sie mirRohde nicht ganz gerecht 
zu werden. Was Helhig S. 2<>5 vermisst. eine Aufklärung über den Zu- 
stand der Seele zwischen dem Tode und der Verbrennung, giebt Rohde 
ausführlich genug S. '2*> f. {-'HV\. und die S. *JoH f.. in vermeintlichem t!e- 
gensatz zu Rohde. hetonten geschichtlichen Fuctoren hat gleichfalls Rohde 
selbst S. :>S u. ö. hoch genug in seine Rechnung eingestellt. 

" Das- sein 'Roman' es nicht n\ einer zweiten Auttage bringen wollte, 
hat Rohde mit Recht verwunderlich gefunden: wenn der Verlag ihm doch 
den tiedanken einer nein n Bearbcit ung ein paar Jahr vorher nahegelegt 
b;itte! L'nmittelbiir nach Rohde's Tode war der Neudruck eine Not- 
wendigkeit. 



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Arbeit am zweiten Theil der Psyche. 



179 



sehr bald auch buchhändleriseh nachweisbare Erfolg hat ihn 
überrascht und seine ganze Stimmung gehoben. Nun fühlte 
er sich doppelt verpflichtet, im Fegefeuer des Sammeins und 
l mschmelzens eines grenzenlosen Stoffes« auszuharren. Seit 
Neujahr 1891 wurde wieder das alte, kaum in den Ferien 
einmal gemässigte 'Schnellzugstempo« im Arbeiten aufge- 
nommen, und schon im Sommer muss das Ziel der letzten 
Kapitel, wenigstens in den Unirissen, sichtbar gewesen sein. 

Besonders der Sirenenaufsatz« — schrieb er damals — »hat mich 
interessirt' ; ich habe auch in meiner Psyche [II * S. 411] auf 
solche (Gespenster gelegentbch hinzublicken. I ebrigens wissen 
die Götter — und die kaum — , wann ich endlich mit diesem 
L'ngethüm fertig werde . . . 2 Die spätere Zeit und ihren neu 
hervorbrechenden Dämonismus werde ich übrigens nur sum- 
marisch darzustellen haben . . . Der Stoff ist ohnehin über- 
wältigend gross und weitläufig; ich habe Mühe, ihn einiger- 
massen zu condensiren. Mögen Ihnen die Ferien mehr Er- 
quickung bringen, als mir in meinem Soliloquium mit meiner 
Psyche bevorsteht! [Cr. ti VIII 91]. 

* * 
* 

Der Plan Rohde's brachte es mit sich, dass sich die Auf- 
gabe mehr und mehr verzweigte und erweiterte, je tiefer er 
in die geschichtlichen und klassischen Zeiten vordrang, wo 
sich aus dem dumpfen Raunen des Volksglaubens die Stimme 
des Individuums herauslöst. So erforderte hier die Sache selbst 
eine andre Anlage und Ausführung, stellenweis auch einen 
andern Stil der Darstellung: was zu Rohde's schmerzlicher 
Enttäuschung in einer angesehneu kritischen Zeitschrift ein 
jugendlicher Berichterstatter völlig verkannte \ Rohde hat 
gerade in diesen Abschnitten sein Bestes gegeben und keinen 
Strich gethan ohne das klare Bewusstsein seiner Zweekmässig- 

1 SS. Philolotrus L (1H91) 8. 9'A. 

1 »Noch sehe ich nicht von fern ein Ufer, an dem ich endlich den 
Kahn anbinden könnte und habe dabei die unangenehme Kmptindun«;, 
das« man auf die Fortsetzung lauert, wiire es auch nur, um das Buch 
endlich einbinden lassen zu können^ [H. 9 XI 91]. 

5 S. die Vorredf zur "J. Auflage S. IV. »leineint i*t hier die Recen- 
aion der zweiten Hälfte in der Deutschen Litteraturzeitung. 

1 o * 

1 M 



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180 Keligionsstifter im Altert hutn. Charakter der 'Psych«»'. 



keit und Notwendigkeit. Im Gegensatz zu der in der alten 
Religionsgeschichte eben herrschenden Mode wollte er, wie er 
brieflich einmal nachdrücklich darlegt, vor Allem den grossen 
Persönlichkeiten zu ihrem Hechte verhelfen > Diese 
Leute [die Tragiker und Philosophen] haben ja nicht nur ein 
'Verhältnis' zur Volksreligion, sie m a c he n selbst Religion : 
ihre religiösen Werke und Thaten, soweit sie die Seelenreligion 
berühren (und ich habe mich gehütet, über diese hinauszu- 
schweifen} gehören auf s innigste zu meinem Thema. Es sind 

— und ingleichen die Orphiea, die Versuche der -/.xO-aptai u. s. w. 

— Ansätze zu einer, aus der Volksreligion herauszubildenden — 
wie soll man sagen, retlectirten, systematisirten Religion, die 
aber nicht (wie in Persien, Indien, bei den .Juden etc.) zu 
einer voll ausgebildeten secundären Religionsweise (Sie 
verstehen, was ich mit diesem nicht ganz geeigneten Ausdruck 
meine) geführt hat .... Mit der Volksreligion ist es eben in 
Griechenland nicht gethan . . . Vollends Plato — erst in 
ihm offenbart sich Ziel und Sinn und Wucht des Spiritualis- 
mus vorangehender Zeiten; ich bin mir bewusst, zum ersten 
Mal seine Seelenlehre (soweit sie mich angeht: seine ganze 
Psychologie aufzurollen, ist mir nicht im Traume beigekommen) 
in ihren wahren Zusammenhang gestellt, sie gezeigt zu haben 
als Krone eines längst begonnenen Gebäudes; zugleich die 
mächtige centrale Stellung und Wirkung des platonischen 
Seelenglaubens für die Folge wenigstens abgeschattet zu haben: 
natürlich aber Hess ich den Xeoplatonismus, der für mein 
Gebiet nichts Xeues mehr bringt . . . mit zwei Seiten abge- 
than sein und Hess vollends das Christenthum . . . ausserhalb 
meiner Betrachtung |Cr. 9 IX 94] -. 

Wir müssen darauf verzichten, dem vielverschlungenen 
(lange des Werkes im Einzelnen zu folgen, so schwer es ge- 
lingen will, von seiner Eigenart und Bedeutung in einer kurzen 
Formel eine Vorstellung zu geben. Das (I rosse an dem Buche 

1 In (l**n folgenden Sätzen (an> i'iu«'in BrietV an nik'h) tixirt. K. meinen 
Standpunkt so knapp und klar, da»s >ie. auch na« h den abwehrenden 
Bemerkungen in der zweiten AuH.iur«', vollständig mitgetheilt zu werden 
verdienen. 

- Hier wurde dann der Kaden in den nächsten Jahren von jüngeren 
Händen <>.« 'viih von A. DlKTKltien i weiteru'e^ponii'-n. 



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Animismus. Orgiasmu*. Ekstase. 



LSI 



ist nicht irgend eine bestimmte Entdeckung oder ein in ein 
paar Sätze zusammenzudrängendes Gesammtergebnis. Die Er- 
kenntnis, dass hinter der homerischen Welt eine ganz anders 
gefärbte Religionsanschauung liegt , gehört nicht Rohde zu 
eigen. Man hat das schon früher geahnt und in Hauptstücken 
auch schon früher bewiesen ; insbesondre waren die ver- 
kümmerten Spuren des Seelenkultes bei Homer längst als 
Ueberlebsel aus einer uralten Blüthezeit solcher primitiven 
Religionsformen eingeschätzt und gedeutet 1 . Auch die hier 
vertretene tiefere Auffassung des Bakchischen Orgiasmus und 
der Ekstase war schon vorbereitet, nach Nietzsche vor Allem 
durch den, diesen Studien vorzeitig entfremdeten verdienstvol- 
len Verfasser des 4 Dionysos' in Roscher' s Lexikon, F. A. Voigt*. 
Aber wie uns das Fernste in Rohde's Darstellung zum Greifen 
nahe rückt, wie das Fremde und scheinbar Absurde sich unser 
Verständnis erzwingt und ein leiser Nachhall verschollener 
dunkeler Stimmungen in uns erweckt wird : das ist doch ein 
ganz Neues und I nvergleichliches, woran eine äusserst sen- 
sible Künstlernatur ebenso grossen Antheil hat, wie die uni- 
versale wissenschaftliche Methode, die dem historischen Stoff 
aus der ethnologischen Beobachtung, der empirischen Psy- 

1 IVber Niktzschk« Vorgang vgl. oben 8. 57 f. Auch von H. D. 
Mcllkr (der die seeundärc Natur der homerischen Götterwelt zuerst 
energisch betonte) hat Rohde zu lernen nicht verschmäht, so skeptisch 
er dessen inythistorischen Constructionen gegenüber stand (vgl. die Allg. 
Zeitung 1894. '24. Marz, Beilage Nr. 69) ; vor Allem in dem Besten, was Müller 
geschrieben hat, in seiner Erstlingschrift 'Ares', fand R.. abgesehn von 
der schemat ischen Behandlung des Honderproblems, brauchbare Gedanken. 
Endlich hat Rohde auch meinen schon 1881 geführten Untersuchungen 
über die Keren und verwandte Gestalten (in denen der Animismus der 
griechischen l'rzeit. seinen typischen Ausdruck empfangen hat) ausdrück- 
lich beigestimmt (s. Ersch und Gruber u. d. W. Keren [1882]. spater Ro- 
schcr's Lexikon II S. 1136, vgl. auch oben S. 179) und meine Ergebnisse 
ohne Abzug in seine Darstellung herübergenommen. Ich gestatte mir 
diese persönliche Bemerkung, da einige Fachgenossen das Verhältnis 
umgekehrt anfgefasst haben. Rohde ist daran unschuldig: er citirt sehr 
sorgfältig (Psyche V 239 f., vgl. auch Kl. Sehr. II 8. 2*J9 l ) — hier, wie 
immer. Auf die »legere Art der neusten (jrauds seifjvettrs* in solchen 
Dingen war er schlecht, zu sprechen. 

* Rohde ist einer der Wenigen, die diese » beinerkenswerthe Abhand- 
lung« nach Gebühr gewürdigt und verwerthet haben. S. 'Psyche' II* 
•S. 6-' ff. L'eber sein Verhältnis zu Nietzsche wird unten zu handeln sein. 



182 



.Schilderung de* Individuellen. 



chologie und schliesslich auch aus der persönlichsten Erfah- 
rung, frisches Blut zuzuführen versteht \ Charakteristische 
Höhepunkte sind die Abschnitte über den Orgiasmus und über 
die Visionäre und Ekstatiker im zweiten Bande, auch der 
Exkurs über die Spaltung des Bewusstseins (II 2 8. 5 ti'. 100 tf. 
413 ff.). Aber das Eigenste und Beste, wodurch sich Rohde's 
Werk über die verwandten Arbeiten hinaushebt, ist doch ge- 
rade dies: dass es uns das Einzelne, Individuelle mit allen 
Mitteln philologischer Forschung und reifster Darstellungs- 
kunst vor Augen stellt. Man lese die Charakteristiken der 
Propheten und Sühnpriester, der Tragiker, Pindars, Heraklits 
und vor Allem Platon's: aus dem Kern der Persönlichkeiten 
heraus lernen wir ihren Glauben verstehn. So stellt Kohdes 
Werk vor uns, als die erste religionsgeschichtliche Leistung 
im grossen Stil, die nicht nur das schildert, was der Archäo- 
loge und Ethnologe Religion nennt, die primitivsten Gedanken 
der sogenannten Volksreligion, sondern die auch die Wande- 
rung und Wandlung dieser Gedanken in den höheren Schichten 
«ler Gesellschaft und bei den grossen repräsentativen oder 
reformatorischen Individuen zu schildern unternimmt. 

Aber so harmonisch und festgefügt das Ganze sich auf- 
baut : problematisch bleibt hie und da der causale Zusammen- 
hang und logische Fortschritt von Capitel zu Capitel- : pro- 
blematisch bleibt zumal d e r Punkt, vor dem Rohde bei der 
Veröffentlichung halt gemacht hatte, als wollte er vor einem 
entscheidenden Schlage alle Mittel und alle Möglichkeiten noch 
einmal durchproben : die Stellung des Orgiasmus und der dio- 
nysischen Weihen in der Geschichte des Unsterblichkcits- 
glaubens. Nach Rohde's Darstellung ist hier die einzige Pforte, 
durch die ausgesprochen spiritualistische Vorstellungen in das 
seinen tiefsten Instincten nach ganz und gar dem Diesseits 

1 Beiläufig mag in diesem Zusammenhang an die Mittheilung Ro- 
scher'* (oben S. 89) erinnert werden. Bedeutsamer sind die persönlichen 
Eindrücke, die Rohde der modernen Musik verdankt. Einmal, nach jenen 
schweren Erlebnissen, an denen wir oben tS. 98) vorübergegangen sind, 
gesteht er, dass .der Dämon« oft völlig vor der grossartigen Macht der 
Wagnersehen Musik weiche: >so hat dieser Bayreuther Aufenthalt für 
mich fast die Wirkung einer Heilkur gehallt'. Aehnliehe Aeu>serungen 
auch später noch wiederholt. 




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L'nsterblichkeitsglaube und Dionysoskult. 



18:5 



zugewandte griechische Leben eingedrungen sind 1 , und zwar 
eingedrungen sind als fremde Eroberer aus dem Barbaren- 
lande Thracien ? . Rohde selbst wusste sehr wohl, dass hier 
das Gebiet des nicht ganz Beweisbaren, sondern zum Theil nur 
durch Nachdichtung und Nachempfindung zu Erreichenden c 
in seinen Ausführungen beginnt. Aber auch da — wo Dio- 
nysos hineintost — habe ich nicht einem Einfall . . ., sondern 
sogar am meisten einem langen Hin- und Herbedenken nach- 
gegeben. Es ist gar nicht wahr, dass 'Unsterblichkeit', eigent- 
lich gefasst, in den Eleusinien gelehrt wurde. Plutarch, wo 
er (Consol. ad uxor.) sagen will, worauf sich seine Unster b- 
k e i t s h o f f n u n g e n begründen, nennt bestimmt die Dio- 
nysosmysterien 3 . Das allein würde die Richtung zu weisen 
genügen. Tausend Anderes kommt dazu. Im Dionysoseult 
aber k a n n der Keim des Unsterblichkeitsglaubens gar nicht 
anderswo gesucht werden, als in der exTixa:;, in seinen Ge- 
sichten und Offenbarungen. Das war das Grobe meiner l r- 
betrachtung, und alle genauere Betrachtung und Ausführung 
bestätigt mir nur von allen Seiten die Richtigkeit meiner Auf- 
fassung. Dass zu dem 'wüsten Taumer der dionysischen Weihen 
die Speculation treten musste , um den griechischen 
l nsterblichkeitsglauben zu erzeugen . . . sage ich selbst ein 
Dutzendmal, und besonders auch, wo ich vom ( hphikerthum 
rede . . .« [Cr.]. 

In der That, dass Rohde's Annahme das gerade Gegen- 
theil eines flüchtigen 'Einfalls' war. weiss .Jeder, der Rohde's 
wissenschaftlichem W erdegang auch nur von Weitem gefolgt 
ist. Wesen und Bedeutung des Orgiasmus hatte das Freun- 
despaar schon in Leipzig beschäftigt*. Nietzsche suchte dann, 
in der 'Geburt der Tragödie', dem Räthsel mit den Formeln 
der Schopenhauerischen Philosophie beizukommen, während 

' Früher hatte er anders geurtheilt, s. Cog. vi 3 u. Ae. 

* Die folgenden Aeusserungen (aus Briefen an mich) meinte ich, bei 
der Bedeutung der Frage, im Wortlaut mittheilen zu sollen. 

9 Gemeint ist die wichtige Stelle p. 611 D: xal ur,v &iwv iXXtuv dx&j- 
815, g'{ Tuid-oucji noXXoO; XiYovrsf o>c Göisv oOSau-g t«p GiaXudivn xaxöv oOSfe 
X-jtojggv iativ , cW 6ti xwX-ki oe Jiiors-jttv ö TtixpiG« Xifot xai xi uu3-ixi 
T(T>v Tzepl töv AiGvuoov GpviaTjiwv, a ermsusv äXX^Xgic ol xotvtüvojvTe;. 

* Vgl. oben S. 1*. 57. 



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184 



Verwandte Gedanken bei Nietzsche. 



Roh de schon in Aufzeichnungen aus den ersten Dozentensemc- 
stern den psychologischen Mechanismus religiöser Erweckung und 
Erregung (oben S. (58, Cotj. 31) an der Hand modellier Schilde- 
rungen zu untersuchen beginnt . Auch mit Ribbeck, dessen Pro- 
gramm über die Anfänge des Dionysoskultes hereinspielt, wurde 
das dunkle Problem- verhandelt ; in einem Dankbriefe nach Zu- 
sendung der zweiten Hälfte der Psyche erinnert Ribbeck an 
die alten Kieler Zeiten, wo er (und mit ihm gewiss sein Hörer 
Rohde) in der 'Geschichte der Tragödie' ähnliche Wege ge- 
gangen sei. Endlich hat Rohde im Beginn der achtziger .Jahre 
die griechischen Mysterien und den Unsterblichkeitsglauben 
in akademischen Vorträgen behandelt. 

Nach derselben Richtung, wie bei Rohde, sind bei Er. 
Nietzsche jene alten Lieblingsgedanken weiter gewachsen. 
Nietzsche formulirte sie endgiltig in einem Kapitel der 'Götzen- 
dämmerung', das 1888 in Sils-Maria geschrieben ist (Werke VII I 
S. 172), folgendermassen : „Ganz anders berührt es uns, wenn 
wir den Begriff 'griechisch' prüfen, den Winkelmann und 
Goethe sich gebildet haben, und ihn unverträglich mit jenem 
Elemente finden, aus dem die dionysische Kunst wächst, — 
mit dem Orgiasmus. Ich zweifle in der That nicht daran, 
dass Goethe etwas Derartiges grundsätzlich aus den Möglich- 
keiten der griechischen »Seele ausgeschlossen hätte. Folglich 
verstand Goethe die Griechen nicht. Denn erst in den dio- 
nysischen Mysterien, in der Psychologie des dionysischen Zu- 
stand* spricht sich die G r u n d t h a t s a c h e des hellenischen 
Instinkts aus — sein 'Wille zum Leben'. W a s verbürgte 
sieh de r Hellene mit diesen M y s t e r i e n ? Das 
e w ige L e b e n , die ewige Wiederkehr des Lebens ; die Zu- 
kunft in der Vergangenheit verheisseu und geweiht ; das trium- 
phirende .Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus; das 
w a Ii r e J jeben als das Gesa m mt-Fortl e b e n durch 
die Zeugung, durch die Mysterien der Geschlechtlichkeit. 
Den Griechen war deshalb das geschlechtliehe Symbol das 
ehrwürdige Symbol an sich, der eigentliche Tiefsilm innerhalb 
der ganzen antiken Frömmigkeit . . . Dies Alles bedeutet das 
Wort Dionysos: ich kenne keine höhere Symbolik als diese grie- 
chische Symbolik, die der Dionysien. In ihr ist der tiefste 



s 



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Nietzsche und Schopenhauer. 



Instinkt des Lebens, der . . . zur Ewigkeit des Lebens, re- 
ligiös empfunden, — der Weg selbst zum Lohen, die Zeugung, 
als der heilige Weg . . . Erst das Christenthum, mit seinem 
Ressentiment gegen das Lehen auf dem Grunde, hat aus 
der (leschlechtlichkeit etwas Unreines gemacht . 

Auf den ersten Mick glaubt man, Kohde's Hypothese 
ausgesprochen zu sehn. Aber fasst man Nietzsche's Aus- 
führungen schärfer ins Auge, überzeugt man sich bald, dass 
sie auf ein andres und ferneres Ziel gerichtet sind. Nach 
Rohde's Ansieht gewann in den Dionysosorgien das Indivi- 
duum durch das Mittel der Ekstasis die l*ebcrzeugung von 
seiner (iotteskindschaft und seinem Fortleben in einer hohem 
Welt a . Nietzsche comhinirt den Orgiasmus nicht mit der 
Ekstase: er fasst eine andre Seite des Kultus, andre Sym- 
bole und Stimmungen ins Auge und sieht in diesen nun eine 
Aeusserung jenes über- (oder unter-) individuellen Lebens- 
triebes, der nicht in irgend einem Jenseits zu Haus ist, sondern 
sich manifestirt in dem Weben und Schäften der Natur, ganz 
wie der Schopenhauerische 'Wille' 3 . Kurz: bei Rohde handelt 
es sich um die p e r s ö n 1 i c h e Unsterblichkeit, bei Nietzsche 
um die Ewigkeit des Gesa m m 1 1 e b e n s. Es sind zwei 
in sich geschlossene, von einander unabhängige Vorstellungs- 
kreise, die sich nur flüchtig berühren. Aber Nietzsche's Ge- 

1 Die Sperrungen rühren nur zum Theil von N. her. 

* Vgl. Kohde oben SS. 18:5. Psyche IP S. 19 ff. 45 ff. 

3 Wirklich sagt Schopenhauer selbst, hinblickend amf verwandte Er- 
scheinungen der Antike (Die Welt als Wille und Vorstellung 1 S. 32"» 
[360]): „Ganz dieselbe Gesinnung [wie die der Inder] war es, welche 
Griechen und Römer antrieb, die kostbaren Sarkophage gerade so zu 
verzieren, wie wir hie noch sehen, mit Festen, Tanzen, Hochzeiten . . 
Bake banal ien, also mit Darstellungen des gewaltigsten Lebensdranges, 
welchen sie nicht nur in solchen Lustbarkeiten, sondern sogar in wol- 
lüstigen Gruppen . . . uns vorführen. Der Zweck war offenbar, vom 
Tode des betrauerten Individuums, mit dem grössten Nachdruck auf das 
unsterbliche Leben in der Natur hinzuweisen und dadurch, wenn gleich 
ohne abstraktes Wissen, anzudeuten, dass die ganze Natur die Erschei- 
nung und auch die Erfüllung des Willens zum Leben ist. 4 Diese .Sätze 
reichen, auch dem besondern Problem gegenüber, dicht an Nietzsches 
Lösung heran. Nietzsche hat sich zu eleu Anschauungen seines alten 
'Erzieher-' zurückgewandt, wenn er sie auch mit einer Verschiebung des 
Accentes -zum Vortrug bringt. 



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186 



Die Wiederkunft des Individuums bei Nietzeche. 



danken haben Platz neben und hinter der Hypothese Rohde's ; 
sie werden bei einem erneuten Versuch, das Dunkel der Dio- 
nvsosinvsterien aufzuhellen, ernsthaft zu prüfen sein \ Dass 
Rohde, bei seiner besondern Aufgabe, auf sie hätte eingehn 
müssen, ist in Abrede zu stellen ; er hat es mit gutem (.-»runde 
vermieden, sieh in solche Seiten- und Hintergründe seines 
Themas hineinlocken zu lassen. 

Was aus diesen letzten Aeusserungen Xietzsche's über 
griechische Religion und Kultur, wie aus seinen ersten, be- 
fremdend und bezwingend herausklingt, ist das Pathos einer 
ganz persönlichen Ergriffenheit ; mit dem Satze, dass man den 
antiken Mythus glauben müsse, um ihn zu verstehn, hat er 
in ähnlichem Sinne Emst gemacht, wie die grossen Künstler, 
in denen das Naturgefühl der Antike wieder lebendig geworden 
ist. Die Gestalten des griechischen Mythus verwuchsen ge- 
radezu mit seinem eignen Wesen, aus dem sie dann in ge- 
steigerter Form und Färbung von Neuem emanirten — ein 
psychologischer Vorgang, in dem sich das Schaffen eines an- 
tiken Propheten vor unsern Augen wiederholt'"'. Nun hat sich 
bekanntlich in Nietzsche's Speculation jener Gedanke einer 
Fortdauer des allgemeinen Lebens schliesslich doch durch eine 
überraschende Wendung mit der Wunsch Vorstellung einer Ewig- 
keit des Individuellen verbunden. Das Leben bringt in seinem 
rast- und endlosen Wechsel immer wieder dieselben, ganz be- 
sondern (Kombinationen der Elemente hervor, die das Indivi- 
duum ausmachen; es verbürgt damit auch dem Einzelnen die 
'ewige Wiederkunft'. Auch diese letzte, als ein ganz persön- 
liches Geheimnis empfundene und gehegte Lehre 3 hat Nietz- 

• Wenn F. A. Voigt (Kosthers Lexikon 1 10o_>) das Phallos-Symbol 
itu Dionysoskult nur .auf die vegetative Fruchtbarkeit* beziehn und den 
ganzen Orgiasmus als Vegetationszauber deuten will, so ist das eine 
handgreifliche Einseitigkeit, bei der es dem Verf. offenbar selbst nicht 
recht geheuer zu Muthe ist. 

'•' Männer, wie Bucklin oder Klixgkh, stehn Nietzsche's Empfinden 
näher, als die 'Mythologen'. Congenial war ihm auch hierin Rohde. das 
/.eigen die Cogitata, wie die Psyche: nur hat R. mit strenger Selbst- 
zucht, seinen Absichten entsprechend, jene Umbildung des Fremden durch 
das Eigne, des Antiken durch das Moderne zu vermeiden gesucht. 

3 geschichtlich betrachtet sind es ewige, schon in der Speculation 
der Griechen auftauchende Vorstellungen, die aber in ihrer Verbindung 



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•Dionysos' bei Nietzsche. 



187 



sehe auf den Namen Dionysos getauft; Dionysos ist ihm der 
^a:; nat^tov TtsrcEuwv des griechischen Philosophen, der nach 
Aeonen seine Züge auf dem Spielbrett der Natur wiederholen 
iiiuss 1 , Hier scheint Nietzsche noch näher an die Hypo- 
these Rohde's heranzustreifen. Aber : das Individuum lebt 
bei ihm nicht fort — in einem Jenseits, sondern es vergeht 
und kehrt wieder — im Diesseits. Also ist hier der Gegen- 
satz nicht minder fundamental, wie im ersten Fall. Und vor 
Allem: Nietzsche will hier gar nicht als Gelehrter antiken My- 
sterienglauben deuten: er schallt selbst einen neuen Glauben. Es 
ist einer der Momente, wo Nietzsche seine eignen Gedanken 
und {Stimmungen in die Antike hinüberströmen lässt, wo er 
'die Schatten im Hades' mit seinem eignen Blut belebt. Ob 
sich dem G riechen volk mit dem Namen Dionysos wirklich 
dieser Glaube verbunden hat, das war für Nietzsche eine 

mit diesem ganz, individuellen Temperamente eine neue Färbung und 
Energie gewinnen. Man hat darauf hingewiesen, das« gerade in den 
letzten Jahrzehnten verschiedene Denker selbständig auf die Idee der 
ivax-jxXrosis zurückgegriffen haben (H. Lichtenberger und K. Fürster-N., Die 
Philosophie Fr. N.'s S. 192 ff.). Bei Nietzsche wird man zunächst an An- 
regungen vonseiten der antiken Philosophie denken (s. z. B. Unz.eitgem. 
Betr. II 2= Werke I S. 298). Aber von den beiden, bei Nietzsche ein- 
ander bedingenden Gedanken — dem von der Ewigkeit des (Jesammt- 
lebens und dem von der Wiederkehr des Individuums — haben wir den 
einen, sogar in Anknüpfung an dionysische Elemente der Antike, bei 
St'HOi'KXH AUKB vorgebildet gefunden (oben .S. ltSV). In demselben Ka- 
pitel der 'Welt als Wille und Vorstellung' heisst es wenige Seiten später 
S. 334 [370]): „Ein Mensch, der . . . seinen Lebenslauf, wie er ihn bis- 
her erfahren . . von i m m er n e u e r W i e d e r k e h r wünschte, und dessen 
Lebensmuth so gross wäre, dass er, gegen die Genüsse des Lebens, alle 
Beschwerde und Pein willig und gern mit in den Kauf nähme; ein sol- 
cher stände 'mit festen markigen Knochen auf der wohlgegründeten dauern- 
den Erde' und hätte nichts zu fürchten" usw. Dem Nein seines Lehr- 
meisters hat N. auch hier ein Ja entgegengesetzt, und was bei jenem 
die spielend in die Luft geworfene .Seifenblase einer Hypothese ist, wird 
bei ihm eine die sittliche Zukunft des Menschengeschlechts tragende 
Ueberzeiigung. 

1 Vgl. E. Hokxekkkr , 'Nietzsche'« Lehre von der Ewigen Wieder- 
kunft', Leipzig, Naumann 1900. Der Liedanke tritt zuerst mit vollem 
'Schwergewicht' in »1er 'frühlichen Wissenschaft' auf, einem von Kohde 
besondern geschätzten Buche is. oben S. 115'. und Loi/ ANDRK.vs-SAl.OMf;, 
Fr. N. S. 219 ff. V. in Nietzsche'« letztem, nicht vollendeten Werke sollte 
er den Schlussstein bilden. [Während der Correctur gewinne ich, durch 
die Güte der Frau Förster-N. Einblick in die Studien und Entwürfe N.'s, 
die eben in Band XV vereinigt sind]. 




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188 



Abweichende Anschauungen bei Nietzsche. 



untergeordnete Frage 1 . Er hatte auch hier ein andres und 
ferneres Ziel im Auge, als der Verfasser der Psyche. 

Trotzdem mag es befremdend erscheinen, dass Rohde in 
den Abschnitten, worin er den Orgasmus, sein AVesen und 
seine Herkunft, darstellt, Xietzscbe's Lehren überhaupt nicht 
berücksichtigt; gekannt hat er jene I m- und Weiterbildung 
eines alten Lieblingsgedankens zweifellos. Aber er selbst 
stand nicht mehr auf dem alten Hoden. Nicht nur dass seine 
psychologische Auflassung eine andre geworden war; auch das 
historische Problem hat er — ob mit Hecht oder Unrecht — 
anders beantwortet: vor Allem schloss er den dionysischen 
Orgiastnus „von den Möglichkeiten der griechischen Seele u 
aus und liess ihn, als eine unheimliche geistige Epidemie, aus 
Barbarenländern über die (Frenze dringen. So hätte Rohde 
auf der ganzen Linie gegen den wehrlosen Freund polemi- 
siren müssen 2 . Man begreift, dass ihm auch jetzt noch »Schwei- 
gen die erträglichste Form des disscusum zu sein schien. 

Aber auch unter dieser Voraussetzung behält das ganze 
Verhalten Rohde's etwas Peinliches. Wir wissen, wie oft Cl- 
in diesen Jahren zu den Schriften des Freundes zurückge- 
griffen hat: manche Stelle seines Buches wendet sich an ihn 
wie ein stummer (iruss aus der Ferne \ Warum vermeidet 
er, auch nur den Namen Xietzscbe's zu nennen? Gewiss nicht 
aus Flauheit oder Missgunst: noch in Heidelberg hat er oft 
genug Zeugnis abgelegt für den alten Genossen. Hier steckt 
etwas ganz Persönliches. Fürchtete Rohde etwa eines jener 
Freundschaftsgeheimnisse zu verratheil, die er vor fremden 
Augen nicht profaniren mochte? In der That, das wird der 
Schlüssel für das Räthsel >ein. Wir haben oben von jenen 

' [N. hat sie bejaht: YY. XV 4x7-490. Die Blätter lassen schliess- 
lich ein»* Vision vor uns anist eigen : 'Dionysos und der Gekreuzigte', das 
rechte «lcgenhild zum l'liri-tu- 1111 Olymp]. 

* Wir werden unten iS. 2'J2A.» auf die Krage zurückkommen. Das* 
Holide hier historisch im Keehte sei. i-t keineswegs entschieden: wir wer- 
den sehn, dass er. ohne zwingenden (Jrund, die Spuren von Orgiasmus 
im alten Epos anders behandelt, als die Zeugnisse für aniinistische Vor- 
stellungen, die er als sum'ruh einschätzt. 

1 Vgl. oben £. 1öS f. Auch in der Art, wie Pythagoras und Empe- 
d.-kles als .1 ebermenschen • II* S. PX». 173 » geschildert werden, steckt 
etw.ts von Nietzsche. 



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Letzte Aeusserung Nietzsche'*. 



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letzten Manifesten Nietzsche'* gesprochen, die durch Brandes 
und Andre veröffentlicht sind. An Kohde schrieb Nietzsche 
damals als — Di o n vsos und erhol» ihn unter die Götter . 
Wie mag es Rohde zu Muthe gewesen sein, als er in den 
letzten, halbwirren Worten, die ihm der »Jugendgenosse vor 
seinem 'Untergang' zurief, den Kern seiner eignen Autfassung 
des antiken Ulisterblichkeitsglaubens erkannte ! Denn der 
Myste sollte ja durch den Herrn der Seelen Dionysos em- 
porgehoben, -vergottet- und damit erst der Unsterblichkeit 
theilhaftig werden 1 . Wenn Kohde des Freundes in diesem 
Zusammenhang gedacht hätte, wäre er fast gezwungen ge- 
wesen, der Menge einen der scheusten Winkel seines Her- 
zens zu öffnen . Das gewann er nicht über sich 2 . Und er 
that recht daran. Bei unsrer Aufgabe konnten diese Erleb- 
nisse wahrlich nicht umgangen werden: aber sie gehören 
nicht in ein wissenschaftliches Buch, von dem nicht nur alles 
Polemische, sondern alles Persönliche, soweit es den streng 
gemessenen Stil der Darstellung stören könnte, mit bewusster 
Kunst fern gehalten ist. 

* * 

* 

Kohde hatte, auf sein Erstlingsbuch zurückblickend, die 
Empfindung, dass ihm doch auch an »Schreibekunst- noch 
Einiges zugewachsen sei. In der That giebt es Abschnitte 
in der Psyche, die zu dem Vollendetsten gehören, was man 
deutsch in wissenschaftlicher Prosa lesen kann 3 . Mit dem 



1 Rohde hiit das Alles sehr schön entwickelt, aber problematisch 
bleibt die von ihm angenommene Alleinherrschaft des Dionysoskultes auf 
diesem Gebiete doch. Zur Aufhellung der Anfänge wird man noch man- 
ches Späteste herauziehu dürfen; sehr merkwürdig ist jener änaOavans- 
\it$ in einen» Zauberpapyru» (Wessely, Denkschr. der Wiener Akademie 
XXXVI 1888, 8. 50), in dem A. Diktkkicii eine Mithrasliturgie erkennt. 

- Merkwürdig ist es auf alle Fälle, wie nahe die Wege der beiden 
Freunde auch hier schliesslich zusammenliefen. Wenn Nietzsche seine Ge- 
sundheit wiedergewonnen hätte, wäre der innere Ausgleich gewiss nicht 
ausgeblieben. 

3 Man prüfe z. B. die Schilderung der homerischen Welt 1' 8. 11 IT., 
die Charakteristik der Odyssee 8. 8*2 ff., die grandiose Betrachtung über 
den Gang der griechischen Kultur 8. 111 tf. und vor Allem die Porträts 
der Dichter und Denker im zweiten Bande. 



1 



190 Stil der «Psyche*. 

'Roman' verglichen, ist der Stil zurückhaltender geworden 1 . Das 
ist ein Gewinn, und zugleich ein Verlust; man würde gern 
einmal stärker die Flamme des 'verborgnen Feuers' spüren, das 
dem Jugendwerk seine eigenartige Kraft und Wärme verleiht. 
Trotzdem ist Hohde auch jetzt noch weit davon entfernt, mit 
seiner Persönlichkeit hinter seinem Werke zu verschwinden. 
Ist die Aufgabe auch eine rein geschichtliche: wo die Saiten 
seiner Seele mitklingen, wird ein aufmerksames Ohr, etwa bei den 
Darlegungen über die alten Philosophen, leicht heraushören. 
Wirklich hat Hohde, während er sich in die religiöse Specu- 
lation des Alterthums vertiefte, von neuem versucht, in seinen 
Anschauungen, über 'Historie und Kritik' hinaus zu einem 
prinzipiellen Standpunkt vorzudringen. Auch mit verwandten 
modernen Erscheinungen setzte er sich damals auseinander. 
Aber mit speculirenden Religionsphilosophen — auch mit Lotze 
— wusste er wenig anzufangen. Eingehender las er damals 
Volkelts Buch 'Pantheismus und Individualismus', das dem 
Verfasser lebhafte Angriffe süddeutscher Zionswüchter > ein- 
getragen hatte. Ich Hude umgekehrt — schreibt R. an 
Volkelt — in Ihrem Buche zu viel 'Religion' ausgebreitet. 
Wenn einmal die Gottheit, xi ttsiov, pantheistisch verstanden 
wird (und darauf kommt es doch hinaus bei Ihnen), so ist sie, 
wenn auch nicht identisch mit mir, doch jedenfalls auch nicht 
abgetrennt von mir und mir entgegengestellt. Zu dem aber, 
was eigentlich in mir ist und lebt, kann ich wohl ein Ver- 
hältnis der Ehrfurcht haben, aber nicht eines der rtl/y/o, die 
stets ein ausser mir Bestehendes, nach meinem Gefühl wenig- 
stens. voraussetzt 2 . Ich linde aber auch gar nicht, dass die 
P h i 1 o s o p h i e die Aufgabe hat. der Religion im eigent- 
lichen Sinne zu Hülfe zu kommen. Es sind und bleiben eben 
g e t r e n n t e Gebiete [ V. 1-' HI l>'2\. Phantasie und Gefühl 
hoben Hohde, wie in alten Zeiten, oft genug in die Sphäre 
religiösen Empfindens 3 : für den Verstand kannte er sehliess- 

1 Auch Rohde hat «las gefühlt. Kr wunderte sieh ilher das .voll- 
ständige Bild des damaligen K. K.«. das ans dem Hornau herausblicke, 
meinte aber, dass er so nicht mehr schreiben könne und wolle [V.]. 

•-' Vgl. hierzu die Keetoratsrede 8. 2 4 = Kl. Sehr. II 8. 334 f. 

• : Vgl. oben 8. (>>•. 1JJ 1 . iL':} 1 und vor Allem die Cogituta 56 u. A. Hätte 



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Philosophie und Religion. 



191 



lieh nur ein Gebot, das tiziytw. Aber ein ixiyz'y, das ihm 
nun folgerichtig jede Unduldsamkeit gegen anders Fühlende 
und Glaubende verbot. Man lese den stimmungsvollen Sehluss 
der Psyche — von dem neuen Glauben, ganz anders als alle 
ältere Religion mit der Kraft begabt, das schwerbeladene Herz 
zu zerknirschen und in Hingebung aufwärts, dem göttlichen 
Erbarmen entgegenzutragen — , um sich zu überzeugen, wie 
fern diesem freien Geiste (dessen theoretische Grundstimmung 
schliesslich wohl ein resignirter Skeptizismus gewesen sein 
mag) alle agitatorische Freigeisterei gewesen und geblieben ist 

R. nicht ein inneres Verhältnis zu den religiösen Problemen gehabt, 
würde er seine Hand nie nach dem Stoff der Psyche ausgestreckt haben. 

1 In .seinen Briefen klagt er gelegentlich darüber, dass er .sich die- 
sen Skeptizismus nicht mehr recht vom Leibe zu halten vermöge. 



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192 



XI. 

Das Prorectorat. Die Studien über Creuzer und 

die Gtinderode 

(1893—1*96). 

Zu Pfingsten 1893 hatte Rohde beabsichtigt, der Ein- 
ladung eines ihm nahestehenden Kachgenossen folgend, an 
der Philologen versanunlung in Wien theilzunehmen. Es schien 
ihm, wie er Tu. Gomperz schrieb, »fast eine Ehrenpflicht, zu- 
gleich den klassischen Studien und ihrem Träger, dem Deutsch- 
thum , die man beide gleichmässig an die Wand drücken 
möchte, eine bescheidene Huldigung durch Theilnahme an 
diesem Feste darzubringen.« Auch ein kurzes, »mehr als 
eine Art Miscelle gedachtes Vorträglein« aus griechischer Re- 
ligionsgeschichte hatte er (Jomperz in Aussicht gestellt [(i. 
13 III 93]. Aber die Voraussetzung, dass er Iiis dabin »mit 
dem Druck der unseligen '^'JXV * er t'g sein werde, erfüllte sich 
nicht. So sah er sich genöthigt. im letzten Augenblick seine 
Zusage zurück zu nehmen Erst im Herbst konnte er den 
zweiten Theil des Werkes aus/iehn lassen: sdas Ende seiner 

1 »Ich selbst steh«? unfern von dem Plane zu der Versammlung mich 
einzufinden ab, und besonders von der Aussicht, so manche, nach ihrer 
geistigen und wissenschaftlichen Physiognomie mir wohlbekannte treff- 
liche Männer auch persönlich kennen zu lernen. Aber es geht nicht 
ander*. Force majeure. Ich kann nur der Versammlung alles Gute, gute 
und heitre Stimmung (wer hätte die freilich in diesen Aengsten des Va- 
terlandes zur Verfügung) wünschen.. .• [G. 10 V 9;'.]. Ich konnte Rohde 
im Sommer von meinen Wiener Eindrücken erzählen. Der Mann, der 
damals, soweit das ein Einzelner kann, in Wien für die rechte Stimmung 
sorgte, steht jetzt an weithin sichtbarer Stelle. 



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Publication des Schlusses der Psyche. Ferienreise. Pläne. 193 



Qualen« war gekommen, nach einer mehr als acht .Jahre 
währenden scharfen Anspannung aller Kräfte. In der rechten 
»Arbeitsfuria« kannte er keine Rücksicht, weder für die Ord- 
nung des Hauses, noch für seine Gesundheit ; manchen Mit- 
tag und manchen Abend hat er durchgearbeitet, um »den 
Topf nicht im besten Kochen vom Feuer rücken zu müssen. 1 ' 
Endlich hatte er das »Recht zur Ruhe'. Er versuchte 
wohl auch, es auszunutzen, in Baden-Baden und später auf 
einer kurzen Reise nach M ü n c h e n und V e n e d i g. Da 
wandelte er wieder einmal auf den Spuren vergangener Ju- 
gendzeit -- aber die rechte Stimmung wollte sich nicht ein- 
stellen. -Wird man alt!* ruft er aus. »Und wenn man die 
Summa Summarum zöge, was das Leben Einen gelehrt hat 
— wie wenig ist es!< [Rü. 21 XI 93]. Wo die Spannung 
vorüber ist, bleibt der Rückschlag nicht aus*. Es überkommt 
Rohde ein Gefühl der Leere-, das ihm fast die Freude an 
der Vollendung der Arbeit zu beeinträchtigen droht. -Nun, 
vielleicht ■Kzipona: cO xaxiw ein andres Mal* — schreibt er 
an Rühl. 'Pläne hätte ich schon. Sonst ist es ja in Heidel- 
berg immer noch auszuhalten, viel eher als in Ihrem Thüle - 3 . 

1 Ich habe erst in dieser Zeit mit Rohde persönlich /.vi verkehren 
Gelegenheit gehabt, meist in der Gesellschaft KlHKKCKs, in Baden- Batten. 
Bei Mahl und Trunk verrieth er die mißtrauische Vorsicht eines Mannet», 
der seiner Gesundheit nicht sicher ist. Aber in der Unterhaltung war 
er von übersprudelnder Laune ; manche scharf geprägte Bemerkung grub 
sich unverlierbar meinem Gedächtnis ein und gewinnt jetzt im Zusammen- 
hang seiner brieflichen Aeusserungen einen volleren Sinn. Ohne den leben- 
digen Kindruck von Kohde's Persönlichkeit, den ich von jenen Tagen 
mitnahm, hätte ich mich an die Aufgabe, über ihn zu schreiben, kaum 
herangewagt. Ribbeck meinte damals, es sei 'der ideale Rohde' zum 
Vorschein gekommen. 

1 Man fühlt sich an jenes ironische Wort von der eignen Art von 
»Gehirnkrankheit« beim deutschen Professor erinnert, das wir oben (S. 94) 
gehört haben. 

3 »Die Vollendung macht mir keine besondre Freude; die Last bin 
ich los, aber ... es bleibt, wie freilich wohl allemal nach Abthuung 
einer grossen Mühe, ein Gefühl der Leere zurück, als ob Einem ein gros- 
ser Backzahn ausgezogen wäre« [Rü. 21 XI 98]. Jene Pläne lagen wohl 
auf religions- und kulturgeschichtlichem Gebiet. Als letztes Ziel mochte 
ihm wieder eine griechische Kulturgeschichte, als nächste Ktappe eine 
'Kultur des Hellenismus' vorschweben (s. oben S. 138). Dafür spricht 
auch »ein erhöhtes Interesse für die Papyrusfunde. 

C t u « i ii » . K. Rohde. 13 



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194 Rectorat. Beschäftigung mit Nietzsche'» Briefen und Mscr. 



So sehn wir ihn schon wieder die Hand ausstrecken, um eine 
tüchtige Arbeit zwischen den Schraubstock zu nehmen«. 

Aber der Semesterschluss im Frühjahr 1894 brachte ihm 
Aufgaben ganz andrer Art. Bei der Wahl zum Prorectorat 
vereinigten sich die Stimmen auf seinen Namen, und wenn 
er sich auch bewusst war, mit seiner Kraft Haus halten zu 
müssen, so mochte er sich doch der ehrenden Verpflichtung 
die das Vertraun der Genossen auf seine Schultern lud, 
nicht entziehn 1 . Die Aussicht, sich einmal ganz auf die prak- 
tischen Geschäfte des nächsten Tages beschränken zu dürfen 
und zu müssen, hatte für ihn im Grunde etwas Lockendes, 
nachdem er so lange Jahre »in den Gedankennebeln ver- 
schollener Zeiten herumgewandert war. 

Die wissenschaftlichen Pläne wurden also vertagt. In den 
freien Stunden, die die Osterferien brachten, versenkte sich 
Rohde noch einmal ganz in die schönsten und schmerzlichsten 
Erinnerungen seines Lebens : er ordnete die lange Reihe von 
Briefen, die er in zwei Jahrzehnten von Nietzsche empfangen 
hatte. Damals begann Nietzsche'* Schwester die Manuscripte 
und Correspondcnzen des Bruders zu sammeln. Unmittelbar 
nach der L cbernahmc des Reetorats reiste Rohde zu ihr nach 
Naumburg, um, ihrem Wunsch entsprechend, die unveröffent- 
lichten Manuscripte des kranken Freundes durchzusehn : das Brief- 
blatt, das den Anlass zur Entzweiung gegeben hatte, hat er damals 
vernichtet *. Die weitausschauenden Pläne der tapfern Frau, die 
eben als Wittwe aus Paraguay heimgekehrt und in Deutschland 
fremd geworden war, suchte Rohde zu fördern, so viel er 
konnte; so empfahl er ihr einen philologisch und philosophisch 
geschulten Tübinger Hörer als wissenschaftlichen Helfer und 
versprach. <lie metrischen und litterarischen Aufzeichnungen 
Nietzsches aus den Baseler Jahren im Einzelnen zu prüfen 3 . 

1 189071 war Kohde gewühlter Senator, dann hatte er, z. Th. unter 
schwierigen Verhältnissen, das Dekanat geführt (S. oben S. 173). 

' Vgl. K. Fürst er-N.. Deutsche Kevue. August 1901: „AI» wir beide 
im Frühjahr 1894 daran»' zu sprechen kamen, war es seine erste Bitte, ihm 
diesen Brief herauszugehen, damit er ihn verbrennen könne*. S. oben S. 155. 

: ' Ein Heft mit metrisch-musikalischen Notizen Nietzsche**, da« Kohde 
in Heidelberg durchsah, hat sieh in seinem Nachlast, leider bis jetzt 
nicht linden lassen. Ks hat vennuthlich Material enthalten für die 





Thätigkeit nU Prorector. Excurse zur Psyche. 



195 



Für Rolitle w aren das wieder Tage tiefster seelischer Er- 
regung 1 . Beruhigend und ausgleichend wirkten bald die prak- 
tischen Anforderungen, die auf ihn eindrangen und ihn seinen 
eignen Gedanken entzogen. 

Zunächst Hess sich Alles günstig genug an. Besondre 
Freude inachte es Rohde. dass es ihm gelang, auch im Ver- 
kehr mit den Vertretern der studentischen Corporationcn den 
rechten Ton zu treffen, ja eine Art von diplomatischer Kunst 
auszuüben, die er sich selbst kaum zugetraut hatte. So hat er 
damals (freilich von einigen in solchen Dingen besonders er- 
fahrnen Collegen unterstützt) tlie Wiederherstellung des Aus- 
schusses der Studentenschaft in die Wege geleitet und sich 
einen Festcommers. der den Vermittlern zu Ehren veranstaltet 
wurde, gern gefallen lassen 2 . Er fühlte, dass er doch noch 
nicht so alt sei, wie er in jener trüben Novemberstimmung 
geineint hatte. Mit sichtlichem Behagen schildert er eine De- 
putation bei dem Senior der Facultät, deren Veranstalter und 
Führer er war, und prophezeit Ribbeck, er werde auch noch 
den 70. Geburtstag in derselben rosigen Frischet erleben, 
wie soeben Kuxo Fischer. Nur ganz vereinzelt Hess er sich 
bei »reinen Repräsentationssachen durch Senatsmitglieder 
vertreten, so (durch Victor Meyer und Imm. Bekker) beim 
Jubiläum der Universität Halle. Im Allgemeinen wusste er 
sich mit all diesen Pflichten über alles Erwarten gut abzu- 
finden. Dabei fand er noch Zeit, die zurückgelegten Exkurse 
zur Psyche auszufeilen und sich in scharfem Gegenangriff mit 
Ew'ARl) Meykr auseinanderzusetzen \ Rückblickend meinte 



Begründung jener Paradoxen von einer reinen IJuuntitiUsmetrik, in denen 
die allerneuste Auffassung dieser Probleme (vgl. Herme» XXX. :50S ff.) vor- 
weg genommen und überboten ist. 8. Briefe 1 S. öDH tf. Werke X S 44* > ff. 

' Rohde'ss t.iattin halle es nicht vergessen, wie tief Rohde von der 
Beschäftigung mit dem Briefwechsel ergriffen gewesen sei. und mit wel- 
cher Rührung er von den »wunderlichen langen .lugendbriefen > und der 
Zeit, die sie widerspiegelten, gesprochen habe. S. Anh. 

* Man er/.ilhlt freilieh, dass er als 'Fidulitätspräside* seinen Collegen 
(besonders dem Juristen R. Sr kuOdkk) bald da« Fehl geräumt habe, da 
es ihm zwar keineswegs an Humor, wohl aber an 'Fidulität' fehlte. 

3 In den 'Puralipomcnn' Rhein. Mus. L IW">. 1 ff. = Kl. Sehr. II 
S. 22A ff. Wer den weitem Verlauf dieses Lebens überschaut, wird die 
gesteigerte Erregtheit des Tones in der Polemik als Symptom einer er- 

13* 



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196 



Erkrankung. Rede beim Kaiserbankett. 



er. das erste Semester, »obschon ungewöhnlich anstrengend 
und überhäuft , sei durchaus glücklich, »und man kann wohl 
sagen glorreich* abgelaufen. 

Für die Herbstferien ward eine gemeinsame Reise mit 
Ribbeck geplant; aber das beständige Unwetter« trieb Rohde 
von einem kurzen Abstecher auf den Weissenstein bei Solo- 
thurn bald wieder nach Hause und — an die Arbeit. Das 
ist mir schlecht genug bekommen. Denn seit Ende October, 
genau mit dem Beginn der Vorlesungen am 26. October, ent- 
wickelte sich ein längst angekündigtes Leiden meines, in den 
Jahren, in denen ich Psychen machte, arg misshandelten und 
vernachlässigten Magens zu wahrhaft bedrohlichen Anfällen, 
mit Herzbeklemmung usw. So dass ich, nach zwei Wochen 
Colleg, mich in's Bett legen musste, darin . . . meine Proree- 
toratsrede fertig stümperte und meiner Frau dietirte : nach- 
her wurde sie am 22. November von Schöll vorgelesen . . . 
Seitdem such ich mich mit strenger Diät und Langeweile zu 
heilen, und es geht auch wohl langsam aufwärts. Am 8. .Jan. 
[1895] denke ich wieder anzufangen mit Vorlesungen undSeininar. 
Die Aerzte — darunter der treffliche Kussmaul — betheuern, 
dass Herz und Magen nicht organisch irgendwie betrotten 
seien : Alles sei 'nervös' : womit bekanntlich auf 'wissenschaft- 
liche' Weise ausgedrückt ist : wir wissen nicht, was eigentlich 
vorliegt. Aber man sagt mir doch unbedingt völlige Herstellung 
zu, und hoffentlich trittt's so ein- [R. 2 195|. In der That 
war er bald soweit hergestellt, dass er seine Rectoratsgeschäfte 
in vollem Umfang wieder zu bewältigen vermochte. Vertreten 
liess er sich nur in der äusserstcn Xoth; es steckte doch et- 
was vom Mann der Praxis in ihm. Damals hat er, beim 
Kaiserbankett des Militärvereins, auch die einzige politische 
Rede seines Lebens gehalten; er sprach auf das Vaterland 
'apart und trefflich' , aus jenem conservativ-bismarckischen 
(leiste heraus, der, schon längst nicht mehr als blosse Stim- 
mung, seine Ueberzeugungen beherrschte. Auch Fernerste- 
hende hatten einen starken Eindruck von seiner Art und Per- 
sönlichkeit. 

höhten nervfWn Reizbarkeit auizuftitisen geneigt sein. Frühere Aeusse- 
nngen Köhltes über Ktluard Meyer «iml S. 107 1 mitgetheilt. 



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Prorectoratsrede. Wiedersehn mit Cosimti Wagner. 



197 



Die Reetoratsrede giebt ein skizzenhaftes, aber mit wunder- 
voller Klarheit gesehautes Gesammtbild der griechischen Re- 
ligionsentwicklung, gewissermassen den Hintergrund für die 
SonderdarsteHung der Psyche. Was Rohde int Eingang vor- 
trägt von der Religion einer vornioralischen Zeit, die in den 
unsichtbaren (aber der Welt durchaus immanenten) Ueber- 
mäehten nur die Macht sah ; dann von dem Entspringen der 
moralischen Vorstellungen im Boden der bürgerlichen Ge- 
sellschaft«, ihrem Einzug in die Welt der Götter; von der 
schliessliehen Versittlichung der Religion, die nun ihrerseits 
die Moral heiligt und sie gegen einen zur Hybris treibenden 
schrankenlosen Individualismus verteidigen hilft — das Alles 
wäre nicht geschrieben ohne Nietzsche, wenn es sich auch 
/.um guten Theil gegen Nietzsche kehrt'. Der Schlussab- 
sehnitt — eine Darstellung des als Anfang transcendenter 
Religionsformen gefassten Dionysoskultes und der von ihm aus 
in die Gedankenwelt der Philosophen emporqualmenden My- 
stik — löst sich von der Behandlung dieser Fragen in der 
'Psyche' weniger los. Bemerkenswerth ist die Schärfe, mit 
der es Rohde auch hier betont, dass Orgiasmus und Mysticismus 
fremde Blutstropfen im griechischen Blute gewesen seien. 

Es war keine leichte Aufgabe, in den gegebenen Grenzen 
diese complicirten Probleme so darzustellen, dass eine, solchen 
Studien zum grossen Theil fern genug stehende Hörerschaft 
theilnehmend zu folgen vermochte. Rohde hat diese Aufgabe 
zu lösen verstanden, trotz der Ungunst jener Tage, wie er 
denn überhaupt die Gabe besass, unbeirrt durch die ihm über- 
reichlich zuströmenden Einzelthatsachen, überall die bestim- 
menden Züge zu sehn und zu zeigen. 

Die Rede war eben fertig gedruckt, als Rohde. im Fe- 
bruar 1894, im Hause seines Collegen H. Thode CusiMA 
Wagner begrüssen konnte : das Wiedersehn hat ihn tief be- 
wegt Damals wurde Frau Wagner auf Rohde's Rede auf- 
merksam. In einem schönen Briefe spricht sie Rohde für die 

* Aehnliehe Gedanken aber schon 1877. Oy. 78 8. 251. 

■ Der Brief, den er kurz nachher ans Bayreuth empfing, fand sich 
mit einigen andern, ihm gleich werthen Reliquien, in einem besondern 
Fach »eines Schreibtisches. 



l'JS 



Prorectorutarede. Dienstreiaen. 



Bereicherung, die ihr sein Vortrag gebracht habe, ihren Dank 
aus und gedenkt der ahnlieh gestimmten verschollenen Tage 
von Triebsehen. Auf ihre Veranlassung wurde der Haupt- 
theil der Rede dann in den Bayreuther Blättern abgedruckt 1 . 
So ist Rohde schliesslich doch noch ihr litterarischer Mitar- 
beiter geworden f . 

Rohde selbst wollte freilich wenig Gewicht auf diese Im- 
provisation legen. Nehmen Sie suo ternjHnc- — schrieb er 
einmal beiläufig — diese Rede mit Nachsicht auf: sie ist das 
Werk eines Krankeu, der ^ttwv eajicö war . . daher auch 
sehr unvollständig und für mich selbst am wenigsten befrie- 
digend ; sie, wie ich wollte, auszuarbeiten für den Druck fand 
ich weder die Zeit, noch die Lust und Kraft. Nun muss sie 
sich so durchdrücken wie sie eben ist. — Wäre nur erst dieser 
grässliclie Bärenwinter vorbei und dies endlose Semester uiit 
seinen unerhörten Plagen und Aufgaben für meine immer noch 
mitteilte Kraft! Dann werde ich endlich . . . für meine Er- 
holung etwas Gründliches thun können. (Jimmlo m- rtnit 
nu uiu ! Also bis auf bessere Zeit — im- 'n uzn ! . . . [Or. 10 I 95]. 



Wer Rohde' s Amtstätigkeit und schriftstellerisches Schaf- 
fen in den nächsten Semestern überblickt, der sollte meinen, 
die bessere Zeit sei nicht lange ausgeblieben. Den vielfachen 
Aufgaben, die seine Doppelstellung mit sich brachte, wusste 
er stets gerecht zu werden. In seinem Wirken für den Ober- 
schulruth war er allmählich aus seiner anfänglichen Reserve 

1 Sie sei) reibt u. A. {'Bayreuth :? III 9">i: „Mit Dankbarkeit habe ich 
es empfunden, wieder mit fester Hand in jene tiebiete geführt zu werden, 
wo wir uns von der Beängstigung der (Jcgcnwart befreit fühlen . . . Ich 
darf wohl sagen, da.^s ich diese Ihre Ausarbeitung wie eine Bereicherung 
in mir aufgenommen habe. Zugleich aber hat sie mich sehr gerührt. 
Ich konnte nicht anders . als wie von Neuem in Verkehr mit unserem 
armen, armen Freund mich denken! \ "erschollene Erinnerungen tauchten 
auf. und als ob Nichts uns geschieden hätte, fand ich mich wieder mit 
ihm im (Jespräch und Hess mich von ihm belehren über jene erhabenen 
Hinge, die wie eine Zuflucht der (Jedunken bilden. Seltsam genug, führ- 
ten mich meine Schritte gerade unmittelbar, nachdem ich Ihre Rede ge- 
lesen hatte, nach Basel, und dort an der Universität vorbei, die einst so 
viel Lehen für uns enthielt ..." - oben S. 1': 




uigm 



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Karlsruhe. Vortrag über den Koinan. Dissertationen. Aufsätze. 199 



herausgetreten ; zumal bei seinen Dienstreisen zeigte er gerade 
in den letzten Jahren mehr von seiner Persönlichkeit, wahrend 
er sich früher oft gründlich ausgeschwiegen hatte \ Die Auffor- 
derung , in dies schöne Land hineinzufahren«, war ihm im 
Grunde stets willkommen. Als er im Herbst 1895 veranlasst 
ward, am Grossherzoglichen Hof in Karlsruhe einen Vortrag 
zu halten, begrüsste er es mit Genugtuung, dass man dort 
von seiner altmodigen Diseiplin etwas wissen wolle. Sein 
Thema entnahm er dem Gebiet seiner Erstlingsarbeiten, auf 
das sich damals seine Blicke zurückwandten : der Geschichte 
des Roman s. Es waren starke und wohlthuende Eindrücke, 
die er aus Karlsruhe heimbrachte bei dem ersten Blick in 
eine ihm bis dahin ganz fremde Welt. Vor dem echten Adel 
dieses Fürstenpaares hat sich der alte Hanseat gern gebeugt *. 

Seine Lehrthätigkeit an der Universität liess ihm damals 
manche freie Stunde, zumal die Zahl der Hörer immer noch 
niedrig genug war und blieb ; doch ist auf seine Anregung und 
unter seiner Aufsicht eine Anzahl tüchtiger Promotionsarbeiten 
zu Stande gekommen 3 . So konnte er wieder aus dem (Tanzen 
schaffen, die alten Arbeiten weiter pflegen und Pläne zu neuen 
anspinnen. Kr ist, wie ein .Jäger auf dem Anstand, stets auf 
dem Posten, wenn die wunderbaren Entdeckungen dieser Jahre 
in das Revier seiner Interessen herüberstreifen. Bald wird 
eine merkwürdige Inschrift formell und inhaltlich erläutert und 
der Xame ihres Verfassers nachgewiesen (Piniol. L1V 11 ff.) 4 , 

1 Nach den Erinnerungen Budiacher Collegen. Von der Erledigung 
dieser Auftrüge liess K. sich nicht leicht abhalten; gelegentlieh ging er 
mit der Empfindung, ein Halbkranker zu sein, auf die Reise und wurde 
wohl auch einmal mitten in der Arbeit von seinem Leiden heimgesucht. 

* Ueberzeugter Monarchist war Kohde seit seinen Jünglingsjahren, 
s. oben 8. 4M. — Die drei bedeutsamsten Beiträge zur Geschichte des Ro- 
mans, mit denen der /.weife Band der Kleinen Schriften eröffnet wird, 
sind in den Jahren 1894 — 1896 geschrieben. Rohde hat es sehr bedauert, 
das« er nicht Gelegenheit hatte, diese Studien in einer neuen Auflage 
seine» Buche» zu verwerthen. 

8 l T eber die Ga/.äer (Ski tz), Parthenios u. Ae. 

* In der Beurtheilung den Grenfellsehen Fragments begegnet sich 
Rohde mit einem Anfsiit/ehen aus* meiner Feder, auf du* er nachträglich 
hinweist (vgl. Philol LV S. :i">3). Da zu dem Aufsatz über die Inschrift 
aus Talmis (Philol. LI V ) in der Vorrede der 'Kleinen Sc hriften' nur einige 
textkritifchc Einzelheiten nachgetragen sind, mag hier nochmals auf ihn 




200 



Papyrusfunde. 



bald findet eine neuentdeckte Dichtung auf Grund metrischer und 
ästhetischer Ausweiseden rechten Platz imlitterargeHchichtlichen 
Fachwerk (Berl. philol. Wochensehr. 1896, 1045 = Kl. Sehr. 
II 1 ff.). Alte schon in Tübingen angefasste Probleme, wie 
die Zeit des 'Philopatris', kommen zum Abschluss (Byz. Zeitschr. 
VI 1896 S. 475 ff. = Kl. Sehr 1 411 ff.). Auch Herondas und der 
Aristotelische Athenerstaat wurden jetzt mit freierem Sinn 
im Einzelnen durchgearbeitet und in Seminarübungen ver- 
werthet, und die immer wieder in fast beängstigender Fülle 
heranfluthenden Papyrusfunde nicht nur für die Zwecke der 
Psyche ausgenutzt. 

Gerade solchen neuen und neuartigen, von den philologi- 
schen (Komparsen oft mit verlegenem Lächeln begrüssten Er- 
scheinungen trat er mit einer Frische und Elasticität des 
Empfindens gegenüber, die von Altern und Einrosten wahr- 
haftig nichts verspüren Hess. Man höre nur seine Charakteristik 
des ganz uud gar 'unklassisehen' Grenfellschen Liebesliedes : »Es 
ist keine geringe Poesie. Die Leidenschaft des Herzens, das sich 
rathlos auf den Dornen seiner Schmerzemptindung hin und 
her wirft . . . ist mit grosser Wahrheit ausgesprochen, durchaus 
ohne herkömmliche Phraseologie, in einem der natürlichen 
Empfindung aufs engste angeschmiegten Ausdruck . Diese 
bescheidenen Beste eines spätantiken Bealismus waren doch 
einmal wieder Kunst aus erster Hand, im Boden eines naiven 
Lebens wurzelnd, gesund und triebkräftig und vielleicht 
wirklich der Ansatz verschollener grösserer Bildungen 

hingewiesen werden. Benierkenswerth ist das von Rohde entdeckte Akro- 
stichon (Ma^ijiof 8sxo'jpt(uv e^pa^a). noch bemerkenswerther wäre der (S. 12) 
angenommene Wechsel von Sotadeeu und akatalektisehen Tetrametern, 
wenn die beiden Belege sicher waren. Interessirt bat Kohde die Inschrift 
als Docmnent spiltantiker Religioiis^escbichte und als neues Beispiel für 
die Truuminspiration der Poeten (s. üben S. GO ). Den schwierigen Ein- 
gang deutet er so: »Maximus soll auch im Schlaf (als Dichter) thätig 
sein. Ein Traum bringt ihn an den Nil: er hört unter den Nymphen 
die Musen singen: er selbst bringt sein Gedieht zu Stande . . ., dun er 
auf (ieheiss des [Sonnengottes] Munduli.* selbst nun nach Talmis bringt 
und dort ansehreiben lässt.* 

' Vgl. Kl. Sehr. 11 S. H. 'JG. Die ästhetische Kmptindung. die solche 
Urtheile bestimmt. war in Rohde schon lebendig, als er der Knust der 
Hellenisten (im 'Roman') ihr eignes Recht und (Jcsctz zuwies. Vgl. auch 
oben S. »n. Wunderlieh genug, dass immer noch {/. B. in der praefatio 



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Revision der ' Psyche'. 



201 



Aber immer wieder erzwang sich der Gedankenkreis der 
Psyche erneute Aufmerksamkeit. Einzelne Punkte wurden in 
selbständigen Untersuchungen weiter ausgeführt, Positionen, 
die gefährdet schienen, durch mühsame Detailarbeit verstärkt: 
dahin gehört vor Allem die feinsinnige Analyse der Nekyia (Rh. 
Mus. L = Kl. Sehr. II 255), worin die in der Psyche angedeute- 
ten Ansichten über die Compositum der homerischen Gedichte 
und die Geschichte des alten Epos genauer dargelegt und be- 
gründet werden. Obendrein hatte sich, bald nach der Ver- 
sendung der zweiten Hälfte, das Bedürfnis einer neuen Aus- 
gabe geltend gemacht. Um von dem Werke alle rein negative 
Polemik möglichst fern zu halten, schuf sich Rohde freie Hahn 
durch eine Reihe gehaltreicher Anzeigen Gleichzeitig ging 
er an die Einordnung des neu herangewachsenen Stoffes, mit 
derselben Umsicht und Sorgfalt, wie bei der ersten Conception 
des Werkes; jedes brauchbare Steinchen, das ihm eignes oder 
fremdes Finderglück herbeitrug, wusste er nachbessernd oder 
ergänzend an der rechten Stelle in den stolzen Bau einzufügen. 
Zu Aendcrungen im Plan und in den Grundlagen verstand 
er sich nicht, wenn ihm auch die Gewagtheit gewisser An- 
nahmen jetzt klarer zum Bewusstsein kommen mochte, als 
mitten im Arbeitsfeuer. Was man auf den ersten Wurf so 
hingesetzt hat, bei voller Ueberlegung noch einmal hinzu- 
stellen, hat viellach etwas Bedenkliches. Dennoch werde ich 
wohl an den Fundamenten so gut wie nichts ändern : ich 
müsste mich selbst ganz umkrempeln, um Alles zu erneuern 
. . . sit ut vst! [V. 30 XII 94] 2 . 

* * 

* 

der brauchbarsten Bakchylidesuusgabe) der Versuch gemacht wird, in- 
coranieiiHurable (Jrössen (wie Bakehylide» und Herondas) aneinander l\\ 
messen. 

1 In den Heidelberger Jahrbüchern (Kl. Sehr. II 293 ff.) und der Ber- 
liner philologischen Wochenschrift (lt<%, 1045 ff. 1577 ff.: 1897, 751 ff.: 
1898, 270 ff. Manche neue Erscheinung, mit der er «ich damals herum- 
schlug, erregte sein lebhaftes Befremden, da» sich brieflich noch viel er- 
götzlicher äussert, als in den Recensionen. Bei einigen, nach seiner An- 
sicht verfehlten Werken ergrimmte ihn die allgemeine axsrntniin. »Ks 
giebt keine Widerstandskraft gegen den Unsinn mehr«, sagt er einmal 
in einem an mich gerichteten Briefe. 

* Aehnlich meinte Kohde schon Knde 1893: vleh wünschte nachträg- 



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202 



Creuzer und die Uündcrode. 



Wie um sieh einmal in andrer Luft zu erholen, machte 
Rohde unter all diesen Arbeiten auch noch einen Ausflug ins 
'romantische Land'. Die hei allen Schwächen bedeutende 
Persönlichkeit Fr. Creuzer«. dessen räthselhaft-hässliehes Ant- 
litz über dem Arbeitstisch ins Seminarzimmer hineinschaute, 
hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Im Eingang 
seiner Rectoratsrede gedenkt er auch dieses heute halb ver- 
schollenen Vorgängers mit der kühlen Ehrerbietung eines ge- 
schichtlichen Beobachters, der weiss, dass in jenem Manne die 
freilich längst überwurylne Empfindung und Anschauung einer 
ganzen (Jeneration ihren vollsten Ausdruck gewann 1 . Aber 
es ist nicht Creuzer der Philologe und Mythologe, der ihm 
innerste Theilnahme abnöthigte, sondern Creuzer der Mensch, 
und mehr noch als Creuzer (der ihm im Grunde dünn und 

lieh Manchen in dem . . 2. Theil ander* gemacht zu haben, finde freilich, 
dass ich doch wohl stets auf denselben Kreis zurückgekommen wäre« (Ru. 
21 XI 93]. Mir schrieb Kohde *. Z. , das* er meine Kinwände (die hier 
S. 182 f. kurz angedeutet sind. vgl. da« litter. Centralbl. 1S94, 61, 1858) 
nicht widerlegen könne, dass er sich aber auch nicht überzeugt fühl»-. 
Das oben nutgetheilte Bekenntnis zeigt mir. dass wir doch auch in Roh- 
de'» Sinne das Recht und die Pflicht zu einer Revision gerade jener pro- 
blematischen Partien der Fundamente haben. Vor Allem wird die Her- 
kunft und Verbreitung der orgiastisehen Dienste (nicht nur des Dionysos- 
kultes, sondern auch der Religion des Zeus Lvkaiüs usw.) noch einmal 
zu unterauchen sein, schon um (wie Rohde selbst einmal sagt » eine vor- 
zeitige Krvstallisirung der Meinungen in dieser durchaus problematischen 
Angelegenheit durch erneute Bewegung zu verhindern. Dass auch Nietzsche 
den (Jrgiasnuis für eine echt griechische Erscheinung hielt, haben wir 
oben (8. 184 11. \ gesehn. Ich glaube, er wird gegen Rohde Recht behalten. 
Die Hinweist- auf orgastische Brauche bei Homer werden gerade so als 
surcirals zu deuten sein (nicht als Anfange von etwas ganz Neuein und 
Fremdend, wie die Reste auimist ischer Anschauungen, in denen jene 
Bräuche wurzeln. 

1 Der Stil seiner Polemik steht auch hier wieder in einem beinerkens- 
werthen flegensatz zum späten Nietzsche. Man lese nur die leidenschaft- 
liehen Invectiven (fegen Creuzer"» Zeitgenossen und (iegner Loheck in der 
'liötzendäuimerung', Werke VIII 8. 171. Lübeck'» Person wird hier im 
(«runde gar nicht getroffen. Das l n/ulängliche in Lobeck'» Ausführungen 
ist aufs Conto einer Zeitansehauung zu setzen , des aus dem 18. Jahr- 
hundert heriiberwirkenden Rationalismus, unter dessen Zwange er gerade 
so stand, wie Creuzer unter dem der Romantik. Was Lobeck persönlich 
gehört, ist durchaus echt und tüchtig; es wurzelt in seiner unerreichten 
(iahe und Kraft zum Beobachten. Sammeln. Sichten. Solche weiterzufüh- 
renden Activa fehlen bei Creuzer: trotzdem respectirt ihn Rohde als 
energischen Vertreter einer einst mächtigen Autfassiingsweise. 



Studien zu den Romantikern. 203 

§ 

matt erschien, wie seine Briefe) seine unglückliche Seelen- 
freundin. Die 1894 von der Heidelberger Bibliothek erwor- 
benen Briefe Creuzer's an die (Jünderode gaben die Lösung 
des dunkeln psychologischen Räthsels und führten tief hinein 
in jene Welt der Romantik, nach der Rohde schon oft hinüber- 
geblickt hatte. Mit leiser Hand umblätternd' (wie es in einem 
Dankschreiben Ribbcck's heisst) liisst Rohde uns diese ver- 
gilbten Briefschaften durehsehn ; Unbedeutendes oder gar zu Pein- 
liches schiebt er in sicherem Taktgefühl beiseite und weiss durch 
kurze Zwischenbemerkungen, wo es Xoth thut vermuthungs- 
weise, den oft verschleierten oder zerrissenen Zusammenhang 
wieder herzustellen 1 . So glauben wir die leidvolle alte Ge- 
schichte selbst zu durchleben; man legt das Buch mit der 
Empfindung aus der Hand, als ob man einen neuen Werther 
kennen gelernt hätte. Wenn sich das wissenschaftliche Meister- 
thum hier, einem neuen Stotfkreise gegenüber, siegreich be- 
währt 2 : so hat den Hauptantheil an dem eigenartigen Reiz 
des Büchleins doch eine nachschüttende und mitfühlende Dich- 
terstiinmung, die bei einer unverkennbar mit künstlerischer 
Absicht gewählten skizzenhaften, ja scheinbar lässigen Dar- 
stellungsweise (ganz entsprechend dem intimen Stolle) ein 
kleines Kunstwerk schuf. Stilistisch haben die Bemerkungen 
Rohde s einen ganz eignen Reiz; sie klingen, neben dieser 
übersehwänglichen Brieflyrik, wie ein gehaltenes und doch 
stimmungsvolles Recitativ. Dabei ist der Ausdruck oft von 
einer eignen Sattheit und Lebendigkeit ; man hört es heraus, 
mit wie jugendlichem Empfinden Rohde das schwüle Drama 
an sich vorüberziehn Hess. In zwölfter Stunde waltete der 
Zufall als Vorsehung und spielte Rohde, aus den Schätzen 
des Freiherrn v. Bkkxus auf Stift Xeuburg, die letzten, nicht 
veröffentlichten Dichtungen der (Jünderode in die Hand. Sie 
bestätigten dem litterarischen Psychologen, dass er diese Natur 
nicht falsch geschätzt hatte, wenn er sie tiefer autiasste. als 
Andre. Rohde deutet nicht mit dem Einger darauf ; aber aus 

1 Den Anstoss zu dieser (ursprünglich für die Heidelberger Jahr- 
bücher bestimmten) Arbeit gab K. Zangkmeistkk. 

• So in der Datirung der Briefe (meist im (»egensatz zu L. (.tKIOKK) 
und in der Zuweisung anonymer Dichtungen an die (Jünderode, S. 14. 



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204 



Philosophie und Philologie. 



der Charakteristik am Schluss seiner Darstellung (S. 123) 
geht es hervor, dass er liier, in einer christlich-romantisch 
gestimmten Menschenseele, dasselbe Erlösungsbedürfnis lebendig 
ringen sah, das er, als innersten Kern auch der antiken My- 
stik, verstehn gelernt und gelehrt hatte. Sc» haben ihm doch 
wieder seine eigensten Studien in dies Dunkel hineingeleuchtet. 

Hervorzuheben ist noch Eins. Rohde hat selbst einmal 
die Sitte der hellenistischen Poeten und Schriftsteller be- 
sprochen, Freunden durch versteckte Citate aus ihren Werken 
eine Huldigung darzubringen. Und wie in der Psyche, be- 
gegnen wir auch in diesem letzten Werke den Spuren Nietz- 
sches. So ist das Schlagwort, mit dem Rohde Creuzer's 
Philologie charakterisirt : philosophin fielmt (puu- /ihiloloffin 
fttmif (p. VI ) aus Nietzsche's Baseler Antrittsrede über Homer 
entlehnt (1869, Werke IX S. 24) \ Es ist der j u nge Nietzsche, 
auf dessen Antlitz er sein Auge weilen lässt. Aber ist diese 
Huldigung, im gegebenen Zusammenhange, nicht zugleich eine 
Kritik? In der That, Rohde's Zutrauen zu der Tragfähigkeit 
philosophischer Speculation ist in jenen .Jahren nicht gestiegen. 
Was er kannte von Versuchen, zu letzten Einsichten und 
Zwecken vorzudringen, hielt vor seiner Skepsis nicht stand. 
Resignirt meinte er schliesslich, ein Stück schlichter Arbeit 
zu bleibender Nutzung hingestellt zu haben, scheine ihm immer- 
hin ein Trost in diesem zweideutigen Leben, dessen Zweck 
kein Mensch angeben kann [Schni. 20 VI 9(>]. 

* 

So blieb Rohde weiter im alten Arbeitstrott . Mit dem 
Gedanken, einmal gründlich auszuspannen, hat er wohl oft 
genug gespielt, aber niemals recht Ernst gemacht } . Dabei 
wollte ihn die unheimliche Empfindung, dass sein Leiden, auch 

1 Rohde kannte sie längst aus dein von dem Freunde veranstalteten 
Privat druck. 

" Ks klingt wehmiithig genug, wenn er sich nun vornimmt, -alle 
Ferien gründlich auszunützen: wer weiss wie viele man noch hat.« Seine 
Zuthieht war meist Baden-Baden . »der einzige Ort diesseits der Alpen, 
wo man zu jeder Zeit Sonnenschein und Waldluft atlnnen und sich etwas 
ausstauben kann- (V.]. 



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Todesahnungen. Die Familie. 



205 



in besseren Tagen, fortgliinine, kaum noch verlassen. Mir 
geht es nicht extra — sagt er in seiner schlichten Art — , 
> Mancherlei beengt und beängstigt mich [Sellin. 20 VI 9(i]. 
Er hat gewusst, dass es zu Ende ging. Aber was ihn quälte, 
war weniger der Gedanke an das eigne Schicksal, als die 
Frage, was aus den geliebten Angehörigen werden solle, deren 
Existenz so unbedingt auf der seinen ruhte. Fast wider Willen 
verräth sich in den Briefen sein sorgendes Vaterherz. Damals 
Hess er die älteste Tochter die Seminarklassen besuchen, . nicht 
um dieser 'Bildung' willen , sondern um ihr die Möglichkeit 
eignen Verdienstes offenzuhalten 1 . Solche Sorgen legten sich 
wie ein grauer Nebel selbst vor die letzte grosse Freude seines 
Lebens, das Heranwachsen des jüngsten Söhnleins. Aber bald 
verschwinden alle Schatten, wenn er von seinem Hans Adolf 
spricht. Selbst bei der Arbeit wollte er die Nähe des gelieb- 
ten Kindes nicht missen, während er sonst durch die kleinste 
Störung um die rechte Stimmung gebracht werden konnte *. 

1 In einem Brief an Rtllil meint er. «*r möchte wohl ein reicher Mann 
sein, um der Tochter das ersparen zu können (Kfl. 10 XII 9- r >|. »Ich 
wünsche ihr freilieh di»-se Lelirerinnenplage nicht ernstlich, sondern ein 
normalen Frauenlos. Immerhin besser so eine, wenn auch angestrengte 
Thätitfkeit, als das elende Herumdämmern in weihischen Nichtigkeiten, 
wie es unverheirathete Damen sonst meist aufführen« [V. 17 II %]. Bei 
dieser Gelegenheit sei bemerkt, dass Rohde in Zeiten, wo sich die Mehr- 
zahl der Doeenten gegen »las Frauenstudium ablehnend verhielt, einige 
genügend vorbereitete Hörerinnen in seinen Vorlesungen zugelassen hat. 

* Sogar der alte burschikose Humor meldet sich, wenn er etwa die 
neusten Erfahrungen in der Kinderpflege und mit den Kindspflcgerinnen 
schildert [K. l r > 1 »fij. 



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20« 



XII. 

Das Ende. Zur Charakteristik. 

(1897. 1898.) 

Das letzte Lebensjahr brachte Rohde noch manches sicht- 
bare Zeichen des Erfolges, vor Allem die Ernennung zum 
correspondirenden Mitglied der Münchener Akademie und eine 
Berufung nach Strassburg 1 , die ihn freilich, Dank dem schnellen 
Eingreifen des badischen Ministeriums, nicht lange in Athem 
hielt. Auch andre Ehren blieben nicht aus -. Dazu ver- 
mehrte sich die Zahl der »Studenten wieder stetig 3 , und 
manche (Jefahr, die Rohdc für seine Lehrt hätigkeit gefürchtet 
hatte, schien gnädig vorüberzuziehn. Aber sein Leben blieb 
tief umdüstert durch «las peinvolle Leiden, das dem so jugend- 
lich fühlenden Manne bald jede starke Bewegung und Er- 
regung verbot. (Geradezu vernichtend traf ihn im Beginn des 
.lahres die hoffnungslose Erkrankung seines spätgebornen jüng- 
sten Söhnleins. Als nach einem kurzen Leben voll Sonnen- 
schein« sein Liebling von ihm ging, nahm er den letzten Rest 
der Lebenskraft des Vaters mit hinunter in s Cirab. 

Es giebt Nichts, worin sich das tiefste Empfinden Rohdes 
so bezwingend ausspräche, wie die Briefe, die er sich in diesen 

' Die Anregung dazu war von Tu. Noi.okkk ausgegangen, der Rohde 
schon in meinen Kieler Anlangen richtig eingeschätzt hatte, s. oben S. 51. 63. 
»Ich hleihe auch im (ian/.en gern hier*, st Inieb K. einige Monate später; 
»Heidelberg hat immerhin viel persönliche Vorzüge vor Strassburg. . .« 
[Hü. "J3 III i»7J. 

Rohde war zuletzt badischer iJehenner Rath und im Besitz der 
üblichen Ordensauszeichunng. 

: ' »Ich habe wenigstens '_>:» im Colleg. darunter lreilich ein Weib!« 
[Hü. 2.1 III 07], 



Der Tod de« Söhnchens. 



207 



dunkeln Monaten abgerungen hat. Das war ein trauriger 
dunkler AVinter — heisst es in einem Schreiben an Kühl, 
— , der jetzt zögernd von uns Abschied nimmt. Der Ver- 
lust unsres geliebten Kleinsten hat mich tiefer erschüttert als 
ich sagen kann ... Ks war ein fröhliches und liebevolles, 
schon zu einein deutlich sich aussprechenden Charakter ent- 
wickeltes kleines Wesen, unser aller tägliche Freude, wahrhaft 
das Licht unsres Lebens . . . Ich kann nicht ohne Erzittern 
des Herzens an diese schrecklichen Tage und Nächte zurück- 
denken, in denen es uns stufenweise ferner gerückt und zu- 
letzt ganz entzogen wurde : die Verdammten in der Hölle 
können nicht tiefer leiden. Ich bin zu alt, um diesen Verlust, 
diesen mir eigentlich immer ums Herz schwebenden Kummer 
noch ganz verwinden zu können . . . Ach, wir liebten ihn, 
und lieben ihn in Ewigkeit. .. Vergebens suchte Rohde Trost 
und Vergessen in einer Heise über die Alpen, bei der ihn 
seine Frau begleitete; diesem Dämon gegenüber blieb der Zau- 
ber des Südens ohnmächtig 1 . 

Aber immer wieder rang sich sein elastischer Geist empor 
zu Stimmungen ruhiger Betrachtung und gesammelter Arbeit. 

1 Noch im Herbst — kurz vor seinem Tode — schreibt er: >Die un- 
nusgefüllte Lücke am Tisch und im Zimmer malmt uns tätlich, was wir 
verloren haben — niemals schliefst «ich diese Wunde, der leiseste 
Stoss reisat sie auf. Mein Kind! Ich werde das, so lange oder kurz mir 
die Zeit noch zugemessen ist, nie vergessen können ; das Leben hat eine 
schmerzlichere Färbung imgenommen und niemals scheint uns Kitern die 
Sonne mehr ganz hell und heiter: es steht immer ein dunkler Fleck da- 
vor . . .« [Schm. IX 1>7] Unvergleichlich ist ein Brief an Kibbeck 
[11 I 97] aus den Tagen des frischesten Schmerzes: ein Threnos von 
fast dichterischer Kraft, den man freilich abdrucken zu lassen sieh scheut 
— der Sehluss dieses Briefwechsels behaltener klingen die Worte, in 
denen er einen Monat später seines Verlustes in einem Beileidschreiben 
an Ribbeck's Frau gedenkt: »Ich kann ungefähr ermessen, wie viel Sie 
mit Ihrer Schwester verlieren, wie nun Ihr Leben ärmer wird an Sorge 
und Freude, und an Liebe. „Ohne Liebe lebt man nicht, das ist richtig. 
Sie macht's Leben wichtig* — ein kindischer Spruch und wie tiefe Er- 
fahrung spricht er aus ! Mir blutet noch das Herz im stillen weiter an 
dem Schmerz um den Hingaug unsres geliebten Kleinen ; ich verstehe aus 
tiefster Sympathie, was Sie min im Stillen leiden werden Was soll man 
davon sagen? .Schweig, leid' und trag . . . .* Ach. der Leib ist doch 
nur der untergeordnete Diener: was wir lieben, was uns wicderliebt, das 
wollen wir haben und nicht loslassen, das ist unser einziger wah- 
rer Besitz.« 'livj ö ivi^wr.oc. 



208 



Die» zweite Ausgabe der Psyche. Das Ende. 



Am 27. November 1897 konnte Rohde die Vorrede zur zweiten 
AuHage der Psyche absenden. Wer spürt in seinen vornehm- 
gelassenen, an einigen Stellen wie mit halbem Lächeln vorge- 
tragenen Geleitworten einen Schatten des Kummers, der so 
schwer auf seiner Seele lastete ! Eines litterarischen Angriffs, 
der ihn seiner Zeit in grimmige Entrüstung versetzt hatte, 
gedenkt er allerdings mit scharfer Ironie: aber selbst über 
diesen Worten liegt eine sOcia, die seiner Polemik in den 
letzten Jahren fremd geworden war. 

Noch am siebenten Januar des neuen .Jahres schrieb 
Rohde eine lichtvolle Besprechung von Roscher'« Buch über 
die Kvnanthropic (Kl. Sehr. II, 216); die alten Probleme 
liessen ihn nicht zu Ruhe kommen. Am zwölften wollte er 
trotz aller Beschwerden seine Vorlesungen wieder aufnehmen. 
Am Tage vorher nahte ihm der Tod, als »der schöne, heilende 
Dämon , wie er es schon in jungen Jahren geahnt und ge- 
wünscht hatte. In dieser letzten Leidenszeit hat Rohde den- 
selben geistigen Heroismus bewährt, wie einst sein unglück- 
licher Freund gestützt freilich und getragen durch eine 
Genossin, die das eigne Leben einzusetzen bereit war, um das 
seine zu retten 1 . Er ging dahin wie ein Held nach gewon- 
nener Schlacht, im Vollbesitz seiner geistigen Gaben und auf 
der Höhe seiner Erfolge. Haus zu halten mit seiner Kraft 
hatte er nie recht gelernt. S c h ö n zu leben schien ihm wün- 
schenswerther, als zu 1 e b e n nach der Lehre eines jener 
alten Weisen, die ihm allezeit mehr gewesen sind, als litte- 
rarische Probleme. So war es gerade für ihn eine Gnade, 
dnss er 'aufstehn durfte vom Mahle des Lebens, ehe die Kerzen 
bleich werden und der Wein sparsam perlt' *. 

* * 
* 

1 Nicht gar zu lange, nachdem diese Worte geschrieben waren, ist 
sie dem Gatten hinühergefolgt. 

' Mit den Worten der Karoliiie von (jilnderode (Schmid S. 104). »Man 
wird nicht reicher durch längeres Leben« sagt er einmal [Rü. 21 XI 93] 
in einer Zeit der Depression, wo er sich »schon viel zu alt« vorkam. Er 
wollte wie der, in der Psyche mit fühlbarer Sympathie geschilderte Epi- 
kur, lieber intensiv leben, als extensiv, »in dein Moment alle Lebensfülle 
zusammendrängend, so dass das kurze beben allen Inhalt eines langen 
gewinne- . 



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Zur Charakteristik. Temperament. 



209 



ROHDE gehörte nicht zu den £eta u&vtsc. Er hat an 
seiner sonderbar aus den verschiedensten Elementen gemisch- 
ten Natur , zumal in jungem Jahren, schwer genug getragen 
und anders geartete Freunde wohl einmal beneidet um ihren 
»friedlichen, halkyonisehen, windstillen Sinn < In der Erregung 
des Augenblicks blieb er nicht immer Herr seines stürmischen 
Temperamentes und Hess sich dann auch in seinen Aeusse- 
rungen und t'rtheilen über die (Frenze hinausreissen, die er 
bei ruhigem Blute als berechtigt anzuerkennen keinen Anstand 
nahm 3 . Freilicli, dein conventionellen artig und bescheiden 
Thun hat er sich wohl nie recht zu fügen vermocht. Er 
hielt es mit der antiken [UfaXc^ox-*» die er schon im 'Roman', 
an einer ganz persönlich gestimmten Stelle, mit unverkenn- 
barer Sympathie geschildert hat 3 . So war dieser 'einsame, stolze 
Mensch' im Verkehr nicht ohne Ecken und Kanten, an denen 
sich der einigeruiassen verzärtelte, 'chinesische' Geschmack 
der Gesellschaft zu stossen pHegte. „Ich tolerire sie" 
schrieb (). Ribbeck — „als natürliche Kristallisationen seines 
edlen, gediegenen Kerns und sein verborgenes Feuer wärmt 
mich** 4 . 



1 Die angeführten Wendungen sind Briefen an Volkelt entlehnt, 28 
II 87. 25 XII 89; ahnlich M. 21 XI 69. Was er nicht hatte, zog ihn bei 
Persönlichkeiten, die in seinen Kreis traten, am stärksten an. Bei Män- 
nern, wie ÜVKKiiKCK, Volkklt, auch W. SciiMin glaubte er'» zu finden. 
Vor Allem aber schien ihm der junge Niktzschk glücklich zu preisen ob der 
»Ganzheit seiner Studien« und der Fähigkeit, seine besten Kräfte in eine 
harmonische Einheit zusammenzufassen und das »Dreigespann» seiner 
philologischen, philosophischen und künstlerischen Neigungen zu Einem 
Ziel zu lenken. Um so rnthloser stund Hohde da, als für Nietzsche, Ende 
der Siebenziger Jahre, die Periode der innern Kämpfe begann. 

' Ich kenne mehr als einen Kall, wo Hohde nach scharfen, persön- 
lich zugespitzten und zu einem latenten Kriegszustand führenden Debatten 
selbst zuerst einlenkte und die Hand zum Frieden bot. 

' 'Der Gr. Roman' 8. 318 f. Sehr bezeichnend ist eine Betrachtung 
fiber die 'Bescheidenheit', die etwa gleichzeitig mit jenem Abschnitt ge- 
schrieben wurde {Vag. 61). In einem der letzten Briefe an Rühl [23 III 
97] sagt er von seinen Kindern: »sie sind . . von Herzen gut und edel, 
wie es — warum soll ich es nicht vor einem Freunde aussprechen — 
mein und meiner Frau Kinder gar nicht anders sein können«. Hier 
spricht die Gesinnung >des adligen und als solchen sich wohl erkennen- 
den Geiste« und Charakter««:. 

* O. Ribbeck, Brief 173 S. 275. S. oben 8. 4. 

C r u . i ii », K Koh.U . 14 



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210 



Phantasie und Gemüt, beleben. Humor. 



Das Triebleben der Empfindung und Phantasie war bei 
Bohde reicher entwickelt, als dem modernen Norinalgelehrten 
wünschenswert!! erscheinen würde. Er konnte sich , gleich 
seinem Jugendgenossen, zu Höhen emporgehoben fühlen, die 
sonst nur der Begeisterung des Künstlers erreichbar sind. 
Aber auch hinabgestossen in die dunkelsten Tiefen. .Jede 
Periode seines Lebens brachte ihm neben grossen Erfolgen 
bittre Enttäuschung und schmerzlichen Verlust '. Solche Er- 
lebnisse, erschütterten ihn bis in die letzten Wurzeln ; er 
h u t t e jene gesteigerte Fähigkeit zum Schmerzemphnden, von 
der er in seinen Tagebuchblättern spricht (z. B. Coij. 72). Den 
wenigen Freunden gegenüber gab er sich, in seiner Begeisterung, 
wie in seinein Kummer, ohne Vorsicht und Bückhalt, mit einer 
nahezu dichterisch wirkenden Kraft naiver Selbstdarstellung *. 
Aber öffentlich die Bolle des Schwärmers oder des homtnt- 
ttm'fnrit.r zu spielen , war ihm widerwärtig. Er verschluss 
und versteckte seine tiefsten Stimmungen peinlieh vor fremder 
Neugier, am liebsten unter der Maske eines derben, ja grot- 
tesken Scherzes. Wie der Humor in der Kunst als Oomple- 
mentärfarhe des Tragischen erscheint, so ist er ein wesen- 
haftes Element dieser herben und hochgestimmten Mannes- 
seele. Schon in den .lugendbriefen giebt es Einfälle, die an die 
drollige Aumuth eines Billets von (lottfried Keller erinnern. 
Wie unerschöpflich diese humoristische Ader bei Rohdc spru- 
deln konnte. weiss .Jeder, der mit ihm in guter Stunde zu- 
samineugesesscn hat ! . 

1 Wir dem (iang dieser Krzählung gefolgt ist, wird wissen, was ich 
meine. Kr selbst deutet einmal liin auf die beiden grossen .Schmerzen der 
.Jugendzeit, die Trennung vom Kltcrnhaus I ( 'oq. S*| und den unverineidliehen 
Bruch mit der tieliebten. Noch schwerer mag er in den letzten Lebens- 
jahren den Verlust des Freundes und des Kindes empfunden haben. 

1 Das Tiefste un l Krgreifendste hielt ich mich nicht für berechtigt, 
ins Licht der ÜchViitlichkeit zu zh'hn : man würde damit zu schwer gegen 
Rohdr's Kuinlindeu sündigen. Hohde könnte freilich ilaliei nur gewinnen. 

Vgl. eben S.Öl. pjfj. Ks ist sehr bezeichnend, dass Hohde nicht gern 
pathetisch sprach, oder gar dcclamirte ; solche Stimmung behielt er lieber 
für sich. Höchstens unter vier Augen konnte man ihn einmal, etwa Verse 
von Nietzsche, recitiren hören Dagegen Hess er sein wundervolles Talent 
für Mimik und Komik gern spielen; man schmeckt das selbst aus seinem 
Briefstil heraus, wenn er dialektische Formen und Heilensarten anwendet 
um! sieh plötzlich in einen 'Sächser' oder 'Schweben' verwandelt. In Kiel 





Beobachtungsgabe. Scharfsinn. iSelbstzueht.lieäcbichtliche Intuition. 211 

Trotz dieser geradezu an ein Künstlertemperament ge- 
mahnenden Eigenschaften , hat Rohde nichts vom Schön- 
redner und Phantasten an sich. Mit unerbittlicher Energie 
fegt er aus der Kegion, wo der Verstand das Herrenrecht 
hat, alle Unklarheit und träumende Willkür hinweg. Nichts 
konnte ihn mehr erbittern, als das In-Curs-setzen tic- 
tiver Werth«! \ wo die Mittel methodischer Arbeit echtes 
Metall zutage zu fördern versprachen. Er kann sich nicht 
genug thun im Sammeln und Sichten des Materials, im Beob- 
achten, Comhinieren, Hin- und Her-l'eherlegen -. In strenger 
Selbstzucht, andre Seiten seines Wesens oft gewaltsam nieder- 
zwingend, macht er einen nüchternen, kühlen Scharfsinn zum 
Herrn im Hause und lässt keinerlei Neben regiment aufkommen. 
Er bewährt hier eine sittliche Energie, «lie in Wahrheit vor- 
bildlich genannt werden kann. 

Aber b« i alle dem blieb er si«'h der Unzulänglichkeit und 
Beschränktheit jeder rein heobachtungs- und verstantlesmäs- 
sigen Erkenntnis immer bewusst. Wie er einer nicht streng 
beweisbaren Metaphysik ihr Ri'cht einräumte, so auch, in ge- 
messnen (Frenzen, tler nachsehatt'enden Phantasie, der ge- 
schichtlichen Intuition und ( 'onstruetion \ Wohin es ihn 
drängte: zu einem wirklichen Anschauen und Nachempfinden 

spielte er, in schwerer Zeit, eine derb komische Rolle auf einem Liebhaber- 
theater, *als sentimentaler Harlekin«, wie er damals an Ribbeck schrieb. 
Auch Frau Dr. Körster-N. erinnert sich an mimische Improvisationen Roh- 
de's, die von überwältigender Komik gewesen seien. 

1 In seinen Werken wird mau vorschnell hingeworfene Hypothesen 
überhaupt nicht Huden. Klier ging im < iesprüeh (auch im sermo fuinil iuris 
de« Briefes) das Temperament mit ■ihm durch: zumal wenn er sich zum Wi- 
derspruch gereizt fühlte, konnte er die gewagtesten Behauptungen aufstellen. 

* Gerade bei einigen Angehörigen der jüngsten Generation, die sich 
im Besitze des Arcanums einer ganz, besonders trefflichen Methode glaub- 
ten, sah Rohde nur die Fähigkeit. > durch allerlei Windbeuteleien den 
Vorrath an abgeschmackten Annahmen noch zu vermehren-. 

3 Sehr bezeichnend sind die Stellen der Psyche, wo er des geistreichen 
Buches von Ki stki. i»K Cot:i,AXiiK.s gedenkt (1*166,2; 2$3. 2). Man fühlt 
ihnen an. wie ungern Rohde «'s sieh versagt, dem Verfasser auf ein doch 
gar zu problematisch erseheinendes tiebiet zu folgen, und liest zwischen 
den Zeilen, dass er im Innersten glaubt, was er von seiner Darstellung, 
als unbeweisbar, ausschlies*!.. Auch die Grundgedanken der Polemik für 
Nietzsche'* Geburt der Tragödie gehören hierher; sie behielten für Rohde 
in der Hauptsache ihre volle Giltigkeit. 

14* 



212 Gesiimmteindruck. Leben und Ueberzeugungen. 



dieser versunknen Kultur — war ohne eine solche, wesent- 
lich aus dem Subject stammende Ergänzung und Organisirung 
des Ueberlieferten nicht zu gelangen. Zumal in den Haupt- 
werken verbindet er mit der grössten Vorsicht die grösste 
Kühnheit, mit der saubersten Einzelbeobachtung den Blick 
aufs Ferne und Ganze, mit strenger Scharfe des Denkens nach- 
empfindende Poetenstimmung, kurz, 'den kühlen Kopf und 
das warme Herz' des grossen Gelehrten. Hei aller Schärfe 
der Kritik, bleibt sein Geist stets positiv gerichtet, schauend 
und aufbauend, voll kühner Pläne, und unerschöpflich an 
Material und Kraft, sie zu verkörpern 1 . Blickt man zurück 
auf seine wissenschaftliche Thätigkeit, fühlt man sich versucht, 
auf ihn zu übertragen, was (in einem wohlbekannten Buche) 
von einem Gewaltigeren gesagt ist: „Er schreitet vorwärts in 
gemessnen Schritten ; kein Schritt w ird zurückgenommen, keiner 
wird übereilt; jedes Werk erscheint als die Frucht eines reifen, 
sich lange berathenden, tief nachdenkenden Verstandes". 

So ist es Rohde als Schriftsteller wirklich gelungen, w as 
er sich in einem .Jugendbriefe wünscht: all die Töne, die in 
ihm erklangen, zu einem vollen und harmonischen Accord zu- 
sammenzufassen. Und dieser Accord tönt doch auch in sein 
Leben hinein als Grundstimmung und Auflösung aller Disso- 
nanzen. In seiner schlichten Arbeit regten sich seine besten 
und tiefsten Kräfte. Von dem festgegründeten Boden seiner 
Sonderwissenschaft aus fand er den Zugang zu allen Fragen, 
die ihm als Menschen nahe gingen. Die Idee des Hellenen- 
thums , in deren Dienst er sich in jungen Jahren gestellt 
hatte, hielt Stand, ja sie wuchs nur höher empor, je höher 
Rohde selbst seine Gedanken richtete. Sie blieb ihm die ewige 
Kraftquelle, von der alle spätere Wissenschaft und Kunst - 
und auch die speculative Ausgestaltung des Christenglaubens 
— Leben und Richtung empfangen hat 2 . So lag für ihn (wie 

1 Zumal in .lugendbriefen gebraucht er gern die (wohl von ihm selbst 
geprägte) Formel in positivo sulux. 

2 Man vergleich« besonders den Schluss der Psyche. Nietzsche «agt 
in dem, oben S. 156 f. citirten Briefe, Kohde habe, wie die meisten Philo- 
logen, nur ein zufällige», kein nothwendiges Verhältnis zu seiner Wissen- 
schaft. Solche Aeu**eruugeii zeigen doch, wie fremd ihm Rohde's Denken 




uigm 



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Die Antike als Wegweiser zu einer neuen Kultur. 



21)3 



für seinen Freund) der günstigste Standpunkt für eine univer- 
salgeschichtliche Betrachtung der Kultur durchaus auf dem 
Boden der Antike : hier war der grosse Kreuzimgspunkt, auf 
dem alle Strassen und Wege schliesslich zusammenliefen '. 

Aber Rohde stand der Antike nicht nur als Historiker 
gegenüber. In ihm blieb immer etwas lebendig von der phi- 
losophisch- informatorischen Stimmung seiner Jugendjahre, und 
er hat manches scharfe Wort gesprochen über die altklugen 
Kritiker im neuen Reich , die diese unvergleichliche Welt 
mit süffisanter Ueberlegenheit behandeln zu dürfen glaubten, 

in dem satten Gefühl, wie wir's so herrlich weit gebracht- 2 . 
So wenig Rohde die Absicht hatte, einem Hauen Classizismus 
das Wort zu reden und unser Ziel hinter uns zu stellen : 
der Meinung war und blieb er allerdings, dass auch auf 
den modernen Menschen — und gerade auf den modernen 
mit seiner raftinirten Barbarei <• — die Erkenntnis griechi- 
scher Art imperativisch wirken müsse. Ein tiefes Bedürfnis 
nach voller Mensehenbildung, auch in anders gestimmten Zeiten, 
zu erwecken und wach zu erhalten < — erschien ihm als eine 
hohe Aufgabe seiner Wissenschaft 3 . Wer diese Blätter ge- 
lesen hat, weiss, dass es Rohde ganz persönlich Ernst war 
mit diesen unmodernen Gedanken und Idealen. Er wollte kein 

gelehrtes Gespenst sein; auch seine Arbeit sollte ihm vor 
Allem dazu dienen, »jede Kraft des Geistes und Gemütbes , 
die in ihm wohnte, zu nähren und zu steigern ; und wenn er 
seinen Blick immer wieder auf das Hellenenthum zurückwandte, 



und Sehaffen geworden war. Rohde hatte damals sein Hauptwerk unter 
den Händen. 

1 Man darf annehmen , dass Rohde , wenn ihm ein längeres Leben 
beschieden gewesen wäre, auf seine kulturgeschichtlichen Pläne zurück- 
gegriffen hätte. S. oben S. 193. 

* S. oben S. 46 f. 173 f. 

* Man vergleiche die Kl Sehr. I p. XXVI f. ausgehobenen Stellen 
und oben S. 47 ff. 58 f. Hier ist der Punkt, wo sein Interesse für die 
Schulpraxis entspringt, von der er mehr verlangt, als blosse Routine. 
In den Heidelberger Jahren hat R, übrigens wiederholt geäussert, dtuts 
»ein erfolgreiches Schultneisterwirken* vielleicht »wohler thut, als dies 
Soliloquium auf dem Lehrstuhl« (s. unten S. 272 f.). Hier sprechen per- 
sönli'-he Erfahrungen mit, die er damals zn machen (Megenheit genug 
hatte. 




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uigm 



214 



Persönliches. 



so that er es, weil er in ihm den sichersten Leitstern sah auf 
dem Wege nach jenem fernen Ziel einer edleren Kultur«. 
Mancher von denen, die sich heute Philologen nennen, mag 
fast befremdet in diesen letzten und tiefsten Grund von Rohde's 
Ueberzeugungen hineinblicken \ 

* * 
* 

Rohde ist als Persönlichkeit vielfach verkannt worden. 
Er selbst that wenig, um das zu verhüten. Der kleine Kreis 
von Freunden, in dem er sic h aufschloss, wusste, wess Geistes 
Kind er war. „Wenige Menschen u — schreibt einer dieser 
Freunde * — „waren von so grosser, echter Güte des Herzens, 
so unberührt von Selbstsucht und Eitelkeit, von einer so grossen 
und freien Auflassung des Lebens 4 *. 

1 Zu uen Kl. Sehr. I S. XXVI aufgehobenen Sätzen tritt, als persön- 
liche Confension. rlie 1S79 geschriebene Anzeige von Ribbeek's Kitsehl- 
Biographic. Kl. Sehr. II S. 452. Der »gelehrte Pedant und Philist er < wird 
hier aber doch seinem (iegent'üssler. dem teuilletonisti&chen Schwindler, 
vorgezogen. 

1 Frank RÖHL in einein Brief an mich, dein ich mancherlei Auf- 
klärung verdanke. 



A X II A X G 

C O GITATA 

APHORISMEN fXÜ TAfiKBlTH HLA KTTKR 
E R W 1 X R 0 H D E S 



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217 



COGITATA 1 



1867. 

1\ 

Was soll ein innerlich frei gewordner Theologe seinen Zu- 
hörern sagen? Tonte In n'rifr et rien qne fn verde'? Das ist 
leicht decretirt. Wen t\nv In ernte sollte jedermann stets sagen : 
aber tonte In n'rite der unmündigen Masse — und unmündig 
sind hierin von zehn Menschen mindestens neun — zu bieten, wäre 
nutzlos und gefährlich. Nutzlos — denn die Leute wissen ohne 
Kinderfabeln nicht zu leben : und so wäre die kurze Wahrheit 
in all ihrer Unbannherzigkeit für sie viel zu gut ; gefährlich — 
denn die Masse der Boshaften . . . bedarf einer guten starken 
Kette . . . Endlich wäre es thöricht, der schadenfrohen Menge 
auch noch das Schauspiel eines misshandelten Guten und Ver- 
ständigen zu geben. Also rien qne In r/rite immerhin : d. h. man 

1 Von den verschiedenen Notizblättern und Heften, die mir vorge- 
legen haben, trägt das älteste (1*Ü7 t* . >, in zierlich ornanientirten Zügen, 
die Ueberschrift Cttgilata. Da,s ist bezeichnend. ScHOl'KXHAUKR hat einen 
«einer handschriftlichen .Sammelbände ho betitelt, und jene Aufzeich- 
nungen aus den Studentcnjuhrcn (aus denen hier nur wenige Nummern 
als Probe mitgetheilt werden , sind in der Wolle schopenhauerisch gefärbt. 
Wenn ich die ganze Auswahl .so benannt habe, so wird man «ich dies 
pars pro toto, das uns das Citiren erleichtert, füglich gefallen lassen. 
Manche der anziehendsten Stücke mussten wegbleiben, da sie zu per- 
sönlich gehalten waren; sie sind aber ineist irgendwie in »1er Dar- 
stellung verwerthet. Die (fett oder cursiv gedruckten) Jahreszahlen und 
Ziffern sind von nur zugesetzt; Rohde hat nur die erstenAhschnitte num- 
merirt. Kleinere Auslassungen werden mit Punkten (...), grossere mit 
Sternen (* t *) bezeichnet. 

51 Mit Nr. 1 auch in dem Heft bezeichnet. 



218 



Anhang. 



halte sich an den Theil der Wahrheit, der innerhalb der fest- 
gesetzten Kirchenlehre liegt ; und so wird der Theologe eine 
segensreiche W irkung ausüben , indem er dem Willen seiner 
Zuhörer edle, über die Befriedigung des Thiers hinausliegende 
Motive zu geben versucht und auch wohl giebt. Aber seine 
schwer errungenen metaphysischen Ueberzeugungen verschliesse 
er ... im eignen Busen und in dem weniger Freunde ; er theile 
sie nur dem mit. der einen eigentlichen Einblick in sein Inneres 
mit reinem Willen und gebildeten Verständnis verlangt, Wer 
mit dieser Ueberzeugung theologisch zu wirken übernimmt, der 
arbeitet an dem Baue der Zukunft. . . . Wer würde ihn be- 
neiden um diese reservirte Stellung, in der er sein Bestes stets 
verdeckt halten muss : aber wer von uns darf es denn ungestraft 
wagen, der Menge auch nur auf Augenblicke einen der tiefsten 
und scheuesten Winkel seines Herzens zu öffnen? . . . 

Hamburg. 27. 7. G7. 

* 

Die Tragödie, fordert Diderot, soll Individuen zeichnen, die 
Komödie, richtiger das Schauspiel, Gattungen. Und doch hatte 
ich neulich bei erneuter Anhörung der Minna von Barnhelm ge- 
rade das entgegengesetzte Gefühl. 

Es gehört die ganze Liebe zu Hessing, die ich besitze, dazu, 
um die Erlaubnis zu haben, den Charakter des Tellheim wenig 
interessant zu finden. . . So liegt ein Fehler darin, dass man Tell- 
heims Charakter, wie L. in dem Titel selbst thut 2 , so kurzweg 
auf den Namen -Stolz' ziehen kann. Die interessanten, der 
Darstellung würdigen Menschenindividuen lassen sich nie so kurz- 
hin unter eine Rubrik einreihen: man muss sie studiren ehe man 
sie kennt: und dann wird man den und jenen Charakterzug ihnen 
vindiciren können, aber einfach registriren kann man das Ganze 
nicht. Ein Buch, ein Roman, ein Drama, aus dem man eine 
Moral in Einem Spruch ziehen kann, ist platt: nichts lächerlicher 
als aus Shakespeares Dramen eine Moral als Quintessenz pressen 
zu wollen! Der Grund ist dieser, dass ein Koman wie. ein Drama, 
denn doch das Leben, wenn auch mit dem Auge des Künstlers 



' Hei Rohde Nr. 4. 

* Das ist wohl t in Versehen. 



Cojjitata lstiT. (Js. 



(d. i. Genies, welches hineinzudringen weiss in das eigentliche 
Heiligste des Lehens, und Gestalten schafft, als wäre es selbst 
der bewegende Geist) also das Leben zuletzt, doch immer dar- 
stellen soll: und was sie dabei als unkünstlerisch abstreifen sollen : 
das ist doch nur das Unwesentliche, aber gewiss nicht das, 
was das eigentliche Wesen der 4 Welt als Vorstellung' 
ausmacht, innerhalb derer sich ihre Darstellung bewegt. Das 
aber ist das Individuelle, die ganz 'incalculable' Mischung 
von warm und kalt, gut und böse . . . 

Der Stolze, d e r Misanthrop, der Geizige, der Edle lauft 
so wenig in der Welt herum, wie der Mensch, der Mann; und 
wenn allerdings die (Platonische) Idee all diesem bunten Man- 
cherlei zu G runde liegt, so soll der Künstler uns doch zuerst 
eine Figur geben die lebt und lebensfähig ist : und das kann 
nur der individuell gestaltete Charakter. Mit alle dem 
soll natürlich nicht gesagt sein, dass dem Dichter eine unlogische 
Charakterentwieklung erlaubt sei, wie das Leben sie -- schein- 
bar wenigstens — bietet: wir müssen die Notwendigkeit der Ent- 
wicklung immer verstehen. Wie er Schönheit, Logik und In- 
dividualisirung zu vereinigen habe, das inuss ihm sein Genius 
sagen: aber warum staunen wir denn Shakespeares Hamlet so 
an, wenn nicht deshalb, weil des Dichters Geist hier der leben- 
erweckenden Kraft des Naturwillens gleichkommt in der Schöp- 
fung einer Gestalt, deren Wesen sich, wie alles Höchste der 
Kunst und des Lebens, eigentlich in nüchterne Worte gar nicht 
fassen lässt ? 2. 10. 67. 

* * 



I S<>8. 

Als Demetrios von Phaleron in Athen eine Volkszählung 
hielt, fand er 21000 Bürger, 10000 Metoeken, 100 000 Sclaven 
(Athen. VI 272 C). Das wäre, nach freilich ganz eignen Grund- 
sätzen angestellt, das Verhältnis etwa zwischen der kleinen Zahl 
derer, die von der Natur zur selbsteignen Lebensführung berufen 
sind, und der grossen tobenden Masse der „ewig Blinden u , der 
zur Sklaverei gebornen , von der Natur mit dem unverkenn- 



« Bei RohüV Nr. 9. 



220 



Anhang. 



baren Stempel der Gewöhnlichkeit gezeichneten. Ich achte zu- 
weilen in vollen Gassen auf den Gesichtsausdruck der vorbei- 
drängenden Mehrheit : Widerwille, Betrübnis ist der stets wie- 
derholte Eindruck . . . Ganz mit Recht zählten die Griechen 
den Mann zu den Weisen, der seine Erfahrung in den Satz zu- 
sanimenfasste : o: izXtlo'oi xaxo*. Ja, „die meisten sind schlecht", 
d. h. wenn nicht gerade immer boshaft und tückisch, doch roh 
und ganz unglaublich beschränkt, dem Thiere gleich mit dem 
Kopf zur Erde gewandt, auf Erhaltung ihres elenden Daseins 
allein bedacht, auch zur Wissenschaft nur befähigt, sofern stumpfes 
Anlernen ihnen später ihren Lebensunterhalt sichert. 5. 7. <>S. 

* * 
* 



1870. 

r. 

Zwei genera der Religion wie der Philosophie giebt es, 
eins, in dem der Mensch, d. h. aber nur sein bewusster 
Theil, sein Intellect. Ausgangs- Mittel- und Endpunct ist, und 
ein andres, das die ganze Welt umfasst, das dem Menschen mit 
dem All Gemeinsame als Grundlage erkennt, den ihm allein eignen 
bewussten Intellect als etwas Nachgeblühtes ; in diesem Sinn ist 
das jüdische Christenthum eine Menschenreligion, die Hegelei 
eine Menschenphilosophie, der Buddhaismus (und die ältere 
Schleiermacherische Religion, in der Gott, als anthropomorpher 
Begriff nur eine relative Stelle findet) 2 eine Weltreligion, Sch[o- 
penhauerj's Philosophie eine Weltphilosophie zu nennen. Wer 
sich nun in die WeHphilosophie versenkt hat, dem ist dann frei- 
lich wohl der Weg zu einer Menschenphilosophie ijtt*lhroinjt(r 
verschlossen. 



Das ist vielleicht Schopenhauers Hauptfehler, dass er im 
ersten Theil seiner Philosophie vom bewussten Intellect als dem 

1 Die folgenden Nummern (4 — l'J) stehn auf kleinen geknickten Brief- 
blättern. niüs>en aber nach der Schritt, wie auf (»rund einiger Datiriingen. 
hierher gerückt werden. Kohdc seihst be/.itTert die einzelnen Abschnitte 
nicht mehr, scheidet sie aber durch Striche und Spatien. 

■ Die Parenthese ist im Mscr. »inten nachgetragen. 



i 
I 



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Cogitata 1870. 



221 



Schöpfer der erscheinenden Welt ausgeht, iin zweiten Theil von 
dieser durchaus im Centrum der Menschenvergötterung wur- 
zelnden Ansicht abgeht und die Welt von innen heraus ver- 
steht und kennen lehrt : ein neues Zeichen, wie schwer es auch 
dem tiefsten Geist ist, seinen theoretischen Menschenstolz ganz 
abzulegen. Seine Grosse liegt im z w e i t e n Theil, so sehr 
auch der erste Theil sich durch schärfere, formirte Logik aus- 
zeichnet : die Welt ist eben nicht durch den Intellect ge- 
schaffen und nicht für den Intellect da: daher denn alle tiefsten 
Anschauungen einen Beweis schlechterdings nicht »vertragen 1 , 
ja, um solche zu sein, gar nicht vertragen dürfe n. 

iL 

Eine befriedigende Philosophie soll gar nicht durchaus auf 
Beweisen ruhen. Sie soll nicht sagen können: alles was ich 
lehre, kann ich dem rechnenden Intellect vorrechnen : ihr muss 
genügen, wenn sie ihre Gegner auffordern kann, siegesgewiss 
auffordern kann, ihr, in ihren Lehren, Widersprüche gegen die 
Berechnungen des Intellects aufzuweisen. Im Uebrigen hat sie, 
wie die Religion, sich an die Gläubigen zu wenden: ,,wer es 
fassen kann, der fasse es u . Die Religion ihrerseits ist nun selbst 
dazu nicht verpflichtet, Widersprüche gegen die Logik des be- 
wussten Intellectes zu vermeiden. 

* * 
* 

7. 

Vom Wesen des Tragischen kann man vieles, und auch 
viel verschiedenartiges, aber gleich wahres sagen. Das wesent- 
liche ist denn doch dies : das eigentlich Tragische beruht in der 
Darstellung der Doppelnatur des Menschen als Individuum und 
als Theil des Ganzen. Sein G 1 ü c k ruht auf der individuellen 
Seite. Ist nun aber ein Individuum auserkoren, die Zwecke des 
Ganzen zu fördern . so wird das fast stets mit seinem persön- 
lichen Untergang enden. Ein edles Individuum also, in diesen 

1 Vgl. oben S. .">T l . Der Gedanke kehrt in der Correapondenz noch 
öfter wieder. Seine wissen.schaftlichen Arbeiten hat K. im Ganzen die- 
sem Gebiet der »Ahnung- fern gehalten, gelegentlieh scheut er sieh aber 
nieht. seine Leser auch in solche »Tiefen« blicken zu lassen, /.. 13. in den 
Bemerkungen Ober Fintel de Coulange* s. oben S. 211*. 



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222 



Anhang. 



Zwiespalt gestellt, bald vom wehenden Hauch der grossen Be- 
geisterung erhoben, dann wieder in sein individuelles Empfinden 
zurücksinkend, endlich, seinem Einzelglück verzweifelnd entsa- 
gend, willig zum All-Einen heimkehrend: das ist der Stoff der 
wahren Tragödie. — Die erkennbarste, ergreifendste Tragik ist 
daher das L i e b e s s t r e b e n , das den Einzelnen zur höchsten 
Erfüllung des Weltwillens treibt, sein eignes sichres Glück aber 
dabei achtlos, ja höhnisch zertritt. Daher denn nicht nur so 
sehr viel Dramen das Liebesstreben zur Grundlage haben, son- 
dern das griechische Drama seinen Ausgang durchaus in 
«lieser schwellenden Liebessehnsucht hat, der gross und tief ge- 
fassten Liebessohnsucht der ganzen Natur im Frühjahr, deren 
Verkörperung dann Dionysos ist. In diesem Sinn ist die erha- 
benste, die Griechen fast übergriechende Tragödie K 1 e i s t's 
1* e n t h e s i 1 e a. 

Zu andern . das Individuum erdrückenden Zweckaufgaben 
des Gesamiutwillens gehört offenbar ein G 1 a u b e an bestimmte, 
sittlich begründete Zwecke des Ganzen (wahrend die durch 
die Liebe bezweckte Propagation noch keinen andern Zweck 
des Gesammtwillens andeutet, als den der blossen Existenz). 
Daher denn solche Dramen zu irgend einer m y t h o 1 o g i s c h en 
Voraussetzung gerne greifen : als welcher wir uns leichter und 
lieber ergeben , als einer mit der Priitension reiner philosophi- 
scher Erkennbarkeit auftretenden. Treffliche Heispiele für diese 
Art sind der Hamlet und Schillers gar nicht hinreichend zu preis 
sende Jungfrau von Orleans. 



s. 

Die tragische Ironie besteht darin, dass der tragische 
Charakter seine persönlichen, glücksuchenden Bestrebungen 
zu betreiben meint, wo er vielmehr, blind und eifrig, den Ab- 
sichten des Gesammtwillens dient, denen er und sein Einzelglück 
erliegen wird. Auch hier ist die Liebe das klarste Beispiel: 
tragische Ironie ist es, wenn der Wille dem Liebenden in der 
Befriedigung seiner Sehnsucht ein persönliches, unendliches Glück 
vorspiegelt , da doch diese Befriedigung nur den Zwecken des 
Willens gilt. — Den Ausdruck Ironie wendet man darum pas- 
send an, weil es eine seltsame, aber leicht sich einschleichende 
Vorstellung ist, dass der Wille, wenn er uns zur Befriedigung 



Cogitata 1870. 



223 



seiner Zwecke durch die V o r sp i eg e 1 u ng individueller Ab- 
sichten treibt, sich dieser Täuschung als solcher bewusst sei. 

'Pantheismus' ist darum ein so völlig sinnloses Wort, 
weil tfsl; eben stets und überall nichts ist. als der zur Person 
hypostasirte BegrirT des Menschen, der 'Pantheismus' alter eben 
nicht den Menschen zum Centrum und zu der letzten eigent- 
lichen Absicht der Welt macht, sondern ihn in Zusammenhang 
des All, als Mittel zum Zweck, so gut wie alles Andre, begreift. 
So streift er (was den Einzelnen dann freilich nur in erleuch- 
teten Momenten gelingt, aber doch stets als Ziel vor Augen 
bleibt) in seiner Vorstellung der weltbildenden Potenz das spe- 
ci fisch Menschliche |d. h. den ihm allein eignen bewuss- 
ten Inte licet) nach Kräften (und in der Theorie gänzlich) 
ab: womit dann eine H vpostasirung dieser Potenz zu einem 
Unsinn wird. 

* * 
* 

m. 

Der erste Begründer der oben [-/] charakterisirten -Menschen- 
philosophie' dürfte Anaxagoras sein mit seinen schöpferischen 
wj». Ihm folgt, mächtiger wirkend, Sokrates, dieser Philo- 
soph des Bewusstseins. Sehr charakteristisch ist, dass Euripides 
(cf. Troad. 8HC> f.) 1 , der mit Sokrates so eng verbundene, ein 
Schüler des Anaxagoras heisst. — Die vorsokratischen Philo- 
sophen haben sonst die schönsten Ansätze zur Weltphilosophie. 
. . . Man könnte also von S o k ra t es , mit Parodie des bekannten 
Spruchs des Cicero, sagen, dass er die Philosophie vom All der 
Natur zum Menschen herabgefiihrt habe. 

Nach Sokrates bildet sieh im Griechenthum immer mehr 
eine einseitige Richtung auf das Bewusst e aus, mit gänzlicher 
Verwerfung alles I n s t i n e t i v e n : diese, mit ganz hellenischer 

1 Die l\i tvuth. se i,t im Mser. oben naehget ragen; es ist «Ii.- WMunte 
Stelle 7.5»;, 8--:' dvdYxr, v'^io; iizt vvl; ppotwv. 



224 



Anhan<;. 



Virtuosität gepflegte Richtung giebt, fürchte ich, für das ge- 
wöhnliche Bild vom Hellenentlium ein zu starkes Ingrediens ab. 
Heftigster, einseitigster Vert heidiger dieser Tendenz gegen ein- 
brechende, neue, auf Wiedererstarkung des unbewussten Ver- 
mögens begründete Richtungen ist L u c i a n. 

12. 

Wie verständlich ist es, dass mit der Ausbreitung der So- 
matischen Richtung die Tragödie verstummt! Denn sie ist 
die erhabne Darstellung der geheimnisvoll despotischen Macht 
des 'Unbewussten', dem Intellect Abgekehrten über das, im 
Lichte des Intellects wandelnde Individuum. Daher denn mit 
Euripides das I n t r i g u e n s p i e 1 beginnt, d. h. diejenige Art des 
Dramas, die sich ganz im Gebiet der Kämpfe von Intellect 
gegen Intellect hält. Kurz gesagt: Tragödie ist der Kampf 
des Individuums mit dem allumfassenden Weltwillen, das Intri- 
guenspiel (mit heiterem oder traurigem Ausgang) der Kampf 
bewusster Individuen unter einander. Damit ist dann ja wohl 
deutlich gesagt, was die Tragödie scheidet vom Rührstück, 
dem s.g. bürgerlichen Trauerspiel 22. Juni 70. 

* * 
* 

Li. 

Im Gegensatz zur vulgären, täglich auf den Gassen und in 
den Lehrsälen zu hörenden. Ansicht könnte man gradezu be- 
haupten, dass diejenigen Völker, die, w ie die Aegypter und In- 
der, im Thi er e die Gottheit verehren, tiefere Religiosität 
zeigen, als die Israeliten, die nur in der Menschengestalt die 
Gottheit erkennen und verehren. Jene thierverehrenden Nationen 
fühlten nämlich tief und richtig, dass das Ehrwürdige, Bleibende 
Schaffende und Erhaltende n i c h t im denkenden Vermögen liegt, 
sondern in jener unbewussten Kraft, die im Thiere zwar nicht 
reiner vorhanden ist, als im Menschthier (mit Burckhardt 
zu reden) auch, aber, ungestört durch altkluges bewusstes Denken 
und Wissen, sich in ihnen reiner darstellt, unbefangener, 
naiver wirkt. 21. Juni. 



1 Angeschlossen u. A. das S. 4(> erwähnte Citut aus Wilhelm Meister. 



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Cogitata 187«). 



2:25 



II. 

Als letzten Zweck alles Seins und Wirkens des Menschen, 
aller ihrer instinctiven und. vom Instinct, freilich auch regirten, 
bewussten Bestrebungen können wir, wenn wir ehrlich sein wol- 
len, doch nichts als die Existenz, die möglichst erträgliche 

Existenz der Menschheit erkennen Bedenklich bleibt nun 

freilich, dass man in dieser Existenz voll Qual und Herbigkeit, 
den letzten Zweck alles Ringens und Mühens erkennen soll. 
Daher denn einerseits, bei ehrlich unbefangenen Naturen, bittrer 
Pessimismus , bei unklar bänglichen Seelen das Hinausschieben 
des Zwecks. . . Es bleibt wohl nur Eine Mitte : ein individueller 
Pessimismus, d. h. eine pessimistische Auffassung der Einzel- 
existenzen, aber eine, wenn man will, vertrauensvolle, wenn man 
will, rein resignirte Stimmung in Bezug auf die Gesammtexistenz 
des Ganzen, für die vielleicht die Begriffe gut und böse, 
elend und glücklich ganz wegfallen, und die wir 
keinenfalls zu überblicken im Stande sind . . . 

* * 

* 

j:>. 

Begnügen wir uns einmal damit, die Existenz als letzten 
Zweck zu fassen, so finden alle unsre Instincte, und namentlich 
die moralischen (als wie die nicht dogmatischen unter den 
zehn Geboten) ihre volle Erklärung: sie treiben uns sämmtlich 
an, die beste Existenz der Gesa m m t h e i t nicht zu 
hindern oder gar zu fördern . . . 

* 

Vi. 

Die SpwjiEva , die bildlichen Darstellungen an den griechi- 
schen Mysterien, hatten den, wenn nicht bewussten, doch sicher 
richtig empfundenen Sinn , dass ein religiös-metaphysischer In- 
halt, als durchaus nicht auf Begriffen beruhend, sondern auf 
der reinen Anschauung des AllEinen, auch nicht durch Begriffe, 
d. h. durch Worte mittheilbar sei, sondern, wodurch er ent- 
standen war, durch Anschauungen. Daher denn nichts glaub- 
licher ist, als, worauf ja auch alles führt, dass die Äeyöjisvx der 
Mysterien sehr geringfügig und nebensächlich waren. 



C r 11 « i 11 » , V.. KhIkI«-. 



15 



Anhang. 



17. 

Uebrigens wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, ob 
nicht das griechische Drama, statt in den üblichen Fabeln, viel- 
mehr in der Darstellung der Mysterien seinen Ursprung- habe. 
Seltsam wäre ja, wenn dem nicht so wäre, da in dieser Dar- 
stellung schon vor der Einführung des Bühnendraraas, eine voll- 
ständig entwickelte dramatische Vorführung fremder Leiden und 
Thaten ausgebildet war. — Sollten also die axT,/^ aus der Dar- 
stellung der Priester, der Chor aus der schauenden Gemeinde 
der My sten hervorgegangen sein, die in Eleusis wie im Theater 
nicht ganz müssig war, aber mehr den Stimmungen als den 
Thaten Verkörperung gab? 20. Juli 70. 



I*. 

Das ist das grosse Wesen der echten Tragödie, dass es so 
viele differente Deutungen zulässt, von denen jene wie diese 
gleich richtig sein mögen: freilich wohl nicht gleich tief, wie 
denn auch das Weltall von vielen Seiten betrachtet werden darf, 
ohne dass doch die subjectiv gleich berechtigten Standpuncte 
objectiv von gleichem Werthe wären . . 

* * 

1871. 

l'J. 

Eigentlich geht es uns beim Aufnehmen eines tief rühren- 
den und ergreifenden Kunstwerkes, wie den Weibern des Achill: 
sie weinten um den Patroclus IläxpoxXov rpo^paoiv, o-^wv gVjtöjv 
y.i,Zi i-/.£<rzr i (II. T 302). Optimistische Flachköpfe können da- 
her nie wirklich tragisch ergriffen werden. 26. Mai 71. 

1870. 71. 

Die 'Jetztzeit' hat ein vortreffliches Mittel gefunden, sich 

' Es folgen Sehopenhauerisch gefärbte Betrachtungen über bildende 
Kunst und 'Sprichwörter aus italienischen Novellen (Bandello) und aus 
Arnold'« 'Pfingstmontag', auf den R. wohl (Jotthe geführt hatte, mit 
dem Datum fS. Aug. ?U. 

'•' Die folgenden Bemerkungen 20 ff. schliefen mit späterer Schrift 
(■/.. Th. mit Daten) an die Notiz, vom T> VII OS in dem (^uartheft an. Die 
eivten Nummern werden aus dem Jahr 1S70 oder 1S71 stammen. 



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Cogitata 1870. 71. 



227 



der Dankbarkeit, der staunenden Verehrung gegenüber dem G e- 
n i u s zu entschlagen, wenn sie ihn nicht länger secretiren, igno- 
riren, fortverläumden, 'widerlegen', 'vernichten' kann: er wird 
'historisch deducir t\ besser noch 'historisch co n- 
struirt'. Damit ist dann alles in Ordnung und besagter Ge- 
nius kann dann ruhig reponirt werden. Mir schwant's, als ob 
diese herrliche Zeit nächstens auch für Schopenhauer und Wag- 
ner gekommen wUre. 



XI. 

Wagner ist der Michel A n g e 1 o der deutschen Mu- 
sik : ein Riese an Haupt und Gliedern, ein Titane an Kraft und 
Vermögen ; in seiner Vollendung als Individuum vollgerechtfertigt, 
unbestreitbar, aber ein wahres 'Individuum', streng gegen Andre 
abgeschlossen, das subjectivste aller Kunstwesen. Wenn daher 
solchem ganz besonders gearteten Riesen die kleinen nach- 
eifern wollen, giebt's ein sonderbares Schauspiel: sie platzen, 
wie der Frosch in der Fabel. Und doch reizen gerade solche 
heroische Eigentümlichkeiten am allerstärksten zu solch ver- 
hängnisvoller Nachahmung ! 



XX. 

Das C 1 a s s i s c h e . im Gegensatz zum Romantischen, 
möchte wohl eigentlich darin bestehn, dass der 'classische' 
Künstler mit ungefärbtem, reinen Sonnenauge die Dinge sieht, 
wie sie sind, d. h. wie sie, aus den reinen, ursprünglichen Be- 
dingungen menschlicher Anschauungsnothwendigkeit und den 
dieser zum Stoff ihrer künstlerischen Thätigkeit gegebenen Be- 
dingungen (a posteriori) sich zusammensetzen: während der Ro- 
mantiker alle Aussenwelt erst in dem Spiegelbild seines wunder- 
lich gefärbten eignen 'Gemüthes' zu erkennen und auffassend dar- 
zustellen vermag . . . Die vielen Personen, in die er — in seinen 
Werken - sein reiches Wesen zersetzt, sind doch im Grunde nur 
das vielfach gebrochene Licht seines eignen Herzens und Sinnes. 
Eigentlich nur vertragen wir Modernen — richtiger: interessiren 
uns nur solche 'subjectiv' gefärbte Bilder des Abglanzes der 
Welt. Schon die Alexandriner mögen in diesem Sinne 
romantisch genannt werden. Ein Grund übrigens , diese 

15* 



Anhang. 



beiden Arten der Dichter gegen einander abzuschätzen, liegt 
nicht vor: seltener sind freilich die classischen. 



2S. 

Welch' tiefen Grund mag es haben, dass man hell und klar 
einsehen kann : selbst die freie, wohl erwogene Philosophie, 
in deren Lichte Du die Welt erblickst, ist im letzten Grunde, 
nach der Art menschlichen Erkennens, nicht viel mehr, als eine 
Allegorie, ein M y t h u s : und gleichwohl bei dieser schein- 
bar demüthigenden, die Wahrheit der betreffenden Philosophie, 
neben so vielen andern Mythen verdächtigenden Erkenntnis, 
ohne doch ermüdet zu seyn, sich beruhigen kann?' 

* * 

* 

#4. 

Das mag wohl der schlimmste Zeitpunkt der Welt seyn. 
wo die Menge nicht mehr fähig- ist, zu glauben. Denn yO.i- 
aotfov TzXifooz eivat aSuvaiov. Wenn also die Autorität ihnen 
schwindet, wer wehrt der mühsam, bis hierher, gezähmten Bestie 
in eben diesem "Äf^O-o;?! Gerade so weit aber sind wir in der 
herrlichen •Jetztzeit' gediehen : das Schicksal bewahre die 'Fol- 
gezeit' ! 

* * 
* 

. . . Wirklich empfinde ich, der Schopenhauerschen Philo- 
sophie gegenüber, ganz die siegreiche Zuversicht , die uns ein 
tiefsinniges Kunstwerk gieht * : gar nicht eine logische 
Ueberzeugung von der Unbestreitbarkeit, sondern die Gewissheit, 
dass solch ein Kunstwerk zu bestreiten, so wäre, als wollte 
ich mit einem Messer das Wasser in Stücke schneiden. Die 
Einsicht, dass noch gar viele Kunstwerke, vom Wesen der Welt 
erzählend, wahr sein könnten, ohne dass dieses darum we- 
niger w a h r wäre. Kurz, diese Wahrheit ist eine funda- 
mental verschiedne von aller ..wissenschaftlichen" Wahrheit. 



1 Vgl. oben S. 26. Eine- Fortsetzung dieses »Jedunkens unter Nr. '25. 
* Ein Weitei>iiinnen des Gedankens von Nr. 2:5. 



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Cogitatn 1871. 72. 



229 



1872». 

Man empfindet erst das Grosse, das in dem Spruche des 
Sokrates vom Nichtwissen, vom Wissen d e s N i c h t- 
wissens liegt, wenn man sieht, wie schwer es ist, unsern na- 
turwissenschaftelnden Welterklärern zum Bewusstseyn zu bringen, 
dass wir, nach Reducirung der coiuplicirtesten Erscheinungen 
auf die einfachsten 'Kräfte', ja auf die 'Kraft', den 'Stoff 
an sich, noch immer vom Wesen der Welt eigentlich nichts 
verstanden haben. Jene meinen damit dann das letzte 
Rüthsei gelöst zu haben ! Nun bringe Einer aber das philoso- 
phische fraüua diesen Seltsamen bei, denen, ihrem Instincte nach, 
eigentlich alles 'selbstverständlich' ist! 



Das Porträt, als Kunstleistung, ist vielleicht die höchste 
Schöpfung der bildenden Kunst : es hat die schwierigste Aufgabe, 
eine Idee des Individuums darzustellen, also eigentlich einen 
Widerspruch in sich. Der Porträtbildner soll in Einem Abbilde, 
nicht eine momentane Darstellung des empirischen Charakters, 
sondern einen Abglanz des i n t e 1 1 i g i b 1 e n Charakters vor 
des Beschauers Augen stellen. Welche Feinheit der Beobachtung, 
welche geniale D i v i n a t i o n erfordert es, weder ins Leer- 
idealische, noch in die Fixirung des Augenblicks zu gerathen, 
sondern z. B. denjenigen (mit Lichtenberg zu reden) pathogno- 
misehen Ausdruck des Darzustellenden aufzufassen, ja aus 
tausend Momenten zu c o m b i n i r e n , der eben diesen intelli- 
gibeln Charakter am reinsten und intensivsten zur Anschauung 
bringt. Sähen wir nicht dieses Wunder in herrlichen Porträts 
von Tizian's, Van Dyk's, Rubens', Raphael's Hand (viel weniger 
gehören Bilder von Holbein, Dürer etc. hierher, oder ältere 
Italianer), wir würden diesen unglaublichen Vorgang für unmög- 
' lieh halten; und doch empfinden wir, im Gedanken an solche 
Meisterwerke, die Kraft solcher Genialität vor der glücklichsten 
Photographie, die immer ein Augenblicksbild bleibt. — 
Liegt nicht hier ein Schlüssel zu der verborgnen Aufgabe der 

' Das Fol «muh* M-ln-int sich nach Tinte und Schrift vom Vorher- 
gehenden etwa-, alr/ulii'bt'n und an den nächsten datirten Aphorismus 
anzuschließen. 



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230 



Anhang. 



Kunst, der bildenden im Besondern? Was bei dem Porträt 
auf der Hand lieget, ist wohl ihre Aufgabe überhaupt: nicht zu 
verschönern, die Natur gewissermassen zu steigern, son- 
dern, im individuellen Typus, den intelligibeln Charakter 
des Dargestellten zur Erscheinung zu bringen, und so, was der 
Natur selbst nur in weit auseinander gezogenen Scenen succes- 
sive und mangelhaft gelingt, in Einer eixwv zu erreichen. Es 
siegt im Menschen-Genius die Natur über sich selbst ! 



1873. 

*.s. 

Die Empfindung für L a n d s c Ii a f t s s c h ö n h e i t ist zu 
vergleichen dem Lauschen auf das seltsam vieldeutige Brausen 
und Klingen einer Aeolsharfe, Auf ihr wühlt eine bewusstlose, 
verständnislose, zwecklose Kraft: einen Sinn, ein tiefes Klagen, 
ein seufzendes Sehnen hört erst der Mensch heraus, der im 
eignen Herzen mitsingt. Wie das eigentlich Schöne, so sieht 
auch das Rührende, Bedeutende, symbolisch Erregende erst der 
bewegte Mensch in die Landschaft hinein. 12. 1. 73. 



Warum billigen wir in solchen Dichtungen wie : Antigone, 
Faust, Tannhäuser u. dgl. beide Seiten der im Conflict liegen- 
den Mächte? Warum jauchzen, jubeln, leiden und triumphiren 
wir mit der schrankenlos befreiten Individualität des edlen lei- 
denden Helden, können aber nicht anders, als seine Bestrafung, 
Vernichtung von Seiten der geordneten Welt gerecht, ge- 
rechtfertigt zu finden? Ist es nicht, als ob es zwei Weltord- 
nungen gäbe, als ob unsre (hier strafende, sich strafend behaup- 
tende) Welteinrichtung zwar bei der mangelhaften Beschaffenheit 
des Menschengeschlechts gut, weise, nothwendig, geheiligt sey, 
eigentlich aber nur ein Kind der Noth, des Bedürfnisses, dem, 
in völlig edlen Individuen, ein freier Selbstbestiin- 
mungstrieb sich entgegenstellen dürfe, der zwar die also Be- 
freiten zur gewaltsamen Ausscheidung aus dieser Ordnung der 
Noth zwingt, aber in deren erhabenem Untergang uns einen 
Blick, wie durch zerreissende Wolken, in einen tiefen goldnen 
Himmel einer höheren Welt eröffnet? Es ist wohl etwas 
daran, wenn Mystiker behaupten, für den Keinen und Heiligen 



Cogitata 1878. 



231 



gelten die sonst unerschütterlich gültigen Gesetze dieser gegen- 
wärtigen Sittenordnung nicht: aber, bei praktischer Befolgung 
solcher Lehren ist die Gefahr der falschen Auswahl solcher 
'Heiligen' unendlich gross: wir sollen wohl den seligen Zustand 
höchster, schuldreiner Freiheit nur im verklärenden, für Momente 
uns hoch erhebenden Bilde schauen! 



„Das unterscheidet Götter von Menschen, dass viele Wellen 
vor jenen wandeln; uns hebt die Welle, verschlingt die Welle, 
und wir versinken. u Unübertrefflich! Aber auch uns Armen hebt, 
in glücklichsten Stunden, im Genüsse seiner Kunstwerke, der 
Genius (der künstlerische wie der philosophische) mit feurigen 
Annen aus dein ewigen Meere empor: dann sehen wir, selig 
unbewegt, das herrliche Schauspiel dieses Wellenspieles, von 
Noth und Angst befreit, „vor uns wandeln": in solchen 
Momenten sind wir, wie die Götter! Und solche höchste Wohl- 
thäter sollten wir nicht heroisch verehren?! . . . 



.77. 

Es ist mir, bei der Leetüre von H. Dixons X<ir Ahmt im 
und 'Seelenbräute 1 aufgefallen, wie unmöglich es sei, solche, 
wie es scheint im menschlichen Wesen tief wurzelnden Triebe, 
die namentlich im Shakerthum sich zeigen, aus irgend einem 
Deismus, überhaupt anders als aus einem entschiedenen Pantheis- 
mus zu erklären. Man beachte die abscheuliche Unklarheit 
und Oberflächlichkeit in der Darstellung des natürlich 
rein theistisehen Engländers! Januar 73'. 

Ein Grund für die lange Beibehaltung überlieferter 
Stoffe in der Dichtung der Griechen und mittelalterlichen 
Völker, der Scheu vor Einführung selbst erfundner Stoffe 
lag wohl in der (unbewussten) Empfindung, dass eine selbst ge- 
schaffene Geschichte, vornehmlich wenn sie, wie die meisten 

1 Das Datum hat Kohde mit Bleistift später nachtet ragen; er muss 
auf die Notiz und ihre Furmulirnng Werth gelegt haben. 

* Das Folgende auf anderm Papier, mit andrer Tinte und Schrift. 



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Anbang. 



Begebenheiten dieser 'besten Welt' auf ein traurig-schmerzliches 
Ende hinausläuft, entweder ein herbes Gefühl von der schreck- 
lichen Irrationalität dieses irdischen Weltlaufes hinterlässt, oder 
uns mit einem kunstvoll gebauten, nach Ursache und Folge, 
Schuld und Strafe absichtsvoll und klar gegliederten Lebenslaufe 
durchaus aus dem Lande der Dichtung hinausärgert. Eine ur- 
alt überlieferte , von vielen Geschlechtern liebevoll, wie eine 
Offenbarung ältester Weisheit gepflegte, allmählich autorlos 
gewordene Erzählung kann uns das Schrecklichste ohne juristisch- 
poetische Zugabe einer s.g. l Gereehtigkeitslösung ? vortragen; 
wir nehmen es, erschüttert und zu tiefem Sinnen ergriffen, den- 
noch hin, wie einen furchtbaren Vorgang des wirklichen Lebens 
selbst, ohne Weigerung, wie einen Einblick in ein räthselhaftes 
Treiben, dessen gewaltige Harmonie wir mehr ehren als ver- 
stehen. Was aber aus einem einzelnen Mensehengehirn eben 
neu und willkürlich herausgesponnen wird , daran ertragen wir 
das furchtbar Fragmentarische, höhnisch Harte, grundlos Schreck- 
liche nur mit Widerstreben . . . Wenige auch vermöchten es, 
eine so ganz unerklärlich schreckliche Erscheinung, wie sie das 
Leben so vielfältig durbietet, ohne Weiteres, d. h. ohne Ein- 
setzung eines raisonnabeln Räderwerkes von treibenden Gründen, 
in einer Nachbildung hinzustellen. Der Mensch kann schwer 
seinen angeborenen C a u s a 1 i t ä t s s i n n soweit verleugnen, 
dass er, wenn ihm selbst die Aufgabe zufällt, ein Stück Lebens 
zu erfinden, in diesem abgebildeten Stücke nicht eine Cau- 
salität spielen Hesse, die in den Ereignissen des wirklichen 
Lebens so nicht vorhanden ist: nämlich eine Causalitäts- 
Wirkung moralischer Ursachen auf äussereEr- 
e i g n i s s e. Er sucht in der ganzen Welt eine solche (Kau- 
salität, und nennt das, was er dafür hält, Got t. In alten Volks- 
überlieferungen erträgt man diese naiv oder tiefsinnig wirkende 
Gottes-Causalitüt wohl ; schwer in willkürlichen Erfindungen des 
Einzelnen : als wo eine grosse Weisheit erforderlich wäre, um 
solches eigentlich unkünstlerisehe (von der reinen Lust am Be- 
trachten der Erscheinung ablenkende) Causalitätenspiel in eine 
künstlerische Sphäre zu erheben. Den eignen Erfindungen, in 
Specie dem Roman, klebt wesentlich stets eine Tendenz, 
etwas Didaktisches an. das dem reinen Kunstschaffen 
im Wege steht. — Wir ertragen, bei eignen Erfindungen dich- 
terischer Art, weder wenn der Dichter, dem Leben gleich, das 
Räthsel als Räthsel stehen lässt. noch wenn er uns eine Lösung 



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Cogitata 1«73. 



233 



in die Hand giebt, deren Unzulänglichkeit im Vergleich mit der 
tiefsinnigen Wirklichkeit wir wohl empfinden 17. 5. 73. 



.7.7. 

Die sonderbaren •.Geschichtsphilosophen 4 *, die den Genius 
aus dem Gähren und Gebaren der vielen Mittelmässigen hervor- 
gehen lassen! Ich sehe die Sache umgekehrt: der Genius 
formt seine Zeit, nicht die Zeit den Genius. Tritt der 
Genius unter die Menschen, so wirkt er in langen und weiten 
Kreisen, zur Xacheiferung antreibend, nach, wie der Stein, der 
ins Wasser iiel. Haben etwa die Wasserkreise den Stein zum 
Hineinfallen gebracht, nicht vielmehr der fallende Stein die 
Wellen und Wasserkreise hervorgerufen? 

• >'/. 

Es giebt Gesichter, bei denen eine etwas lebhaftere Erre- 
gung nicht den Charakter erschliesst. sondern ihn wie zu mas- 
kiren dient: z. R. Gut sc hm id. 17. 5. 73. 



Das Paradies, eine goldne Zeit, stand vermuthlich nicht in 
dem Beginne unsrer menschlichen Geschichte wie mit den 
Hebräern auch die tiefsinnigen Griechen glaubten: sicher aber 
steht es auch nicht an ihrem Ziel und Ende, wie unsre biedern 
Tageshelden meinen , denen jede zweckmässigere Einrichtung 
äusserer Dinge ein 'Fortschritt" zu diesem Paradiese, jede wei- 
tere Entfesselung zu geistiger Zügellosigkeit eine 'Errungen- 
schaft' heisst. Die G e s c h i c h t e sollte die Herren «loch eines 
Bessern belehren in dieser Zeit der -Historie und Kritik' ! 



Betrachtet man die erstaunlichen Befreiungsthaten auf gei- 
stigem Gebiet am Ende des vorigen Jahrhunderts : die Abwer- 
tung künstlerischer, faul gewordener Routine durch Winkebnann, 
die fanatische Predigt eines Rousseau gegen eine unselige, von 
den Ahnen ererbte, kranke Verbildung in allen Dingen. Kants 
philosophischen Drachenkampf, seine fast übermenschliche (ei gen t- 



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Anhang. 



lieh zu verstehn) Erkenntnisthat: dazu die positiven Neuschöpf- 
ungen, die ersten Boten einer neuen Zeit: Goethe's unerhörte, 
eine neue Welt ankündigende Dichtung und Dichterexistenz, 
Beethovens, Mozarts Musik, und so vieles andre — so begreift 
man wohl, dass jene Recken eine abgelebte Zeit zu Grabe trugen, 
eine neue in's Leben führen wollten : und i h r Prophet war 
vor allem Schiller. Daneben aber empfindet man es schmerz- 
hch, wie seitdem keineswegs, nach vulgarer Meinung, die geistige 
Erhebung nun immer rüstig weitergegangen ist ; vielmehr ist 
eine schreckliche Erschlaffung eingetreten : wir standen 
am Morgen einer neuen Weltcultur, die es vielleicht mit der 
griechischen aufgenommen hätte ; aber ein trüber Regen fiel ein 
und verschleierte Alles. Jene Helden wollten uns eine neue 
Bildung bringen : und über Nacht haben wir nichts als eine 
neue Politik daraus gemacht ! 

Hat die Ermattung durch die französische Revolution und 
die daran geschlossenen langen Kämpfe dazu beigetragen? 

19. Mai 73. 



.77. 

Der (oft übertriebenen) Sucht, dem Gange der menschlichen 
Bildungsgedanken und Künstlererfindungen einen Weg histori- 
scher Weiterer bun g, statt, eines mehrmaligen spontanen 
Entstehens nachzuweisen, beruht doch auf dem sehr richtigen 
Gefühl, dass nichts auf der Welt seltner sey, als die Erfin- 
dung von etwas wirklich Neuem auf geistigem Gebiete : 
welche Erfindung man daher möglichst selten und sparsam sich 
eintretend denkt, 19. Mai 73. 



.V.s. 

1 Un sie moderne 'sentimentale' Naturbetrachtung 
enthält, so scheint es, stets ein allegorisches Element, welches 
in der Gestaltung und Thätigkeit der Natur eine Parallele 
zum Menschendasein empfindet. Dies ist es wohl eigentlich, 
was uns bei solcher Betrachtung oft so stark zu rühren vermag. 
— Es liegt darin, recht verstanden, eine Art formloser My- 
thologie, die sich nun freilich zur ächten plastischen Mytho- 

1 Das Folgende mit feinerer Schritt, offenbar einige Zeit spater. 



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Cogitata 1873. 



235 



logie verhält, wie das Rauschen der Aeolsharfe zur fest gebil- 
deten Melodie. 



Wenn wirklich die bildende Kunst es mit einer Darstellung 
des Gattungstypus (= toect) zu thun hätte, so iuüsste sie 
ja, genau genommen, am letzten Ziele einmal in Einer Figur 
ihre höchste Aufgabe erreichen und erfüllen können. Jeder fühlt 
das Unsinnige dieser Consequenz. — Nein, man kann, in einem 
tiefsten Sinne, sagen : jndchrmu est multiforme, und zwar seinem 
Wesen nach, im Gegensatz zum Einen, philosophisch ergreif- 
baren Wesen der Welt. 

* * 
* 

fo. 

Poetische Gleichnisse haben darin ihre Kraft, und ihre 
oft begeisternde Wirkung, dass sie nicht nur zu der mensch- 
lichen Handlung ein Aehnliches aus andern Kreisen der 
Natur hinzubringen und danebenhalten, sondern geradewegs die 
Gleichheit der eigentlich wirksamen Kraft in dem 
menschlichen und dem damit verglichenen Vorgang aus der wei- 
tern Natur, etwa den [A£t£<opx, dem Leben des Wassers, der 
Thiere, empfinden lassen. Verglichenes und Gleichendes ver- 
halten sich zu einander wie concentrische Kreise 1 . 

20. Juli 78. 



41 a . 

Das beste Instrument der Erinnerung ist vielleicht der Ge- 
ruchssinn. Ich erinnere mich bei bestimmten Gerüchen sofort 
alter Zeiten, bestimmter Geistlichkeiten und der Ereignisse und 
Stimmungen, die sich an sie knüpfen. Z. B. ein bestimmter 

1 Ein Gedankengang (vgl. auch Nr. 38), auf dem Kohde «ich (schwer- 
lich zufällig, ts. oben S. 17) den Anschauungen G. Tu. Fkchnkks nähert, 
vgl. dessen Zend-Avesta II' S. 14 ff. — Heiläufig sei hier an die wunder- 
lichen Phantasien Kreimers von einem zukünftigen 'höheren Menschen' 
erinnert. Zend-Avesta II S. 193 ff. "JUG. 

s Wie Kolide hier einen Schopenhauer'schen Gedanken (Parerga 
S. 353) weitfi-sninnt und mit italienischen Erinnerungen verbindet, das 
schien interessant genug, um im Auszug initgetheilt zu werden. 



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236 



Anhang. 



moderiger Geruch ruft mir stets Hansen's Vordiele in Wandsbeek 
und damit eine ganze Reihe von Erlebnissen und Träumen 
einer seltsamen Jugendzeit zurück ; ähnlich erinnert mich ein 
gewisser Geruch frischer und feuchter Bretter an Jena usw. 
. . . . Die katholische Kirche weiss übrigens sehr wohl, was 
sie thut, wenn sie die Empfindung einer gewissen mystischen 
Erhebung mit dem starken W e i h r a u c h d u f t, den sie bei 
der Messe aufsteigen lässt, so unauflöslich im Gedächtnis ver- 
bindet, dass man durch jenen sonderbar erregenden Duft stets 
wieder in jenes Gefühl einer geheimnisvoll süssen, halbreligiösen 
Träumerei unwillkürlich emporgehoben wird. 2<>. August 73. 

* * 
* 

42. 

Sehr charakteristisch, und wie von einem instinctiven Ge- 
fühle des wirklich bezeichnenden eingegeben ist der Gebrauch 
unsrer bunt aus allen Sprachen zusammengewürfelten Kunst- 
sprache, wonach sie das 'Realistische' aus dem Lateinischen 
das 'Idealistische 1 aus dem Griechischen herübergenommen hat. 

4.1. 

Je genauer, tiefer und intimer Einer eine fremde Sprache 
versteht, ja zu empfinden lernt, desto weniger wird er ge- 
neigt und geschickt weiden, Dichtungen oder prosaische Werke 
aus jener Sprache in die eigne zu übersetzen. Er wird, 
viel tiefer als ein oberflächlicher Kenner, das ganz Specifische, in 
keiner zweiten Sprache wiederzugebende vieler und gerade der 
besten Ausdrücke jenes fremden Idioms empfinden, die sich, 
genau entsprechend, eben nicht übersetzen lassen: wie etwa 
zwei Kreise sich schneiden, aber, bei verschiedenem Radius 1 , nie 
d e cken können. 

+ 

Das L e h r g e d i c h t verwirft man zu unbedingt. Es giebt 
eine Gattung tiefsinniger Erkenntnis, die keine blosse Dichter- 
phantasie ist und doch nicht mit dein Organ der Hegriffe, der 
Vernunft allein gefasst wird und auch von dieser allein nicht 

1 Kohdc hat wohl 'Ceiitnim' nchiviWn wollrn. 



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Cogitatu 1873. 74. 



237 



roitgetheilt werden kann. Diese Erkenntnis giebt dem Er- 
kennenden das Gefühl innerlichster Wahrheit: und doch be- 
hält sie etwas Bildliches an sich, das mit einer künstlerisch a n- 
sehauenden Fähigkeit aufgefasst und an eben diese im Hörer 
mitgetheilt wird. Im Grunde sind die eigentlich in e t a p h y s i- 
schen Erkenntnisse wohl alle dieser Art; sie behalten etwas 
bildlich-symbolisches ; etwa wie ein Traum symbolisch 
von einem später sich bewahrheitenden Factum berichten kann 1 . 
Solche Erkenntnisse in einer dichterischen Form mitzutheilen, 
ist durchaus wohlgethan. Daher denn auch die Griechen der 
edelsten Zeit gerade ihre philosophischen Einsichten in solchen 
Lehrgedichten mittheilten: Empedocles, Xenophanes etc. 
Wie manche Missverstandnisse würden vermieden, wenn z. B. 
Bücher wie Niet z s c Ii e's Geburt der Tragödie in solcher 
Form eines lehrenden Gedichtes auftraten ! — Dagegen 
ist es allerdings eine künstlerische Unthat, Pinntptu über Me- 
dicin, Grammatik, Fischfang etc. in dichterischer Form mittheilen 
zu wollen. 

* * 
* 

1874. 

Phantasie haben manche der edelsten T h i e r e : das zeigt 
sich z. B. an dem Scheuen der Pferde beim Fahren im Monden- 
schein, wo sie vor eingebildeten Schreckfiguren zurückfahren, 
die sie aus Baumschatten usw. heraussehen. Vielleicht auch an 
den Träumen der Hunde. Erwacht also, beim Uebergang vom 
Thierischen zum Menschlichen, die Phantasie zuerst? Ist sie da- 
rum bei einer uralten Menschheit die einzige Leiterin gewesen? 



AC. 

Ich habe, in den Weihnachtsferien, Jean Pauls -Titan' 
aufs Neue gelesen und hoch bewundert. Roquairol namentlich 
ist eine der tiefsinnigsten Gestalten irgend eines Dichters, von 
einer erschrecklichen innem Wirklichkeit ! * — Uebrigens scheint 

1 Wie die vorhergrlinide, hier weggelassene Summer (vgl. oben S. 6")), 
angeregt durch Srln>prnhauer's 'Versuch über das l ieisterselien'. Ks fol- 
gen, datirt vom 14. N>>v. Is7: j > t Bemerkungen über die Auffassung Beetho- 
venscher und Wiignerselier Mu>ik. die auf ähnlichen Wegen gehn. 

* Auf einem Blatt uns ^|>.it eivr Z- it (aus dem April 77 j tindet Rohde 
in sieh selbst »ein Stärk einer R «>. m ;i i rol -n a t ur* . 



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238 



Anbang. 



mir's so : Jean Paul vernahm die Welt und ihre Art mit einem 
ganz andern Organ, als dem Auge, und nun will er, als 
Epiker, doch das Vernommene dem Auge des Zuschauers dar- 
stellen. Das giebt dann eine wunderliche IncongTuenz. Er em- 
pfand, so scheint es mir manchmal, die Dinge der Welt wie 
ein Musiker. Und dass er nun doch kein Musiker war, 
macht eben die so leicht zu bemerkende Halbheit seiner Kunst- 
Ubung aus. 24 I 71. 



47. 

Eine historische Betrachtung hat solange mit der 
Cultur nichts geroein, als sie nicht ihr Resultat, zu einem 
Motive für den Willen zu machen im Stande ist. Jetzt 
bringt man nun gar die Religion den Kindern historisch 
bei ! Das liegt nun allerdings in der Consequenz : aber doch, 
welche Stumpfheit des Gedankens! Lehrreich wäre es, einmal 
in der Geschichte der classischen Philologie den Weg 
von der wirklichen C u 1 1 u r b e d e u t u n g dieser Studien zu 
ihrer vollen Historisirung zu verfolgen. 



4». 

Wird schon in der Malerei viel geheuchelt (cf. Fabrikbilder 
von Pietro Perugino mit der unempfundenen FrÖmmigkeitsver- 
zückung u. dergl.), wie viel wohl gar erst in der Musik! Ich 
habe wenigstens diesen Verdacht oft auch berühmten Maestri 
gegenüber, sonderlich dem wackern Mendelssohn. Ob der 
sich z. B., bei seiner scheusslichen Ruys-Blas-Ouvertüre irgend 
etwas gedacht, irgend etwas empfunden hat? Nun aber die 
Qual für den Hörer, der mit ehrlichem Willen einen Empfindungs- 
inhalt zu suchen sich abquält, der in dem leeren Geklingel über- 
haupt nicht liegt! 

4». 

Der Teufel hole das 'historische Begreifen' grosser Genien ! 
Nie lehrt es uns mehr, als die Schranken, die einseitige Fär- 
bung der Werke grosser Menschen kennen, aber was lehrt es 
uns denn von ihrem tiefen, beglückenden Wesen? Was hilft 
uns all der Plunder zum Verständnis Shakspeares ? Und dabei 



Cogitata 1874. 



239 



die Glückseligkeit des 4 Eulengeschlechts', wenn sie an solch ein 
'Historisches 1 sich klammern , daran herumknuppern, ein Ver- 
senken in das unergründliche Wunderwesen des Genius sich nun 
erlassen und ttinu/uani ra heue yesta sogar dicke Bücher über 
XX 'und seine Zeit' schreiben können ! Welche Absurditäten 
dabei zu Tage kommen, zeigt wohl nichts klarer, als die Thor- 
heiten, die man über Kleist debitirt. Den soll das Unglück 
Deutschlands getödtet haben ! Als ob das für ihn etwas anders 
gewesen wäre, als ein freilich gar zu nahe liegendes Symbol 
für die ewige Roth, Gedrücktheit, Trübseligkeit der W T elt, der 
Menschheit, deren Empfindung, zu einer persönlichen Qual ge- 
steigert, dies schwere Herz unaufhaltsam in die dunkle Tiefe, 
in die bewusstlose Nacht zurückzog! 



Ich bin darum ein gar so schlechter Conversateur, weil ich 
allzu ungeduldig stets über die banalen Zuriistungen zu banalen 
Resultaten wenigstens doch zu diesen Resultaten gleich Uber- 
springen möchte, während freilich wohl das bürgerliche Ver- 
gnügen gerade in dem bedächtigen M e n u e 1 1 s c h r i 1 1 besteht, 
mit dem man gemeinsam das ganze ABC von Thorheiten bis zum 
Z gemessen durchwandelt. 

r,j. 

Ein nicht allzu eitler Autor kennt die Mängel seines Buches 
darum am Besten, weil er allein den grossen Abstand von der 
Idee in seinein Kopfe zu dem eiotoXov in seinem Buche kennt. 
Denn die andern können doch nur aus dem eiow/ov auf den 
Glanz der '*5sa dunkel zurückschliessen. Der Kritiker ersetzt 
nun freilich diese Autor-Unzufriedenheit überreichlich, indem er 
das etocriXov an irgend einem unverschämten Luftgebilde misst, 
das ihm seine klugen Kannegiessergedanken eingeben. 



Der G e n u s s eines Kunstwerkes besteht vielleicht haupt- 
sächlich darin, dass durch die Production — bei dem Künstler, 
und durch die Reproduction — bei dem Hörer und Schauenden, 
jene Schöpferkraft in Bewegung gesetzt wird, die heim- 



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240 Aiihan«,'. 

lieh in uns lebt, aber für gewöhnlich schlaft, ob sie gleich eigent- 
lich uns selbst erst geschaffen hat, und deren Erwachen eben 
die höchste Wonne des Menschen ausmacht, da seine Lustera- 
ptindung immer auf einem Gefühl der Thätigkeit beruht. So 
würde es sich z. B. erklären, warum \V achsbilder mit ihrer 
vollen Illu.sionswirkung -- nach Schopenhauers Bemerkung 1 — 
durchaus unästhetisch wirken: wir kommen bei ihnen eben gar 
nicht in den Fall, überhaupt produetiv zu werden, da sie 
uns gegenübertreten wie lebende Menschen (ein schwächerer 
Kunstgenuss liegt freilich in d e r Production, die ja zu jeder 
Sinnenappereeption erforderlich ist.) Alles natürlich erklärt 
diese Auffassung am Kunstgenuss nicht : sonst müsste ja freilich 
ein Kunstwerk uns desto mehr entzücken, je mehr es hinter 
der Absicht seines Schöpfers in der Ausführung zurückstünde, 
da dann die reproducirende Thätigkeit des Beschauers stärker 
in Anspruch genommen wäre. 



Wie lehrreich müsste ein ganz unbefangen und frei ge- 
schriebenes Buch über die Wandlungen des Unsterblich- 
keitsglaubens sein ! Sicherlich entsprang und entspringt 
er stets aus einein Gefühl des überwiegenden Leides, Elends, 
vor allem des ungerechten Ganges des Menschenlebens 
und der A b g e b r o c h e n h e i t alles menschlichen Bestrebens 2 . 
Von allem dem hofft man das Gegentheil in einer „bessern 
Welt 44 zu finden. Es gab eine Zeit, wo dieses Gefühl n o c h 
gar nicht erwacht w a r: dahinein gehört z. B. der Dichter 
der Ibas. Der bedarf offenbar einer Ausgleichung noch gar 
nicht (sein Hades giebt sie ja keineswegs). Ein sehr schwer 
zu fassender, auch nur poetisch nachzufühlender Zustand. Wer 
nun an solche spätere Ausgleichung glaubt, dem ist die Sache 
freilich leicht glatt und einfach gemacht. Nun schwindet aber 
der Kinderglaube an solche erträumte „andre Welten 44 bei er- 
wachender Vernunft nicht nur Einzelnen sondern ganzen V ö 1- 
k e r n. Was dann ? Das Gefühl des Elends, der Noth, der Unge- 

1 l'areiga und Paraliponieim § 2U9. 

'-* Die "Worte *uinl der' bis 'Bestrel.ens' mit Bleistift über der Zeile. 
Diese Sätze stelm übrigens im vollen (.Jegensatz zu den Anschauungen der 
Psyche: sie zeigen, wie weit der Weg ist, den R. im nächsten Jahrzehnt 
zurückzulegen hatte. 



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(.'o^itata 1874. 



>2\ 1 



rechtigkeit der Welt steigt gleichzeitig mit dem sinken- 
den Glauben an eine transmundane Ausgleichung. Wo einen 
Trost linden? Buddhistische Naturen und Völker finden Trost 
in der Erwartung einer völligen Vernichtung; aber das 
ist ja eigentlich kein Trust für die, die doch auf diese Welt 
und sie allein angewiesen sind und mit unwiderstehlicher, un- 
widerleglicher Liebe dieses seltsame Leben tTotz alledem lieben. 
Es kommt ja darauf an. dieses Leben in seiner Mangelhaftigkeit 
tröstlicher zu machen : da.ss es einst einen erwünschten Aus- 
gang ins Nichts nimmt, was hilft uns das? Die Menge be- 
gnügt sich mit dem Palliativmittel ihres kurzsichtigen Leicht- 
sinns. Wer das verschmäht, was bliebe dem ? Was bliebe einem 
ganzen ungläubig gewordenen Volke? Hier liegt eine drohende 
Frage an die Zukunft. 24. 1. 74. 



Ein Bonmot kann man eigentlich nur machen, wenn man 
sich entschliesst. zwei Sachen einmal mit äusserster Einsei- 
tigkeit zu betrachten, ihre Aehnlichkeiten zu bemerken, die 
ungeheuren Tnähnlichkeiten zu übersehen. Dieses Talent, zu 
dem eine gewisse rhetorische Gewissenlosigkeit 
gehört, ist nun den Franzosen absonderlich eigen, es steckt all 
ihren Autoren im Blute. In ernste n Dingen macht eben 
darum eine solche Bonmotsbetrachtungsweise und ein solcher 
Bonmotstyl den Eindruck eines schlechten Witzes, ob- 
wohl es dem französischen Autor mit, seinen Einfällen meist 
ganz ernst ist. -J4. 1. 74. 



Man kann mit der Schopenhauersehen Philosophie allein 
nicht leben. Nicht nur darum, weil sie eben, ernstlich ge- 
nommen, das Leben negirt, und dabei doch in ihrem verneinen- 
den Schluss eine leicht erkennbare phantastische U n d e n k- 
b a r k e i t enthält, wie sie wohl einer Religion, wie der Bud- 
dhistischen der übrigens diese Undenkbarkeit nach ihren 
Prämissen nicht innewohnt — geziemen mag, aber nicht einer 
philosophischen Lehre. Nicht nur darum. Sondern hauptsäch- 
lich darum: weil diese Lehre ihren Blick so tief einbohrend. 

C r ii k i u » . I- K-.li.li-. 16 



■ 



uigm 



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242 



Anhang. 



enthusiastisch anhaltend auf das Einheitliche in dem Leben 
der Welt und also auch der Menschheit richtet. Diese Einheit 
ist nun, ihrem Wesen nach, stets die gleiche, durchaus unver- 
änderliche. Welchen Sinn hätte es, mit solchen auf das unver- 
änderlich Eine gerichteten Gedanken, noch leben, d. i. im Leben 
wirken, d. h. noch näher, auf eine Besserung und Steigerung 
des Lebens hinarbeiten zu wollen ? Da doch das, was man einzig 
als wesentlich erkennt, was man Uberhaupt einzig erkennt, einer 
Veränderung in melius (oder auch in /H-jus) gar nicht fähig ist? 
Mit dieser Erkenntnis, wenn sie kein flatternder Schleier der 
Lebensbegier verdeckt, fällt alle Aufforderung zum Handeln 
im Leben fort .... Was soll man freilich thun ? Sich einen 
Schleier willkürlich vorbinden? Oder vielmehr sich dem unab- 
lässig dringenden Rufe der Pflicht des Menschen ohne weitere 
Hedenken willig zeigen? So soll es wohl sein. Im Uebrigen 
behält diese philosophische Betrachtung tausendmal Recht: und 
sie soll wie ein tiefer, ernsthaft und strenge in der Tiefe mit- 
tönender Bass im Coneerte unserer Empfindungen und Thaten 
mitklingen. 2H. 2. 74. 

* * 

Ich glaube, bei allen Religionen beginnt das Ab- 
surde und Widerwärtige erst dann, wenn sie sich des Lebens 
der Menschen in seiner ganzen Breite bemächtigen. Sie 
sind ausgegangen und beseelt von einem ganz einseitigen und 
Eine Region, gleichsam Ein Segment des weiten Kreises mensch- 
licher Beziehungen einzig in's Auge fassenden, diesen Einen 
Punct. mit aller ihrer Seelenkraft durchdringenden Gedanken: 
nun soll, nach diesem Gedanken, das ganze Leben in seinen 
tausendfachen Relationen, geordnet werden ; da wird nun jener 
Gedanke widernatürlich gereckt und gestreckt und es entsteht 
der theologische Unsinn und Frevel. 



Nur auf einem mittleren Standpunkte geistiger Befreiung 
meint man, die Religionen verachten zu dürfen ; ist die Eman- 
eipation auf ihrer höchsten Entwicklung angekommen, so „sieht 



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Cogitata 1874. 



243 



man, dass wir nichts wissen können 4 -, und die Religion gewinnt 
neue Kraft und neuen Muth. 



~tS. 

Was es mit der Philologie, seit sie sich wirklichen Cultur- 
absichten stolz entfremdet hat, eigentlich noch auf sich habe, 
zeigt wohl nichts deutlicher, als der Umstand, dass für viele 
Philologen, ja für eine Anzahl der gescheutesten darunter (z. B. 
Bentley, Madvig , Cobet etc.) die Schriften der Alten gar kein 
Interesse haben würden, wenn sie . z u f ä 1 1 i g ganz ohne 
Fehler überliefert wären ; eigentlich also interessiren diese 
Leute die Versehen und Fälschungen der Abschreiber (und ihr 
eigner, an deren Aufdeckung arbeitender Scharfsinn), aber nicht 
die Alten selbst. 



Bilder von Gabriel Max. Sehr belehrend der Beifall, wel- 
chen sie finden. Das rein Malerische daran kann Niemand er- 
wärmen : sie reizen durch das Rebusartige ihrer Darstel- 
lung, welches den Scharfsinn, ein äusserliches Conibinationsver- 
ruögen, in Bewegung setzt, den Leuten, die vor dem reinsten 
Kunstwerk gähnend stehen würden, den Trost verschafft, sich 
productiv zu wähnen, indem sie sich von dem rein Künstleri- 
schen möglichst entfernen. Eigentlich ist das der Standpunkt 
der a 1 1 e r p r i m i t i v s t e n Kunstübung. 

'Nachahmung der Natur' in der Kunst wäre eine schöne 
Sache: wenn man sich nur etwas bestimmtes dabei denken 
könnte. Was man 'Natur' nennt, ist ein Froduc t eines ob- 
jeetiven Factors (der äusseren Dinge) und des subjectiven Be- 
trachters. Im Kopf eines Ruisdael, Claude Lorrain, Tiziano ist 
dieselbe 'Natur' etwas ganz Andres als im Kopf eines Spiess- 
bürgers, in welchem sich die Welt spiegelt wie in der Rundung 
eines Löffels, verzerrt und aufgeblasen. Man könnte auch sagen : 
die 'Natur' ist wie ein Musikinstrument ; freilich kommt es auf 
ihren edleren Bau an, dass der Ton ein voller und warmer werde: 
aber sie erklingt nur in der Hand des begabten und begeisterten 

IG* 



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244 



Anhang. 



Künstlers. Wenn also ein Rafael, ein Thorwaldsen von 'Nach- 
ahmung der Natur' reden wollten, so hätten sie freilich recht, 
aber nur für sich: ihre, d. h. die in ihre m Kopfe sich 
spiegelnde Natur ist an sich schon ein Product menschlicher 
Kunst, und es giebt keine höhere Kunst als die Nachahmung 
dieser Natur. Aber so absolut gesagt, hat die Vorschrift 
einer Nachahmung der Natur gar keinen verständlichen Sinn — 
durch die Berücksichtigung des s u b j e e t i v e n Factors in aller 
Kunst erklärt sich der Kunstgenuss auf das Einfachste. Im 
Kunstwerke lässt uns der grössere, stärkere, freiere und feinere 
(»eist des Künstlers auf eine kurze Zeit die Welt mit 
seinen Augen sehen und wie auch e r sie nur in seinen höch- 
sten Augenblicken sah; daher diebeglückende Erweiterung und 
Hebung unsres ganzen Wesens im Genuss der Kunstwerke. — 
Die Photographie hat keinen Kunstwerth, weil ihr das Wesent- 
lichste des Kunstwerkes fehlt, der s u b j e c t i v e Factor 
d e s schaffenden Künstler s. Findet man trotzdem in 
einer Photographie einen K u n s f w e r t h , so findet man ihn 
darin, wie in der 'Natur' selbst : man 1 e gt ihn n ä m 1 i c h 
hinein, man ist eigentlich selbst der Künstler. 



Best: h e i d e n zu seyn ist die seltsamste Anforderung. 
Man wähnt wohl zuerst, diese Anforderung verlange eine ge- 
ringe Meinung von den eignen Kräften und Leistungen, ein, 
den l'ebermuth dämpfendes Bewusstsein von der wirklichen Ge- 
ringfiigigkeit des von dir selbst Vollbrachten, von der Beschrän- 
kung deiner Fähigkeiten. In diesem Sinne würde der normale 
Mensch leicht- und naturgemäss bescheiden sein können. Aber 
das versteht ji/i hs />//>/ ihmt nicht unter Bescheidenheit ! Es ge- 
nügt nicht, dass man sich s e l b s t und das Seine gering 
anschlage; man soll das Fremde und die umgebenden Imniim- 
rötites hoch schätzen und das ihnen recht auf- und eindring- 
lich zeigen. Man soll also den scharfen Blick, der die eignen 
Fehler so deutlich erkennt, abstumpfen, wo er sich nach Aussen 
zu richten hat. Die unsinnigste aller Forderungen. Daher denn 
die Bescheidenheit, in diesem, ihrem hergebrachten Sinne, 
entweder Zeichen wirklicher Betäubung des Verstandes oder 
reine H e u c h e 1 e i ist, in ganz praktischen Absichten ausgeübt. 



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Cotfitata 1875. 



245 



Das letzte wird sie meistens sein: denn wie wäre es ernstlich 
und aufrichtig möglich, das yms der umgebenden h<mnnu-hmcs 
hoch zu schätzen! 1 



1875 . 

tu. 

Die seltsamen Leute, welche an tragischen Helden stets eine 
Schuld, als Begründung ihres Unterganges suchen, übersehen 
nur, dass von S c h u 1 d schon darum nicht die Rede ist in einer 
rechten Tragödie, weil der schliessliehe Untergang des Helden 
ja keine Strafe ist. Im Gegentheil : das eben ist die Stim- 
mung einer rechten Tragödie, dass sie die Schätzung der 
Dinge umwandelt : »das Leben ist der Güter höchstes nicht* 4 . 
Wenigstens nicht dem tragischen Helden. Nicht weil er, wie 
ein Asket, einfach seinen 'Willen' 'verneinte', sondern weil er 
einen Aufschwung gethan hat in ein Reich der F r e i h e i t. 
welche freilich mit dieser Welt nicht bestehen kann, und ihm 
ein längeres Verweilen hier unten zur reinen Qual macht. 



o.V. 

Warum freut man sich so sehr viel lebhafter, wenn Einer 
an uns lobt - nicht was wir uns selbst verdanken (Fleiss, 
Bildung, Geschick), sondern was o h n e unser Z u t h u n uns 
auszeichnet: Schönheit, Klugheit, Kraft? 

Li. 

Die Emplindung für die Natur geht mit der für Musik 
Hand in Hand : Wir empfinden das grausig Schöne, Erhabene, 
noch im wild tosenden Meere, im frei brausenden Urwald, in 
einer schrecklich endlosen Steppe — und so vermögen wir auch 
eine Musik schauernd zu gemessen, in der das Element der reinen 
S c h ö n h e i t kaum auf Augenblicke aus dem wogenden Erguss 

• Noch liit r wirkt fühlbar Sehopenlianer nach. vixl. \Y. W. u. V. II 
:t" S 4 W 4. Verwandt sind die Henierkuiigen über die antik.' [uy»Xo-| ,j X-*« 
'Kornau' S. *. (dien S. iV.»'. 

- Auf anderni Papier, mit andrer Tinte und Sehritt. 



246 



Anhung. 



unheimlich grosser Leidenschaft auftaucht. Die Alten verstanden 
wesentlich, im künstlerischen Sinne, nur eine gezähmte, milde, 
freigiebige , 'schöne' Natur. Darf man ihren Musiksinn sich 
ähnlich eingeschränkt denken? 

* 

<>',. 

Wie die innern Theile des Menschen — Herz, Magen, Ein- 
geweide usw. — ohne unser Zuthun, ohne unser begleitendes Be- 
wusstsein sich bewegen und arbeilen, und nur unsre äussern 
Glieder, in ihrer Bewegung und Thätigkeit, von unsre r bewussten 
W illkür regiert werden : so können wir freilich unseren Intellect 
nach Gutdünken, wenn auch innerhalb bestimmter Grenzen, frei 
bewegen, aber unser Wille, alles Moralische an uns, operirt 
im Stillen, unbemerkt, von Willkür unbeeinflusst, meist ohne 
uns recht bewusst zu werden, weiter. Es ist fast schon eine 
Krankheit, wenn die verborgene Arbeit unserer innern Theile 
und unsres Willens uns ins Bewusstsein treten. 

* * 
1876. 

31. 1. 76. 

* 

m. 

Ach, die Musik! ihr danke ich doch gewiss den poetischen 
Inhalt meines innersten Wesens. Erinnere dich, liebe Seele, der 
seligen, überwallenden Trunkenheit, in der du umherwandeltest, 
wiihrend, in meinen Knabenjahren, Mama allerlei Lieder sang, 
die mich seitdem nie wieder losgelassen haben. Denke an die 
goldenen Garten des Glückes, in welche du versetzt wurdest, 
während (Frühjahr 70) Nietzsche dir aus den 'Meistersängern' vor- 
spielte: „Morgendlich leuchtend*. Das waren die besten Stunden 
meines ganzen Lebens. 

* 

67 ». 

Mit dem Mythus mag es ähnlich sein, wie mit der Musik. 

1 Da* Folgende mit andrer Schrift und (bläulicher) Tinte ; es scheint 
aus erheblich späterer Zeit zu stummen, als das Umstehende. 



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CogitatA 1876. 



247 



Drängt nicht bei Beethovenschen Quartetten es in uns zur Er- 
läuterung des Inhalts der Musik in Vorgängen — in Versen? 
d. i. doch zuletzt in Begriffen? Aber man hat gewiss alles 
eigentlich Wesentliche der Musik gefasst, wenn man sich rein 
dem musikalischen Gang und Wogenfluss der Töne hin- 
gegeben hat. Und so hat man wohl den Mythus gefasst, wenn 
man nur seinen fabulosen Gang und sein Bildliches als solches 
recht gefasst hat. Der Mythus spricht in seiner Art etwas 
aus, das man anders aussprechen eben nicht konnte. 

Alle Göttermythen wollten ganz eigentlich, im schlichten 
Sinne gläubig, genommen sein. Philosophen versprachen die 
Erkenntnis in Begriffen zu geben. Die Mysterien standen 
allerdings in einer Mitte. 



Die Grösse eines wirklich grossen Menschen besteht 
wohl darin, dass er, nicht durch äussern Zwang, sondern (wesent- 
lich) durch die fortwirkende Kraft seiner Person und des in 
ihm personiticirten Gedankens eine Menge der Menschen zum 
Aeussersten zwingt, was ihnen abgerungen werden kann: ihre 
Selbstsucht auf eine Zeit, einen Höheren zum Dienste, zu 
vergessen und bei Seite zu setzen. Dies Wunder — die Sonnen- 
höhepunkte der ganzen Geschichte — zu bewirken, gelingt n i e 
einem unpersönlichen Princip, sondern durchaus nur dem grossen, 
zauberhaft wirkenden Menschen. 

* * 
* 

Bayreuth 29. Aug. 76. 

Dem Teufel müsste, wenn er durch solche Beobachtungen, 
wie die des La Rochefoucauld (und ReVs) seine Listen und seinen 
Trug enthüllt sieht, um sein Reich und seine Herrschaft ernst- 
lich bange werden : wenn er sich nicht im Reiche des Begehrens, 



1 69 ff. in Tinte un.l Sohrift etwa wie 65. 



24S 



Anhang. 



als in seiner 'festen Burg unüberwindlich sicher und vor 
den kecken Angriffen des Intellects so wohl verwahrt fühlte, 
wie eine starke Festung vor den Angriffen leichter Plänkler- 
schaaren. 



/ 1. 

Rein durch das Medium des Intellects betrachtet, erscheint 
die Welt einem Jeden, der zu solcher Betrachtung überhaupt 
fähig ist, gleich. Alle 'Moralisten' sahen und sagten im Grunde 
Dasselbe. Es ist gleichwohl keine Gefahr, dass dem durch sie 
belehrten nun die Menschenwelt einfarbig oder farblos erscheine. 
Nur kurze Zeit sehen wir durch die reine farblose Scheibe des 
Verstandes in die Welt : alsbald wendet ein Jeder sich wieder 
zu der bunt gefärbten Scheibe, durch die sein -W i 1 1 e u ihn 
die Dinge in einem ganz seltsam verfärbten, nur ihm eignen 
Lichte erscheinen lässt. 

Wir leben durch unsre Schwäche, nicht durch unsre 
Stärke. Die Schwäche unsrer Empfindung ist es, die in schweren 
Leiden uns erhält, „Sei ein Mann- sagt man einem Leidenden, 
und meint damit im Grunde: sei ein Kind, das noch eben um 
den gestorbenen Hänfling weinte und schon mit erstauntem Lä- 
cheln nach einem neuen Spielzeug greift 1 . Es ist dafür gesorgt, 
dass Tragödien nur auf der Bühne uns sich darstellen : und auch 
so dargestellt, bleiben sie den Meisten durchaus unverständ- 
lich. 

Die 'moderne Kritik' liebt es, das Kunst w e r k an dem 
zuschauenden Volke zu messen, und wenn es diesem nichts sagt, 

1 Aehnlioh 1. 2. 76: Nichts gar nichts I^t seltener, als ein Herz, das 
an einem schmerzlichen Ontlict heroisch untergeht . . . lYw Allermeisten 
widerst ehm. nicht weil ihre Lebenskraft größer wäre, sondern im (ie- 
gentheil. weil *ie zu schwach ist, um ein ganz ungeheures Leid über- 
haupt fassen zu können. Man tröstet sich, zerstreut sich, heilt sich leise 
uns. Nur eine gewaltig«' Seele ist des Leidens im höchsten und tief- 
sten Sinne fähig. Das eben sind die Gestalten der Tragödie. 



Cogitata 1«77. 



249 



das Kunstwerk zu verdammen. Das Volk vielmehr am Kunst- 
werk ... zu messen, fällt den Herren nicht ein. Gleichwohl 
wäre dies die rechte Messkunst und eine wirkliche 'Kri- 
tik*. Dies ist denn auch, denke ich, die Art der Nachwelt. 

Bayreuth August 70. 



;/'. 

A r m zu sein ist gewiss vom Hebel : man erleichtert es 
aber schon, wenn man nicht auch die fi esinn u n g des Armen 
hat. Dann dient Armuth wohl gar zur Beschwingung, Be- 
flügelung des Geistes. 

* 

1877. 

Man könnte, ohne alle 'Geniolatrie', ja im Interesse der 
höheren Cultur einer grossen Menge, den Satz, dass es auf 
die höchsten Exemplare der Menschheit in deren Culturent- 
wicklung allein ankomme, verfechten. Der grosse Genius ist, 
in seinen Ausstrahlungen, das am wenigsten egoistische Wesen : 
er ist nicht für sich allein gross und herrlich zu schauen, nur 
durch ihn werden die KMJO mittleren Talente etwas. Ohne 
Goethe wären Platen. Rürkert, Tieck etc. nichts — oder sehr 
wenig. U. s. w. Und nun gar in die grösste Breite! Was 
wären wir Deutschen insgesammt ohne Goethe? ohne Luther? 
Das närrische Volk, rückwärts schauend, kehrt's freilich um. und 
denkt in seiner Dummheit : was wäre Goethe, Luther ohne seine 
'Zeit'?! . . .* 

* * 

1 7i mit bläulicher Tinte, wie ein (hier weggelassenes^ Stück, das 
Jena *J4. Ort. 7*> <la t irt ist. 

a Werl, auch oben S. 75. Auf das Problem dos Genius kommt Rohde 
immer wieder zurück. Einige Tage später notirt er eine Stelle aus den 
Briefen Karl Angust's an Lavater (10. April 17>S<», Im neuen Reich 187<>. 
N. 'M p. *_'f"> : -Kannte mau von «lern göttlichen Geiste [Friedrichs des 
Gr.] mir einige* wenige aufhingen, um damit, wie mit einem 
T ropf e n H o s e n ö 1 g a n /. e K i m e r E x i s t e n z e n i. u b e g e i- 
stern." l'cberall spürt mau das Bedürfnis, den Wunsch, an's Grosse 
zu glauben — hrroirorship. 



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250 



Anhang. 



Eitelkeit und Stolz. Vielleicht s o verschieden : dass 
durch die ins Bewusstsein tretende Bewunderung Anderer der 
Stolze sich nur in seiner eignen Werthschätzung durch un- 
bestochene Urtheile bestätigt fühlt — während den Eitlen 
das Bewusstsein, in Anderer Vorstellung sich vortheilhaft zu 
spiegeln, erquickt. 



17. 

Alle Mystiker sagen : 

So lange Gott (der Eine) war, war die Welt (das Man- 

nichfaltige) nicht. 
So lange die Welt ist, ist Gott nicht. 

So sehnt sich denn die Welt aufzuhören, damit Gott wie- 
der sei. 



ls. 

18. Mai 77. 

Schon bei Homer steht die Sittlichkeit der Menschen er- 
sichtlich höher , als die der Götter. Die der Letzteren ist 
offenbar ein Erbstück einer älteren Zeit, in welcher in der That 
die sittlichen Begriffe noch nicht völlig entwickelt waren. Später 
bildet, die griechische Mystik und Speculation kühnlich 
auch die Götter nach geläuterten Begriffen weiter. — An einer 
genauen Verfolgung dieses Gegenstandes Hesse sich eine voll- 
ständige 'Geschichte der sittlichen Empfindungen' 
(welche in der That nicht von Anbeginn der Menschheit fertig 
und fest waren) entwickeln. 

* 

IV. 

Der Gegenstand des Glaubens würde für den Gläubigen 
alsbald seinen rechten Werth verlieren, wenn er völlig gewiss 
— völlig klar erkennbar wäre. Dies der Reiz der 'Mysterien'. 
Die Ahnung, das freie Spiel der Phantasie. 



.so. 

Woher die grosse Inbrunst der Griechen im Mysterienglau- 



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Cogitata 1877. 251 

ben? Die Gottheit tritt, anders als im gewöhnlichen Glauben 
und Mythus, als eine leidende auf. Wir leiden, verzaubert, . 
mit ihr, sie mit uns: das Leiden der Welt geht in uns ein. 
läutert uns von unserm Privatschmerz. Ursprung der Tragödie? 1 

Bei W. Raabes Erzählungsart fiel mir ein: durch sein Vor- 
greifen und Voraus d oute n zerstört f reil ich der H u m o r i s t 
die Spannung: aber nun schlingen sich alle Zeiten, Gegen- 
wart und Zukunft, durcheinander; wir empfangen die Ahnung, 
die Empfindung der 'Idealität der Zeit': das Ganze wird 
uns zu einem Spiel — doch zu einem schmerzensreichen. Das 
macht das Erhabene des Humors aus. 



Die griechische Mythologie hat ihren incommensurabeln Cha- 
rakter wesentlich bekommen durch die unennessliche Thätig- 
keit der Dichter. Hier deuten zu wollen ist ein Unsinn. 
Die verkehrte Vorstellung, als ob diese Götter und Heroen nur 
in einer Maske herumgingen, die man auch wohl abnehmen 
könnte! 

n.7 *. 

Der Pessimismus der Griechen ist nicht etwa eine Frucht 



1 Ausführlicher, aber in «ranz skizzenhafte r Form schreibt Rohde 
etwas später (6. Oet. 77): G r i ec h i sc h e Mysterien. Seltsames Gerede: die 
Griechen mit ihren tiedanken nur aufs Diesseit s gerichtet! Im Gegen- 
theil : Wohl kein Volk, das an das .lenseit so viel, so bang gedacht hätte . . . 
Freilich eben darum Genuss des Lebens: aber ein dunkler Hinter- 
grund <^bleibt^> stets bewnsst. Ausdruck in Mysterien. — Leidende 
Gottheit. Ohne Zweifel <^stcekt> eine Art von Pantheismus im 
Mysterienglauben. Aber nun ist freilich ein gewöhnlicher Pantheis- 
mus notwendigerweise optimistisch (Stoiker». <fl)er> Grieche <ist> 
im tiefsten Grunde Pessimist. Das ist für den Pantheisten nur mög- 
lich, wenn das Leid gleich im Anbeginn der Welt in der zur Welt ent- 
falteten Gottheit festsitzt. Sie w i r d Welt eben durch den in ihr wüh- 
lenden Zwiespalt. 

* Vorher geht die oben zu SO mitgetheilte Betrachtung über .lenseits- 
glauben und Pessimismus bei den Griechen. 



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252 



Anhang. 



ihrer späten Reflexion (wiewohl auch die stets pessimistisch 
blieb): er .spricht sich handgreiflich in ihren Mythen aus. Man 
denke an das Schicksal des Achill — Bellerophon — Iason — 
Herakles (Ausgleichung erst „dort drüben"), ja aller grossen 
Helden. 

Seltsam illusrrirt wird die angebliche Lebenslust der Grie- 
chen um jeden Treis durch die zahllosen Selbstmorde in ihrer 
Geschichte. Stets haben sie das xaXw: a-otiavs-v «lern y.av.(i); 
C/ ( v vorgezogen. 

* * 
* 

Von den eigentlich griechischen Göttern <ist> zu sagen : 
ihr führt ins Leben ihn hinein, ihr lasst den Armen schuldig 
werden, dann überlasst ihr ihn der Pein etc. Anregung zur 
Schuld, zum Unrecht durch die Götter (Ibas Enripides, 
cf. Nägelsbach), und dann doch Strafe des Elenden! In 
den Göttern sind überhaupt viele der schrecklichsten 
Züge der Griechen fixirt und hypostasirt, ins Jenseits projicirt: 
Neid. Missgunst. Eifersucht, Ehrgeiz: Ep.tr, aber xa*/.v ( denn 
der Mensch ist ja doch nicht im Falle einer Coneurrenz! 

* 

■st;. 

G r i e c h i s c h e M y s t e r i e n. Das Wesentliche waren 
die cpwjisva, Erscheinungen von Göttern und göttliche Leidens- 
vorgänge. \V a s nun daran die (iriechen so beseligte, ist für 
uns wohl ewig unverständlich. Es waren also Kunst w e r k e 
die man sah. Hatten sie einen allegorischen Sinn ? Man meint's. 
Gewiss mit Unrecht. Uns freilich drängt es durchaus zu 
einer begriffliche n Fassung aller Erkenntnis : die Griechen 
blieben stets verharren in dem mythischen Zustande: das 
Allgemeine wurde unmittelbar zu einem gestalteten Ideal- 
bilde. Dessen Inhalt war durch Hegrifle nicht auszudrücken: 
inhaltsreicher war es, wiewohl nicht weniger allgemein. Es ist 
allerdings eine Analogie mit einem Kunstwerk. Auch dessen 



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Cogitata 1*77. 



253 



Inhalt ist ja ganz und gar beschlossen in seine Darstellung: 
es b edeutet nichts, als sich sei b s t. Und dennoch : 
ein Kunstwerk ist eben etwas nicht rein Individuelles: 
etwas Typisches, Vorbildliches ist iunner darin. Darum weiset 
es eben doch Uber sich selbst hinaus. Nur <ist> nimmermehr 
sein Inhalt durch Begriffe zu umspannen. Dem Inhalt des Kunst- 
werkes <^ist eben der einzig angemessene Ausdruck das Kunst- 
werk selbst. Könnte man diesen Inhalt in Hegriffe fassen 

— nun. so thäte man's. Ks giebt aber eine Gattung der Er- 
kenntnis die sich nicht in Begriffe, sondern in gestaltete 
Type ii und vorbildliche V o r g ä n g e umsetzt. So ist 
es denn auch mit dem Mythos und wohl auch mit den Myste- 
rienerscheinungen. — So ist es: aber wir sind so seltsam geartet, 
dass uns ein in B e g r i f f e nicht a u f 1 ö s b a r e r H e s t in einer 
Sache ängstigt: für unsre Art zu verstehn. bleibt so etwas 
unverstanden. Und dabei wollen wir's lassen. Die (»riechen 
verstanden ihre Mysterienerscheinungen (wie sehr ihnen die 
Begriffe fremd waren, lehrt wohl nichts klarer, als deren so- 
fort eintretende U v j> o s t as i r u n g zu i'Az: bei Plato — was 
eben auch viel mehr als blosser Begriff ist ». Was die Griechen 
nun den op(öu,£va entnahmen? Ahnungen. Aber solche Ahnungen, 
die sich nicht in Begriffe umsetzten, in Sätze. Lehrsätze. Nie- 
mand wohl hätte diese opwfieva schlechtweg in Xeyijicva um- 
setzen können, auch der Hierophant nicht. Ist aber diese Art 
der Belehrung nicht gerade die bei glitt liehen Dingen ange- 
zeigte, einzig rechte? 2S. 10. 77. 

Mysterien. (Schlussi. Zuletzt aber, möge er auch Schleier 
nach Schleier von dem Hintergrunde der Welt abziehen , sieht 
der Mensch, in endlosen Wiederspiegelungen , doch immer nur 

— sich selbst'. 

.N,S. 

Das Glück ist nicht ein an den Menschen herantretendes 
Factum, sondern nichts als die Spiegelung der Dinge in seinem 

' Wohl. \vi.' 71' f.. baust. -ine zu einem Vorli eß üV'r Mysterien und 
l'nsterbliehkeit>glaiil»eii. s. »Wn S. U'.t. \:'A. 



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254 



Aiüuing. 



Gemüth . aus i h in fast ganz allein erzeugt. Das ist eine alte 
Weisheit. Es ist aber mit «lern Glück fast wie mit der Gesund- 
heit. Es ist angehöre n. Man kann es stärken - - weniger 
durch philosophische Reflexionen, als ganz simpel durch Gewöh- 
nung man kann es verstümmeln und verkürzen, wenn man 
z. B. schon dem Kinde die Empfindungen des Alleinseins in 
der Welt, der Heimathlosigkeit nicht versiisst, ihm nimmt . . . Das 
wesentliche bleibt, doch immer der angeborene Keim von Ge- 
sundheit von Glücksgefühl (denn Glück ist eben nichts als 
das Gefühl des Glücks). Der Vergleich freilich mit der Gesund- 
heit hinkt : das «Glück' ist nicht so unbedingt zu preisen wie die 
Gesundheit. Das «Unglück 1 , glaube ich. steht der Liebe näher, 
ist in vielen Beziehungen besser, als das 'Glück'. Ohne das 
•Unglück' stünde die Welt noch auf viel roherer, härterer Bil- 
dungsstufe etc. 23. 12. 77. 



SU. 

Die Alten hatten den grossen Vortheil bei ihrer Schrift- 
stellerei, dass die sichersten, wichtigsten, fundamentalsten, über- 
zeugendsten Wahrheiten über Menschen. Menschenleben und -ver- 
kehr, Verhältnis der Menschen zur Weltmacht . . ., zur Natur, zum 
Tode etc. damals noch ihres rechten Ausdrucks im Worte, 
ihrer Abbildung in Begriffen harrten. Diese Wahrheiten sprachen 
sie aus, schlicht und kernhaft. So konnten sie gedankenreich 
sein, ohne doch, wie Scribenten späterer Zeiten, den sichersten 
Wahrheiten als •Trivialitäten' ausweichen und nun feinere, nur 
individuell überzeugende, durch künstliche Steigerung der Ver- 
hältnisse zu gewinnende, nur durch Ahnung zu erschwingende 
Gedanken aussprechen zu müssen. Schon hei IMaton ist Man- 
ches trivial, was es noch nicht für Sokrales war (für den ein- 
fältigen Xcnophon wurde freilich auch das Trivialste nie trivial: 
und so ist's mit Platt köpfen allerdings y»r sturnlH samtlorwii) 
an Seneca z. B. bemerkt man dann schon sehr stark, wie 
ein geistreicher Kopf damals seinen und seiner Leser Ekel vor 
dem 'Trivialen' zu vermeiden hatte. Man darf übrigens eben 
darum die eigentlichen 'Alten' nicht allzu 't i e I' auffassen. 
Spätere Autoren sind wirklich in vieler Beziehung -tiefer-, als 
die kernhaftesten Alten. Deren Stärke ist gar nicht, dass 



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Cogitata 1878. 



255 



sie Gedanken, die .sich einem klugen Verstände aus einfachster 
Betrachtung ergeben, hei Seite gelassen hiitten. um in tiefere 
Abgründe sich hinunter zu wühlen. Vielmehr was sie sagen ist 
wirklich für uns oft 'trivial' : was sie auszeichnet , ist , dass 
sie diese, nun trivial gewordenen Sätze mit einer uns längst 
abhanden gekommenen Innigkeit und Fülle des 
Sinnes empfanden. Das macht, sie hatten diese Gedanken 
erst gefunden. 23. 12. 77. 



1878. 

* 

!Ht. 

Einer der ärgsten Mängel der deutschen Sprache ist, dass 
2 p w ; und a y a - r t mit dem Einen Namen 'Liebe' bezeichnet 
werden. Daher rühren so viele Missdeutungen und verkehrte 
Schätzungen der Liebe = e p <o ; : daher sogar die seltsamen, 
deutsch-sentimentalen Selbsttäuschungen über die Natur 
des epwt'.xfcv nxtf-or. K Leicht ist zu ermessen, wie wichtig für 
Cultur und Litteratur der Deutschen diese Täuschungen gewor- 
den sind. Hier sieht man eben die Wichtigkeit der \V orte. 

11. Mai 7S. 



///. 

Die Musik hat keinerlei s i t 1 1 i c Ii e n Inhalt: 
es ist reine Illusion, wenn grosse Musiker, wie Wagner, sich 
einbilden, aus der Musik eine eigne, tiefere Art der sittlichen 
Empfindung hervorgehen lassen, wohl gar auf Musik eine Art 
von Religion gründen zu können. Man könnte einwenden: die 
Musik drückt ja doch durchweg Regungen des G e m ii t h s 
aus! Gewiss. Aber nur solche Regungen, die in den Bereich 
des Sittlichen nicht hinaufgestiegen sind: nur Empfindungen der 
Lust und Unlust in allen erdenklichen Sehattirungen. Das 
Sittliche (und Unsittliche) entsieht aber erst, wenn jene Regungen 
und Empfindungen durch das Bewusstsein, ja durch die Reflexion 
geleitet und geregelt werden. Diese V e r b i n d u n g des 
Triebes und der Reflexion vermag die Musik nun 

' M.ui vergleiche Schopenhauer I, IV § 67 S. 444 über amor und Caritas. 




256 



Aubing. C'ogitata 1878. 



schlechterdings nicht darzustellen. Dir Reich ist der dunkle 
V n t. e r g r u n d der Welt, aus welcher freilich auch der Mensch 
auftaucht: aber sie reicht nicht bis ins eigentlich Menschliche 
empor. Daher denn ihre dunkle, unbestimmte Ahnungen anre- 
gende Allgewalt, daher ihre Unfähigkeit das Individuelle 
auszudrücken. So ist denn die Musik stets und immer un- 
schuldig, aber in einem Sinne, der sie nicht über den schuld- 
fähigen Menschen erhebt, sondern unter ihm wogen lässt. 

Jena 17. Aug. 78. 

Eins der deutlichsten Beispiele dafür, dass viele 'Sitten- 
gesetze' nichts sind als nackte Bestimmungen der Z w e c k- 
mässigkeit, ist die alteingewurzelte Vorstellung, eine ge- 
schlechtliche aussereheliche Vereinigung sei eine ärgere Sünde 
für das Weib, als für den Mann. Warum i't es lässt sich kein 
Grund erdenken, als der, dass eben das Weib sich dem Gebären 
eines nicht regelrecht versorgten Kindes aussetzt 1 . — Nach 
solchen Beispielen soll man aber nicht alle Sittengesetze be- 
urtheilen. Es g i e b t eine über die Zweckmässigkeit hinaus- 
ragende Sittlichkeit. Diese bringt Positives hervor, die 
zweckmässige Sittlichkeit verhütet nur negativ*. 

' Wohl im Gegensatz, zu Schopenhauers Parerga IV S. 3 IM. 

'■' Die let/.ten Sätze wenden sich iinvcrkennhar gegen Ree und gegen 
Nietzsche'* 'Menschliches AllzuiueiiM hlichcs', das im Mai 1S78 erschienen 
war. S. oben S. 97 tl. 



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257 



Beilagen und Nachträge. 
Zu s. 11. 

Von H. KoML'Sl'iT ist auch später wiederholt die Rede, ho in 
einem Brief au < Overbeck 19 XII So: In Hamburg traf ich Romuin.lt, 
der ans Kant eine Art Protestantenvereinsreligion herausdestilliren 
zu wollen scheint. [Romundt's Buch 'Herstellung der hehre Jesu 
durch Kants Reform der Philosophie' erschien 1S83]. Ich gratulirte 
ihm zu dem ehrlichen Drange und Triebe, dergleichen ist ja stets 
ein Glück für den. den'*« trifft .... Kr will eine Art von Univer- 
»alschule, mit Humaniora anfangend, mit Naturwissenschaft fort- 
fahrend, und was weiss ich in welche Restialia auslaufend, zusam- 
menbringen, aber zu solchen "Wagnissen fehlt ihm, fürchte ich. das 
Fortreissende für Andere.« 

Zu S. 17 A. 2. 

Tin MisMverstandnissen vorzubeugen, bemerke ich ausdrücklich, 
dass mir ein wirkliches Zeugnis für Rohde's Bekanntschaft mit 
Stiknkr in jener Frühzeit nicht zu Gebote steht. Während des 
Druckes werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich hier, in 
aller Arglosigkeit . ein schon vielfach umstrittenes Problem ange- 
rührt habe, dem ich freilich, auch für die Beurtheilung Nietzsche's, 
keine übergrosse Bedeutung beimessen möchte. Vgl. E. Förstkb- 
Xiktzsche Kinl. zu H. Lichtenberger's Philosophie Fr. N.'s, 8. LXV.11. 

Zu S. 22 f. 51. «3. 

Sehr liebevoll zeichnet RiitüKCK den jungen Rohde und sein 
Verhältnis zu dem Lehrer in einem, eine Anfrage RühPs beantwor- 
tenden Briefe. Heidelberg. 10. Mai 7"). „R. ist in Kiel drei Semester 
lau«: ... mein Zuhörer ... gewesen, hat dort. . . pmmovirt und auf 
meine Anregung hin sich habilitirt. Bis zu meinem Abgange nach Hei- 
delberg habe ich in nahem . . Verkehr mit ihm gestanden, und ich kann 
sagen, dass ich die Trennung von ihm als eins der noch uuersetzten 
Opfer ansehe, welche ich meiner l'ebersiedlung hierher gebracht habe. 
Natürlich correspondire ich auch regelmässig mit ihm. Durch diesen 
langjährigen Umgang glaube ich allerdings ein tieferes Verständnis 
seiner nicht gewöhnlichen Natur gewonnen zu haben, als dieser oder 
jener, der ihn von fern gesehn . . . hat. Denn seine äussere Erschei- 
nung verrath zwar auf den ersten Blick einen bedeutenden Menschen, 
wirkt aber auf Solche, die nach dem Schein urtheilen , bisweilen 
auch abstossend. Bei grosser innerer Bescheidenheit hat er in seiner 
Haltung etwas Sprödes, in seinen Aeusserungen etwas Kurzes und 
Knappes, besonders Fremden gegenüber. Das ist aber nur der Aus- 
druck einer gewi>sen Fugelcukigkcit in den Formen des Umgangs, 
welche, auf gewissen Verhältnissen seiner Kuabenzeit beruhend 1 , 



' Gemeint ist die Vereinsamung im Stov'schen Institut. 

C r u» i u s , K. lt->li(le. 17 



258 Beilagen und Nachtrüge 

bei »einem energischen und feurigen Temperament, sich in Form- 
losigkeiten . . . verriith. Im (i runde ist er ein Mensch von wahr- 
haft gediegenem, lauteren, durchaus edlen Charakter, keiner Illoya- 
lität. Intrigue oder Zweideutigkeit fähig. Er hat sich die höchsten 
Ziele in seiner Wissenschaft gesetzt , ohne »ich die gewissenhafte 
Arbeit im Kleinen zu sparen. Ebenso habe ich ihn in grossen wie 
in kleinen Dingen des Lebens bewährt gefunden, den selben au 
Treue, Offenheit, ja sogar, was man ihm am wenigsten zutrauen 
sollte, an zarter Rücksicht .... Er ist insofern allerdings pau- 
corum hominum . als er sich nur Wenigen ganz giebt. und dem 
gewöhnlichen faden (rescllschaftstreiben sein einsames Studierzimmer 
vorziehen mag. Er ist aber der unbefangensten Fröhlichkeit fähig 
und hat uns durch sein«- muntere Laune manchesmal hoch ergötzt. 
Keine Woche verging, in der wir nicht wenigstens einmal bis tief 
in die Nacht bei (»esprächen zusammengesessen hätten, welche so 
ziemlich alle Seiten allgemein menschlicher Interessen berührten. 
Sein»' umfangreiche Bildung und die ungewöhnlich früh entwickelte 
Kraft und Schärfe seines l'rtheils, sein Verständnis für Kunst und 
Poesie, kurz alle seine intellectuellen Eigenschaften, so glänzend sie 
sind, hätten mich indessen auf die Dauer nicht gefesselt, wenn nicht 
der A del seiner ethischen Natur und die Reinheit seines (iemüthes 
eine tiefe Zuneigung zu ihm in mir begründet hätte . . 

Zu S. .ist 

Zur Ergänzung der oben gegebenen Darstellung der Italiäni- 
schen Studienreise mag hier noch einiges für Rohde's .1 ugendst im- 
mung Charakteristische aus Familienhriefen mitgetheilt werden, die 
mir erst nach dem Satz der betreffenden Bogen zugänglich wurden 1 . 

1. -Rom. den "1'2. April (il> .... Bis man unter diesem Peber- 
fluss des Bedeutenden zu einiger Sammlung kommt, wird eine ziem- 
liche Zeit hingehen müssen. Zum Wenigsten, wenn mau nicht 
. . . die philiströse Fähigkeit hat , mit den herkömmlich über- 
lieferten Schlagwörtern sein ästhetisches Gewissen zur Ruhe zu 
bringen. So ist es eigentlich geratheiier, in «1er Zeit der Aufnahme 
zu schweigen, um freilich nachher in grösserer Sammlung — erst 
recht zu schweigen; denn das Beste, das einem Andächtigen die 
Götterbilder der Kunst sagen, ist sowenig in Worte zu fassen, wie 
der eigentliche Inhalt eines musikalischen Kunstwerke.-. Die Kunst 
des Schweigens schätze ich hier immer mehr, hier, wo jeder 
Piuse! vor den ewigen Meisterwerken anfängt , in -einer elenden 
Philistersprache zu stottern über nichtige Nebendinge. Andacht 
ist es, was ich immer erflehe, vor den höchsten Werken der Natur, 
wie der Kunst, die Andacht aber beugt ihr Knie und schweigt. 

Wir fuhren also . . . von Innsbruck nach Verona, allmählich 
ins glückliche Südbiud hinein mit seinen dunkeln blauen Schatten 

1 Sie sind von der Adressatiu. der Mutter, numeiiit, ntit dem Da- 
tum des Empfangstage.« versehn und in ein sauberes Päckchen zusammen- 
gebunden. 



i 



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Zu S. 33 f. 



259 



und dem goldnen klaren Licht , das seihst Trümmer und Lumpen 
nül einem Diehterg'.anz verklärt . . . Einen Tag blieben wir in 
Verona, sahen das Amphitheater, die schönen Kirchen, den getäfel- 
ten Platz ih'i Sif/nori, der von Palästen rings umschlossen und für 
Wagen unzugänglich, uns der stattlichste Rest einer adlichen Zeit 
dünkte : dann aber ergötzten wir uns , hier zuerst und darum am 
intensivsten, an dem Geschrei und Getreibe des Stadtpöbels, seinem 
Drängen und Feilschen um lumpigste Kleinwaare; das (ranze wie 
ein Maskenspiel in dein seltsamen Aufwand von Spectakel und Mi- 
mik um eigentlich gar nichts, nur wie eine andre Art von Müssig- 
gang . . . Denn in diesen kleinen Städten macht der Pöbel den 
Eindruck reducirter Phäaken , die desto geschäftiger aussehen, je 
weniger sie eigentlich Geschäfte haben. In Florenz ist's freilich 
anders. Nach Fl. fuhr ich am nächsten Tage; über Padua ... und 
Bologna . . . dann durch schöne wilde Apenningegenden und end- 
lich hinunter in die reiche Ebene, über Pistoja nach Firenze . . . 
Was . . Florenz so unvergleichlich bedeutsam macht, sind die 
reichen Sammlungen älterer italienischer Maler, Giotto's und 
seiner Schüler, und namentlich Fiesole's. Ich habe irgendwo ein- 
mal gelesen, dass Overbeck über Fiesole hinaus keine Kunst mehr 
anerkannte. In der Kntfernung. und Fiesole nur aus Stichen ken- 
nend, staunte ich darüber sehr; aber steht man vor diesen Bildern 
selbst, so kommt Einem allmählich das Verständnis, wie ein katho- 
lisch-gläubiger Künstler hier allerdings das Höchste erreicht sehen 
konnte. An kindlicher Lieblichkeit sind in der That seine Gestalten 
unerreichbar, und wenn das so ganz unplastische ( 'hristenthum — 
wohl verstanden, das ursprüngliche — eine wirkliche schöne Ver- 
körperung des Evangeliums der Liehe, das den kindlichen Seelen 
allein gepredigt wird, verlaugte, so konnte es über Fra Angelico 
hinaus gar keinen reineren Ausdruck gewinnen. Ein Kindergeinüth 
hatte dieser Mann, der auf die Welt nur aus der stillen Höhe seines 
Klosters in Fiesole sah und in lieblichen, sanften Bildern lebte, wie 
sie ihm in stillein Sinnen auf dem goldenen (»runde des Abend- 
himmels erscheinen mochten. Demi wie glänzende Visionen schwe- 
ben diese zarten Gestalten . . auf der goldueu Glorie, die stets den 
Hintergrund bildet und allein schon einen Zusammenhang mit der 
frechen Welt abweist.... Was mich sonst in Florenz erbaut hat. 
davon vielleicht ein andres Mal ; seltsamer Weise hat mir von all 
den Meisterwerken kaum eines einen grösseren Eindruck gemacht, 
als die drei Parcen von M. Augelo. Dazu seine Gruppen von Nacht 
und Morgen und gar seine Inesigen Werke; ich brenne auf den 
Zeitpunct. wo ich Müsse haben werde, das Buch von (nimm zu 
lesen .... In Korn kamen wir am Sonntag Abend, in einem 
wahren Wolkenbruche. an. Seitdem ist gutes, schönstes Wetter... 
Von Inesigen Eindrücken sage ich noch nichts. Zunächst ist die 
Arbeit gross; am Schlüsse erst winkt als süsse Belohnung die Er- 
laubnis, iu stiller Andacht vor den Götterbildern des Vatican sitzen 
zu diu feil . . . Das Gau/'- hier stimmt mich traurig; dazukommt, 
da>s ich unter meinen hiesigen Bekannten tief einsam bin. Ach, 
wäre Nietzsche hier! Daun wäre keine seligere Zeit auf Erden...' 

17* 



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2G0 



Beilagen und Nachtrag«.' 



2. »Rom. den 2. Mai lh(>!M . . . Ich hin jetzt gerade 1-i Tage 
hier: welch«- Z«'it chen ausreicht, sich in «h>n Hauptsachen zu «>ri«-ii- 
tiren . . . Goethe, glaub" ich, ist es. der ganz trefflich sagt, dass 
nirgends strengere Arheit erfordert werde, als in Rom : nur wenig- 
stens macht diese Fülle des Aufzunehmenden zunächst eine Art von 
Angst, und wird so lange Beschämung machen, als mau nicht durch 
strenges Studium zu einem sachlichen Verständnis gelangt ist. Nichts 
immlich ist irrthünilicher, als die Voraussetzung, dass die Mehrzahl 
der hi«>r verstreuten Trümmer ohne Weiteres einen ästhetisch er- 
quicklichen Eindruck machen werde . . . Eeberhaupt aber ist es 
sicher, dass zum vollen, die ganz«' Persönlichkeit ergreifenden (Je- 
nuss eines plastischen Kunstwerks unendlich viel mehr, hierauf 
speciell gerichteter. Bildung gehört, als zum innigsten Aufgehen im 
Anschauen andrer Schönheit . . . So dürste ich nach der Zeit, wo 
ich, durch strengen' Vorbereitung geweiht . in die Mysterien bild- 
nerischer Schönheit einzudringen würdig sein werde. Einstweilen 
sehne ich mich, zuweilen ganz körperlich, nach dem. für mich mühe- 
loseren (?eiiu*s erquickender Musik: aber seltsam zu sagen, hier 
im Lande der Töne, ist eine für ernsteren Sinn erquickliche Musik 
ganz unerreichbar. Man tritt in die Riesenhallen von St. Peter; 
aus irgend einer entfernten Kapell«« tönt leis»>« Singen herüber: nun 
geht man näher . . .: ach, welche Seligkeit, im .Dämmerlicht dieser 
hohen Wölbungen auf den Wogen der Musik dem Land d«*r Träume 
etitgegenztisehaukeln ! Kommt man aber näher. *o hört man . . . « ine 
Musik ganz wie die. wozu man bei uns Savoyardeujungen mit ihrem 
Dudelsack tanzen sieht! — ... Was hier eigentlich die Schönheit 
der Landschaft macht, das i*t das Licht, in tausend Abstufungen 
von strahlendem <iold bis zum dunkeln Blau. Kürzlich hatten wir 
auf der Villa Ludovisi einen Sonnenuntergang, der an Pracht .. alles 
bisher Gesehene übertraf. Voran der herrliche (iarten; aus dem 
jungen hellen Laube ragten die schwarzen riesigen < 'ypressen ; uml 
dahinter das blühende Land, vom rothgolduen Eicht der scheiden- 
den Strahlen umsponnen: am Horizont die dunkelblauen Albaner- 
berge mit blinkenden Städtchen, und darüber die krvstallene Klip- 
pel des reinsten Himmels. . . Nun sinkt die Sonne, und im Osten 
verbreitet sich alsbald ein «-igen trauriges blaugraues Eicht, während 
der westliche Himmel noch . . . im trunkn«'ii mthen Kolde schwimmt. 
Ich weiss nicht, warum das Anschauen solcher Schönheit mir die 
besten Momente des Daseins giebt . . . Damit für heut»' ade. liebste 
Mutter, lass mich bald hören, dass du n) jch lieb hast. Ich denke 
viel an «Mich . . .« - 

"). Rom. Dienstag d. 23. .Juni ol» ... Mit S«-hluss der Woche 
wird die Vaticanische Bibliothek geM-hbi-sen : dann warte ich nur 
noch Peter und Paul, am 2!«.. ab. tun die Erleuchtung «1er P.-teis- 

' II. wohnte Via ildle trr anuUe,, N. l*»s, yj/,oe> . . . zwischen 
Tr« jansplatv. un«l ]iin::<t <l>i SS. Ajnjstnli. g«-g«-]iüb«'r dein Pala/./.o Val«'i>- 
tinelli . 

• Br. 3. 4 bringt s.dir ausführliche Beschreibungen der Fahrten mit 
Woj.kgan«; HfJLtm;. woraus sich kaum etwas Kin/.-ln.'s h«'rau»helten lii>st. 



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Zu ä\ 33 f. 



261 



kuppel mit zu erleheu . . . und reise dann am HO. ab. vielleicht 
direet nach Neapel, vielleicht erst eine Woche ins Sabinergebirge. 
Diese 'vielleicht' stellen grade die Annehmlichkeit der Sache dar, 
nämlich den Beginn der uugchuudnen Buminelzeit . . . Hatte ich 
Ni.-tz-che hi» r. ><> würde gerade die>e Zeit reiner, nabelbeschauender 
(wie fromme Inder priesen) Faulheit die wonnigste meines Lehens 
sein . . . Dass ich auf kurze Zeit vorher noch ins Sabinergebirge 
mochte, kommt daher, dass ich auf einer vor kurzem unternommenen 
Tour von vier Tagen über Frascati. Palestrina. Olevano, und von 
da auf wildesten Gebirgswegen . . . nach Tivoli — in Ulevano 
nicht nur einen Paul Schulden, sondern auch mein Herz gelassen 
habe: keiner schönäugigen Dirne, sondern nur der über alle Dirnen 
schonen Gegend, der unbeschreiblich herrlichen Aussicht von dem 
hoch über dem . . Städtchen bringenden Wirthshaus. loh fuhr mit 
der Kisenbahu nach Frascati, machte am selben Tage den Giro über 
Crotta Ferrata. die Ruinen von Tu>culum — ausgedehnte Trümmer 
. . . hoch über dem kümmerlichen Treiben der heutigen Menschlein: 
auch ein Ort zur Versenkuni.' in das Geheimnis menschlicher Kraft 
und zerstäubender Vergänglichkeit --. die herrlichen Villen, zu 
Pferde; haudelte dann am Abend mit unterschiedlichen Thierbändi- 
gern, von denen einer immer banditeiimassiger als der andre aussah, 
auch drohten sich die < 'oncurrenteii mit Animazzirung ; endlich er- 
stand ich einen K>el und Führer für h Tage . . . Am andern Tage 
dann durch heiss«. Kbene nach Palestrina . . . und weiter durch 
fruchtbares Land in allmählicher Steigerung nach Ulevano. Herr- 
liche Lage. Malerkneipe. auch ein Hamburger. Namens Lutteroth. 
Das Schönste war am andern Tage die Tour durch's Gebirge nach 
( 'erano ; dann nach Tivoli . . . und so zurück. Amüsirt hat mich 
die ganze Zeit mein Führer, ein halb verrücktes Subjeet, der von 
allen Sprachen drei Worte aufgeschnappt hatte, nämlich folgende: 
..schiine. gutte Aes.-ln ; cn/ i/>»kI dimkcy. inderd, t/es! g» on, don- 
k'if : »muh* tilliiii.s", dann: „andiamo" ; und zum Schluss: ^Ja tcohh; 
und dann hieb er wie toll auf das arme Vieh. Wenn er etwas ge- 
trunken hatte — und da ich ihn verköstigen mus-te. trank er schreck- 
lich viel — . so verfiel er in ein Lauffieber, setzte den Esel in Ga- 
lopp, und schwatzte stundenlang vor sich hin. zufrieden wenn ich 
ihm zuweilen auf seine Fra<_'e: n i- vero f mit i/iä, tjia antwortete. 
Z. B. : er hatte einen General ( vennuthlich war's ein Lieutenant, 
denn er sollte zugleich ffioiane sein) aus Berlin geführt : nun führte 
er folgende Sceue zu seinem eignen Benefiz auf: gehen Sie nur nach 
Jh i-lnio. I- tiitt al 'interalc Castro: sta cico Antonio .' „c7<, sta cito .'- 
iju'i, ff irr. stn ricu! _w<i eotm .<ta f~ ata bette ; eonosce tutto il mondo. 
(out le ntowlr. nia tum si rieorda delle sfrade — er wusste nämlich ab- 
solut nichts vom Weg. ausser wo es Landstrasse war — . der Ge- 
neral: „nia elf. nun rieorda le strade f Ah, ehr ndtte. sta ceechio, 
Im i/itaranta s» i o quaranta Sitte mini, mm lo *a f>ri risutinntc An- 
tonio, so d prefe. sfn srri/fo mihi jede, und so immer weiter . . . 
Die* Original nannte Antonio Taddri, jtritna c/nida di Frascati, 
wie er allen Leuten, denen wir begegneten, erzählte. 

Hier in Koni habe ich in alter Weise ohne viel Abwechselung 



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2<>2 



Beilagen und Nachträge. 



fortgelebt, aber man braucht liier fast nichts zu tliun. als zu exi- 
stiren, um die mannigfaltigsten Kindrücke zu gewinnen : wenn nur 
die liier versammelte Philologenschaar ein klein wenig ultra pltilo- 
luftmn saperet . . . Von Nietzsche habe ich aus Hasel zwei Briefe 
bekommen, die mich, in Ermangelung persönlichen Verkehrs, sehr 
erfreut haben . . 

6. »Neapel. Sonnabend lti. Juli (J9 . . . iiier geniesse ich das 
Museum, hole von der Bibliothek, was da allenfalls zu holen ist 

's ist nicht viel — . und den übrigen Tag dufte ich einfach gen Him- 
mel in ganz neapolitanischem Nichtsthnn. Die Stadt bietet als solche 
wenig, das ganz unglaublich geschäftige Treiben der Menschenmenge, 
die sich in ihr drangt, ergötzt oft durch bunte originelle Bilder, 
ermüdet aber noch mehr durch den fortwährenden Spektakel und 
bildet zu dem nobeln stillen Rom einen auf die Länge widerlichen 
Gegensatz. Dafür hat man dann vollsten Krsatz durch das wechsel- 
los schöne Bild der weiten Bucht, von deren Herrlichkeit nichts 
Neues zu sagen nöthig ist . . . Hauptenpiickung in der ganz läh- 
menden Hitze bildet, ausser dem durchaus nothwendigeu Eis. das 
köstliche Seebad. Neulich schwammen wir einmal Nachts, bei Mou- 
deiischein und Meerleuchten, in die See hinaus, immer silberhell 
erglänzend»' Wellen vor uns her treibend. Natürlich macht man 
vielfache Touren in die Fnigegend . .. neulich . . zu Ksel nach dem 
Kloster Camaldoli, durch herrlich kühle Waldthäler. zwischen Kichen 
und zahmen Kastanien. Die brutalen ltaliäuer haben die Mönche 
bis auf drei verjagt; eine wahrhaftige Sünde an diesem unbeschreib- 
lich schönen l'unct, wo man von freier Höhe die Buchten von Nea- 
pel und Bajae, die gros-»- Stadt und die weiten üppigen Gehlde 
überblickt, und nach Norden die hinter einander geschobenen Hügel- 
reihen von Ischia. in blauem Duft geschlossen. Nur ganz vereinzelt 
dringt ein Menschen- oder Thierlaut hierher; und wenn man so in 
stillem Entzücken dasitzt, empfindet man wahrlich aufs innigste, 
dass Alles, was jene tosende und unruhig arbeitende Welt dort, tief 
unten bieten könnte, den seligen Frieden stiller Betrachtung nicht 
aufzuwiegen im Stand«' ist. — Letzten Mittwoch und Donnerstag 
waren wir — Koscher und ich in Sorreut und von da zu Schiff 
nach Capri . . . Auf Capri Hessen wir entsetzlich viel Geld, was 
uns aber nicht im Geiiuss des Auf- und Abkletterns an jenein 'Zie- 
geufelsen' . . . störte. Auch sind wir in die blaue (trotte nicht 
hineingefahren, wie andre Sterbliche, sondern hineingeschwommeu 
und in der leuchtenden, hellblauen Fluth herumgeschwommen, was 
ganz herrlich war . . . 

7. »Sorrent den 2(1. August (>!> . . . Seit meinem letzten Briefe 
habe ich die mannigfaltigsten Fahrten durchgemacht. Zunächst 
ging ich nach Pompeji, und bin dort, in Gesellschaft eines sehr an- 
genehmen Kameraden. Dilthey. -1 — 5 Tage geblieben, in idyllischer 
Einsamkeit in der kleinen Kneipe *zur Sonne' eingi iniethet . . . 
Das waren höchst traulich-behagliche Tage, zudem durch den Ein- 
blick in das kleinste und intimste Dasein dieser versunkenen Kultur 
auf »las Aeiisserste belehrend. Audi an den . . doch noch ganz 
beträchtlichen Fragmenten von Bildern habe ich ein lebhafteres In- 



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Zu S. 33 f. 



teresse gewonnen, als ich mir seihst es eigentlich zugetraut hätte : 
ich fühle überhaupt täglich, dass Verständnis für die Plastik erlernt 
werden kann, wan für die Musik z. B. entweder nicht möglich oder 
nicht nüthig ist . . . Als Dilthey fort war, vegetirte ich noch einige 
Tag«* in Neapel solo herum: dann kam mein Freund Matz aus Grie- 
chenland zurück, noch hall) seekrank, und schleunigst zogen wir 
zusammen nach Sorrent hinaus. Hier fand ich dann, im stärksten 
Gegensatz zu dem spektakulösen Neapel, eine fast klösterliche Ruhe, 
und auch sonst, im ulhcrf/o di Iioma. erträgliche rnterkunft; aber 
an Stelle des äussern Spektakels trat ein viel gräulicherer innerer 
. . . die sciolta bannte ich durch Opiumtrinken, habe aber vermuth- 
lich des (»uten etwas zu viel gethan : wenigstens ist mein Magen 
seitdem noch immer nicht in Ordnung. Fm nun schliesslich durch 
Luftveränderung mich etwas zu verbessern, fasste ich den Gedanken, 
ein Bischen nach Sicilien zu gehen . . . Am Sonnabend Abend 
ging ich dann an Bord des (Jorrirrr Siciliauo, sass noch eine Zeit 
laug oben und dachte bei dein wunderklaren Sternenhimmel an dies 
und das. Freundschaft und Liebe . . . Am andern Tage gegen 
Mittag sahen wir die herrliche weite Bucht von Palermo vor uns 
auftauchen . . . Da an diesem Tag«» . . . nichts mehr anzufangen 
war, so streifte ich nur durch die Gassen und nahm den Gesammt- 
eindruck der Stadt auf. Au diesem ruhigen Sonntagnachmittag 
machten die Häuser in ihrem gelblichen Ton, von der gemilderten 
Sonne beschienen, einen überaus freundlichen, behaglichen Kindruck. 
Dazu vor jedem Fenster ein Balkon, durch dessen Stäbe irgend eine 
grüne Hauke sich schlang: so machte das Ganze das freundlichste 
Bild: behaglich, wie gesagt, und das will fast sagen uuitaliänisch : 
denn allerlei andre Vorzüge mögen die Italiäner ja vielleicht besitzen, 
aber was wohl eigentlich Behaglichkeit sei, scheint ihnen noch Nie- 
mand beigebracht zu haben . . . Durch die Strassen zogen trupp- 
weise .Fungeiis, mit furchtbarem Gekreisch . . ., eine Marienpuppe 
aus Wachs auf einer Bahre herumschleppend : nach einem Hilde, das 
sie austheilten. zu schliessen, war die Edle am Jahrestage zum Him- 
mel gefahren. Sonst sass Alles friedlich vor den Haust hären, ohne 
das übliche Brüllen, womit hier Jeder jede beliebige Thätigkeit 
begleitet. Nach dem Mittagessen . . ging ich auf die Promenade, 
den herrlichen Strandgang . . . Das ist die prächtigste pawgyiata, 
di*' ich noch gesehen habe . . . Wenn man so in einer der halb- 
runden Ausbuchten der am Meere entlang laufenden Mauer sass, 
und über das leise brandende Wasser hinweg dieseti Kranz zackiger, 
heller und tiefer gefärbter Berge, rings um die hochragende Stadt, 
sah. dazu die heitre Menschenmenge. Musik und der kühlende See- 
wind, so empfand man wohl aufs Klarste, dies sei so ein Bild von 
den wenigen, die bestimmt seien, ein ferneres, farbloseres Leben 
mit dem Glanz der Erinnerung zu erhellen. — - Sonst ist an der 
Stadt selbst der Gesaminteindruek, der entschieden schon «lein Orient 
sich nähernde, buntfarbige, in grellein Spiel von Licht und Schatten 
flas Auge vergnügende malerische Charakter, die Hauptsache: 
eine grosse, uns geistig unendlich fremde und darum besonders 
interessante Cultur. die maurisch-normannische, hat der Stadt im 



264 Beilagen und Nachtrüge. 

Allgemeinen ihren festen Typus jj«>^olien : sonst aber hat der un- 
historische Kleinsinn des 17. und 1H. Jahrhdts. hier, wie (ausser in 
Klorenz und Venedig) wohl überall in Italien, diese herbkrnftigc 
Kunst mit seinem kosmopolitisch-leeren Kalk und vergoldetem Stuck 
nach Kräften verkleistert . . . Nachdem ich alle diese Dinge in 
Anschau genommen, schiffte ich mich am Dienstag Abend, auf ein 
Boot der französischen inessayrrks imperiales, ein: sehr elegant. 
Abends Hahneukampf einiger französischen Kadoteurs. über die 
auch im vice zu manifestirende inMliyeuM im Allgemeinen und die 
inteU'njmce der Tuns im Besondern : Alles mit knallenden Senten- 
zen aufs Herrlichste verbrämt: ich nmüsirte mich .sehr daran. Es 
erfolgte der bekannte Kampf mit der üblichen engen Bettlade .... 
Messina liegt schön, aber die Berge sind niedrig, nicht in so schönen 
Reihen hinter einander gestellt, wie bei Palermo, dazu weder be- 
waldet, noch ganz kahl, was allemal zu den schönsten Lichteffecten. 
den buntesten Schatten Gelegenheit giebt, sondern bewachsen, ich 

weiss nicht womit, aber spärlich: wie halbgerupfte Hühner 

In t'atauia .stürzte ich aufs Neue sogleich in ein Dampfboot und 
fuhr nach Syrakus . . . Das Beste bleiben die grossen Erinnerungen, 
die um diese weiten Trümmer, um die Steinbrüche, darin mau auch 
die gefangenen Athener aufbewahrte, um den weiten Hafen schwe- 
ben, wo die Entscheidungsschlacht . . . stattfand.' 

10. ic Rom, Sonntag Hl, Uct. <>f>. ... In Florenz habe ich seit 
meinem letzten Brief . . in alter Weise fortgelebt: vormittags der 
alte Asket, nachmittags mehr dem Sybariten vergleichbar. Am 
letzten Tage reiste ich . . nach Pisa ... So einmal . wozu auch 
das herrliche Florenz auf Schritt und Tritt den Nachdenklichen 
stimmt, in jene kräftige gestaltungsreiche Zeit am Ausgang des 
Mittehilters . . . eingetreten, erhielt ich mich in so bedeutenden 
Kindrücken, indem ich auf der Rückreise nach Rom einen Tag in 
Perugia und einen Vormittag in Assisi Halt machte. Ks ist g;ir 
nicht zu sagen, welch einen beglückenden Reiz solch ein Wandeln 
un den Stätten einer schattenden Vergangenheit gewährt. Nament- 
lich im alten Perugia. Auf einem caprieiös gezogeneu langen Hügel- 
rücken . . . gelagert, bietet es von allen Seiten neue und im rei- 
zenden Wechsel der drunten liegenden Wiesen und Bäume mit den 
phantastischen, auf- und absteigenden Häusern stets malerische An- 
blicke: die Häuser sind noch Individuen, mit allen Kckeu und Ab- 
sonderlichkeiten selbstbewusster Personen, nicht aufmarschirte .Tarde- 
rejiineiiter. Nun überall die Spuren einer kräftig wirkenden Maler- 
schule, die mir. in zu grosser Häufung genossen, mit ihren süsslich 
frommen Aeuglein . . . freilich viel weniger zusagen, als die lebens- 
frohen Florentiner l{cali«ten des 15. .Ib. — aber sie entwickelten 
denn doch auch, in Rafael. das höchste aller harmonischen Malergenies, 
den Mozart der Plastik, und bildeten selbst einige, in ihrer zarten 
Holdseligkeit ganz beglückenden Bilder, an die zurückzudenken 
auch zu den sicheren Gewinnen solch eines italiäuischcu Aufenthalts 
gehört: wie man an begnadigte Momente im eignen < »emüthsleben. 
in schlaffen Tagen, zurückdenkt. So die Grablegung des iVrugino 
in Pitti. einige der schönen Fresken in der Solo (hl Combo, zu 



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Zu S. 33 f. 



Perugia, namentlich aber das unvergleichlich schön«' Abendmahl in 
St. Onofrio in Florenz, von einein unbekannten Peruginer. Ein 
unsäglicher Heiz, der Gegenwart vergessen, in den alten engen 
Strassen mit den Gestalten jener Zeit im Sinne zn wandeln, von 
deren, die Welt in der Erkenntnis ihrer tausendgestaltigen Schön- 
heit auf's neue schaffenden Regsamkeit unsre, sonst jener so . . über- 
lesen e Zeit immerhin ein gutes Stück brauchen kann. Das ja macht 
den Künstler, «lass er das Schöne, Bedeutsame, sieht, wo ein stumpfer 
Sinn sich langweilt und dann über Enttäuschung schreit. — In As- 
sisi ist das Wesentliche die Doppelkirche des heil. Kranciscus . . ., 
an allen Wänden, in der Verschwendung reichen Geistes, mit Fres- 
ken Giotto's und von Schülern des grossen Meisters bemalt....: 
ineist Thaten jenes bewundernswerthen Mannes, in einer, meinem 
Gefühl nach, bei aller Gebundenheit unübertroffenen Meisterschaft 
im Darstellen von 'Historien'. . . . durch bedeutsame Auswahl 
sprechender Abbreviaturen für weitläufige Acte. Dabei frappirte 
mich die chronikartige Naivetät, mit der diese, damals doch erst 
kurz vergangenen wunderbaren Ereignisse dargestellt werden konn- 
ten: ganz gewiss hätte man längst vergangner Jahrhunderte Ge- 
schichten ganz ebenso dargestellt. Es ist wie in den alten No- 
vellen (Sacchetti /,. B.|: keinerlei historische Reflexion stört (oder 
fördert) die Darlegung des nun menschlich interessirenden Actes .... 
Hier nun in Rom angekommen . . . habe ich die beste Absicht, 
mir in den bevorstehenden paar Wintcrmonaten soviel von Kunst- 
kenntnis anzupauken. als meine Fähigkeiten . . mir erlauben . . .<-. 

11. »Rom, «leu 21. November <)!). Meine liebe alte Mutting, 
Was du an unserm alten treuen Onkel Hansen verloren hast, kann 
ich sehr tief mit dir empfinden: ein starkes, freisinniges Gemüth, 
das nun seit so langen Jahrzehnten an Deinem und unser aller 
Schicksal einen aufrichtigen Theil genommen hat . . . Wir aber, 
liebe Mutter, wollen nach albui Verlusten fester zusammenhalten: 
dass ich oft gegen dich gefehlt habe, hindert nicht (und Du weisst 
es selbst), dass ich tief im Herzen die Liebe zu Dir trage und die 
Seunuiig empfinde. «Ii« 1 eine aufopfernde Mutterliebe meinem Leben 
giebt. — Liebe ist sonst wenig in der Welt: wenn ich die treue 
Freundschaft Nietzsches nicht hätte, und in Briefen wenigstens einen 
genauen Verkehr mit ihm unterhielte: ich wüsste nicht, wie öde 
mir der Verkehr mit der Menschheit, erscheinen würde. Was Freund- 
schaft s«>i, erfahren, meiner Beobachtung nach, «lie Meisten gar nicht, 
die im vergnüglichen Verkehr mit guten Kameraden diesen heiligen 
Namen tausendfach missbrauchen ... So lebe ich hier, wie über- 
all, am Liebsten, soweit es geht, einsam, in der Vereinigung nur 
»«ine leichte Zerstreuung erwartend und findend. — Die "Bibliothek 
ist wieder eröffnet und verschlingt fast alle Vormittage. Nachmittags 
arbeite ich ein wenig, oder lern«- ein neues Stück des grossen Wun- 
ders kennen, das Ii genannt ist . . . 

12. ? Rom. 1!>. Dec. ti!> .... Seit wenigen Tagen haben wir 
wieder helles Welter . . . Dann liegt idter dem weiten Bilde der 
ewigen Stadt mit ihren zahllosen Kuppeln . . . und den schönen 
(Truppen der hochliegtunb'ii Theüe . . . jenes ganz unglaublich herr- 



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206 



Beilagen und Nachträge. 



liehe Licht der italienischen Sonne: alle Schatten sind nicht kalt 
und grau, sondern blau und warin in den verschiedensten Abstu- 
fungen von hell und dunkel. Am herrlichsten aber ist der Hinter- 
grund: die stolzen Linien des hohen Sabinergebirgs. dessen höchst« 
Gipfel . jetzt mit Schnee bedeckt, in der Sonne rothlich glänzen: 
und nach Süden die sanfter gezognen Formen der Albanerberge 
Jn andrer Weise erquickt die Seele ein Gang im klaren Mondlicht 
durch die schweigenden Strassen, allein am besten, da nirgends 
mehr als in Rom Goethe'« Wort wahr wird: .,Mit Andern mag man 
sich belehren. Begeistert wird man nur allein.'* Der sei zufrieden, 
der im täglichen behaglichen Verkehr sein volles Genüge rindet: 
seit ich empfunden habe, welche Kraft und Freudigkeit ein gemein- 
samer Flug in reineren Luftkreis . . dem ganzen Wesen giebt, höre 
ich nicht auf, mich nach dem entfernten Freunde zu sehnen. „Wie 
köstlich ist des gegenwärt'gen Freunds gewisse Rede, deren Him- 
melskraft der Einsame entbehrt und still versinkt" sagt abermals 
der alte Goethe . . . Augenblicklich, könnt' ihr denken, macht sich 
CoHcilium oecumemeum breit, genug: wohin man sieht und wohin 
man spuckt, stösst man auf einen Pfaffen, roth. violett, grau, grün, 
blau, schwarz uniformirt : eine grosse Armee von Schlauköpfen, ein 
noch grösserer Tross von Schaafsköpfen und vielleicht eine kleine 
Elite von ernsthaft Gläubigen. Erzählen kann ich nicht viel da- 
von, denn die Priesteraufzüge haben stets etwas Eintöniges, und bei 
der Eröffnung war der riesige Peter so voll gedrängt, dass ich nur 
langgestreckte Fremdenhälse sah, und ausserdem dichtgeschlossne 
Haufen von < 'ampagnolen mehr roch, als sah . . . Das Eigentliche 
geht übrigens auch in einem separaten Schapp vor sich, der aus 
einer Seitenkapelle des Peter gemacht ist. Schön werden wohl die 
Weihnachtsfeierlichkeiteu werden . . . Meinen Weihnachtsabend werde 
ich im deutschen Künstlerverein verbringen, dessen temporäres Mit- 
glied ich . . geworden bin . . . 

18. »Rom, 1. Januar IS70 . . . Am '2. wurde dann, im festen 
Vertrauen auf anhaltende Tramontana und sonnenklare Aussicht, in 
heiliger Früh ein Ausflug nach Albuno unternommen. Als es aber 
hell wurde, zeigte es sich, dass es eigentlich gar nicht hell gewor- 
den war . . . Trotz des Mangels an Licht, wodurch diese sonst so 
ernsthaft dreinschauenden Landschaften erst ihre ganze Schönheit 
entfalten, war es eine sehr schöne Partie: wie strahlende Helle zur 
Expansion, so stimmt dies einschränkende, fast dämmerige Licht, 
in das sich, in dieser Jahreszeit, zuweilen der italienische Himmel 
hüllt, zu einer verwunderlichen Art von nachdenkender Ruhe . . . 
Eure Weihnachtshriefr bekam ich am 25.; sie machten mir doch 
eine Art Fest: denn im Jvünstlerverein war es sehr lomd. Dagegen 
haben wir Alt jahrsaltend unter uns ganz tidel und vergnügt ver- 
bracht, mit Hülfe eines Gastmahls und daran geschlossnen Sympo- 
siums: ein musenbegabtes Mitglied hatte zu allerlei ulkigen Ge- 
schenken niedliche Verse gemacht : ich bekam als Theatermanu ein 
kleines Pidichinelltheater . . . 

10. : Florenz. 14. März 70 . . . Florenz hat . . . den alten 
Zauber geübt, und gar manches Bildwerk hat mir jetzt erst seine 



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Zu S. 33 r. 



2*57 



verborgne Grösse um! Lieblichkeit aufgeschlossen : ich fühle, dass 
ich, wenn nach etwas, nach gar manchem der hiesigen Bilder Sehn- 
sucht wie nach einem guten und getreuen Freunde empfinden werde, 
wenn ich fern bin. Sonst ist doch jeder Mensch so einsam, einsam! 
Hier habe ich ziemlich viel Leute kennen gelernt: davon etwas zu 
haben, ausser Täuschung müssiger Stunden, inuss mau eben nicht 
erwarten. Auf der Rückreise gehe ich auf einige Wochen zu Nietzsche, 
der meiner ebenso bedarf, wie ich seiner: und das wird fast das 
Beste der ganzen Heise sein . . . Von Kiel kriegte ich neulich die 
angenehme Nachricht, dass ich. meinem erworbenen Rechte gemäss, 
ohne alles Weitere Michaelis 70 anfangen könne zu lesen. Zugleich 
einen sehr freundlichen Brief von Ribbeck. mit dem zusammen zu 
leben ich mich freue . . .< 

IS. r> Venedig. 17. April 70 . . . Am Behaglichsten ist es frei- 
lich, wenn Velsen und ich alleine, ohne den dann doch vorhandenen 
Zwang des anstäudigsitzens und Vernünftigredens, ohne Familie 
Brinckmann uns in so einer weichgepolsterten Gondel ein paar 
Stunden lang schaukeln und uns vom köstlichen Krühlingslicht um- 
spielen lassen können : wie wir denn gestern vier Stunden so herum 
gefaullenzt haben. Ach. der göttlichen Faulheit! Fast meine ich, 
dass F. Schlegel Recht hat, der Faulheit neben Venus und Minerva 
einen Altar zu errichten: so im grünen Wasser liegen, und nur 
ganz langsam denken und reden, und gedankenfrei die köstlichen 
Bilder ringsum einsaugen, etwa Murann, wie es im dunkelblauen 
Nachmittagslieht aus der Fluth steigt, im weiten Kreis vom Wasser 
umzogen, und ganz hinten der lange Zug phantastischer weisser 
Alpen: die Empfindungen eines Katers, der sich auf dem Dache 
sonnt und au keinen Mausefang und Vogelraub denkt, sondern an 
gar nichts, können nicht behaglicher sein . . . Morgen geht dann 
bibliothna wieder los: ich quäle mich mit dem berühmten Iliasco- 
dex : den ich nur ganz zu vergleichen wünschte . . .« 

19. > Venedig, 25. April 70 . . . Eins fühle ich doch immer 
wieder in Momenten des Alleinseins mit meiner lieben Seele: es ist 
recht Schade, in diesen .Jugendjahren für das Herz keine Nahrung 
zu finden . . . „Was bleibt mir nun. als eingehüllt, von holder 
Lebenskraft erfüllt, in stiller Gegenwart die Zukunft zu erwarten ? u 
sagt Goethe i nivu, von sich freilich, mit dem sich zu vergleichen, 
auch nur von ferne. Krevel ist . . . .* 

21. ? Mailand. 20. Mai 70. . . . Am vorigen Sonnabend brach 
ich. in Gesellschaft des Dr. Velsen und Brinckinaiin's, von Venedig 
auf: den Nachmittag brachten wir in Padua zu, wo ich meine alten 
Lieblinge, die Fresken des grossen Giotto und seiner Schüler, und 
die des Mantegna mit erneutem Genuss betrachtete und an der rein- 
lichen, von grünen Gärten umgebenen und durchzogenen Stadt nach 
all dem Grau der veneüanischeii Paläste und Baracken mein Auge 
vergnügte . . . Am Sonntag besahen wir dann . . . die alten Herr- 
lichkeiten Veronas . . . Wohin man blickt in diesem herrlichen 
Italien der Renaissance . überall neue Schaaren hochbegabter und 
zum Ganzen und Vollen mit Energie strebenden Männer: wahrlich 
eine Zeit, die wir in unsrer künstlerischen Dürftigkeit nur staunend 



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2ü8 Beilagen und Nachträge. 

verehren dürfen! — In einem duftend blühenden Akazienurarten er- 
holten wir uns, hei ländlicher Naturalverplleguug, von den Anstren- 
gungen des Sehens, und im goldnen Nachmittagslicht fuhren wir 
dann weiter nach Brescia . . .~ 

22. > Basel, den !). Juni 70. Liebste Mutting. da wäre ich glück- 
lich in Basel, d. Ii. schon seit Sonntag vor acht Tagen: eigentlich wollte 
ich nur höchstens S Tage liier bleiben , aber mein Freund hat es 
.schliesslich doch durchgesetzt, mich noch länger hier zu halten. So 
waren wir dann in den Pfingsttageu . . ., in Begleitung von Nietzsche'» 
Mutter und Schwester, im Herner Oberland, Interlaken, Wengern- 
alp. Lauterbrunn . . . Hier leben wir uns in die glücklichste Ver- 
gangenheit zurück, ein Stück Fortsetzung jener seligen Tage in 
Leipzig, wo wir, von aller Welt isolirt, im steten Umgang gegen- 
seitige Förderung und Stärkung uns gaben. Leider ist Nietzsche 
in diesem Semester so übermässig beschäftigt, das.s uns nur wenige 
Stunden des Tages übrig bleiben, wo wir dann in mancherlei Ge- 
sprächen f. . .| und namentlich indem N. Wagnersche Musik, soweit 
dies auf dem ( 'lavier möglich ist, darzustellen sucht. Gestern Abend 
Maren wir mit dem geistvollen Jacob Burckhardt zusammen in 
Muttens, einem Dorf in der Nähe von Basel, wo ich mir für heute 
einen kleinen Kater gezähmt habe. Daher dieser verwirrt»" Brief 1 . 
Sonnabend und Sonntag denken wir nach Triebschen bei Luxem zu 
R. Wagner, auf einen Besuch, zu gehu , d. h. wenn wir passend 
kommen. Am Montag spätestens denke ich daun abzureisen: in 
Freiburg also halte ich mich, auf Deinen Wunsch, einige kurze Zeit 
auf: dann aber rccta dotuum . . 

Dass der genieinsame Besuch der Freunde bei R. Wagner, von 
dem in Br. 22 die Rede ist, wirklich ausgeführt wurde, hat mir Frau 
Dr. K. Forster-Nietzsche auf meine Anfrage ausdrücklich bestätigt. 
Das ist der Beginn der persönlichen Beziehungen R.'s zu Wagner. 

Zu S. 35 f. 

Zu den persönlichen Bekannten, mit denen Rohde damals in 
Florenz verkehrte, gehören noch Gistav Farthey und Th. Hevse, 
der lS7ü in Florenz ansässige < Mieini des Dichters. Das ergiebt 
sich u. A. aus Briefen |5. 11 I Y 7<>| an Wolfgano H elbig (im 
Archiv des archäologischen Instituts i. die P. Hartwig für mich zu 
exceipireu die Güte hatte. 

Zu s. aii. 40 f. 

Aus meiner Darstellung wird hervorgehn, dass sich Rohde auf seiner 
Italiänischen Reise immerhin sehr ernsthaft um das Verständnis der an- 
tiken wie der Renaissance- Kunst bemüht hat: in den Briefen steckt 
noch manche feine, erlebte Beobachtung. W. IL Roscher (Neu»« 
Jahrbücher für das kl. Alterthum iis\v. IV 1JM»1 S. 71S) nieint. R. 
habe die Archäologie und deren Resultate in seinen Arbeiten nicht 
hinreichend berücksichtigt; schon auf der Universität habe er sich 
„zu wenig mit dieser Wissenschaft beschäftigt" (das hatte seine 

1 Wirklich hat Rohde (was ihm sonst nie passirt i*t) kurz vorher 
einen Satz ohne Prädikat gelassen. 



\ 



Zu S. 35 ff. 40 f. 



269 



guten Gründe) 1 und sei ..auch auf seiner italienischen Reise im 
Jahre 1H69 nicht recht vertraut mit ihr geworden*. Obgleich Ro- 
seher Rohde's Reisegeselle war. bezweifle ich doch, dass er Rohde 
hier wirklich gerecht wird. Rohde hat in Bonn gleich im ersten 
Seinester Jahn's Hauptkolleg über Archäologie gehört; in Italien 
begann er (allerdings unter strenger Wahrung der umfassenden philo- 
logischen Aufgaben, die er sich nun einmal gestellt hatte), sich mit 
der ganzen Energie, die ihm eigen war. in die ihm zunächst innerlich 
noch fremde Welt der antiken Plastik zu vertiefen, l'nd wie glücklich 
wird gleich in dem Ruch über den Roman die hellenistische Kunst, 
nach dem Vorgange H Kunos, für die Reconstruction der hellenisti- 
schen Poesie verwerthet ! Es gab nicht allzu viel Philologen, die, 
über eine bloss archäologische Geschäftigkeit hinaus, zu einer so 
feinsinnigen ästhetisch-kulturgeschichtlichen Behandlung solcher Fra- 
gen fähig waren. Allerdings, Rohde war sich bewusst. dass ihn 
seine eigentliche Begabung nicht auf das Gebiet der bildenden Kunst 
führe, dass er doch -> kein rechter honio plaslicus* sei. und er machte 
an sich zu hohe Ansprüche, um auf diese -durchaus dilettantische 
Velleität« viel Gewicht zu legen. Als er die Frage, ob er noch 
einen längern Aufenthalt in Italien rein archäologischen Zwecken 
widmen solle, mit seiner Mutter verhandelte, meinte er [M. 25 1 70] : 
jSo wenig eitel bin ich nicht, das* ich nicht auch jetzt noch mir 
die Fähigkeit zutraute, den Herrn Specialarchäologen, die ich hier 
ihr seltsam spielendes Divertissement treiben sehe, es gleich zu thun: 
aber zu einem ordentlichen Archäologus - was denn freilich 
ein ho Ii er Beruf ist fehlt mir vollständig das Talent und die 
Kraft und damit denn auch alle Lust. Es bestätigt sich eben hier 
doch wieder, dass zu aller intensiveren Beschäftigung mit den zu- 
nächst an die Sinne sprechenden Künsten und Monumenten eine 
besondre, wesentlich sinnliche Begabung gehört; die sich wohl aus- 
bilden, aber nicht anlernen lässt. Rohde hat freilich — das werden 
schon die eben mitgetheilten Bekenntnisse darthun auch auf die- 
sem Gebiet mindestens die gleiche Empfänglichkeit besessen, als 
mancher philologisch gefärbte Archäologe ; aller er mass sie an sei- 
nem Sinn für Poesie und Musik, und wurde sich damit ihrer l'u- 
zulänglichkeit bewusst. In der Bsvehe ist allerdings das archäolo- 
gische Material nur sehr mit Auswahl herangezogen, und der Eine 
wird Dies, der andre Jenes vermissen (z. B. eine wirkliche Ver- 
werthung und Interpretation der künstlerischen Darstellungen des 
Todes und Sterbens). Dass dadurch aber die Entwicklung der 
Hauptgedanken in Rohdens Buch sonderlich beeinträchtigt sei, kann 
ich nicht finden. Als R. die zweite Bearbeitung zurüstete, hatte 
er nicht allzuviel nachzutragen, was ihm seine archäologischen Fach- 
genossen dargeboten hätten. Inzwischen haben die Arbeiten W. 
Hu. MGs und mancherlei (trabungen reicheres Material gebracht, 

1 In Bonn rauhte ihm der Streit zwischen Jahn und Ritschi, die 
reehte Stimmung: in Leip/.ig hat Ovkkhkck (der ja sehr instruetive Col- 
legien für Aufänger las) »lern fort gesehnt tuen, scharf kritischen Arbeiter 
wenig eingeleuchtet: in Kiel lehrte — P. W. Fohchiiammkk! Außerdem 
war K der .Meinung, das» man erst sehen miis—. dann lesen und hören. 



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270 



Beilagen und Nachträge. 



und es ist nur zu bedauern, dass Rohde hier nicht mehr seine Sache 
führen kann. Er hätte seinen Mann gestanden. S. oben S. 178, A 1. 

Zu S. 44. 

Unter den Bahnbrechern "folkloristischer' Studien hätte ich L'urt 
Waciismiths und Bernhahd Schmidts gedenken sollen, deren Ar- 
beiten über das griechische Volksleben 1804 und 1871 erschienen sind. 

Zu S. 51. 

Die Oeburtstagsver.se für Nietzsche lauten: 

In Leipzig sucht ich jüngst umher 

Was wohl für Fritzen passend war. 

Zu schenken ihm, ..als Angebinde, 

Dass ihn nicht Aergernuss nag' und schinde 1 *. 

Nun dacht' ich: Fritz ist Musieus, 

Professor und Philosophus. 

Als Musieus könnt' ihn erfreu'n. 

Ein dionysisch' Flötelein. 

Doch lieh' mir auch Diogenes sein Licht. 

Die rechte ZauberHöte fand* ich nicht. 

'Neu scheeuen Schlafrock hat er schon 

Als Professoren symbolon. 

So kam ich endlich zu dem Schluss: 

Nimm Fritzen al«. Philosophus. 

Ich sprach's und trat mit spähn'dem Blicke 

In eine Trodelkramhutike. 

Oar Vieles gab's da. billig und theuer: 

Ein grosses Loch aus Maja's Schleier: 

Man guckt hindurch und sieht sofort 

Nicht Zeit, nicht Causalität, noch Ort. 

In einer Spieluhr fand sich da 

Pracstabilirt' Harmouia. 

Phan- und A-tonie ein ganzer Sack, 

hoch Alles nicht nach Fritzens Oeschmaek. 

Da endlich Hei mein Sucherblick 

Auf ein fürwahr sehr rares Stück. 

In einem Kasten schlecht und gering, 

Fand ich ein wunderselteu Ding: 

Das Ding, das die philosophi 

Wie lang' schon suchen mit harter Müh', 

Das Ding, «las selbst der alte Kaut 

Von fern nur sali, wie das gelobt«' Land. 

Damals war's stark und Wohlgestalt; 

Nun ist's verhuzzelt. klein und alt. 

Herr Hartinaiin fand in den letzten Zügen 

Es jüngst ill eiller (rosse liegen. 

Der hat's mit plumper Faust gepackt, 

(Jedreht und gewendet, gezwickt und gezwackt. 

Zuletzt nahm er ein Messer her. 



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Zu S. 44. 51. 105. 141. 271 

Zu selm, wie's wohl von innen war'. 

Da sprang das Ding in diese Truh' 

I nd hielt von drinnen den Deckel zu. 

Doch unserm Fritz als Sonntagskind. 

Thut sich die Truhe auf gesehwind. 

«Nun rath\ o Fritze, kennst Du niieh? u — — 

(Hier öffnet sich das Kistchen, ein Teufelehen schnallt empor, in der 
Hand einen Zettel}: 

Ks gratulirt ^das Ding an sich u ! — 

So hat Hohde oft seinen Humor spielen lassen, zuletzt wohl in 
dem telegraphisch übermittelten (yehurtstagscarmen an Hibbeck 1897: 

Salve, philologoruin Hirnen! 
Maete viridi senecta! 
l'erge porro, scande recta 
Floridum caciimeu. 

I'oeta laureatus te salutat. 

Es ist hier bezeichnend, dass Rohde die Formen der Antike nicht 
klassizistisch missbraucht , sondern, ironisch in das (Jewand des 
Minstern Mittelalters 1 .oben S. I.V2 A.) gehüllt, dem Freunde gegen- 
übertritt. 

Zu S. 105. 141. 

Hohde im Verkehr mit seinen Schülern möge noch durch einige 
bezeichnende Briefproben charakterisirt werden. An Constantix 
Ritter schreibt er. nach einem (ilüekwunsch >zum überstandenen 
Kxaiuen sammt obligatem Argumentle« [Tübingen '2H X S3J : Ks 
freut mich auch, dass Sie gleich eine Schulstelle angenommen haben 
— theils. weil Ihre sonstigen, nicht schulmeisterlichen Xeigungen, wie 
Sie auch selbst fühlen werden, um fruchtbar zu werden, langsam 
und im Stillen reifen und mit Ihnen und Ihrem ganzen Wesen zu- 
gleich wachsen und sich vertiefen müssen, nicht aber sofort nähere 
I'llichten überschreien und sich breit machen dürfen; dann aber 
auch namentlich, weil überhaupt eine I'Hicht für den Tag und eine 
sichtbare Anzahl von Menschen — und nicht für die . . Ewigkeit 
und die Menschheit rn bloi- — zu halten , eine unsägliche Wohl- 
that ist. und Sie eine solche I'Hicht nun haben. Die Xöthigung. 
in fremdere (iehiete. wie Geographie etc.. hineinzusehn und der- 
gleichen in seinem ganzen Zusammenhang sich bekannt zu ma- 
chen, werden Sie noch als sehr wohlthätig empfinden : das ist gerade 
ein Vorzug des 1. eh reihern fs. Ich vertraue darauf, dass Sie au 
der Leichtigkeit, mit der Sie zu selbständiger Aneignung solcher 
Dinge Mittel und Methode Huden werden, den Segen einer irgend- 
wo (wie in Ihren (^uintiliaustudien i einmal unternommenen eignen 
Arbeit spüren und preisen werden*. Als Ritter Hohde die Absicht 
geäussert hatte, sich für Philosophie zu habilitiren. schrieb ihm Hohde 
[Heidelberg 'M V *!♦]; -Wie ich Sie kenne und beurtheile. wer- 
den Sie die Habilitation für Philosophie als etwas anderes, als son- 
stige Habilitationen, und als etwas ganz besondres betrachten. 



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272 



Beilagen und Nachträge. 



Sie ist auch wirklich etwas besondres. Als Leberlieferung des Lern- 
stoffes, als Aneignuni; der dagewesenen Meinungen früherer Ge- 
schlechter, ist das Philosophiedociren etwas Oedes und Unbefriedi- 
gendes. Niemand sollte sich als Philosoph aufthun — und nun gar 
als philosophischer Docent ! — , der nicht le f'm sacre in sich hat. 
d. h. den Trieb, etw as ganz Eignes, nach seiner Meinung (die innner 
noch irrig sein darf) die Welt der Erkenntnis neu und heller Er- 
leuchtendes los/.uwerden. als Missionar einer ihn ganz durchdringen- 
den Sache zu dienen. Ohne Zweifel wollen auch Sie die Philosophie 
nicht als reine G e 1 eh r s a in k e i t treiben, sondern als Gestaltung 
eines nach eignen Maassen bestimmten xpono? toO pterj. Hiervon nun. 
meine ich, muss es abhängen, ob Sie sich als Docent der Philoso- 
phie niederlassen: ob Sie einen, eben unwiderstehlichen Drang des 
Lehrens und persönlich l'eberliefcrns eines solchen Eignen in 
sich spüren. Das Iläekselsehiieideu für die (öllcgkrippe ist in der 
Philosophie viel schlimmer, als in unsern Disciplinen. die von vorn- 
herein auf sowas angelegt sind. Es ist richtig aufgefasst, ein Zeug- 
nis höheren Lehrerthums. das sich der giebt, der sich als Philo- 
soph habilitirt. Sind Sir subjcctiv überzeugt, hierzu berufen zu 
sein, so wäre es thöricht und nutzlos, ihnen von der Habilitation 
abzurathen. Es bleibt nichts übrig, als dassSie selbst sich dar- 
aufhin ernstlich prüfen. Bedenken Sie aber auch . dass die vielen 
Semester ausgefüllt sein wollen, also, ob Sie schon jetzt - HO 
Jahre ist erst ein Kindesalter für einen Philosophen — die nöthige 
Breite des Eigenbesitzes haben . . . Man kann ja das Docenteu- 
thuin auch autfassen als eine Zeit des eignen Lernens, in der man 
»ich erst stückweise fertig macht zum dereinstigen Können. Ich 
stelle mir aber vor, dass die (^ual - und eine veritable (^ual ist 
es — des Vortragens nicht bis zu Ende gelernter Dinge in den 
drängenden ( 'ollcgstunden, im Gebiet der Philosophie iwo stück- 
weise vorzurücken noch bedenklicher ist als anderswo) nur noch 
viel ärger sein muss als in unsern Discipliueu z. 11. . . . Im Gan- 
zen, werden Sie merken, kommt mir Ihre Absicht etwas bedenklich 
vor. Einen Philosophen denke ich mir als einen in langer Erfah- 
rung reif und süss gewordenen, gewiss nicht mehr jungen Menschen; 
Sie sind aber erst Jahre, d. h. noch ganz jung an Erfahrung 
und Leben von innen und aussen. — Andrerseits können Sie sagen: 
irgendwo muss ich doch die nöthige Keife heranwarten, und warum 
nicht eben als Docent und indem ich meine philosophischen Schlan- 
genhäute (iociHiiti. auf dem Katheder, loswerde? Ks giebt auch eine 
Philosophie der Jugend (jedes Lebensalter hat seine i. und die passt 
besser vor eine Schaar junger Menschen, als die des Alters. — Es 
kommt immer darauf an. wie stark der Drang, Eigenes zu ver- 
breiten. Sie treibt, so dass Sie vor der Gefahr. 'Philosophieprofes- 
sor' im vulgären Sinn zu werden, bewahrt sind: ist der Trieb über- 
gross, so sind Sie im Recht und dann nur muthig drauf los! — 
Ihre andre Chance, Lehrer an einem niedern Seminar zu werden, 
hat eigentlich etwas besonders Lockendes. Den Trieb, auf Per- 
sonen zu wirken, den ich für stark bei Ihnen halte, können Sie 
da viel besser und tiefer wirken lassen, als auf der Universität (bei 



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Zu S. 105. 141. 



273 



unseru h <mi t i ge n Studenten . . !). Ihre philosophischen Studien ohne 
Hast ausbilden und prüfen und sichten können Sie. hei nur 12 Wo- 
chenstuuden. ebenfalls hesser. Ich weiss nicht, wie Ihnen die idyl- 
lische Existenz an solchem weltfernen Orte (nicht für immer . ja!) 
gefallen würde: Sie müssen »her auch bedenken, dass an einein 
bewegteren Orte, in weiteren Beziehungen, das Docententhum leicht 
in die Breite geht; man kauu nicht beiden Herren dienen. Ich 
fonnulire kein Schlussvotum, weil ich es nicht könnte — in solchen 
Dingen giebt den Ausschlag das ganz persönliche Gefühl des Ein- 
zelnen. Betroffenen, und das kann nur Er empfinden — . und weil 
eben doch die Entscheidung bei Ihnen aus Regionen Hiessen wird, 
in die schliesslich kein Andrer einen Einblick hat. Nur Eins: wenn 
Sie sich habilitiren. so thun Sie es an einer grossen l'niversitat, 
Berlin oder Leipzig (Breslau ist nur uumerisch gross, sonst aber 
'Examensnest' ), da> wäre für Philosophen gewiss der einzig günstige 
Boden.« Kurz darauf schreibt Kohde: ». . Nunmehr will ich Ihnen 
offen nieine Empfindung aussprechen: dass ich mich freuen würde, 
wenn ich eines Tages hörte, dass Sie Professor an einem der Semi- 
nare geworden seien, mit denen Württemberg gesegnet ist. Müsse 
zu selbständiger Arbeit würden Sie dort mehr haben, als an einer 
rniversitiit, wo der Bandwurm des Collegs jeden Tag verlaugt, sein 
Glied abzustossen (schönes Hild !). l'nd die Befriedigung ist schliess- 
lich grösser au einer rnterrichtsanstalt, als auf dem Katheder mit 
seinem Soliloquium . . . Kxpcrto vrcde Rupert». Nun. Allah weiss 
es besser, er wird's recht machen.« 

Nicht minder zurückhaltend schrieb Kohde zunächst auch seinem 
Schüler W. S< hmid, als dieser ihm von »einer Absicht sich zu habi- 
litiren. berichtete [Heidelberg 23 Nil 8ti]: »Man kann Niemanden vor- 
aussagen, ob er speciell Anlage, noch weniger, ob er anhaltend Lust 
zu diesem Lehren cx cathedra haben werde, in dem ich keineswegs 
die höchste aller menschlichen Thätigkeiten erblicken kann, wie 
mancher Andre. Vielleicht dass ein erfolgreiches S c h u 1 m e i s t e r- 
wir ken Einem eigentlich wohler thut als dies Soliloquium auf dem 
Lehrstuhl . . .« Später begleitete er dann aber die akademischen 
Anfänge Schmid's mit thätigster Theilnahme. »Wenn Sie schriftlich 
positive Fragen stellen wollen i — schreibt er 7 1 1 S7 — »nur zu! 
Wegen Ihrer ersten Vorlesung lassen Sie sich keine grauen Haare 
wachsen: im Vertrauen gesagt, wir pflegen Alle so ziemlich blind 
und tastend in dies akademische Labyrinth hiueinzugeratheu, es hat. 
nur nicht Jeder die würdevolle Miene bereit, die den Defect deckt. 
Aber wenn Sie irgend können, sollten Sie sich nicht, gleich anfangs 
wenigstens, auch noch ein Schulamt aufhängen lassen. Dabei kämen 
beide Aemter zu kurz; und Sie werden ja erleben, welche Heiden- 
arbeit die ersten Collegien machen... Mit Homer werden Sie... 
sehr gut anfangen . . .; zugleich führt «las Sie ... in das Beste 
und Würdigste ein. Geben Sie eine Einleitung über die l'eher- 
lieferuug . . . von der Zeit des Abschlusses der vorliegenden Ge- 
dichte an, also exclusive 'höherer Kritik'.* Schmids Nekrolog ge- 
winnt gerade dadurch, dass der Schüler für seineu Lehrer Zeugnis 
ablegt, seinen besoudern Reiz und Werth. Uohde war danach frei- 

l'ni.iu«, V. U. .)..!.. 18 



274 



Beilagen und Nachträge. 



lieh keine eigentlich 'pädagogische Natur' ; dazu fehlte dem grü- 
belnden Solitarier «las spontane Mitteilungsbedürfnis. Aber den 
Wenigen, denen er sich innerlich zuwandte, gab er sein Bestes. 

Zu S. 106 ff. 

Den psychologischen Mechanismus, der sein Verhalten zu Rohde 
bestimmte, deckt Flach selbst mit aller Naivetät auf in dem Ab- 
schnitt seiner 'chinesischen Silhouetten', auf den oben Bezug ge- 
nommen ist (S. 79 ff. 'Der neue Aristarch'): „Man hatte Pia-Pü 
[r= Hans Flach] bei der Berufung eines neuen Ordinarius Erwin 
Rohde) übergangen, /war waren einige Fachgenossen bemüht ge- 
wesen, dass er wenigstens an letzter Stelle der Vorschlagsliste ge- 
nannt würde, indessen waren diese Versuche an der unerschütter- 
lichen, panzerumgürteten Brust des einen Fniversitätspabstes macht- 
los gescheitelt, auf dessen Herz kein warmes Wort Kindruck zu 
machen pflegte. — Der neue Kollege (Rohde) war angenommen. 
Ein bedeutender Ruf ging ihm voraus, und er wurde von allen auf 
das Wärmste aufgenommen. Man erfreute sich an seiner Schönheit 
und Vornehmheit. 'Er sieht so stolz, so unzufrieden aus, er ist aus 
einem vornehmen Haus' wurde häufig citirt *. — Die ersten Wochen 
versuchte der neue Kollege auch freundlich zu sein, wurde aber 
sehr bald des trockenen Tones satt, und zeigte sich von seiner na- 
turlichen Seite, von der er später fast niemals abwich. Der erste 
Abend, au dem seine Kollegen dieser chamäleonhaften Verwandlung 
zum Schrecken inne wurden und seine wahre Natur hervorschimmern 
sahen, ist allen treu im Gedächtnis geblieben. — - Ein junger schüch- 
terner Dozent wagte, als man in grosserer Gesellschaft in einem an 
dem vorbeiströmenden Hoang-ho gelegenen Theehaus sass [der 'Neckar- 
müllerei'], die Behauptung auszusprechen , dass (bis Wasser heute 
eine autfallend grüne Farbe habe, was thatsächlich ganz richtig war . . . 
'Wie', rief der neue Kollege, das 'nennen Sie grün? Wie kann dieser 
Fluss überhaupt grün aussehen? Sie leiden wohl an Farbenblind- 
heit? Ein ähnliches Dreckwasser habe ich noch niemals gesehen. 
Ich nenne die Farbe heute graugelb'". Folgen noch zwei ähnliche 
Scenen — gewiss nach der Natur gezeichnet 2 , denn Rohde war, 
zumal in gereizter Stimmung, zum Widerspruch um jeden Preis 
fähig — : und das soll dann eine Charakteristik Rohde's sein, die 
mit einem ganz ernsthaften l'rtheil (..sehr vornehm, sehr abspre- 
chend . . .. sehr unreif, sehr unerzogen" usw.) beschlossen wird. Ks 
ist nicht einmal eine < 'aricatur. 

Seinem Protector Gutschmid pflegte Flach förmliche Fragebogen 
vorzulegen, die Gutschmid dann ausfüllte. .,ln heiterer Erinnerung 
ist mir, wie Flach ein Gleiches bei Rohde versuchte, und der ihm 
sagte: -Ich weiss, was Sie wissen Wollen. Flach, aber ich sage es 
Ihnen nicht'" iE. Holzer). 



1 .Man sieht. Flach citirt seinen Faust nach — der Ausgabe des 
Herrn Stephan v. 

- Flach lii<st den 'neuen Aristarch' schliesslich klagen, dass er nach dem 
schlechten TUbinger Bier .Magenkrämpfe bekommen habe: welche Kohheit ! 



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Zu S. 106 ff. 129. 131. 



275 



Zu S. 12«. 

An Kühl schreibt Rohde ( T. 26 V 78): »Ueberhaupt aber zeigt 
Ihnen wohl auch mein ysy ovs < wie wenig Heil ich von solchen all- 
gemeinen Gesetzen erwarte: wiewohl ich selbst mich mit diesen 
Dingen, in allen Richtungen, vielfach herumgeschlagen habe, finde 
ich es nicht einmal nach durchforschtem Detail nützlich - oder 
überhaupt ausführbar, solche Thesen aufzurichten für Niddas, dessen 
Angaben nur den letzten Rest einer völlig unbestimmbaren Reihe 
von Uebeilieferungsschichten darstellen: vor der Untersuchung der 
Einzelheiten solche Dictate wie ein xr t Xw(ks r.p&owsov aufzupflanzen, 
überlasse ich lieber den grossen Männern der Berliner Pepiniere; 
sie verblüffen und verblenden, helfen nichts und können Viel schaden. 
Ihre Vorstellung von den 2 Quellen trifft für einzelne Fälle zu ; ich 
selbst habe ja eben dieses . . . nachgewiesen: und so ist sie denn 
bei Havriaoi; richtig, freilich auch längst beobachtet ; schon bei Xoip{>.og 
hat sie »Sie verblendet — denn sonst hätten Sie in diesem verzwei- 
felten Artikel gewiss mehr als 2 Einflüsse erkannt, und sich wohl 
überhaupt gehütet, über Xäke weit hinausgehn zu wollen ; bei Xdptov 
vollends verführt Sie diese Vorstellung zu einem . . . haltlosen 
Rathespiel . . . Der Möglichkeiten sind eben bei Suidas stets so 
viele, dass sich nothwendig selbst verblendet, wer überall Ein Re- 
cept anwenden will. So glaube ich auch von Thren . . . Meinungen 
über Theopomp und Ephoros bei Suidas eigentlich nichts. An Apol- 
lodo r zu denken bei der Lücke zwischen Ptolem. VII und August 
ist natürlich auch mir in den Siun gekommen; ich habe aber diese 
Vermuthung nicht einmal erwähnt, weil 1) der Endpunkt nicht ge- 
nau stimmt. 2) aber namentlich, weil die gleiche Erscheinung einer 
Lücke zwischen der ctvapxta 'Ai>T,vaiiov und Philipp. Nero und Trajan 
sich doch nicht aus Ap.'s noch einer andern ähnlichen Quelle Ein- 
fluss ableiten lässt, vielmehr ein gemeinsamer Grund für solche 
Lücken zu suchen ist. und dieser in der Abwesenheit eines 
Hauptkerls, um den sich die Uehrigen synchronistisch gruppiren 
Hessen, ausserordentlich einfach und für einen Kenner des Suidas 
sehr einleuchtend sich darbot.« 

Zu S. 131. 

Ueber Tu. Ziemxskis 'Gliederung der altattischen Komödie' 
(Leipzig, Teubner 1885) schreibt Rohde an W. H o h s ch Ei< M an X [Tü- 
bingen 19 XI 85] : 

»Ich stehe nun gar nicht an. Z.'s Untersuchungen über Ent- 
stehung und Zusanimenfügiing der einzelnen, nicht rein dialogischen 
Theile der attischen Komödie ein erhebliches Verdienst zuzuerken- 
nen. Schon dass er den Standpunkt einer entschiedenen Abtrennung 
der Komödie, ihrer Anlage nach , von der Tragödie in seiner Be- 
trachtung eingenommen und festgehalten hat, zeugt von richtigem 
Blick; unzweifelhaft werden wir nur auf diesem Wege jemals zu 
einer richtigen Hinsieht . . . gelangen. Dass er also die, wie er sie 
nennt, epirrhematische Goinposition mit Energie als die eigentlich 
bezeichnende Komödienweise festhält und ihr überall nachspürt, ist 

18* 



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276 Beilagen und Nachtrage. 

nur löhlich. Auch finde ich es wenigstens natürlich, dass er seine 
Beobachtung nun cinigennassen überspannt . . . Ich darf hier nicht 
ins Einzelne eingehn. Die ( l rundvorstellung. dass ein in zwei Per- 
sonen verkörperter Widerstreit von Ansichten, Lebensauffassungen 
und dgl. den Kern einer gewissen Gattung von Komödien ausge- 
macht habe und in solchen 'Agonen' nach einem ziemlich feststehen- 
den Schema ausgekämpft worden sei. und dass um solche Zankdia- 
loge ohne eigentliche Handlung dann spater eine sehr lose geschürzte 
Handlung herumgewuchscn sei — diese Vorstellung, auf welche das 
fast obligate Vorkommen eines iytüv führen kann, scheint mir aller- 
dings auch durch das Wesen dieser alten Komödie (über welches 
sich Z. einmal durchaus treffend äussert) sehr nahe gelegt und be- 
stätigt zu werden. Es ist aber wiederum recht bedenklich, dass die 
ältesten Stücke theils gar keinen Agon haben (A chamer i. theils einen 
unentwickelten tKqti.), während doch diese Stücke sonst ganz ent- 
wickelt sind. Gewiss ist es also unerlaubt . die vpirrhematische 
Konn'. im besoudern des Agon's. für den ersten und einzigen 
Keinipunkt der Komödie zu halten; es war eben einer von mehreren. 
Und es ist eine l'ebertreihung. die freilich ein Andrer leichter wahr- 
nimmt , als der 1'rheber einer neuen Art der Betrachtung, wenn 
man diese vpirrhematische Compositum' nun für ein von Kechts 
wegen ausschliessliches Besitzthuin der Komödie halten soll: Z. 
weist ja selbst nach, wie häutig dieselbe Weise .-ich in der Tragödie 
zeigt. . . . Nun gar seine Erklärung der zwei Stylweisen aus joni- 
scher und dorischer Kunstweise ist ganz unhaltbar . . . Ich be- 
zweifle nicht im Geringsten (was ja zu leugnen Mode ist), dass 
Tragödie und Komödie dorischen l'rsprunirs sind . . .'. Von 
dem 2. Theil der Schrift will ich nichts weiter sagen : das liest sich 
ja ganz angenehm, aber ich finde nicht, dass man aus dem ulisichern 
Gebiet des völlig Subjectiven herauskäme, das mir wie vielen 
Andern, alle solche l'ntersuchungen über die elioreutische Darstel- 
lung der Dramen wahrhalt unheimlich macht. 

Nun inuss man aber gesteht!, dass Herr Z. zu denjenigen Sub- 
jectivisten gehört, denen man auch auf bedenkliche Gehietc nicht 
ungern folgt, weil seine Subjectivität von entschieden geistvoller 
Art ist. In dein ganzen Buche zeigt er (im Verein mit anerken- 
nenswerthein Kleiss) eine frische, schnell und hell auffassende Geistes- 
art, ein*' energische Phantasie, auch eine nicht gewöhnliche Combi- 
nationsga.be, die sich auf Scharfsinn sngut. wie auf Phantasie stützen 
inuss . . . Er hat seine Phantasie noch nicht genügend im Zügel: 
ich sehe darin kein l nglück. sondern nur Jugendlichkeit. Im Uebri- 
gen ist er offenbar ein durchaus, und nicht nur eng philologisch 
gebildeter .Mann, dem nichts schulmeisterlich Triviales entschlüpft, 
der Künstlerisches nach künstlerischein Maasse zu messen weiss. 
Ich schätze noch besonders an seiner Darstellung den schnellen 
Gang, der den Leser nicht mit verneinender Disciitirnng aller mög- 
lichen Meinungen andrer Leute aufhält, sondern das bei sich vor- 

' Spuren des Agons in dorischer Kunstart habe ich. ohne von Hohde's An- 
sichten zu wissen, in den G<>tt. gel. An/. 1MH>. S. nachzuweinen versucht. 



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Zu s>. 131. 132 tf. 



277 



her abgemacht hat und nun sich positiv, nicht nur kritisch verhalten 
kann. Z. hat die schönste (iahe des leichten Discutirens ; mit 
Hinkem Schlag weiss er dem (Jegner das Florett aus der Hand 
zu schnellen : er ist kein 1* e d mit, und doch nicht oberflächlich, 
in summa eine Erscheinung, der man. unter so viel entgegengesetzten 

in der Philologie, nur sympathisch gegenüberstehn kann Das 

kann ich mit vollster IJeherzeuguug aussprechen: diese Schrift liisst 
den Herrn/., mag man an ihren Resultaten noch so viel aus- 
zusetzen hahen. ihrer gauzen Anlage nach, und nach dem, was sie 
von dem gesammten Wesen des Verf. erkennen und also von seiner 
Zukunft erwarten lässt, unfraglich als einen Acadeinicus erscheinen, 
einen Mann, der an eine Universität gehört und nirgends anders 
hin. Ich meine noch im Besondern aus der ganzen Art seiner Dar- 
stellung eine vorzügliche Hegahung zum akademischen Lehrer zu 
erkennen: er hat eine entschiedene (iahe der Simplificirung und 
also Klarmachuiig der Prohleme, einen Zug in's (ranze und Zusam- 
menhängende aus der Masse vereinzelter Kleinigkeiten, und endlich 
eine sehr bemerkeiiswerthe Fertigkeit des Ausdrucks, noch dazu in 
einer Sprache, die vennuthlich nicht seine Muttersprache ist . . .« 

l'nter den zahlreichen (Jutaehten und Frtheilen Rohde's, ge- 
druckten wie ungedruckten, die mir durch die Hand gegangen sind, 
kenne ich keins, das für seine Art. Bücher und Menschen abzu- 
schätzen, gleich charakteristisch wäre. 



Feber die Platonischen Fragen, vor Allem die Com- 
positum des Staates, äussert sich Rohde am frühsten und ausführ- 
lichsten in einem Briefe [Tühiugeu, !). .1 tili 1KS1] an H. Fsknkr, 
aus dem ich die einschlagende Hauptstelle heraushebe. 

■>Ihre Beistimmung zu meiner Datirung des Theaetet ist mir 
sehr erfreulich: ich entnehme aus derselhen, dass Ihnen ein leicht 
zu machender Einwurf, den ich gar nicht hahe erwähnen wollen, 
weil <ler Zusammenhang ihn alshald entkräftet, nicht erhehlich er- 
schienen ist. Dass im Sophistes und (wegen der Anspielung auf 
die thraeisehe Sclavin) im Theaetet Antisthenes noch als lehend 
vorausgesetzt werde, ist allerdings sehr wahrscheinlich; aber eine 
Zeitbegrenzung wüsste ich doch daraus nicht zu entnehmen: denn 
warum Antisthenes nicht länger als B(iO gelebt hahen könne, ist 
mir nicht erkennbar 1 . Ich hahe stets vom Sophistes und mehr noch 
vom \lo/.:-.:v.iz den Eindruck der ( rreiseiihaftigkeit des Autors ein- 
pfangen. und hin ganz geneigt, diese zwei Schriften recht spät an- 
zusetzen (vollends den Philehus). Der Ilo'v.tixc; ist, davon hin ich 
fest üherzeugt. nach den spätesten Theileu der Politeia gesc.hriehen ; 
er hildet den Fehergang zu den (iesetzen. Fnd nun. in der Politie, 
hin ich in allen Hauptsachen so völlig von der Richtigkeit der Krohu- 
schen Analyse üherzeugt, dass ich kaum hegreife, wie ein unbe- 
fangener Leser der Politie, der nachher alsbald die Krohnsche 



Zu S. 132 ff. 



• Vgl. Kl. Sehr. I 1*4. 316 f. 




278 



Beilagen und Nachträge. 



Schrift zur Hand nähme, nicht, was er seihst hei der Leetüre (wenn 
er einmal darauf besonders geachtet hat) schon im Allgemeinen he- 
merkt hat, durch Krohn's geistreiche Entwicklung im Einzelnen 
bestätigt finden sollte. Ich weiche nur in wenigen Puncten von K. 
ah. Unmöglich scheint mir , dass aus dem ursprünglichen 
Entwurf der tfiXc-ao^oc noch so nachträglich herausgewachsen sein 
könne, wie das V 171 C ff . geschieht : was sollte die Definition des 
Philosophen in dem ursprünglichen Staate, in dem doch für ihn keine 
Verwendung ist? [ch glaube, dass mit V 471 (' erst leicht intoni- 
rend, dann allmählich immer tiefer und voller hervorbrechend, die 
Metaphysik hereindringt, finde keinen hinreichenden Grund. V 471 C ff. 
von VI und VII zu trennen, und lasse also, als die mystische Krö- 
nung des Gebäudes, V471C — VII extr. E i n Stück bilden: welches 
übrigens auch änsserlich ein Ganzes ist, eingeleitet mit der Frage 
nach der Möglichkeit der xotXXt^oXic V 471 C, und VII gegen Ende 
(540 C ff.) mit einer Zurückweisung auf diese nun beantwortete Frage 
sich abschliessend. — B. VIII. ist dann wohl älter, als V 471 ff., 
aber nicht als der Rest von V. — Im X. Ruche müssen zwei Theile 
strenger geschieden werden, als K. thut: den ersten, von der Ver- 
werflichkeit der Dichtkunst (bis 008 R) rechne ich zur allerletzten 
Redaction, die zweite Hälfte (ohne alle Spur der Ideenlehre) nur 
zu der Fortsetzung des 1. Entwurfs. Krohn hat auf den Timaeus 
und Kritias gar keine Rücksicht genommen, wohl wegen seiner Stel- 
lung zu allen andern Dialogen unter Piatos Namen ausser der Po- 
liteia. Diese Stellung scheint mir überhaupt unhaltbar; der Timaeus- 
Kritias vollends kann dem Plato unmöglich aberkannt werden. Nun 
stelle ich mir die Sache so vor. Der Timaeus kennt eine andre 
Einleitung zur Politie. als die unsres ersten Buches; er reaumirt, 
bis p. 10 A, genau nur den Inhalt des ersten Entwurfes (ungefähr 
bis V 40t) (.'). Danach scheint die Atlantisjabel eine Fortsetzung 
zu sein nicht unsrer gegenwärtigen Politeia, sondern nur des ersten 
Entwurfs, der wohl als eignes Werk bereits edirt war. Dann wurde 
dem Plato dieses Fabuliren lästig; er Hess die Atlantisgeschichte 
unvollendet (es scheint, als ob er in der degenerirenden Atlantis das 
Werden der dfr.xia im Staate hätte darstellen wollen), und gab dem 
1. Entwurf eine andre Fortsetzung, docireud , nicht fabulirend. 
Also so: 

1) Erster Entwurf: IL. cap. 10 -V (das Ende nicht ganz genau 
bestimmbar, weil nachträglich verwischt; jedenfalls nicht über 4(5(3 D 
hinaus). Besonders edirt. 

*J) Fortsetzung in einer eignen Fabel : Timaeus Anfang und Kp- 
tia; (fler eigentliche Timaeus nspt -^«w; toO Ttavtdf. wird doch 
sehr -api upoj$oxiav eingeführt p. 27 A, und ist wohl nachträglich 
eingelegt). Unvollendet. 

3) Fortsetzung der noA.Tsia des 1. Entwurfes, von V 4(50 D (un- 
gefähr) an: wo dann, als eine Art Ersatz für den Kritias, die Stadt 
im Kriege gezeichnet wird; so bis 471 ('. Dann VII 1. IX (ausser 
5SO—5SS A), X Theil L>, und jetzt der alte Eingang, wie ihn der 
Timaeus andeutet, fortgeschnitten, weil er eben auf Fortsetzung in 
einem weiteren Gespräch (das jetzt nicht mehr beabsichtigt war) 



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Zu 8. 132 ff. 



279 



hinwies: statt dessen Buch 1. II Cap. 1—9 vorgesetzt. (B. II weint 
ganz unverkennbar auf B. IX und X, 2 Hälfte voraus). 

4) Einfügung eines ganz neuen Bestandteils , von ganz ver- 
ändertem Standpunct aus: B. V 471 (.'—VII Sehluss. Dabei dann 
thunlichste Verwischung der Grenzen der trüberen zwei Gestaltungen. 
Einfügung von allerlei Voraus- und Zurückweisungen, um das (tanze 
möglichst als Eines erseheinen zu lassen; Einlegung von IX 586 D- 
588 A und von X Tbeil 1. Was die Zeitverhält nisse betrifft , so 
scheint es mir unmöglich, auch mit der spätesten Ueberarbeitung 
unter die Anfänge der Regierung des Dionys II. berunterzugehn : 
denn wie soll man es sich möglieb denken, dass Pluto (was wenig- 
stens den Anlass zur Einfügung von V 471 (' — VII giebt) eine 
Hoffnung auf Einführung und Möglichmachung seines Staates durch 
irgend einen unter töiv viv jv iovarrsi**.; r, isMÜsix.; övituv uüo*.v (man 
sollte meinen. Dionys 1. lebe noch!) rj omo'.; (VI 499 B. cf. 51)2 A, 
540 DE) hegen konnte nach seinem zweiten Aufenthalt in Syrakus, 
3<»7 (»? Dazu ist IX 58.J B ff. offenbar vor dem Philebus geschrieben.« 

H. I'sknkr bemerkt dazu [11 VIOlJ: M leh war, als ich diesen 
Brief von R. erhielt, höchst überrascht durch die fast vollständige 
rebereinstiinmuug seiner Ansieht mit den Ergebnissen, zu denen 
ich gekommen war. Die feste Erwartung, dass er die Frage weiter 
verfolgen und dann etwas besseres und reiferes lieferu werde, als 
ich, mehr und mehr durch andere Fragen bedrängt, von mir hoffen 
konnte, hat mich abgebalten, zu Zeiten, als das Eisen noch nicht 
ganz erkaltet war. zur Ausführung zu schreiten. Xun höre ich zu 
meinem Schmerz, dass in R/s Papieren keine Entwürfe oder Vorar- 
beiten erhalten sind . . . : deshalb würde ich es mit Freude begrüs- 
sen. wenn Sie diesen Brief als Beigabe Ihrer Lebensskizze veröffent- 
lichen wollten.- In der Tbat behalten diese Ausführungen auch 
nach der summarischen Darlegung in der 'Psyche' (ID 265 ff.) ihr 
Interesse. 

Ausserdem sind für Rohde's Verhältnis zu Plato und den pla- 
tonischen Fragen manche Aeusserungen in den Briefen au Ritter 
sehr bezeichnend die Echtheit und Frische des Ausdrucks muss 
hier für eine gewisse Formlosigkeit entschädigen. »Xun trachten 
Sie vor Allem dabin« — hejsst es 25 I 87 >dass Sie von dem 
strebenden und mit sich selbst ringenden und immer (bei aller Ein- 
heit der ( Mundstimmung i sich verwandelnden Plato etwas zu 
sehn bekommen und den ledernen grauen Systematiker, der er in 
X.'s seelenlosem Buche ist, gründlich verachten lernen. So ein öder, 
blutloser Kathedermanneipiin ist 6 ^s£o{ Il/.xiwv nie gewesen, vor 
Allein ist er nicht im Teiche eines Systems festgefroren, wie jener 
Wolf beim Fischfang.« Nach der Zusendung des Commentars zu den 
viucv schreibt er Ritter [11 X 96|: Sie haben da ein sehr gründliches 
Stück Arbeit gethan, das man ganz erst würdigen kann, wenn man 
im Einzelnen an Ihrer Hand das Platonische Werk einmal wieder 
neu durchwandelt, wozu ich, offen gestanden, an sich wenig Trieb 
spüre: ich kann diese ganzen vciiv. nicht leiden, die mir fast über- 
all den Eindruck feierlicher i »ede, breitspuriger Nichtigkeit, ja einer 
bei Plato selbst eingetretenen anfangenden V e r d u m m u n g machen, 



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280 



Beilagen und Nachträgt 1 . 



in «leren schreckliche Ungeschicklichkeit und Hilflosigkeit man sich 
selbst nur ungern niederziehen lässt. Sie scheinen freilich eine ganz 
andre Vorstellung von dem Werk zu haheu . . . Unrecht, scheint 
mir, thuu Sie aber der Analyse der Komposition durch Bruns: in 
einzelnen Punkten mögen Sie ihm mit Recht Flüchtigkeit und Will- 
kür vorwerfen, aber im (ranzen, hin ich fest, überzeugt, hat B. 
das Richtige getroffen und Sie stehen sieh seihst im Licht , wenn 
Sie eine tictive und nur durch willkürliches Apologetisiren herzu- 
stellende Einheitlichkeit in dem Aufbau und der Ausführung des 
Ganzen sich seihst aufreden wollen — denn bei Andern wird es 
Ihnen kaum gelingen. Hier sind Sie in der That oft mit allzu be- 
quemen (tegengründen zufrieden. Z. II. — ein ganz äusserliclies, 
aber sicher coutrolirbares Beispiel — II 074 A/B. Sie begnügen 
sich, um den deutlichen Widerspruch mit 1 037 I) zu verkleistern, 
mit Bergk's Conjectur KaX^Tjiovitov : da*s aber dies ganz unmög- 
lich, sachlich unbegründet und durch das Citat der Stelle Ii 
071 A mit Kapx 7 ) 50 *-* 07 bei Tbeophrast ausgeschlossen ist. bemer- 
ken Sie nicht: ich hatte es. an einer Stelle, die Sie offenbar nicht 
keimen, längst bemerkt . . , 1 . Der Widerspruch zwischen l und II 
bleibt bestehen; und so geht es mich oft, wo Sie schönste Harmo- 
nie anzutreffen sich überredet haben. — Sie sollten doch einmal 
Ihre von Teichmüller übernommene Ansicht über den wahren Sinn 
der Ideen lehre ausführen; bisher glaube ich absolut nichts da- 
von; die gewöhnliche Deutung dieser Lehre, welche die des A r i- , 
s t o t e 1 e s (der doch darin nicht irren konnte!) ist. ist ja deut- 
lich durch IVs eigne Worte angezeigte 

In zwölfter Stunde erhalte ich von Th. («omperz noch einen 
schönen Brief Rohde's [23 XI *7). der nach einer Auseinandersetzung 
über ein Heraklitfragment folgende Aensserungen über I'laton ent- 
halt: >Kn freut mich sehr, dass Sie sich der relativ spiiten Knt- 
stehungszeit des P h a e d o n annehmen. Ich habe es nie anders für 
richtig gehalten. Ausser allen andern Gründen spricht dafür ja 
laut und deutlich der vielfache Ausblick auf Bestreitungen 
der Platonischen Fundaineutallehre . jene wundervolle Ausführung 
HTj ysycöu»!*a ui«/.oy*'. etc., das (für mich allemal rührende» resignirte 
T&tj-o de did^vct); x*L inXw; xal cW^tu; v/u :iap* ejjta-j:^ etc. (ich finde 
die Stelle augenblicklich nicht)- von der Ideeidehre gesagt. So 
beginnt mau nicht, eine berauschende Vision darzulegen! sondern 
so spricht der müde, des eignen halben Zweifels müde, am Gelingen 
des vielfach versuchten Beweises des Glaubenssatzes verzweifelnde 
Denker. Derartige Arguniente beachtet mau freilich meist gar nicht. 
Zeller z. Ii. niemals, sonst konnte er unmöglich so greisen- 
hafte Schriften, wie Sophistes und Politicus in frühe Zeit setzen u. 
«Igl.m. — Ihre Bemerkungen über die sprachlichen Kriterien werden 
auch zur Scheidung . . . beitragen. Hin böser Stein bleibt innner 
der Phadrus; mein eignes Unbehagen darüber. dass Dittenberger* 

• Vgl. Kl. Sehr. I f. 

* In der That hat Kohde aus drin Cied.ichtnis^e, nicht ganz genau, 
citirt : cf. p. löo 1>. 



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Zu K 182 ff. 139. 143. 155 ff. 



281 



Künste hier versagen, habe ich Jahrb. f. Piniol. 1882, p. 90 Anni. 
[= Kl. Sehr. I 271 f.] mir halb angedeutet. Dass bei der Annahme 
einer 2. Bearbeitung die Stelle über Isokrates sehr bedenklich wird, 
werden Sie sich ohne Zweifel selbst nicht verhohlen haben; wollte 
man annehmen. Pluto habe dem alten Sünder erst recht einen Spie- 
gel vorhalten wollen, in dem er sehn sollte, was für Hoffnungen er 
nicht erfüllt habe, so wäre das doch wohl allzu pädagogisch ge- 
dacht . . . Im Allgemeinen wird ein Jeder froh sein, wenn er sich 
eine Stufenfolge der Platonischen Schriftstellerei zu eigner Beruhi- 
gung (eigentliche Vollbefriedigung wird kein Verständiger hierin 
erreichen können) aufgebaut hat : ich habe es. zum Privatgebrauch, 
soweit wenigstens gebracht . . 

Zu S. Uli). 

Trotz wiederholter Umfragen bei den Freunden Rohde's ist es 
mir nicht gelungen, den Namen des '( 'oncurrentcn' für die griechi- 
sche Kulturgeschichte mit Sicherheit festzustellen. In Heu mir vor- 
liegenden Briefen wird er wunderlicher Weise nirgends genannt. 
Dass Jakor Buri khakdt gemeint sei. scheint mir auch jetzt noch 
nicht recht glaublich. 

Zu S. 143, Z. «. 

Kohdens Berufung nach Leipzig hat Nietzsches Entschluss. in 
die Heimath zu reisen, mit hervorgerufen oder doch beschleunigt. 
Frau Dr. Förster-N. schreibt mir: „Mein Bruder hat im Frühjahr 
Sti nicht in Naumburg und Leipzig auf längere Zeit gewohnt . . ., 
sondern als er hört*-, dass Kohde wirklich in Leipzig eingetroffen sei, 
überfiel ihn in Venedig eine solche Sehnsucht, dass er Hals über Kopf 
nach kaum zehntägigem Aufenthalt von dort nach Leipzig fuhr und 
später erst nach Naumburg. Kr benutzte dann die Zeit, um seine 
Verlagsangelegenheiten in Ordnung zu bringen . . . Jedenfalls hatte 
Rohde damals vorher keine Ahnung gehabt, dass mein Bruder so 
dem Ungestüm seines Herzens nachgeben würde . . .. wenn ihm auch 
mein Bruder bei der ersten Nachricht von seiner Berufung nach 
Leipzig diesen Resuch für später in Aussicht gestellt hatte." 

Zu S. 155 ff. 

Dass in der Darstellung des Streites über Taine so Vieles 
durchaus hypothetisch bleibt , muss ich sehr bedauern. Hier ver- 
sagen die Briefe an die Freunde völlig, l'm kein Missverständnis 
aufkommen zu lassen, bemerke ich (zu S. l.">7). dass Rohde eine 
Reihe der besten französischen Schriftsteller genau kannte und wohl 
zu schätzen wusste. So schreibt er, kurz vor dem ConHikt mit 
Nietzsche, an Overbeck [20 NU SOJ. als Nachschrift zu einem aus- 
führlichen Briefe: »Ich lese gerade ein sehr lesenswerthes Ruch: 
Stendhal (Beyle). la cltartnnst' dr Parnu\ Kennen Sie's noch 
nicht, so lernen Sie es doch ja kennen. Stendhal gehörte zu den 
Lieblingsschriftstellern Niet/.sche's. 




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282 



Beilagen und Nachträge. 



Zu S. 161 f. 

Rohde als Lehrer zur Zeit seiner Heidelberger Anfänge zeich- 
net pietätvoll ein Brief von A. Makx, au» dein hier einige Sätze 
herausgehoben werden mögen. >. . . Ks blieb mir immer lehrreich, 
Partieen, die ich vorher bei andern, dann bei R. gehört hatte, zu 
vergleichen. Das Ergebnis war immer das: Rohde brachte in der- 
selben Zeit dasselbe, oft das Doppelte fertig, ebenso gründlich . . . ., 
aber freilieh ohne das behagliche «Sichgehenlassen, das auf deutschen 
Kathedern so häulig ist und Wichtiges und Unwichtiges mit gleicher 
Sorgfalt und Breite behandelt. Jedesmal aber war seine Darstel- 
lung. .. die bessere, weil sie lebendiger, persönlicher, energischer 
war und ihren (regenstand nie isolirt betrachtete, sondern immer 
Verbindungsfäden nach allen Seiten zu ziehen wusste . . . Ein 
eigenes Kapitel verdiente noch Rohde als Examinator. Er war der 
idealste Examinator, den ich je kennen gelernt ... Er fragte aus- 
gezeichnet präcis und bestimmt und führte den Kandidaten in kurzer 
Zeit durch weite Gebiete; wer wirklich etwas wusste, brauchte nicht 
in Sorge zu sein, wenn er an einer Stelle versagt hatte, er hatte 
noch genug Gelegenheit, dies wett zu machen . . . Und so bleibt 
er in meiner Erinnerung weiterleben : ein hochsinniger vornehmer 
Mann . . . von scharf eindringendem und fein empfindendem Geiste, 
mit unbestechlichem Sinne für alles Echte in jeder Zeit und in 
jedem Volk . . . Dieser Sinn fürs Echte war es wohl auch, der 
ihn zu den Griechen geführt und immer wieder bei ihnen festge- 
halten hat.< Rohde als Lehrer in Tübingen schildert \V. Schmid, 
s. oben S. 141. 271. Das ist das Urtheil aller Hörer, dass Rohde 
seine Vorlesungen — vor Allem die über die sprödesten Stoffe, wie 
über Rhetorik und Metrik mit einem besondern didaktischen 
Takt zu gestalten verstand. Leider hat Rohde Publicatiouen aus 
seinen Collegienheften ausdrücklich untersagt. 

Zu S. 102. 105. 

Durch frühere Erfahrungen (S. 139) bestimmt, hat Rohde jetzt 
auch im Gespräch das •Buchgehehnnis' streng bewahrt. Nur die 
Nachricht, dass Rohde ein Buch unter der Feder habe, brachte H. 
Vöchting 1SSS nach Tübingen mit; von seinem Stoffe hatte Rohde 
nicht sprechen wollen. „Nicht lange vor dem Erseheinen des ersten 
Theils zeigte Rohde mir einmal einen Bogen aus der Ferne, sprach 
von der Schwierigkeit der Titelgebung und entschuldigte sich ge- 
radezu, dass es ihm uumüirlich sei, mir vorher Näheres niitzutheileii. 
Für den Haupttitel 'Psyche* entschied er sich erst nach der Vollen- 
dung, daher ja auch in der ersten Auflage der untere Bogentitel 
'Seelenkult' und nicht 'Psyche' i*t" (F. Schöll). 

Zu S. III«. IS1. 

Wie Rohde die Grundprobleme der Psyche immer wieder nach 
allen Seiten wandte und von allen Seiten beleuchtete, zeigen zahl- 
reiche Briefe. Zu den oben mitgetheilten Auszügen möge hier noch 



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Zu S. 161. 162. 165. 169. 1*1. 



283 



eine lehrreiche Partie aus einem Schreiben an Th. (JoMrERZ [Hei- 
delberg 27. Mai f>0] nachgetragen werden. 

». . . Sie fügen eine Beobachtung über den homerischen iHiio; 
hinzu, der ich Begründung nicht absprechen kann, ohne «loch völlig 
den Schlussfolgerungen beizutreten, die Sie daraus ziehen. Ks sieht 
ja wirklich bei Homer bisweilen so aus, als ob zwei Seelen ange- 
nommen würden. to>|iö; und '^yjr Aber es besteht doch ein wesent- 
licher Unterschied zwischen beiden, der sie nicht parallel zu stellen 
erlaubt. Dem ^Jfiic werden alle möglichen Aeusserungen des Em- 
pfindens und Wullens im wachen und lebendigen Menschen zuge- 
schrieben - niemals der Die einzelnen Lebenszeichen und 
sozusagen Zuckungen, deren der Mensch sich bewusst wird, scheinen 
auf ein bleibendes genieinsames Subject. eben den tHu'f, bereits zu- 
rückgeführt zu werden: das wiire also eine Hypothese auf dem lie- 
blet des von uns Psychologie genannten. Aber andrerseits wird 
doch wieder der sogtit wie tfpivsc, x?,p, xpa8{r,, f t zop etc., als 
lediglich gebunden an den lebendigen und sichtbaren Menschen ge- 
dacht, von einer Scheidung zwischen 'Leib' und 'Seele' = 
ist nie die Rede (von der Ausnahme gleich). Der >u|i&c etc. ist 
vermischt mit dem Leibe, gebunden, seiner Existenz nach, an den 
sichtbaren Menschen. Die 'irr/i] dagegen steckt in dein sichtbaren 
Menschen, unhetheiligt an dessen Thiitigkeit. unvermischt mit ihm, 
wie das Schwert in der Scheide, End das blieb im Popularglau- 
ben. und im theologischen Wahn der Mystiker, die herrschende Vor- 
stellung: daher war ja die Metempsychose eine so naheliegende, und 
entweder sponte bei Griechen entstanden, oder ohne Schwierigkeit 
Fremden entlehnte Vorstellung. Eine solche Ablösbarkeit hat 
der {Hjjvi; bei Homer nicht. Er wird als etwas mit besonderem Na- 
men zu Nennendes unterschieden von den '(tebeinen' etc.: Xi-i f 
iz-.ii mxa !» JHjiö; tyyy: äs6 jisÄia)/. zvt Xixt »ujids etc.: aber aln 
geschieden vom Leibe ist er nichts. Er entfliegt, scheint es, 
wie der Duft von der verwelkten Blume u. dgl. , um zu nichts zu 
werden. Sein Dasein ist gebunden an das Dasein des Leibes, rich- 
tiger an dessen Verbindung mit der '|'JX T e worin eben das '.Leben' 
besteht. EntHieht im Tode die i>'>yj> t . so entflieht gleichzeitig der 
0-j|iö{: tonov xa: x*xa5wv — H. \ H'M. Wenn in der < » Ii n- 
m acht die auf Reisen geht, ist auch der t»"J|ic; sogut wie 'fort', 
hört die Ohnmacht auf. so kommt (mit der fy'W)) auch der O^n^s 
wieder : St» ir] £ ouxvjto x«: 4; - T 'pi vx «Y«p»Hr]. — So entweicht 
im Tode zwar sogut 'i'->X , i w '<* ^^-C aber der 9*j|ic; doch eigentlich 
nur secundärer Weise, weil die 'i>'>yy) entweicht und ohne diese der 
leibliche Mensch des Lebens und aller Lebensfnnctioneu, die gröss- 
teutheils in dem '<.t'><y->( zusammengefasst sind, beraubt ist. Line 
Stelle giebt es (ich kenne wie mir denn derart Vieles entgangen 
sein mag — jenen Anl-atz in der Zeitschr. Mint! nicht), die auch 
von jeher den homerischen Psychologen aufgefallen ist, in der der 
>Jliö; ir.ö ]i*Ä£(i»7 "Ali',; s-oo geht H LH. Das halte ich aber, 
in seiner Vereinzelung, für einen misshräuchlichen Ausdruck. Wenn 
doch |. und > in der ol»eji bezeichneten Weise zugleich aus dem 
Toten entfliehu. wenn, mit Lebei-gebiiiig der 'l'ryj,, auch vom >J]ii* 



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284 Beilagen und Nachträge. 

allein gesagt wird. dass er ':>XSt' dr.b juXetav etc.. so konnte leicht 
genug t'in Dichter noch einen Schritt weiter gehn und auf den &un'>{ 
geradezu übertragen, watt allein von der •| ,J X r ii galt und auf den 
^'jji'-; nicht mehr mit angewendet werden durfte — wenn man eor- 
rect homerisch reden wollte; natürlich schwankt aher, da kein Concil 
die immer zu wiederholenden (rlaubensformeln festsetzte, der Sprach- 
gehrauch leicht um die eigentlich allein eorrcete Mitte nach heiden 
Seiten etwas herum. 

In summa: ich glauhe doch, dass in keinem wesentlich 

andern Verhältnis zu dem lebendigen Menschen steht, als z. H. msv«;. 
der ja auch X-irtai im Tode, und zwar mit der |- zusammen: "vj 
V ac-jik Ä'*i>T ( fy'r/j, tb jiivo^ n (von Thieren : ^*>no0 Se'jojiIvo'Jij ■ ä;cö y*? 
lisvo; 6i>.eio x****S f 294). Ks ist der Ausatz gemacht, den ^r^C 
zu einem besondern W e s e n zu machen, aber er bleibt doch zumeist 
nur eine Function des Menschen: was die -^r/^ nie ist. Da nun 
meine Betrachtungen sich nur auf die Entstehung des (ilauhcus 
an ein ablösbares und schon bei Leibesleben selbständiges, mit dem 
Leibe, in dem es steckt, ganz unvermischtes und darum aus ihm 
zuletzt unversehrt entfliegendes Seelen w es eu bezogen und zu he- 
ziehn hatten, so konnte ich den ^'>n''C etc. bei Seite lassen; denn 
das halte ich für sicher, dass ein Fortleben ohne den Leih von 
»'jpiQ etc. nicht angenommen wurde (auch H \'M nicht ernstlich), 
und nicht angenommen werden konnte, weil man die aus «lein 
Innern des Menschen kommenden, nicht zu übersehenden Impulse 
u. dgl. in ihnen zusammeiifasste , diese Impulse etc. aber nur im 
lebendigen und wachen Menschen als thatig und vorhanden kannte. 
Dagegen die ']>'W>) — dass sie construirt wurde nach den Erschei- 
nungen des Doppellebens in Tratini, Ekstase usw. sagt uns Ho- 
mer ja nicht deutlich, aber ich meine, dass nur bei Anwendung 
dieser Entstehungshypothese auch auf Homers (tlauben sich dessen 
Art, und ebenso die Art des populären Seelenglauheiis aller 
Zeiten des (iriechenthums erklären lässt. Mit dein philosophischen 
Seelenglauben ist es freilich grosstentheils anders. t 

Das schwierige Problem ist liier noch anschaulicher dargelegt, 
als später in der Psyche (11- S. I II f.. vgl. V S. 15 A) geschehn ist. 

Zu S. 175 f. 

l'eber die *A&T ( va:(i)v r.o>.-.:ei* und verwandte Probleme, über die 
sich K. nie im Zusammenhang geäussert hat, mögen einige Briefe 
an KrHL reden. 2<J VI II i)l schreibt Hohde, indem er den von 
Kühl im Hhein. Mik XLVl <lsi»l) S. 12t> tf. vertretenen Anschau- 
ungen entgegentritt: »In Sachen des Aristoteles ist schwer zu ent- 
scheiden. I ch habe den Mann nie so veuerirt. dass ich die vielen 
Flüchtigkeiten. Irrthümer und einfachen Bummeleien, die in der 
kleinen Schrift unleugbar stehen, ihm nicht ganz, getnüthlich zu- 
trauen würde. Wer heisst uns. ileu A. für einen grossen Historiker 
halten? . . . nur die Herrn Berliner . . . Neben Thucydides ist 
er ja ein Schacher, das ist offenbar. Aber welcher Stümper ist 
er z. B. in cler Lehre der Meteora. auch in vielen Partien seiner 
Lelire von den organischen Wesen, mben den Pythagoreern oder 



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Zu 8. 169. 175 f. 1W. löuf. 



285 



(vielleicht) liehen Demokrit ! Schade ist es ja. dass wirklich, wie 
Sie sagen, eine Nachricht darum, weil sie in der 'AJbjvxioiv zoä. steht, 
noch nicht gut, vielmehr eigentlich sehr schlecht beglaubigt ist. 
Aher damit kann ich ganz gut vereinigen, dass die Schritt von 
Aristoteles stammt. Dass sie dieselbe ist. die das ganze Alterthum 
unter seinem Namen las, das kann man doch nicht bestreiten. Ks 
steht auch immerhin ausserordentlich viel Wichtiges und Schönes 
drin. Zu Lobespsalmen ist kein Anlas». c Feher einige einschla- 
gende Einzel fragen (besouders die in der Politeia 55 gestreifte 'Ana- 
krisis' tler Thesmotheten) äussert sich Rohde später [18 NI 91]: 
». . . Ich halte es hei der Krkliirung jenes ix Tp^oviac 'A^valo; in 
der 0-63noi*siö>v dvixpiai; mit den 'Antiquaren' . . . Der Sinn der 
Krage kann kein andrer sein als: bist du jetzt, und ist «lein Vater, 
dein (irossvater 'A^Tjvaiog gewesen? Davon, «lass der (rrossvater als 
'A5h gehören sein müsste, steht nichts da. Kr konnte ja auch 5r r 
lio-oiT,To; sein, dann war, wenn nach Verleihung «les Bürgerrechts 
aus einer Khe mit einer Athenerin g«'boren. sein S«diu ohne weiteres 
'A{fr 4 va'.oc. Ks brauchte also nach dem Keehtsstand des Frgrossvateis 
gar nicht gefragt zu werden, jedenfalls liegt in «ler Formel nichts, 
was darauf hiuweist (dann wäre es ja 4x "»xpaY 0 *'' 1 ?)» und auch, wenn 
der (irossvater als athenischer Bürger gehören war. »o inuss ehen 
mit der ( Vuistatirung dieses Kactuins die dvdxpia'.g Halt gemacht 
hahen. und wird sich üher den Frgrossvater nicht weiter den Kopf 
zerbrochen haben, als insoweit der eben als Vater des (irossvaters 
genannt wird. Sollte der Kechtsstand «les Vaters des (trossvuters 
erst förmlich nachgewiesen werden, so konnte man ja auch damit 
nicht Halt machen, «las hiitte dann einen rcffressus in in/initum gegeben, 
ix Tpiyovia; sovijpö; heisst bei [Demosth.] gegen Theokrines (öS) $ 17 
Einer, dessen Vater und (Irossvater rcovr^oi waren, mit ihm selbst 
macht «las 8. Kbenso offenbar (denn das ist ja eine Anspielung 
auf «lie Formel 'A^T.va'.oj 4x -pcy«*-*;) in der össjiodsttBv dvixpir.;. Der 
Frgrossvater kommt, wenn überhaupt, so doch nur im (.Jenitiv, als 
Vater des ( i rossvaters in Betracht. Demnach scheint eine völlig cor- 
recte rmschreibung dieses ix 7pvp v -*i bei Aristoteles [Kap. 55] p. 18h 
1(17] K«m. vorzuliegen: gefragt wird, ob A, sein Vater und sein 
rossvater als athenische Bürger einem bestimmten Sr,|io; angehört 
haben, resp. augehören 

Zu S ISO. 190 f. 

Carl Nklmann ((rriechische Kulturgeschichte in der Auffas- 
sung Jakob Burckhairdt's, Historische Zeitschrift XLIX 417 A. 1) 
erzählt: ..Ich traf H«>hde eines Tag»»« bei der Lektüre von (totiieixs 
Loyola; auch die seinen Studien entfernten Religionskreise und -Vor- 
stellungen zogen sein luteress«« lebhaft an, und <>r sprach mir bei 
«liesein Anlas* von spanischer Mystik und von den Memoiren der 
h. Therese. In der Psyche hat er, wo die Rede auf die Formen 
der Kkstase (II*, 27 Anin. 1» kommt, des spanischen rt>coji)nu'i>tn 
gedacht." Mancherlei derart bietet der Briefwechsel mit Overbeck. 
Nicht nur, dass R. den Arbeiten «les Fivuiules z. B. seinen Fn- 
tersuchungeu über «b-n Hebräerhrief — »mit Aufmerksamkeit und 



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Beilagen und Nachträge. 



Vergnügen an ihrem fest logischen und sichern historischen Gange« 
folgt [<>. 2 I 81 j. Kr erkundigt sich schon 1885 [6 IVJ. >wo man 
sich am heateu unterrichtet über ältesten Märtyrer- und Heiligen- 
kult der christlichen Kirche, insonderheit über die Art der Vor- 
stellungen vom erhöhten Weiterleben dieser Märtyrer und Heiligen 
nach dem Tode im Gegensatz zum Vulffus der Menschen« — da- 
mals wurde zur "Psyche' der Grund gelegt. Acht .Jahr später (14 
TU 98] spricht er von einem Werke Schwaams über aUnsterblich- 
keits-(vel quasi- )Vorstellungen der .Juden . . . Merkwürdig unbe- 
fangen für einen Theologeu ; auch schien es recht solid fundirt«, 
und klagt zugleich, dass er »aus dem dicken Buche uusrers gemein- 
samen gottesfürchtig-schlauen Jenenser Freundes SriEssc gar nichts 
habe entnehmen können. Diese Hilfsstudien wirken aber in dem 
Buche meist nur indirekt; alles specilisch Christliche hat II., aus 
künstlerischen Rücksichten, von seiner Darstellung ferngehalten 
(s. oben S. 180). 

Ztt s. i«a, l. 

Von dem Verkehr Rohde's und Ribbeck's giebt ebeu A. Haus- 
rath 'Zur Erinnerung an (.). Ribbeck' (Deutsche Rundschau 1902, 5. 
S. 248) ein anziehendes Bild. Gegen die Sehlussbemerkungen des 
verehrten Verfassers möcht ich freilich meine Vorbehalte machen. 
Der color Latinus und vollends das griechische Scriptum spielen 
im Cniversitntsunterricht seit Menschengedenken eine äusserst be- 
scheidene Rolle: die etwaige l'eberspannung nach dieser Seite hin 
war kein „philologischer Sport 4 *, sondern ein pädagogischer; die wis- 
senschaftliche ruterweisung suchte und sucht ganz andre Ziele. Wenn 
Leute, wie Rohde. nicht mehr „die Theilnahme der ganzen Nation 
erwecken 4 ', wie einst Heyne, Wolf oder garCreuzer — so liegt das 
lediglich an der „Nation" und ihren veränderten Interessen und 
Aufgaben. 

Zu S. 194 ff. 

Aus einem Briefe Rohde's [10 VI 91] an Frau F. Forster- 
Niktzsi hk, den mir die Empfängerin nach Absehlnss meiner Arbeit 
zuzusenden die Güte hatte, lerne ich, dass Rohde schon im Beginn 
des Sommerseinesters 1**>91 den philologischen Nachlass Nietzsches 
sehr gründlich durchgesehn hat : die siiiumtliclien ihm übergebenen 
Hefte hat er damals, bis auf eins, zurückgeschickt. Mit der Auf- 
gabe, aus diesen Helten etwas für einen Ncudruek der philologischen 
Schriften Nietz-che s zu retten, konnte er sich freilich nicht befreunden. 
Dagegen erklärte er sieh bereit, die Publica! ion der bereits gedruckten 
Philologica« zu überwachen, was ja nur ein sachkundiger Philolog 
könne. »Ich versiehe aber diese Herausgabe dann nur so. dass das 
schon Gedruckte einfach wiederholt werde, ohne Anmerkungen und 
Zusätze, selbst wo evident Irriges und l'uhaltbares , oder seitdem 
l'eberholtes und Widerlegtes vorkommt. Eine Durcharbeitung im 
Sinne neuerer Forschung etc. wäre endlose Mühe und doch vergeb- 
liche Mühe. Also wenn Sie nur einfach das Gedruckte wiederholen 
wollen, so will ich gern die Correctureu lesen, und etwaige Schreib- 



Zu S. 194 ff. 201. 202, 1. 204. 208. 



287 



fehler etc. stillschweigend beseitigen.« Zu solcher Arbeit hätte «ich 
Rohde in jenen Jahren nie bereit erklärt , wenn sicli's nicht um 
einen Liebesdienst für den Freund gehandelt hätte. 

Zu S. 201. 

Ks konnte wohl hervorgehoben werden, dass Rohde besonder« 
die nach der Herausgahe der Psyche erschienenen Arbeiten Usenkrs 
und Üldexbergs genau durchgearbeitet hat; auf sie beziehen sich 
die zahlreichsten und bedeutsamsten Zusätze. 

Zu S. 202.1. 204. 20H. 

Bei der Schilderung und Beurtheilung Creuzers hat sich Rohde 
auch mit dessen Gegner, Lokkck , von Neuem genau beschäftigt. 
Die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Lobeck und Lkhrs 
durch Ludwich veranlasst ihn zu folgender Aeusserung [Rü. 6 Xll 95]: 
iDie Briefe von Lehrs und Lobeck habe ich . . . mit wahrem Ver- 
gnügen gelesen: die reiche Natur des Lehrs (reich im Vergleich 
mit all den andern, z. B. mit Lachmaun, mit Ritsehl, — nun gar 
mit Köchly r tutti quantV.) erfreut Einen immer wieder. Lud doch 
schmecke ich überall Wermuth und Schwennuth aus allen den Brie- 
fen heraus; die vielseitige Empfänglichkeit des Gemüthes und Geistes 
bringt vorwiegend doch Verwundung, Auilockerung des Empfindungs- 
lebens mit sich; der Stumpfe leidet weniger, freilich kennt er auch 
die Momente des vollen Lebens, des Lebens auf Adlerfittichen in 
den Lüften nicht, in der frohen Empfindung der eigensten Persön- 
lichkeit und ihrer Säfte. Wie dürftig sind unsre Neuesten gegen 
diesen kleinen unästhetischen Juden doch allesammt augelegt . . .« 
Mittheilenswerth schien mir dies radikale Urtheil vor Allem als ein für 
den Schreiber charakteristisches Selbstbekenntnis. ])er Brief schlicsst, 
nach einigen kühlen Bemerkungen über sehr bekannte und betrieb- 
same Faehgenossen : »Lehen möcht ich. in Gesundheit und leichtem 
Sinn, ja wenu's zu haben wäre, in Leichtsinn! Mein Haus und mein 
Kind sind mir mehr, als alle diese gelehrten Ameisenhaufen . . .« 

Zu S. 204. 

Das citirte lateinische Schlagwort ist allerdings aus einein Satze 
Seneca's (ep. 108, 2;V) herausgebildet. Aber dass Rohde diesen Satz 
— wie man gemeint hat unabhängig von Nietzsche in derselben 
Weise umgeprägt und angewandt habe, ist unglaublich — um so 
unglaublicher, als R. sich in jenen Jahren sehr eingehend mit den 
philologischen Jugendarbeiten seines Freundes beschaff igt hat. Auch 
an der von Nietzsche** Schwester geschriebenen Biographie nahm 
er thätigen Antheil, Nach der Vollendung des ersten Bandes schrieb 
er ihr dann u. A. |H VII l»ö] : »Es ist wirklich so, dass durch diese 
liebevolle Einführung in das ganz private Leben, die halb bewusste 
Entwicklungszeit Ihres Bruders, das Bild des guten, im Reinen 
lebenden und allmiihlich durch allerlei Fmwege zu seinen eignen 
Wegen geleiteten Menschen aus diesen < 'onfessioneu und Erinne- 
rungsbildern ausserordentlich klar und liebenswürdig sieh her- 



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288 



Beilagen und Nachträge. 



vorthut. Ich für meine Person wünsche nichts fort, auch von 
den unhedeutenden Erinnerungen: ausser vielleicht einigen leichten 
und leicht wiegenden Versen und ausser dem niederschlagend phi- 
liströsen und ungemiithlichen Bild aus seiuem 18. Jahre . . . Ich 
wünsche Ihnen nun für den 2. Band . . . rechten Muth und frische 
Inspiration. Eigentlich geht es nun ja erst auf den wahren, den 
selbständig werdenden und gewordenen N. zu.< 

Zu S. 208, Anm. 2. 

Dass Rohde zu Epikur in einem, man möchte sagen per- 
sönlichen Verhältnisse stand, bestätigen manche Briefstellen. So 
schreibt er einmal [O. 15 IV 80] : > Augenblicklich lese ich Goethe'« 
Briefwechsel mit Knebel, mit vielem Ge.nuss, nicht nur au Goethe'*, 
sondern mich an Knebel'* merkwürdig gelassener und im eigent- 
lichsten Sinne epikureischer Natur.: Auch bei diesen Geistern zog 
Rohde am stärksten an. was Kr nicht hatte. 

Zu S. 212, 2. 

Wenn Nietzsch"e dem Denken und Schäften des Freundes schliess- 
lich fremd gegenübersteht, so ist das nur zum kleinsten Theil seine 
Schuld. Auch zu ihm hat Rohde. nachdem ihm jener Plan einer 
Kulturgeschichte gekreuzt und verleidet war (oben S. 138t. von 
seinen weitausholenden religionsgeschichtlicben Studien brieflich so 
gut wie nichts verlauten lassen, während er von seiner philologischen 
Amts- und Tagesarbeit gelegentlich mit einer gewissen Selbstironie 
und Verdriesslichkeit spricht. Bei dem Wiedersehu in Leipzig sind 
die Freunde, bei der desperaten Stimmung Rohde's, überhaupt zu 
keinem unbefangnen Verkehr und Gedankenaustausch gekommen 
i s. oben S. 150 f. >. 



289 



Register 1 . 



A. 

Aeliua Promotus S. 43. 

Aeathetik und Historie 4J1 135 f. 

4ya9-cc, Etyni. 15^ L 

äyixr, C. !ML 

'Agon* der Komödie 276. 

Akademien und Universitäten 14»;. 

Alexandriniache Dichtung 12; ro- 
mantisch ( 22. 

Anaxagoraa C. HL 

Andreas F. C. 6JL ITL 2. 

Andreas- Salome, Lou 177. 

Andreren, G. 24» L 

Augermann, K. 1_L 

Ammismus 181, L 

Ansprachen Rohde's 145. \<M\. 

Antike Kultur, Werth und Bedeu- 
tung 5_s f. 145. 17:',. 

Antifithenes 277. 

Anschauung und Begriff C. HL 

Antritt «rede in Tübingen 1 

Apollodoros Chronika 275. 
Apulejua 12. 29. ff. 
Archäologie M* 40. 2ülL 
Ariosto 2L 

Aristophanes 03 f. 276. 
— von Bvzanz 3L 
Aristoteles 175, L 2£lil 28ji; als Hi- 
storiker 284 ; Politeia 28'). 
Armut h C. Zi 

Arnold 'Pfingstmontag' 226, L 
Arnold. K. LL 
Assing, Ludmilla, 35. 
Assisi 35. 265. 

B. 

Bährens, Emil M. 
Bandello 22lL L 



1 Die cursiv gedruckten Zahlen 
sich auf die Nummern der Cogitata 
L'ru tiuü, K. Kuluk-, 



Basel %L 3Ü. 7JL 

Baumgartner, A. 9JL 

Baunack, Joh. 158, L 

Bayreuth 52. GL lü £18, L2iL 15a. lfiS 

L7JL 182. 1. 
Beethoven C. ^fi. 
Bekker, 1mm. IQ'». 
Belgien l'?7 
Benfe), Th. 84. 
Benndorf, 0. ÖL 
Bentley C. 58. 
Bergk, Th. 13iL 
Berlin 4fL 12^ L 125. L7_L 
Bernays, J., über Fr. Nietzsche 58, iL 
Bernus, Frh. v. 20JL 
Bescheidenheit C. (LL 209, 3. 
Bewusstsein und Instinkt C. IL Üä, 
Beyle (Stendhal; 2ÜL 
Bildlicher Ausdruck 73, 1. C. 40. 
Bismarck 4G. 121. 166.2 173 iflfr 
B<">ckh, A. i;t8. 
Böcklin 180,2. 
Boisseree BK. 
Bologna 36. 
Bolte, J. 8A 
Bon-mot-Stil C. 58. 
Bonn ü. 

Brambach. W. 32*. 

Brandes, G. WLh LZfi f. 

Brandt. Alfred 3, 

BreaL M. 158. L 

Bruns, Ivo JÜLL 133. 

Buddhaismus C. L 

Burckhardt, Jakob LL C.13± über Py- 
thagoras54; historische Anschau- 
ung und Darstellung 7_L wird mit 
Rohde bekannt S. 7_L 1 ™ 268 ; im 
'gr. Roman 1 berücksichtigt^; grie- 
chische Kulturgeschichte l&J. 2» 

mit vorangeschicktem C. beziehen 
S. 211 ff. 

Iii 



2!M) 



Register. 



2*1 : Verhältnis zu Nietzsche 72, L 

157. 3. 
Bureach. K. 170. 1, 
Byron 2L 

C. 

Camaldoli 2Ü2. 
Carlyle CIL 140» L 
Cassel 12IL 
Catull tL 12. 22. 
Chamberlain, iL St. ti>7. 4 



Stil 



Chariton, Romandichter 19. 2. *Ü f. 
Choirilos-Artikel bei Saidas 2 
Christenthum ('. 4. 
Classen, J. 4. \ 'L 
Clasriicismus öl 13fiA. 213. 
Claasischer und romantischer 

C. 22- 
Clemm, W. LL 
Cobet C. 58* 
Concil in Rom 33. 2fifi. 
Conflikt, tragischer lfiä. C. 2LL 
Conversation C. 5LL 
Coulanges b. Fustel. 
Creuzer, Fr. 2U2. 2ÜL 
Cultur, s. Kultur. 
Curtius. E. 2 A. fö, L 
Ctirtius, ü. Iii 142. 14SL 132. 

D. 

Daphnesage 13L 
Deismus C. 31. 
Delbrück, B. Qfi. 
Demetrius von Phaleron C. 3* 
Demokrit 123 f. 2h^ 
Deussen, V. ITj 3. 
Deuteroskoj)ie 18, 2 
Dialexeis i:t;>. 

Dichter, ihre Bedeutung für die grie- 
chische Mythologie C. £LL 
Diels, IL 124. 

Dieterich. A. 174.2. Mi. iL 1*9. L 

Dilthey. C. 34. 232 

Dionysos und Apollon - r >ö : Dionysos- 
kult und rnsterblichkeitsglaube 
122 ff. 

Dittenberger, W. 2Ü1L 

Dixon, IL C uL 

Drama. Anlange C. IL 

Dummler, F. 174. 2. 

Dürer ÜL C. 2L 

Dyroff, A. DLL 

E. 

Egoisniiis und Altruismus 1*2. 
Eitelkeit ('. 7C 
Kksta>e 



Emendationen 2 A. : ('. .W. 
Entlehnungen, litteruri>che C. 
Epikur 208^ 2* 2lL 
Erinnerung C. 44. 
Erdmunnsdörfer, B. 514. 

Erotik bei den (»riec hen ML 
Etrurien 34. 
Etymologica 42j L 
Euripides V. lLL LL 

F. 

Fechner. Fr. Tb. LL 23-i, L 

Fiesole. Fra Angelico 112 4L -•*>•*- 
, Fischer. Kuno 1 t«ö. 

Flach, Hans 107 ff. Hfl. 3. 2IL 
: Flaubert, G. 140. 1. 

Florenz 33. ÖL 2Ü4. 2fiü. 

FnrBter-Niet/.sche, E. löö^ 22L2SÜ f. 
1 Förster. It. 3Ü. 

Folklore 4L 270. 

Forchhamnier, E\ W. 22: gegen Hob- 
de s Beförderung hl : vgl. 22» lüL L 
Franz von Assisi 2(iö. 
Franzosen, ihr Stil ('. IL L±L 2s 1 
Frauenstiidium 2oö. 1 . 
'Freisinn' lftfi * 178. 2. 
Frey tag, G. 23. 
Fritzseh, Buchhändler iL 
Fintel de Coulnnge* 21L3. 

G. 

! G« iger, L.. 203. 2. 

, Gelehrtenthum 2 L 2L 

Gcnie, Genius 6G_; 7_ö_L C. 2. 2ii £L 
HL Ü1L 1A. 
| tierechtigkeitslösung f. Ü 
. Gersdorff. A. v. öl. 
1 (Jessler, Minister 144, 

Giotto 2fi.">. 

(ileditsch. IL 132 A. 
; < Jleichnis>e, poetische Tj^ L C. ALL 

Glück, Gesundheit f. >üL 

Goethe iL 33. 4!L 113 132f. Lü3 f. 113; 
! i ixdvr) 2H7. ('. ML 3lL 

Göring, Carl 17. 2. 
, Gomperz, TD. LÜ2. 2>ÜL 

Gothein, El. 2SÖ. 

Grenfell über Chariton i^K 'Ii Kiotir 
fni'inunl 2u0. 

Grillpar/er H>4. 

Grote. George 2 

Güuderodc. Karoline v. 21 )'.\ f. 

v. Gntx luuid. A„ Lehrer H.'s in Kiel 
i 2li; über ,lo>ephu> 32 4 ; für ltoh- 
de's Beförderung 31 : College in 
.Ien;i*7: in Tübingen 1ÜL Biü : Ent- 
fremdung I :>7. 2 ; Verhiiltnis 



Register. 



2R1 



zu Flach -'74 ; politisch»' Richtung 
121. 2 : chronologische Annahmen 
129 ; über Philosophie HL 137. 2: 
vgl. 16G. L r. ^ 

IL 

Hamburg 7^ 
Handel IL 

Hansen, Verwandter R.'s C. £_L 265. 
Hartmann. E. v. 86, L 
Hartwig. P. 2üü 
Haupt, M. Ü iL 
Haveln iL 

Hcuh-ll.org iÜL LilL IM. 

Heibig, Wolfg. IÜL 2L1 178. L 2m 

2££Ü'. 
Heldenthum C liL 
Hellenismus 12. L3>L 
Heraklit 1ÜL 
Herbst. L. L 

Herme-* Trismegistos 134. 

Herondas lü L 200. L 

Hevse, Faul 60, 2. 

HeVse. Th. 2iLi 

HiluYl.raml. Br. Üfi. 

Hildebrnud. R„, über Nietzsche 70. 3 : 

über S. Lipincr ^7. iL 
Hildeck. L. 17.2. 

Historie, historische Auffassung 23_. 

IL a IL Iii iL LÜ f. C. iL 
Höfische Poesie des Mittelalters *0, L 
Höhlerliu ÖIL 16S. 
Hölk, Com. LÜ2. 
Hörschclmanu, \V. in Dorpat 7*. 
Hol bei n T. *L 
Holland. Reise L2L 
Holzer, K.. '274. 
Homer 24. ÜL L2Ü f. (7. Li 
Hopfen, Hans 2L 
Horaz 173, L 

Humor C. Sjj. vgl. iL 2_LiL 2ÜL 



Idealismus Realismus C. Ü 

Idealität der Zeit (\ iL 

'Idee' als Aufgabe der bildenden 

Kunst IL tili ('. 21L LI 
Ideenlehre Piatons 2*£L C. 01L 
Individualismus Iis, 1 ; bei d. lirie- 

cheu 136 A. 
hulividuiiiu und Tvpus 1 46. C. £ 
Individuum und liattmig 5* ; C. iL 
Instinkt und Bewusst-em C. LL 
Intellectuulismiis 1 ■">■*». iL ('. ll iL 
Intriguenspiel im Drama ( '. X£ 
Ironie. tragi>chr ('. S» 
Isii;onus HL 



Italien 3JL L21L L6iL 2hiL 
Isokrates bei Piaton '2S1 . 



.1 



.lahn. O. 2. 26JL L 

Jumblichus, (Quellen «1er Pythagoras- 
biographie üL; Plan einer Aus- 
gabe 135. 

Jean Paul 12. HM C. 4& 

Jena Öfi, 9JL 

Johaiinesevangelium GJL 

Josephushds. 32. L 

Jung-Stilling 2\ L 



Ktinones der Schriftsteller im Alter- 

thum L3ü A. 
Kant LL 257 C. 3iL 
Karl August an Lavater JJL 249, 2. 
Karlsruhe 125. 1H1 
Keller, tiottfried 12 f. 
Keller, O. L32A. 179. iL 
Kern. Ü. L3_ 
Kinkel, (i. IL 
Kirchhoff, A. L3iL L 
Klassizismus s. 01, 
Klebs. K. hiL L 
Klebs, (J. 153. 2. 
Kleinpaul R. 11, 3. 
Kleist. IL v. 24j C. 4!)j Fenthesilea 

C L 
Knebel 2ÄL 
Klinger. M. 186, 2. 
Köehly, IL 17U.L 2£L 
Köhler, Reinhold ÜL 
Köstlin, K. lillL LÜL 
Kohl. O. LL 

Komödie, megarische 93 1 ; attische 
LH ; dorischen Ursprungs 276. 

Krohn, A. LLL 2IiL 

Krumbholz, P. LüL 

Kultur, antike und moderne 145. 
213 f. C L2. 

Kulturgeschichte , griechische 135. 
L9JL2. 

KunstgenuHs C. &L 

Kunstkritik C. LL 

Kussmaul, A. 196. 

L. 

Lachmann, C. 13.3. LL 2sL 
Lagarde. P. de 0*, L21A. 146. L 
Landsihaftsschönheit C. Üi. 
Lange, Fr. A. LL 2iL 
La Rochefoucauld 2a. 
Lehrgedicht f. LL 
Lehrs, K. 2*1, 

19* 



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9M:> 



Register. 



Leipzig U ff. 141 ff. 
Lenz 24. 29.L 
Leopanli 24. Üü A. 
Lesung 25. 72, 2 C ,2. 
Leukippos L3if. 

Lentsch. E. v., gegen Nietzsche'» 
Geburt der Tri» gödie .jß.1: zu R.'s 
Vortrag über die Novelle 84. 

Lichtenberg G. 22L 

Liebestragödien C. £. 

Lipiner. 8. 82. 00. 

Lipsius, R. QfL 

Liszt, Franz 159. f. 

Litteraturgesehichtliche Forschung. 
Methode LQ2. 215. 

Lobeck. Chr. A. £5. 2H2, L 28L 

Lotze. IL 191L 

Lübbert, E. 14. 

Lucian. Lukios 24. 22_: Scholien 42j 

C. IL 
Ludwig. O. fiO, 2. 
Luther C. 25. 
Luini 4L 

Lyrik, griechische 10*, 2, L2DA. 
M. 

Madvig C. 58. 
Miirchent'or schung 8L 
Mailand 3L 

Malerei, italiänische 41L 25ü ff. 

Mantegna 2B7. 

Marwitz, Alexander v ÜfL 

Marx. A. 1Ü2. 282. 

Masse und Persönlichkeit ('. 2A^ 

Matz, Fr. iL 3fi f. fül 2M 

Max, Gabriel Hi ('. 5JL 

Maysor, E. LLL 

Medicin, antike L 43. t". 

Meltzer, H. 134.3 
Mendelssohn, Felix C. 4v 
Methode der litterargeselnchtlh hen 

Forschung 102 'J7.V 
Metrik 131. 20u A. 27f>. 
Mover, Erl. 82. 107. L 195. 
Meyer, El. IL ÜL2. 
Mever, Victor 19."». 
Michaelis. Ad. 173. 2. 
Mill. L St. ÖL 
Mitleid 25. 
Mommsen, A. ü L 
Moral und Idee im Kunstwerk <\ 2i 

Moral und Religion 197. 
'Moralisten' (\ 22. 
Müller. iL 1). 1Ü L 18L L 
Müller, Lucian 2iL L 
Müller, Max 17*. 1. 



Müller, Otfried L38. 

München 33. I2.V 142. 103. 

Musik 2: ai U> : 182. L 26o_i r. ߣi 
Musik und Natur C. 04_: und My- 
thus V. 6]_± und Moral C. OL 

Mysterien, griechische IM Iii. 
Iä£A 8&f. 

Mystik, griechische 55 ; ('. 22. 

Mystiker f. 52, 22. 

Mythologie der Griechen (\ 

Mythus als Stoff der Tragödie 57_: 
M. und Musik ('. 52j Charakter 
des griechischen Mythus C. >S2. 63. 

X. 

Naber. A. 8. 80,2. 
Naeke, A. F. 275. 

Naturgefühl, sentimentales C. Ü (ÜJ 
vgl 5. 9JL 125. 

Naturnachahtnung in der Kunst C.&L 

Naturwissenschaft C. £L 

Nauck, A. I3i 

Neapel iL 2Ü2, 

Nenmaiiu. Carl 2sö. 

Nietzsche, Fr,, in Leipzig LL LLi 
musikalische Anregungen ü»j phi- 
losophische Ii» f.; 2ö7 ; philologi- 
sche HL; Briefwechsel 25 ff: 2fi2. 
2ü5 f . : künstlerische Begabung 2L 
137 : Berufung nach Basel 2S_; Wie- 
dersehn mit Rohde in Basel 3.8. 
20* ; im Kriege ls70 und bei K. 
Wagner 47j Bläue eines Zusam- 
menlebens mit R. 4ü f . ; Erkran- 
kung 49 ; Wiedersehn in Leipzig 
ö" ; Vermittler bei Kit si hl. Engel- 
inaiiii, Wagner, Zarncke L2.2iL52. 
r>:{ ; '( lehnrt der Tragödie' 5ß ff. 
C dl: Wiedersehn in Bayreuth fi4l 
Un/.eitgemässe Betrachtungen IlL 
7"). 97 : über den 'griechischen Ro- 
man" £5: über liclehrtenarbeit 94. L 
0> : 'Menschliches, All/.umenst h- 
liclies' 97_; 'Der Wanderer und sein 
Schatten' III. 114: 'Jenseits von 
liut und Bö-e - vgl. r.2i.2i^ 'Die 
fröhliche Wissen.-ehaft' 1 1 1*7. L 
■Zarntlmstni' 5iL LLL L Utk 'Zara- 
thustra IV 177 : Verhältnis zu R. 
Wagner 1 1 ^ : in Leipzig ilss(i) 
lü 15ü. 2*_1: in Kohde's C«dl»*g 
!•'>:' : ConHi. t mit K. 155 ff.: 'Zur 
Genen logi- der Moral' 151 ff- : 10*. 
177 ; 'Fall Wagner', •( \ '<\\ zendämmc- 
rung' iL Ae. 1 0*. 3i 177. 4_i Erkran- 
kung il>s«() lüIH. ; Fiohde über 
die 'N ii-tzschi'-Liti • v.it ur" L7ü tf. : 



uigmzea 



Register. 



L. Stein 170 : G. Brande* lTfi: Lou 
Andreas-Salome 177:N. über Diony- 
sosknlt und L'nsterhlichkeitsglnu- 
ben 18 t ff. ; Verhältnis zu P. Ree 
ölt'. 91 ff. ILi 177.2: Verhältnis 
zu Schopenhauer iL 185. 3- Lü A. : 
Briefe und Nachlass 194 : in Roh- 
de's letzten Arbeiten nachwirkend 
192_; vgl. 209, 1. 23£f. 
Nfildeke. Th.iiL 6i ML 
Novellenforschung 4L HS f. 
Nürnberg 1>L ÜL 

O. 

Ohlenberg. IL 2ÖL L 
Orgiasmus HL lᚠ2U2A. 
Overbeck, Kr. 'über die Christlich- 
keit unsrer Theologie' Ü9_; 'Studien 
z. Gesch. der alten Kirche' IL; Be- 
kanntschaft und Briefwechsel mit 
Roh.le 7JL UiL LiL L2L 20U L 2aä f. 

P. 

Pädagogik L 174. 
Palermo 2fi& 

Pantheismus lau. f. £ .iL 
Papst, IL 3£L 
Paradies ('. J^L 
Paradoxographen LL 
Paria 2*. ALL 



f. G1L 
'fit. 



Politische Ansichten R.'s 46 f. 
Ifi6. 172. •■>. 19f>. 199. 
I Pollux, Lexikon 2L äl f. 
' Porträtmalern ßi C 22. 

Prag, Ruf 1LL 

Prorectoratsrede R.'s 197. 

Protestanten Vereinsreligion 2j 

^•JX>'1 und d"jui^ 2^8 f. 

Pythagoraslegende 5L 



f. 



Quellenforschung * 
i Quintilian 1ÜL 



2L 



R. 

Raabe, W. C*. 
Raphael 2üL C. idL 
Realistik GL 200 : 
Realismus V. Li» 
Ree, P. ül f. ÜL UiL Iii HL L 
Religion liiL TA LiL IÜLL 



Parthey, Gustav 21i£L 
Paul s. Jean Paul. 
Penthesilea C. L 
Persius LL2. L 
Persönlichkeit 1*>5. '■- 
Perugia IJL 2(>4. 
Perugiun. Pietro (.'. Ü 7_ö__ 
Pesehel. 0. ZU. 
Pessimismus der Griechen ( 
Petersen. Chr. fL 
PHeiderer, K. LU1 1ÜL 
Phantasie der Thiere ('. M. 
Philologenversanunlung in Rostock 

*4: in Trier L2J_i in Wien LiL 
Philologie 1*. Iii HL C. ütL 
Philosophie UL äfif. LUf. ÖL lßfif. 

lSiUf. 2UL 211 f. <\ 4, äf. 
Pindar L2UA. 1 '»4. 
Pischel, R. LLL 
Plastik 2iiU. 
Platen C. IL 

Piaton L7_; Begründer des Romans 
nach Nietzsche 1!< : platonische 
Frage 1 ?,?> 211 ff: Spiritualismus 
ist» ('. ß^A Phaedon 2*0 : Theae- 
tet 211: St mit. 2ia f.; liesetze 2IU: 
Ideenlehre 2*11: Allgemeinem -' T l*. 



. Reli- 

gion und Philosophie 12U: Reli- 
gion und Moral 19JZ ; C 4iL iL äfL 
ZL 7'J. 

Religionsgeschichte 1Ü2. 148. L 

Renaissance 1LL 127. 2C>7. 

Rhetorik, griech.-römisehe 32^. 

Kibheck. 0., in Kiel 22- 21>I: für Roh- 
ile's Ernennung zum P. K. Ül ; über 
Nietzsche'« "Geburt der Tragödie' 
.*>". 2 : vgl. 100- L: über den 'grie- 
chischen Roman' 79. 1. Sin Brief- 
wechsel 110- 1 23 : bei Rohde's Be- 
rufung nach Leipzig 112 ff 1 4M ff. ; 
Geburt stagscarmen Rohde's 211: 
über Rohde 12. 1. 22. 3. 209 2-'>7. 

Richard. IL. L 2L L iüL 

Richter, Eugen. IQfi. 2. 

Ritschi. Fr., in Bonn £S f.; in Leipzig 
U f. 22 f.: Schrittst ellertechnik ül; 
Besuch Rohde's bei R. iW; über 
die 'Geburt der Tragödie' 50^ L IL 

Ritter. Const. LQL L1L LiL 2LL 2jJL 

Rom iL HL 2M 2üL 

Römiselie Dichtung 1 7°. 

Roman. Plato sein Begründer nach 
Nietzsche 19_; didaktisch C. IL 
Rohde's Arbeiten über den griechi- 
schen Roman öö. Uff- 19t> f. 

Romantiker 2L 2ÜL C. 2± 

liommidt. IL IL IL '-'■*> 7 

Koscher. W. iL ÜL 2UM 

Roscher. W. 2U, 

Roth. R. lüil 

Rothenburg a d. T. 

Rousseau ('. illL 

Ruhen- C. 22. 



tau 



Register. 



Rüekert C. LiL 

Kühl, Kian/, in Kiel Ü2; in Rom 8J2; 
in Dorpat ZK; Correspondent Roh- 
de's in Königsberg 110. 193. -275 : 
über Ruhde 35. 1. 125, 2. -.11t. 

Ruisdael C. QO. 

S. 

Sacchetti '265. 
•Sage und Dichtung C. 32. 
v. Sarwey 14-K. 
Saturnins 132 A. 

Schiller 6*. ästhetische Schriften 

lTj 56, Li ütL Jungfrau G Z. 
Sehirren, K. Chr. S2, 
Schlegel, F. 2GL 
Schleiden. M. J. und R. 2. 
Schleiernmcher G 4. 
Schmid, W. 30. LLL L74, 2. 209, L 213, 
Schmidt, Adolf 9Jl 
Schmidt, Bernh. '270- 
Schmidt. Moriz Öl 9JL 1Q2. 2. 
Scholl, Fr. IM. 1ÜL 
Schöll. R. M. 
Schöne, A. 122. 

Schopenhauer 17j Philosoph der Ro- 
mantik LSj iL 25j ästhetischer Idea- 
lismus 4Ü. 66_i vgl. S. 185,3. 187. 
217, L22G. 235. L 237. L 245. L 255. 1 . 

Schröder, R. 195. 2. 

Schuld, tragische hiL 185. G (i2. 

Schule und Universität 213, 221 ff.: 
l'ni versalschule 257. 

Schumann, R. 9. 

Schwabe, L. lül f . 

Schwally, Fr. 2SJL 

Seminar, philol. in Tübingen 10:i. 

Seneca G 8<L 2ÜL. 

Shaker tkL G 3L 

Shakespeare C. IL 42. 

Sievers, K. 9fL IM 

Sigwart. Chr. IM 1ÜZ 153, 2. 

Sittliche Empfindungen , ihre Ge- 
schichte G Zö. 

Sklaverei lü. 

Soein, A. Ulli. 

Sokrates 57, 2, G IL 2Ü. ÜlL 
Sorrent Ü4. 2K2 

Springer, A. Iii 1ÜL lhiL loh ± 

Stägemanu, M. K. 

St atius ÜiL 2- 122, L 

Stein, Ludwig 17(>. 

Stendhal (Beyle) 2üL 

Sterinibrotus 95, 2. 

Stifter. Adalbert, 'Nachsommer' 1 1 2. 

Stil und 'bh-alität' bei den Griechen 



Stirner 17,2. 25JL 
Stockhausen, J. iL 
Stoiker 172, L 

Stolz und Eitelkeit 209,3, G ÜL (iL 

Stov. K. V. 4. 

Streit berg, W. 178, L 

Saidas 9JL 129 ; seine Quellen 275. 

Sybel, IL v. HL 

T. 

Taiue, Hippolyte IM ff. 2SL 

Talmis, Inschrift 199. 4. 

Teuffei, W. S. lliL 103, L 

Theoklvmenos in der Odyssee 1 *, 2. 

Theologie 2L Gfi f. 2*5. f. G L 

Thierverehrung C. 12. 

Thorwaldsen 2L 

Thukydides ä. 2S4. 

Tieck G 2h. 

ih>|id€ und tpox^ 2Mäf. 

Timagenes, Quelle des Trogns 107. 2. 

Tragische Ironie G Ü; Schuld lfü 

C Üli tragischer Conttikt G 2!L\ 

tragische Helden hl f. 
Tragödie, Stil und Wesen h& f . HL 

lfii C2.L12.Pii Anfänge G 17± 

«lorischen Ursprungs 270. 
Träume der Thiere G 4i 
Traum und Dichtung üiL 2. 2ÜÜ A. 

G 44. 
Trivialität G 8IL 
Trogus 107. 2. 
Tübingen 1U2 ff . 
Tylor, iL fifL 

U. 

Uel »erlieferte Stoffe in der Poesie 
G &L 

Uebersetzungskunst G 42. 
Ullrich, F. W. üf. 22. 
Universitäten und Akademieen 119. 4» 
140. L 

Unsterblichkeitsglaube bei den Grie- 
chen 14iL 1H2. G IlL 
Usener, IL iL 20L L 212. 
Usinger 7-1. 

Utopien, griechische ÜÜ. 



Van Dyk G 22. 
Varnhagen v. Ense ti5_, 
Velsen. F. v. 3_L 207. 
Venedig 3iL L9JL 21Ü. 
Verona iLL 25JL 
Virgil LI2. 

Vöchtinjr, iL liML 2ü 
Völkerkunde 2iL 



Register. 



L>tt;"> 



Voigt. F. A. 

Yolkelt, .loh. 61 A. ; College in Jena 
8L 9JL Correspondenz LUL 12L 
187 : in Leipzig lül ; über Nietzsche • 
159. L lfLL 1 ; Zusammentreffen mit 1 
Koh<le 1Ü5 f. ; 'Pantheismus und 
Individualismus' lML vgl. 209, 1. 

W. 

Wachsßguren. ästhetische Wirkung 
C. 

Wachsmuth. C. 107. IL 27.1L 
Wagner, Cosima 6L L 121 f 
Wagner, R. \ ~£ Jugendwerkel 6;Tann- 
häuser C. 2\±± W. als Schriftsteller 
2JL iSh 'deutsche Kultur 4Sj Be- 
such Rohde's bei W. 2(>8 ; persön- 
liche Beziehungen zu R. 3Ü 52j 
in Hamburg 64. ; in Bayreuth äli. 

IfL £fi usw.: Meisterfinger 
C. ijjii Nibelungen TSj Tristan 12i 
l'2f> 1 : Parsifal 118i Briefwechsel 
mit Liszt IM f.; Allgemeines 9iL 

i:>9. ir.h. lgg. i. r. 3/. 

Walz, K. LLL 
Weber, K. UiL 
Weihrauchdult C. ±L 
Weimar 1">3. 
Wt-inhold, K. 2A 
Welcker, F. (i. Ü f . I:is 



Weltphilosophie und Menschenphi- 
losophie C'. 4, UL 
Wendt. G. ML 
Wien liÜ 

v. Wilamowitz-Möllendorff, U. Mi f. 

81 L 93.2. li^ü. 
Wileken, U. 8U L 
Wille und Bewusstsein C. ÜIL 
Wilmann», A. 38. Ü2. 
Windisch. E. IL 
Winkelmann C. 3£L 
Wissenschaft und Kunst 14*> rt. 
Wisser. E. LL 
Wolf, Hugo 141. 2. 
Wundt. W. 137.2. 
Würzburg Uli 



X. 



Xenophon C. 81L 

Z. 

v. Zahn 2Ü. 

Zangemeister. K. 154 208. L 
Zarricke, Fr. 5_& >'>6. 1. U über 

Nietzsche 7JL 
Zeller, Ed. 133. 2£iL 
Zeno, Zeitalter 93, L 
Zielinski, Th. 13L 27JL 
Zürich £L 

'Zweck' des Menschenlebens 204. C. 
L Uf 



H e r i t* Ii t i g u n p e n. 

S. 4^ Z. 23i «Ar. versucht /"»>■ verbuchte. 
S. 247. C, G1L Z. Q sehr, einem für einen. 
S. 2M. C. üä. Z. Ö_ sehr, nur /Yir nun. 



296 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Vorwort , , , , , , . , , . , . , , , , , , , . . LH 

I. Das Vaterhaus. Die Schuljahre in Jena und Hamburg(1845— 1865) 1 

II. Die Studienjahre. Bonn. Leipzig. Kiel (1865—1869) .... 8 



III. Kretling8>*chritt>-n, Die Reiseinltalienmid ihr Ertragt 1869. 1870) ■_",> 

IV. Habilitation in Kiel. Studien über Pythagoras und den grie - 
chischen Roman. Die Streitschrift fQr Nietzsche (1870-1873) 45 

V. Das Buch über den griechinchen Roman und Verwandtes 



(1873—1876) 74 

VI. Berufung nach Jena. Verheirathung (1876—1878) .... 86 
VII. Tübingen. Lehrtätigkeit und Leben (1878-1885» . .101 

VIII. Der wi-^'-mchattlulu- Ertrag tl--r Tübinger .lahre . . . l'-'8 

IX. Al>schied von Tübingen. Leipzig. Homeratudien (1886) . . 141 

X. Heidelberg. Die Vollendung der Psyche (1886 — 1893) ... 153 

XI. Das Prorectorat. Die Studien über (Vetr/er und die Hünde- 

r...l.' { 1>93 -1-.»»; 192 

XII. Das End-. Ami Charakteristik < 1 s97. ls9- i 206 

Anhang : 

Cogitata. Aphorismen und Tage luichblätter Erwin Rohde's 215 

Beilagen und Nachträge 257 

Register 289 

Bericht ignngei; ■ ■ ■ 295 



PA 85 R65 C7 c.1 
Erwin Rohda : 

Stanford Unlversitv Libraries 



II 





3 6105 038 589 524 



PA 

KS 

Mb.U 

äs; 






DATE DUE 


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J 








• 

























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STANFORD, CALIFORNIA 
94505 



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